Predigt an der deutschen Synode in London (5 April 2008)

Der Gott aber des Friedens, der von den Toten ausgeführt hat den großen Hirten der Schafe durch das Blut des ewigen Testaments, unsern HERRN Jesus, der mache euch fertig in allem guten Werk, zu tun seinen Willen, und schaffe in euch, was vor ihm gefällig ist, durch Jesum Christum; welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. (Hebräer 13:20-21, Luther Bibel 1545)

Es freut mich sehr, dass ich diese Gelegenheit habe, Sie wiederzusehen und für Sie zu predigen. Vor einigen Wochen war ich in Deutschland um mein ins Deutsche übersetztes Buch (Am Rande bemerkt) in Hamburg, Berlin und Hannover bekanntzumachen (oder, besser ausgedrückt, zu propagieren). Ich habe Freunde in Hamburg – Christoph ist Pfarrer einer Lutherischen Kirche in Harvestehude und er hatte mich eingeladen, am Sonntag in seiner Kirche die Predigt zu halten. Dreimal habe ich ‚nein’ gesagt, aber dann habe ich begriffen, dass ‚nein’ die falsche Antwort war. Also, ich habe die Predigt auf Deutsch gehalten und nachher war die Gemeinde eigentlich sehr nett und sehr höflich und viele sagten, dass sie alles verstanden hatten. Offensichtlich können sie alle Liverpool-Deutsch verstehen!

Mein kurzer Aufenthalt in Deutschland war trotzdem ziemlich interresant. Ich verkaufte einige Bücher in Berlin und Hannover und hatte die wunderbare Gelegenheit, in einem einfachen Medieninterview die Meinung des Erzbischofs von Canterbury über Sharia zu besprechen. Tatsächlich musste ich diese Meinung auf Deutsch erklären – aber es ist nicht so einfach, die Meinung des Erzbischofs auf Englisch zu erklären. In der Zeit nach seinem Vortrag über Sharia in London haben einige Kritiker, Politiker und Journalisten öffentlich seine Führung und Führungsstil in Frage gestellt: ist er dazu fähig – oder dazu geeignet – , der Führer der Kirche von England und der Anglikanischen Kommunion zu sein? Die Antwort hängt davon ab, was wir von ‚Führung’ verstehen. Wir werden zu dieser Frage später zurückkommen, aber zuerst möchte ich ein Vorbild wunderbarer Führung vorschlagen: Robert Mugabe. (Falls Sie denken, dass ich verrückt bin, muss ich klar machen, dass der letzte Satz ein Beispiel ‚englischer feiner Ironie’ ist.)

Vor einem Jahr – in April 2007 – hatte ich die Gelegenheit mit neunzehn anderen Anglikanern aus dem Croydon Episcopal Area das arme Land Simbabwe zu besuchen. Das war mein zweiter Besuch in Simbabwe. Im Jahre 2004 war ich zum ersten Mal in diesem schönen Land, aber diesmal (April 2007) verbrachten wir zwei Wochen in Mittelsimbabwe in der Stadt Gweru und in der Umgebung. Diese zwei Wochen waren anstrengend und wir haben Erfahrungen gesammelt, die nicht einfach zu erklären sind. An einem Sonntag habe ich in der kleinen Stadt Kadoma Kinder beobachtet, als sie Wasser aus dem kleinen Bach tranken, wo die Tiere auch standen und tranken. In Kadoma hatte man kein fliessendes Wasser in den vorausgegangenen drei Monaten gehabt. Die Situation war auch damals schrecklich und seit der Zeit ist alles immer schlimmer geworden. Die Führung des Präsidents lässt sich nur als furchtbar beschreiben; unter der egomanischen Herrschaft des Robert Mugabe ist das Land unter die Räder gekommen.

Wie wir in der letzten Woche noch einmal gesehen haben, opfert der Präsident sein Volk auf, um seine persönliche Macht zu schützen und seinen politischen Rang zu bewahren. Vielleicht ist es endlich jetzt möglich, dass der Albtraum bald schliesslich vorbei wird. Aber einen Aspekt dieser humanitärischen Tragödie kann man darin bemerken, dass dieser schreckliche Führer Robert Mugabe einmal – vor dreissig Jahren -ein Held des Befreiungskampfes und des politischen Freiheits war. Am Anfang seiner Herrschaft wurde er hochgeachtet, weil er sich in den frühen Jahren der neuen Nation (Simbabwe) wirklich mit Ehre und Würde und Gnade benahmen. Aber danach ist etwas schiefgegangen und das ganze Projekt fing an irgendwie langsam zu implodieren. Seine Führung der Nation verwandelte sich in die Diktatur.

Offensichtlich hat der Robert Mugabe vergessen, dass das Land immer ein Geschenk ist – dass die Macht immer nur mit Demut auszuüben ist. Aber hier ist er nicht allein. Ich möchte jetzt etwas über ‚Erinnerung’ von meinem Buch vorlesen, um klar zu machen, wie wichtig die Erinnerung eines Volkes und eines Führers ist. Dann werden wir verstehen können, was der Ausdruck ‚der Gute Hirt’ bedeutet.

November ist (in England) ein komischer Monat. Man wird ständig daran erinnert, sich zu erinnern und nicht zu vergessen. Zuerst gibt es Bonfire Night, die immer lustig ist, trotz der vergessenen Tatsache, dass man in ihr ursprünglich die Hinrichtung eines Katholiken durch Protestanten in England feierte. Dann kommt der Remembrance Day und mit ihm die vielen Streitereien, wie er gefeiert oder auch nicht gefeiert werden sollte. Und im christlichen Kalender geht beiden Feiertagen Allerheiligen voraus, an dem wir den geliebten Menschen gedenken, die gestorben sind. Man kann zwar Ostern romantisieren und Weihnachten sentimentalisieren, aber den November kann man kaum neutralisieren.

Doch das führt mich zu einer wichtigen Frage. Wenn man sein Gedächtnis verliert, wie weiß man dann, wer man ist? Ich habe im Radio Dokumentarberichte über Menschen gehört, deren Erinnerungsvermögen durch eine Krankheit angegriffen worden ist oder die ihr Gedächtnis verloren haben und nicht mehr wissen, wer sie sind. Wenn Sie sich den Film Die totale Erinnerung mit Arnold Schwarzenegger ansehen, werden Sie mit genau dieser Frage konfrontiert: Was ist die Verbindung zwischen Erinnerung und Identität? Der Schriftsteller Laurens van der Post drückte genau dasselbe aus, als er schrieb, dass man kein Leben zu leben hat, wenn man keine Geschichte zu erzählen hat. Die Erinnerung ist ein ganz wichtiger Teil dessen, wer wir sind. Sich daran zu erinnern, woher wir kommen, ist daher notwendig um zu verstehen, wohin wir gehen könnten.

Vor einiger Zeit sah ich einen Dokumentarfilm über einen professionellen Musiker, der unter einer gefährlichen Hirnentzündung litt. Obwohl er die Krankheit überlebt hat, verlor er fast sein ganzes Gedächtnis. Er kann sich nur noch an die vergangene Viertelstunde erinnern. Er ist gezwungen, in einem Heim zu leben. Er verbringt seinen Alltag damit, sich alles, was er macht und jeden, dem er begegnet, zu notieren, damit er seine Notizen lesen kann und weiß, wer er ist. Er hat keine Ahnung von seiner Identität. Er erkennt weder seine Frau noch seine Familie. Er weiß weder, wer er ist, noch wo er ist, und er weiß nichts über seine Vergangenheit. Seine Geschichte ist tragisch.

Vielleicht ist das der Grund, warum wir den Remembrance Day erfinden müssten, wenn es ihn nicht schon gäbe – oder zumindest einen ähnlichen Feiertag. Denn wenn wir nicht wissen, woher wir kommen, können wir auch nicht wissen, warum wir so sind, wie wir sind. Und das ist für Individuen, Familien und Gemeinden genauso wichtig wie für Länder. Tatsächlich sagte mir jemand einmal, das Problem in Nordirland oder dem Nahen Osten sei nicht, dass die Bevölkerung sich an zu wenig erinnern kann, sondern dass sie sich an zuviel erinnert. Doch in Wahrheit sind alle Erinnerungen selektiv und unterstützen die Geschichte, die wir über uns und unser Erbe glauben wollen – vor allem, wenn uns wehgetan wurde.

Doch wir können nicht vor der Verantwortung, wie wir mit unseren Erinnerungen umgehen sollen, davonlaufen. Es ist sicher eine große Heuchelei, zwei stille Gedenkminuten einzulegen, wenn das eigene Leben und die eigenen Beziehungen von der Wut, der Selbstsucht oder Gier geprägt sind, die auf ganze Länder übertragen zu Konflikten und Kriegen führen. Jesus ermahnte seine Freunde, bevor sie dafür beteten, dass Gottes Reich der Gerechtigkeit kommen solle, Gott zuerst darum bitten sollten, sie zu ändern. Gerechtigkeit und Frieden fängt bei mir selber an, nicht bei der Regierung.

Der Remembrance Day fordert uns dazu auf, uns daran zu erinnern, woher wir kommen. Er fordert uns auf, uns aufrichtig mit menschlicher Gier und unserem Verlangen nach Macht und Sicherheit auseinanderzusetzen. Er ruft uns auf, der selektiven Erinnerung oder Romantisierung unserer Geschichte zu widerstehen. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Jeder von uns muss sich entweder für den Weg der Gerechtigkeit und des Friedens entscheiden – oder mit eisiger Kälte und einer zerbrochenen Gemeinschaft leben. Wir können es uns aussuchen – oder haben Sie das etwa vergessen?

Das Hauptproblem für das Volk Gottes ändert sich nie: wie können wir uns an unsere Geschichte erinnern? Das Volk Gottes muss nie vergessen, dass wir auch einmal Sklaven waren – dass wir uns selbe nicht von unserem Sklaverei freilassen konnten. Wir brauchten die Gnade Gottes – und deswegen müssen wir gnädig in der Welt umgehen. Der gute Führer – der gute Hirt – vergisst nie die Geschichte Gottes oder die Geschichte des Volkes Gottes und nimmt den schweren Auftrag an, immer den Menschen diese Geschichte in Erinnerung zu bringen. Auf der Strasse von Jerusalem nach Emmaus hat der auferstandene Jesus diese Geschichte wieder und neu erzählt.

Deshalb möchte ich für Sie die ganze Geschichte der ganzen Bibel in einer Minute darstellen. Wenn man diese Geschichte versteht, dann versteht man die ganze Bibel. Einige kleinen Einzelheiten werde ich natürlich auslassen müssen.

Also, wie läuft diese Geschichte, die wir verstehen und erzählen müssen?

Gott hat die Welt erschaffen. Dann hat er ein Volk dazu aufgerufen, in dieser Welt so zu leben, dass die Menschen der Welt in und durch ihnen die Person – den Charakter – Gottes spüren (oder das Gesicht Gottes ansehen) können. Aber dieses Volk sagt: ‚Ach, Gott hat UNS auserwählt – also müssen wir so privilegiert sein, dass die anderen Menschen der Welt uns beehren sollten. Und das Volk Gottes hat seine Berufung als Privileg (statt Verantwortlichkeit) angenommen. Die Propheten haben klar gemacht, dass diese echte Berufung wiedergefunden werden muss – dass heisst, das Volk muss sich an seine Geschichte erinnern, weil die Menschen schon vergessen hatten, dass sie auch einmal Sklaven waren – dass sie tatsächlich dazu berufen wurden, die Menschen der Welt zu dienen und dadurch die Persönlichkeit Gottes auszusetzen. Wenn sie ihre Geschichte vergessen, werden sie vergessen, dass sie dazu berufen werden, die Person Gottes darzustellen. Im letzten Teil des Alten Testaments lesen wir wie das Volk die Botschaft der Propheten nicht zuhören oder empfangen wollten – und danach hat Israel alles verloren, was von ihrer Identität als das Volk Gottes sprach. Sie sind ins Exil gegangen.

Jetzt ein grosser Sprung: Jesus hat in seinem Leben, Tod und Auferstehung die Berufung Israels erfüllt – er hat sich sein Leben um der Welt willen aufgeopfert. Jetzt können wir beobachten, wie Gott aussieht. Und noch ein grosser Sprung: Jesus hat zu seinen Nachfolgern (das heisst die Kirche… uns) gesagt: Du bist mein Körper – also musst du so leben, dass die Menschen der Welt in dir mein Gesicht sehen könnten und in deinem gemeinsamen Leben ein lebendiges Spiegelbild meines in den Evangelien dargestellten Lebens spüren können.

Anders ausgedrückt: wenn du wissen will, wie Gott aussieht, schau mal an Jesus. Wenn du wissen will, wie der Jesus aussieht, musst du die Evangelien des Neuen Testaments lesen … und uns (die Kirche) beobachten.

Wenn man die Bibel durchliest, kann man klar verstehen, dass Gott sein Volk einlädt, sich an seine Geschichte zu erinnern und diese Geschichte nie zu vergessen. Und die Führer – das heisst, die Hirten – des Volkes nehmen den grossen Auftrag an, diese Geschichte ständig zu erzählen und die Persönlichkeit Gottes (wie wir sie in Jesus Christus gesehen haben) zu bezeugen.

Deshalb kann Jesus den guten Hirt mit dem schlechten Hirten vergleichen. Die schlechten Hirten haben die Geschichte vergessen und die urpsrüngliche Berufung verdorben. Die Propheten haben einen Warnruf abgegeben, aber die Hirten haben ihn nicht beachtet. So kann Hesekiel (im Kapitel 34) mit Wut erklären:

So spricht der HERR HERR: Weh den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen nicht die Hirten die Herde weiden? Aber ihr fresset das Fette und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete; aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Der Schwachen wartet ihr nicht, und die Kranken heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht und das Verlorene sucht ihr nicht; sondern streng und hart herrschet ihr über sie. Und meine Schafe sind zerstreut, als sie keinen Hirten haben, und allen wilden Tieren zur Speise geworden und gar zerstreut. Und gehen irre hin und wieder auf den Bergen und auf den hohen Hügeln und sind auf dem ganzen Lande zerstreut; und ist niemand, der nach ihnen frage oder ihrer achte. Darum höret, ihr Hirten, des HERRN Wort! So wahr ich lebe, spricht der HERR HERR, weil ihr meine Schafe lasset zum Raub und meine Herde allen wilden Tieren zur Speise werden, weil sie keinen Hirten haben und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragen, sondern sind solche Hirten, die sich selbst weiden, aber meine Schafe wollen sie nicht weiden: darum, ihr Hirten, höret des HERRN Wort! So spricht der HERR HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern und will mit ihnen ein Ende machen, daß sie nicht mehr sollen Hirten sein und sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Maul, daß sie sie forthin nicht mehr fressen sollen. Denn so spricht der HERR HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, also will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Örtern, dahin sie zerstreut waren zur Zeit, da es trüb und finster war. Ich will sie von allen Völkern ausführen und aus allen Ländern versammeln und will sie in ihr Land führen und will sie weiden auf den Berge Israels und in allen Auen und auf allen Angern des Landes. Ich will sie auf die beste Weide führen, und ihre Hürden werden auf den hohen Bergen in Israel stehen; daselbst werden sie in sanften Hürden liegen und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich will selbst meine Schafe weiden, und ich will sie lagern, spricht der HERR HERR. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte wiederbringen und das Verwundete verbinden und des Schwachen warten; aber was fett und stark ist, will ich vertilgen und will es weiden mit Gericht.

Jetzt hören wir Jesus an:

Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für seine Schafe… Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stalle; und dieselben muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und wird eine Herde und ein Hirte werden.

Der Erzbischof von Canterbury hat mir einmal gesagt: ‚Wenn man ‚starke Fürhrung’ von mir verlangt, meint man folgendes: Erzbischof, Sie müssen das sehr laut aussprechen, was ich von Ihnen hören will.’ Aber, der gute Hirte kann nicht nur das sagen, was die Leute von ihm hören wollen. Im Vergleich mit dem Mugabe versteht der gute Hirt was der Paulus meint als er in seinem kurzen Brief an die Philipper schrieb: ‚Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.’ (Philipperbrief 2:3-4)

Wir beten für Simbabwe und die Führer (die Hirten) die vergessen haben, wozu sie berufen worden sind. Und wir beten für die Führer (die Hirten) des Volkes Gottes, dass sie (wir) nie vergessen werden, dass sie/wir dazu berufen werden, die echte Geschichte weiter zu erzählen, so dass die Gläubigen hören was Gott sie hören lassen will.

Im Abendmal kommen wir mit offenen Händen. Wir hören schon wieder dass wir Gott in Jesus anerkennen. Und nachher gehen wir hinaus, um die Welt zu zeigen, wie der Diener-Gott aussieht.