Konferenz: Möglichkeiten der mittleren Leitungsebene, Berlin, 17 Februar 2011

Führung, Management und Inspiration

Es fängt mit Kenny Dalglish – King Kenny – an. Anfang dieses Jahres war der FC Liverpool in einer furchtbaren Lage: nur vier Punkte trennten ihn von einem Abstiegsplatz der englischen Fußball Premier League.

Ich komme ursprünglich aus Liverpool; mein älterer Sohn, seine Frau und mein Enkel wohnen in Liverpool; meine Eltern haben nie woanders als in Liverpool gelebt; mein Bruder wohnt in Anfield, ganz in der Nähe vom Fußballstadion. Liverpool ist meine Heimat. Mein Blut hat die Vereinsfarbe des FC Liverpool. Die Beatles spielen jeden Tag in meinem Kopf. Ich heiße Nick und ich bin ein Liverholiker.

Zwischen 1962 und 2005 war der FC Liverpool sehr erfolgreich. Dann, im Sommer letzten Jahres verließ der Trainer Rafa Benitez den Club. Die vergangene Saison beendeten sie auf dem siebten Platz. Und das geht eigentlich nicht! Auf den Spanier Benitez folgte ein Engländer als Trainer – Roy Hodgson. Hodgson hatte in den vergangenen drei Jahren mit dem FC Fulham einen gewissen Erfolg erzielt. Er war darin erfolgreich, das Beste aus einigen mittelmäßigen Spielern heraus zu holen.

Sechs Monate war er Trainer des FC Liverpool,  und die Fans wurden immer deprimierter. Wir waren nicht daran gewöhnt, so deprimiert zu sein: Fast jede Woche hat Liverpool verloren. Bisher gute Fußballspieler spielten wie Anfänger. Und das Schlimmste? Die Fans von Manchester United lachten über uns. Und das geht gar nicht!

Dann kam der Heiland. Kenny Dalglish war einer der größten Fussballspieler Großbritanniens in den letzten vierzig Jahren. Er spielte beim FC Liverpool und wurde schließlich einer der erfolgreichsten Trainer des Clubs. Aber nach der Katastrophe von Hillsborough (95 Fans sind während eines Pokalspiels ums Leben gekommen) ist er 1991 zurückgetreten. In den folgenden zwanzig Jahren wollte er zurück nach Liverpool kommen, aber er ist nie gebeten worden, seinen Job als Trainer fortzusetzen.

Aber seit zwei Monaten ist Kenny Dalglish wieder der Trainer des FC Liverpool. Und jetzt – endlich – spielen unsere Fußballspieler wieder mit Stolz, mit Energie, und mit Spass.

Warum? Was ist der Unterschied zwischen Roy Hodgson und King Kenny? Sie haben dieselben Spieler. Aber etwas hat sich verändert. Die einfachste Antwort lautet: Die Mannschaft hat ihr Selbstvertrauen – ihre Zuversicht – wiederentdeckt.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Sie sind alle in der mittleren Leitungsebene der Kirche beschäftigt, das heißt, Sie haben als Pröpste oder Superintendenten Verantwortung für eine Reihe von Gemeinden oder ganze Kirchenkreise. Und Sie werden das sicherlich auch kennen: Manche Gemeinden pulsieren vor Leben, während andere eher vor sich hin dümpeln. Woran liegt das?

Meiner Meinung nach hat die Erfahrung des FC Liverpool in den letzten zwei Jahren etwas mit dem  Unterschied zwischen Führung und Management zu tun. Management bedeutet, dass wir die Ressourcen verwalten, die uns zur Verfügung gestellt worden sind. Führung ist aber ein anderes Phänomen. Management hat mit Verwaltung zu tun; Führung aber hat mit Inspiration zu tun. Und das bringt uns zur Arbeit der Kirche und zum Pfarrdienst.

Ich bin Bischof in der Kirche von England. Momentan bin ich der Bischof von Croydon in Süd-London (der Diözese von Southwark); bald aber werde ich Bischof von Bradford in Nordengland. Vorher (von 1991 bis 2003) war ich Pfarrer, gleichzeitig Area Dean in Leicestershire und dann Archdeacon of Lambeth in der Diözese von Southwark – verschiedene Ämter in der mittleren Leitungsebene einer Diözese.

Der Area Dean ist einem deutschen Superintendenten oder Propst vergleichbar: Er ist ein Pfarrer, der für eine Gruppe von Pfarrern und Gemeinden verantwortlich ist. Er ist Vorsitzender der Deanery Synode und er bringt – normalerweise monatlich – die Geistlichen in seinem Dekanat (Deanery) zusammen. Es gibt Area Deans, die nur das notwendige Minimum unternehmen, um die Gemeinden in einer gemeinsamen Mission zusammenzuhalten. Es kann auch geschehen, dass Area Deans beklagen, dass sie keine Autorität haben – oder dass die Arbeit nicht sehr interessant ist. Sie beklagen, dass die Synodenmitglieder nicht immer die lebhaftesten Menschen sind. Es gibt Area Deans, die nicht unbedingt hochmotiviert sind, trotz der Tatsache, dass sie vom Bischof bevollmächtigt werden, kreativ zu sein.

Der Archdeacon arbeitet mit dem Bischof zusammen. Er ist dafür verantwortlich, die Gemeinden über Finanzfragen, Dienstrecht, Kirchengebäude und andere sehr interessante Sachen zu beraten. Es gibt Archdeacons, die nicht sehr kreativ sind – die sich nur dafür interessieren, dass alles in Ordnung bleibt und alles leise und gelassen läuft.

Diese Beispiele machen deutlich, dass es möglich ist, nur Manager zu sein und das Leben der Kirche zu verwalten. Diese Arbeit ist wichtig, aber es genügt nicht.

Ich war Area Dean und Archdeacon. Ich bin Area Bischof in Croydon. Ich werde Diözesan-Bischof in Bradford sein! Dass heisst, ich kenne die verschiedenen Ebenen des Kirchendienstes und der Kirchenführung aus eigener Erfahrung. Und ich bin immer unzufrieden, wenn ich höre, dass es auf der mittleren Leitungsebene keine kreativen Gestaltungsmöglichkeiten gibt. Es kommt darauf an, wie man die Möglichkeiten sieht, versteht, gestaltet und ausbeutet. Dass heißt: Es hängt davon ab, wer der Leiter/Leader ist, was für eine Persönlichkeit er oder sie hat, und wie er/sie die Möglichkeiten entgegenkommt. Persönlichkeiten kann man schwerlich verändern, aber wir können über die Rahmenbedingungen nachdenken: Wie können wir Situationen schaffen, in denen Herausforderungen spannend und lust-voll erscheinen? Und wie können wir vermeiden, dass wir uns verausgaben, ohne dass sich etwas Wesentliches ändert?

Aber es gibt auch gute Beispiele. Als ich Archdeacon von Lambeth war, wurde mir klar, dass es zwei Wege gibt, seine Arbeit zu tun und die Gemeinden und Pfarrer zu unterstützen. Der eine Weg besteht darin, in jeder Situation zu fragen: „Was erlauben mir die Vorschriften und Regeln in diesem Fall?“ Der andere Weg besteht darin zu fragen: „Was will ich hier erreichen, zu welchem Ziel will ich kommen und wie kann ich die Vorschriften und Regeln so nutzen, dass ich dieses Ziel erreiche?“ Gute Leiterschaft beinhaltet die Konzentration auf das Ziel und fragt, wie man es am besten erreichen kann; schlechte Leiterschaft sieht nur die Grenzen und Beschränkungen. Gute Leiterschaft ist spannender – und macht mehr Spaß.

Es ist gut möglich, dass wir denken, wir führen, wenn wir in Wirklichkeit nur verwalten – und keine Risiken eingehen. Es ist immer einfacher, nichts aufzurühren und nichts zu verändern – irgendwie alles bequem oder ‚bekannt‘ zu erhalten; aber, wenn wir eine Vision haben, wie etwas anders gestaltet werden könnte, dann müssen wir bereit sein, Risiken einzugehen und zu wagen, dass alles kaputt geht. Management (von Menschen, Finanzen und Dingen) ist wichtig; aber inspirierte Führung verlangt mehr als Verwaltung.

Ich möchte im Folgenden darüber nachdenken, wie man auf der mittleren Ebene der Kirche besser führen kann. Wie können wir so führen, dass die Menschen inspiriert werden, dass sie eine Vision erkennen und bereit sind, dafür etwas zu opfern? Und wie können die Leiter selbst so motiviert werden, dass sie sich erfüllt und nicht überfordert fühlen? Wie können wir das Selbst- und Gottvertrauen gewinnen, dass wir brauchen, um unsere Gemeinde so zu ermutigen, dass wir gemeinsam aufbrechen – an einen Ort, wo sich die Welt ausserhalb der Kirche für die Botschaft und das Leben der Kirche neu interessiert?

Und warum stelle ich jetzt diese Fragen? Aus zwei Gründen: Erstens, weil manche ‚Oberkirchenräte‘ (in der mittleren Leitungsebene) in der Kirche von England frustriert sind – von sich selbst, weil sie sich nicht dazu fähig fühlen, den Dienst anders zu tun –ihr Rollenbild scheint ihnen tragisch eingeschränkt; und zweitens, weil die Erfahrung des FC Liverpool in meinem Kopf herumgeistert und meiner Meinung nach genau den Unterschied zwischen Management und Führung illustriert.

Roy Hodgson ist ein guter Mensch und ein guter Fußballtrainer – aber es scheint, dass er seine Spieler nicht so inspirieren konnte, auch nur 50% ihrer Leistung zu erbringen… sie hatten ihr Selbstvertrauen verloren, weil sie nicht verstanden, wie sie miteinander spielen sollten. Aber King Kenny hat dieselben Spieler so inspiriert, dass sie jetzt mit Stolz, Selbstvertrauen und Spass spielen. Wir – die Fans – lächeln schon wieder… die Spieler auch. Ohne Inspiration wird man niemanden erfolgreich führen können – auf welcher Ebene einer Institution oder Gemeinschaft auch immer. Und Inspiration kommt nicht durch das Erlernen einer Technik; sie kommt von einer Person, die selbst inspiriert ist und die selbst inspiriert.

Vor drei Jahren bin ich zu einer ‚Future Leadership‘ Konferenz in Lambeth Palace eingeladen worden. Während des Abendessens hatte der Erzbischof von Canterbury Gelegenheit, etwas von seinem Verständnis des Begriffs ‚leadership‘ zu erklären. Typisch Rowan Williams: Er sagte, ‚Ich möchte erklären, um was es bei ‚leadership‘ nicht geht. Erstens, ‚leadership‘ geht nicht um größere Lautstärke (amplification); das heißt, laut und klar nur das auszusprechen, was bestimmte Menschen hören wollen! Zweitens, bei ‚leadership‘ geht es nicht um Macht/Kontrolle/Herrschaft (control); das heißt, es geht nicht darum, jemanden zu zwingen, mit mir zu gehen. Drittens, bei ‚leadership‘ geht nicht um Heldentum (heroism); das heißt, es geht nicht um eine Fantasie oder Drama. Er führte das noch weiter aus und sagte, ‚‘leadership involves working out who answers which questions‘.

Meiner Meinung nach kann man etwas Positiveres zu diesem Begriff der Leadership/Leiterschaft sagen! Ich versuche jetzt nur kurz, drei Beobachtungen zusammenzufassen, die sich auf Englisch mit drei Worten angeben lassen, die auch mit demselben Buchstaben ‚C‘ anfangen: clarity, confidence and communication – Klarheit, Vertrauen und Kommunikation.

Inspirierende Führung fängt immer mit Klarheit an: denjenigen, die geführt werden, sowie denjenigen, die führen, müssen sich über folgendes klar sein:

  • die Aufgabe: Was machen wir und warum? Wohin gehen wir?
  • der Kontext: Wo, wann und von wem wird diese Aufgabe in Angriff genommen?
  • die bestimmten und unterschiedlichen Rollen der Teilnehmer: die Fähigkeiten, Kompetenzen und Autoritäten.
  • das Ziel der Aufgabe.

Und solche Klarheit verlangt Leiter, die klar erklären und artikulieren können, was sind die Visionen, die Aufgabe, und die Strategie. Die Vision heisst: Wohin gehen wir? Die Strategie heisst: Wie kommen wir dahin? Vision und Strategie sind beide erforderlich auf jeder Leitungsebene der Kirche, wo effektives Management und Leitung verlangt werden.

Inspirierende Führung verlangt Vertrauen. Die Nachfolger werden folgen, wenn sie auf den Leiter vertrauen. Und solches Vertrauen verlangt mehr als Wissen oder auch Zustimmung – es verlangt eine Inspiration, die tief in die Seele geht und die Phantasie reizt.

Aber Inspiration genügt nicht. Hervorragende und klare Kommunikation sind erforderlich. Wir müssen fähig sein, zuzuhören, furchtlos nachzudenken, und mutig zu führen. Es gibt in der Kirche zu viele Christen, die Angst vor dem Scheitern oder der Veränderung haben.

Im Matthäusevangelium 25:14-30 lesen wir etwas wirklich Wichtiges über die Erwartung Jesu an seine Nachfolger:

Es wird dann so sein wie bei dem Mann, der ins Ausland reisen wollte. Er rief alle seine Verwalter zusammen und beauftragte sie, während seiner Abwesenheit mit seinem Vermögen zu arbeiten. Dem einen gab er fünf Zentner Silberstücke, einem anderen zwei und dem dritten einen Zentner, jedem nach seinen Fähigkeiten. Danach reiste er ab.

Der Mann mit den fünf Zentnern Silberstücke war so erfolgreich bei seinen Geschäften, dass er die Summe verdoppeln konnte. Auch der die zwei Zentner bekommen hatte, verdiente zwei hinzu. Der dritte aber vergrub sein Geld an einem sicheren Ort.

Nach langer Zeit kehrte der Herr von seiner Reise zurück und forderte seine Verwalter auf, mit ihm abzurechnen.

Der Mann, der fünf Zentner Silbergeld erhalten hatte, brachte zehn Zentner. Er sagte: ›Herr, fünf Zentner hast du mir gegeben. Hier, ich habe fünf dazuverdient.‹ Da lobte ihn sein Herr: ›Du warst tüchtig und zuverlässig. In kleinen Dingen bist du treu gewesen, darum werde ich dir größere Aufgaben anvertrauen. Ich lade dich zu meinem Fest ein!‹

Danach kam der Mann mit den zwei Zentnern. Er berichtete: ›Herr, auch ich habe den Betrag verdoppeln können.‹ Da lobte ihn der Herr: ›Du warst tüchtig und zuverlässig. In kleinen Dingen bist du treu gewesen, darum werde ich dir größere Aufgaben anvertrauen. Ich lade dich zu meinem Fest ein!‹

Schließlich kam der mit dem einen Zentner Silberstücke und erklärte: ›Ich kenne dich als strengen Herrn und dachte: Du erntest, was andere gesät haben; du nimmst dir, was ich verdient habe. Aus Angst habe ich das Geld sicher aufbewahrt. Hier hast du es wieder zurück!‹ Zornig antwortete ihm darauf sein Herr: ›Auf dich ist kein Verlass, und faul bist du auch noch! Wenn du schon der Meinung bist, dass ich ernte, was andere gesät haben, und mir nehme, was du verdient hast, hättest du zumindest mein Vermögen bei einer Bank anlegen können! Dort hätte es wenigstens Zinsen gebracht! Nehmt ihm das Geld weg, und gebt es dem, der die fünf Zentner hatte!

Denn wer viel hat, der bekommt noch mehr dazu, ja, er wird mehr als genug haben! Wer aber nichts hat, dem wird selbst noch das Wenige, das er hat, genommen. Und jetzt werft diesen Nichtsnutz hinaus in die Finsternis, wo es nur Weinen und ohnmächtiges Jammern gibt!‹«

Warum soll dieser Mann als ein ‚Nichtsnutz‘ bezeichnet werden? Er hat nichts verloren. Seinen Zentner hat er gut und schön bewahrt. Aber Jesus interessiert sich nicht dafür, dass wir die Kirche bewahren – oder dass wir den Verlust so fürchten, dass wir nur die Arbeit (oder die Ressourcen) der Kirche auf jeder Ebene verwalten. Wir müssen den Mut finden, alles zu riskieren. Und wenn wir so leben und führen und managen, dann sollten wir auch die ganze Erfahrung genießen. Die ersten zwei Männer hätten alles verlieren können – aber ihre Belohnung war ganz einfach… eine Einladung zu einem Fest!

Ein Fest wie ein Fußballspiel in Anfield mit dem FC Liverpool und King Kenny.