EKD Konferenz in Wennigsen (22 Oktober 2008): Impulspapier

Die Erneuerung und Reform der Kirche von England

Wenn wir heute von der Identität der Kirche von England sprechen wollen, dann müssen wir zuerst zwei Tatsachen berücksichtigen:

(a)         Die Kirche von England ist eine reformierte-katholische Kirche. Die bisherige Geschichte der Kirche zeigt, dass es möglich ist (oder war), dass eine Kirche Christen von verschiedenen theologischen und kirchlichen Standpunkten enthält. Aber so eine weite Kirche kann nur dann wachsen und gedeihen, wenn sie aus den inneren Sachen der Kirche hinausschaut. Das heisst, dass die Kirche sich zu jeder Zeit erinnern muss, warum die Kirche da ist und wozu die Kirche eigentlich existiert. Bis jetzt konnten Anglokatholiken und konservative Evangelikale – trotz bestimmten theologischen und kirchlichen Spannungen – in derselben Kirche zusammenleben, weil es genug Platz gab. Aber es ist möglich, dass dies nicht mehr zutrifft. Zu diesem Punkt müssen noch zwei weiteren Sachen in Betracht gezogen werden: die Entscheidung, Frauen als Bischöfinnen zu ordinieren, und die wahrscheinliche Annahme eines sogenannten ‚Anglikanischen Abkommens‘.

Um diese Angelegenheiten gibt es viel Streit und momentan ist nicht klar, wie wir als eine Kirche (in England und in der weltweiten Anglikanischen Kirchengemeinschaft) weitergehen werden. Diejenigen, die Bischöfinnen nicht haben wollen, sind nicht zufrieden, dass sie von solchen (in ihren Augen) schlechten Neuerungen nicht vom Gesetz geschützt werden. Manche Anglikaner glauben, dass ein Anglikanisches Abkommen unnötig ist und dass es die Natur des Anglikanismus ändert.

(b)         Die Kirche von England ist auf (staatlichem) Gesetz gegründet (‘established by law’). Deshalb wird sie oft unkritisch als Staatskirche betrachtet. Aber die Kirche wird nicht vom Staat finanziert und es gibt keine Kirchensteuer. Tatsächlich kann man behaupten, dass das Verhältnis zwischen Kirche und Staat sogar in England selbst missverstanden wird. ‚Establishment‘ heisst nicht Privileg, sondern Verantwortung für das ganze Volk im ganzen Land. Was aber hier wichtig zu verstehen ist, ist die Tatsache, dass der Staat keine Verantworung für die Kirche zusagt. Es wird immer teurer, finanziell die Rolle und den Auftrag der Kirche von England zu unterstützen und die Kirche kriegt keinen Euro vom Staat. Deshalb ist die Kirche vor vierzig Jahren dazu gezwungen worden, das Verhältnis zwischen Geld, Kirche, Spiritualität und Mission zu erforschen. Als die Zahl der Kirchenmitglieder reduzierte, so musste die Kirche ihre grundsätzliche Mission neu herausfinden – das heisst, das Evangelium Jesu Christi auf kreative Weisen zu predigen und neue Medien der Evangelisation auszunutzen. Die Welt hat sich geändert, aber die Kirche tut so als ob alles nur ‚normal‘ weitergeht. Die Kirche musste sich eine Frage stellen, und zwar: ‘Wozu ist eigentlich die Kirche? Die Antwort? ‚Gott anzubeten und Menschen zu Jüngern zu machen‘.

Heute muss sich die Kirche in England in der lauten Kakophonie des Marktplatzes der Politik, der Wirtschaft und den Medien mitbewerben, um ihre Stimme hörbar zu machen. Es scheint, dass es viele intelligente Menschen gibt, die Religion, Christentum und Kirche grundsätzlich nicht verstehen. Sie denken, jede Religion sei bloss ‘Religion’ – und Religion wirft ein Problem für die Gesellschaft auf. Und die Medien sind feindselig gegen die Kirche.

Diese veränderte Welt hat der Kirche von England aufgezwungen, sich umzugestalten – und diese Herausforderung ist von vielen Pfarrern und Laien nicht leicht angenommen worden. Ich möchte die folgenden Beobachtungen machen:

Mission

Im Jahre 2004 hat die Kirche von England einen Bericht veröffentlicht, der die Richtung der Kirche in Bereichen wie Evangelisation, Mission, Gottesdienst, Liturgie von Grund auf geändert hat. Der Bericht heisst Mission-shaped Church (vor kurzem in Deutschland als Mission bringt Gemeinde in Form veröffentlicht). Dieser Bericht hat die Kirche auf jeder Ebene und bei jeder Gelegenheit stark beeindruckt und beeinflusst. Dieser Bericht hatte zur Folge, dass sich drei bestimmte weitreichende und tiefgreifende Initiativen ergreifen liessen: (a) Fresh Expressions, (b) Pioneer Ministry und (c) Bishop’s Mission Order.

(a)         Fresh Expressions erlaubt die Kirchen neu und erneut über Kirche nachzudenken. Muss der Gottesdienst eigentlich nur am Sonntag stattfinden? Und nur in einem Kirchengebäude? Wie erreichen wir diejenigen, die nicht in die Kirche hineinkommen wollen oder sich kulturell nicht in der normalen Kirchengemeinde wohl fühlen? Laut Fresh Expressions muss die Kirche bereit sein, risikofreudig zu werden. Das heisst, dass die Kirchen kreativer werden müssen, um ausserhalb der Kirchen die Menschen mit dem Evangelium zu erreichen. Jetzt gibt es in England ungefähr sechs tausend Fresh Expressions of Church.

(b)         Pioneer Ministry stellt eine neue Form des Pfarreramts vor. Bei Pioneer Ministry geht es um eine neue Art theologischer sowie pastoraler/seelsorgerlicher Ausbildung. Solche Pioneer Ministers werden dazu vorbereitet, am Rande der Kirche und der Gesellschaft zu arbeiten. Wir wissen noch nicht, ob diese Pfarrer wirksam werden, aber die Kirche glaubt, dass wir versuchen müssen, etwas neues zu tun, um die bisher unerreichbaren Menschen zu erreichen.

(c)         Die Rolle des Bischofs ist: Leiter der Missionsarbeit (‚Leader in mission‘) in deiner Diözese. Seit kurzem ist der Bischof befugt, neue Formen von Kirche oder Gemeinde zu initiieren oder erlauben. Der Fachausdruck dafür ist Bishop’s Mission Order. Ein solcher ‚Order‘ ermöglicht sogar, eine neue Gemeinde auf dem Gebiet einer anderen zu gründen.

Diese drei Initiativen haben auch dazu geführt, dass die Kirche sich schärfer darauf konzentriert, wie verschiedene Menschen den Glaube durch kulturellgeeignete Methoden lernen können. Zum Beispiel: Manche Gemeinden benutzen den Alpha- oder Emmäus-kursus. Manche Gemeinden haben neue Gemeinden gegründet in, zum Beispiel, einem Sport- oder Nachtklub oder Cafe. Diese neuen Kirchenformen sind darauf gerichtet, nicht nur die Institution oder die Ordnung der Kirche zu bewahren, sondern dort zu sein, wo die Menschen sind und ihnen an ihrem Ort zu begegnen.

Liturgy

Innerhalb der Kirche versuchen wir auch mit neuen Liturgien und Sprachformen, dass es möglich wird, dass neue Christen und Kirchenbesucher sich im Gottesdienst angenehmer fühlen. Aber ‚angenehm‘ heisst nicht ‚verdünnt‘ oder ‚verwässert‘. ‚Angenehm‘ heisst, dass die Sprache zugänglich wird. Es bedeutet auch, dass wir ein Menü von verschiedenen Gottesdienste anbieten – nicht dasselbe für alle (‚one size fits all‘), sondern etwas für jeden (‘something for everyone‘). Zwischen 2000 und 2006, nach zehn Jahren Verarbeitung, hat die Generalsynode neue Liturgien autorisiert und veröffentlicht: Common Worship.

Zusammenfassung

Die Grundimpulse eines solchen Kirchenwandels haben nicht nur mit Geld und kleineren Kirchgemeinden zu tun, sondern mit einem neuen Realismus in der Kirche. Es geht um eine Wiederentdeckung der Herausforderung und der Freude an der Mission im Namen Jesu Christi. Wir werden das finanzieren, was wir für geistlich wichtig oder notwendig halten.

Wir können nicht mehr davon ausgehen, dass Engländer das Evangelium kennen und die Kirche von England verstehen. Die Bibel wird nicht gelesen und es gibt viele einflussreiche Atheisten (wie, zum Beispiel, Richard Dawkins und Christopher Hitchens), die mit lauten Stimmen die Kirche und die Religion (besonders das Christentum) verspotten. Deswegen ist es nötig, zunächstdas Vertrauen der Christen aufzubauen, damit sie mit Zuversicht in der heutigen Welt leben können.

Ökumenische Zusammenarbeit heisst jetzt, dass die Gemeinden an bestimmten Orten so miteinander arbeiten, um neue Kirchen zu gründen. Die alte Ökumene ist tot. Es ist meine Hoffnung, dass der Geist Gottes uns zu einer neuen, noch nicht gesehenen Ökumene führt.