Predigt, die Frauenkirche, Dresden (17 Juni 2012)

Lukas 14:16-24

Als aber einer das hörte, der mit zu Tisch saß, sprach er zu Jesus: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes! Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit! Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen. Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.

Es ist für mich wirklich ein Privileg, dass ich eingeladen wurde, hier in der Frauenkirche in Dresden diese Predigt zu halten. Letztes Jahr stand ich hier am ersten Morgen des Deutschen Evangelischen Kirchentags um eine Bibelarbeit zu halten. Damals habe ich erwähnt, dass ich jetzt Bischof von Bradford bin, aber ursprünglich aus der großen Stadt Liverpool stamme – Heimat der großartigsten Fußballmannschaft Europas. Aber diese Bermerkung ist für mich ziemlich problematisch. Ich möchte erklären, warum es so ist – trotz meinem Optimismus.

Kurz gesagt: Ich hasse Chelsea. Vor einigen Wochen spielte Chelsea gegen Bayern München im Finale der Champions-League. Trotz aller Hoffnung, trotz aller Erwartung und allem Glauben hat Bayern München verloren. In England spricht man von ‚der deutschen Beschaffenheit‘ und der ‚deutschen Disziplin‘. Deswegen stelle ich Ihnen heute Morgen die Frage: Wieso hat Bayern München gegen Chelsea verloren? In einer ordentlichen Welt dürfte das eigentlich nicht passieren! Ich muss mich doch auf bestimmte Dinge verlassen können und als Liverpool-Fan muss ich mich in den Fall auf die Deutschen verlassen können…

Also gut. Ich erinnere mich deswegen an diese Schande, weil letzte Woche die Fußball-Europameisterschaft begonnen hat. Die deutsche Mannschaft spielt schon gut und mit Disziplin. Die englische Mannschaft – besonders die Abwehr – spielt mit Gnade, das heißt, mit einer gewissen Großzügigkeit (so dürfen wir diesen besonderen Spielstil beschreiben). Wenn die Gegner den Ball haben wollen, dann sagen die Engländer: ‚Freilich! Warum nicht?‘

Und deshalb kann ich ganz ehrlich und mit theologischem Tiefsinn behaupten: England spiegelt die Natur Gottes, aber die deutsche Mannschaft eben nicht. Wenn wir die Bibel richtig lesen, finden wir, dass Gott großzügig ist. (Aber Deutschland wird wahrscheinlich die UEFA Fußball-Europameisterschaft gewinnen…) Gott und Fußball… Leider muss ich zugeben: Die Großzügigkeit Gottes ist wunderbar; die Freigebigkeit Englands ist furchtbar.

Später werden wir zu dieser Großzügigkeit Gottes zurückkommen. Zuerst aber möchte ich darüber nachdenken, wie in der Bibel Gott, Jesus und die Gemeinde Jesu verstanden werden sollten. Innerhalb von knapp zehn Minuten.

Wenn wir die Evangelien lesen, sollten wir uns immer eine unausgesprochene Frage stellen: Wie würde es aussehen, wenn Gott wirklich in der Person von Jesus gegenwärtig wäre? Was würde passieren? Was würden wir sehen? Die Geschichte zeigt eigentlich auf, wie es einige Menschen tatsächlich wagten, darauf zu vertrauen, dass Jesus von Nazareth irgendwie das Gesicht und die Stimme und den Charakter Gottes zeigte. Aber man kann wohl auch sagen, dass die Jüngerinnen und Jünger damals selbst noch nicht genau verstanden haben, was das bedeutet.

In meiner Bibelarbeit beim Kirchentag habe ich diese Logik auf folgender Weise erklärt. Im vierten Evangelium entwickelt Johannes einen langen theologischen Prolog, und beendet diesen mit folgender Aussage: “Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.” (Johannes 1:14). An diesem Punkt soll der Leser innehalten und sich die offensichtliche Frage stellen:  Was hast du gesehen? Wie hat es ausgesehen? Und der Rest des Johannesevangeliums beantwortet diese Fragen: Was sie sahen, wie das fleischgewordene Wort aussah und tönte, was er tat und sagte… und wie die Menschen auf das, was sie sahen und hörten, reagierten.

Und als sie Jesus sahen, fragten sie sich, ob Gott wirklich wie dieser Jesus aussieht. Und wenn Jesus tatsächlich Gott ähnelt, was sollten wir von der Natur Gottes lernen? Denn die Logik ist einfach und klar: wenn in Jesus von Nazareth Gott zu sehen ist, dann sollte in der Gemeinde Jesu Christi – das heißt, in der Kirche – Jesus selbst zu sehen (oder zu beobachten) sein.

Die Logik des Evangeliums ist einfach so: Wir entdecken, wer Jesus ist – das Gesicht Gottes, und so weiter; wir werden eingeladen, mehr wie er zu werden. Nicht in einem frömmlerischen oder nur spirituellen Sinn, sondern in dem Sinn, dass die, die seinen Namen tragen – die Christen – anfangen, zu sehen und zu fühlen und zu hören wie der Jesus, über den wir in den Evangelien lesen. Mit anderen Worten, wir werden langsam zu Menschen, die nur antworten können auf die Großzügigkeit Gottes, indem wir ein Segen für die Welt werden und sind. Das heißt, wir spiegeln den Jesus der Evangelien in dieser Welt. Wenn Leute uns berühren oder sehen oder hören, sollten sie etwas fühlen, etwas aufblitzen sehen (von der Wirklichkeit Gottes), die Stimme von Jesus hören.

Lassen Sie es mich mit anderen Worten sagen: Die Frage, die wir an die Bibel herantragen ist: Wie sieht Gott aus? Und die Antwort ist: Gott sieht aus wie Jesus! Also, wie sieht Jesus aus? Und die Antwort ist: lest die Evangelien und schaut uns (die Kirche) an. Tatsache ist, die Kirche sollte so aussehen, wie der Jesus von dem wir in den Evangelien lesen. Daher sollten Menschen, die die Kirche hören, sehen oder mit ihr in Berührung kommen, etwas von dem Jesus hören, sehen oder spüren, von dem wir in den Evangelien lesen. Und wenn die Kirche nicht aussieht, nicht klingt und sich nicht anfühlt wie der Jesus, von dem wir in den Evangelien lesen, dann haben wir unseren Weg verloren – und wir sind unecht … wir leben eine Lüge.

Nun können wir uns unserem Text zuwenden und besser verstehen, warum Jesus solche fremdartigen Geschichten erzählt und solche außergewöhnlichen Ideen hat. Der Hausherr wurde zornig und sprach zu seinem Knecht: Die eingeladene Gäste wollen nicht kommen? Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.

Dabei lernen wir wahrscheinlich, dass Gott immer zornig ist. Oder? Nein, wir sollten uns nicht auf die Motive der Partyabsager konzentrieren, sondern auf den Charakter des Gastgebers, der einfach so großzügig ist, dass diese Party stattfinden wird – auch ohne diejenigen, die keine Zeit dafür haben! Wir müssen uns auf die unterschwelligen Motive des Gastgebers konzentrieren, wenn wir diese Geschichte verstehen wollen. Die Party ist schon geplant worden; die einzige Frage heißt: Wer kommt?

Das Königreich Gottes ist schon unter Euch. Wer macht mit? Wenn die sogenannte ‘Gläubigen’ nicht mitmachen wollen, dann werden andere Menschen eingeladen werden – auch wenn sie glaubten, dass sie nicht dazu passen.

Aber, aus welchem Grund darf ich behaupten, dass wir diese Geschichte auf diese Art und Weise lesen sollten? Ich biete Ihnen eine einfache Antwort an: Wir wenden uns einfach anderen Geschichten in den Evangelien zu. Zum Beispiel, im achten Kapitel des Lukasevangeliums: “Jesus redete in einem Gleichnis: Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s. Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!”

Der Sämann denkt nicht: “Ich darf kein einziges Samenkorn verschwenden! Ich muss sicherstellen, dass jedes Samenkorn aufgeht und Frucht trägt!” Nein, er streut die Samen freigebig herum, auch wenn viele Samen auf den Weg, auf den Fels, und mitten unter die Dornen fallen. Sicherlich wäre Gott ein sehr schlechter Ökonom.

Oder Lukas 15, wo ein Vater die Regeln des Lebens vergisst und den ‘falschen’ Sohn mit einer wunderbaren Party feiert. Der jüngere Sohn sprach zu seinem Vater: “Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht.” Das heißt, “Vater, ich will, Du wärest tot.” Aber der dumme Vater teilte Hab und Gut unter sie. “Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. Als er nun all das Seine verbraucht hatte,… war er voller Reue – wurden seine Augen aufgemacht, als er sich zur Besinnung brachte…” Nein! “Er ging in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!”

Weiter geht es nicht besser.

“Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein. hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.”

Verstehen Sie? Dieser Vater sieht die Welt anders als die Zuhörer Jesu. Wenn Gott gnädig ist, dann sollten seine Söhne und Töchter auch gnädig sein. Auch wenn der Vater dumm zu sein scheint. Wie Helmut Thielicke einmal schrieb, diese Geschichte heißt nicht ‘die Geschichte des verlorenen Sohns’, sondern ‘die Geschichte des wartenden Vaters’.

Oder im Matthäusevangelium Kapitel 20 lesen wir von einem dummen Arbeitgeber. “Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.”

Jesus spricht mit Bildern, Gleichnissen und Geschichten. Aber seine Botschaft ist klar: wenn wir die Bibel richtig lesen, werden wir uns über die Natur Gottes empören. Aber so ist Gott eigentlich – und so müssen wir auch werden, wenn wir seinen Namen tragen möchten. Gott ist der Gastgeber unserer ersten Geschichte, wir sind nur die eingeladenen Gäste – und wir haben nicht das Recht, die anderen Gäste auszuwählen.

In einer Kirche, die Europa in einer schwierigen Zeit dient, müssen wir uns schwere Fragen stellen: über politische und wirtschaftliche Prioritäten, über die gesellschaftlichen Werte, die die Grundlage unserer Gemeinwesen bilden, darüber, welchem Gott wir dienen: dem Gott der Großzügigkeit oder einem anderen Göttchen? In diesem Gottesdienst feiern wir die Großzügigkeit eines Gottes, der uns freizügig liebt, der sich für uns hingibt, der uns zu seinem Abendmahl einlädt.

Und die einzige Frage heißt: Wer kommt?