Predigt, Berliner Dom, 22 August 2010

Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe.

Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich?

Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.

Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden.

Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht. (Apostelgeschichte 9:1-9)

Ich freue mich sehr, wieder einmal hier im Berliner Dom die Predigt zu halten. Ich war vor einem Jahr schon einmal hier, diesmal ist meine Frau, Linda, mitgefahren. Wir sind am Freitag in Berlin angekommen und wir sind für die wunderbare Gastfreundschaft von Frau Dr. Petra Zimmermann und dem Domkirchenrat sehr dankbar.

Im August waren wir zehn Tage auf Urlaub in Kreta. Wir hatten den Eindruck, dass wir die einzigen Engländer an der Nordküste von Kreta waren. Alle Gäste in unserem Hotel kamen aus Deutschland und Polen. Auch dann, wenn ich irgendeine Frage auf Englisch stellte, kam die Antwort immer auf Deutsch – auch wenn das Hotelpersonal besser Englisch als Deutsch sprach. Wir leben in einer komischen Welt…

Während dieses Aufenthaltes auf Kreta, habe ich mir gedacht, ich muss diese Predigt für den Berliner Dom vorbereiten. Trotz der Tatsache, dass wir im Urlaub waren, traf ich die Entscheidung, die neutestamentlichen Briefe von Paulus zu lesen und einige Gedanken darüber  zu sammeln – das heißt, in meinem Kopf und nicht auf Papier. Aber diese Gedanken waren nicht immer sehr hilfreich. Zum Beispiel, las ich im Brief an Titus (Titus war der erste Bischof von Kreta):

„Es hat einer von ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche. Dieses Zeugnis ist wahr.“

Offensichtlich war Paulus nicht immer freundlich und seine Meinung würde wahrscheinlich nicht in einem Reiseführer abgedruckt werden. Es ist klar, dass Paulus bestimmte vorgefasste Meinungen – Vorurteile – hatte. In der heutigen Kirche gibt es mitunter Streit über Paulus selbst (seine Persönlichkeit und seine Launen), über die Unterscheidung zwischen seinen theologischen und kulturellen Auffassungen. Der Bischof von Durham, Tom Wright, führt uns in seinem Buch What Saint Paul Really Said – was Paulus wirklich sagte – durch die Geschichte des akademischen Studiums der Theologie von Paulus: von Albert Schweitzer über Rudolf Bultmann, Ernst Käsemann bis Ed Sanders und anderen. Dann behauptet Wright – klar und unzweideutig – dass es unmöglich und auch nicht wünschenswert sei, die Theologie von Paulus einfach zusammenzufassen. Paulus sei irgendwie kompliziert und – so schreibt Tom Wright – diejenigen, die einen Anspruch auf ihn und seine theologische Perspektive erheben wollen, stülpen ihm ihre eigene Perspektive über:

„Niemand, der über das Christentum nachdenken möchte, darf ihn ignorieren; aber man kann ihn misshandeln, missverstehen, ihm seine eigenen Kategorien auferlegen, mit den falschen Fragen zu ihm kommen (ohne zu wissen, warum er keine klaren Antworten gibt), und unverschämt Material von ihm entleihen, um dieses Material in andere Systeme einzufügen, die er nicht anerkennen würde.“

Trotzdem möchte ich heute Morgen versuchen, etwas Einfaches über Paulus zu sagen! Und trotz der Ausführungen des Bischofs von Durham möchte ich einen kleinen Anspruch auf Paulus und seine theologischen Perspektiven erheben! Zuerst aber möchte ich eine kurze Geschichte erzählen.

Eines Tages kam eine kleine Fledermaus zurück in die Fledermaushöhle geflogen. Sie sah schrecklich aus:  IhrMund und ihre Zähne waren voll Blut. Die anderen Fledermäuse fragten erwartungsvoll: ‚Hast du etwas gefunden?! Zeig uns, wo!‘ ‚Lasst mich in Ruhe, ich habe Kopfschmerzen.‘ Wieder sagen sie: ‚Wo, wo warst du? Was hast du gefunden?‘… Schliesslich sagt die kleine Fledermaus: ,OK, OK, kommt mit.‘ Sie fliegen aus der Höhle, die kleine Fledermaus voran, tausende hinter ihr her. Sie fliegen einen Hügel hinauf, hinunter ins Tal, über den nächsten Hügel, rund um den nächsten Hügel, dann sehen sie einen Wald vor sich. Die Fledermaus stoppt, schwebt in der Luft. Tausende erwartungsvolle Fledermäuse hinter sich. Die kleine Fledermaus sagt: ‚Seht ihr den Wald da?‘ ‚Ja, ja, ja!‘ Seht ihr die Bäume im Vordergrund da unten?‘ ‚Ja, ja, ja!‘ Habt ihr den grossen Baum links vom Wald gesehen?‘ ‚Ja, ja, ja!‘ ‚Ich eben nicht!‘

Manchmal sind wir Christen wie diese Fledermaus: Wir lesen die Briefe von Paulus und streiten in der Kirche über die Einzelheiten (zum Beispiel, was er von Frauen denkt) und der Hauptpunkt – das große Bild – geht irgendwie verloren!

Tatsächlich scheint es mir oft, dass wir Christen uns als Experten darin zeigen, das Wesentliche nicht zu sehen. Manchmal sehen wir das einfach nicht, was unmittelbar vor Augen steht. Im Deutschen sagt man: Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, so wie die Fledermaus. Deswegen hat sich Jesus im Johannesevangelium so enttäuscht gezeigt, als er gegen die Pharisäer Anklage erhob: ‚Suchet in der Schrift; denn ihr meinet, ihr habet das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeuget; und ihr wollt nicht zu mir kommen, daß ihr das Leben haben möchtet.’ (Johannes 5:39) Das heißt:Sie geben ihr ganzes Leben dem Studium der Heiligen Schriften hin, um darin die Bedeutung des Lebens zu finden – aber sie können den Gottesmann – den Erlöser – nicht sehen, auch wenn er jetzt gerade vor ihren Augen steht!

Es scheint mir, dass auch die Bibel selbst klarmacht, dass diejenigen, die der Bibel nahe sind, sich in der größten Gefahr befinden, den Sinn des Textes zu verpassen. Und so kann es einem auch mit den Texten von Paulus gehen.

Was wir in der Apostelgeschichte über Paulus lesen, schreibt er auch im Galaterbrief Kapitel 1:

„Denn ich tue euch kund, liebe Brüder, dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht von menschlicher Art ist. Denn ich habe es nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi. Denn ihr habt ja gehört von meinem Leben früher im Judentum, wie ich über die Massen die Gemeinde Gottes verfolgte und sie zu zerstören suchte und übertraf im Judentum viele meiner Altersgenossen in meinem Volk weit und eiferte über die Massen für die Satzungen der Väter.“

Saulus – wie er damals hieß – war leidenschaftlich davon überzeugt, dass Gott allein durch echten Gehorsam gegenüber den Geboten der Torah zu finden ist. So heißt es, Gott wird eines Tages sein Volk rechtfertigen, wenn sie konsequent und vertrauensvoll der Torah folgen. Am Ende der Zeit wird Gott sein Volk dann in der Situation finden, dass es bereit ist, gerettet zu werden. Daher ist es für Saulus von höchster Bedeutung, dass die Juden, die von diesem Weg abweichen, zur Rückkehr auf den rechten Weg gezwungen werden. Das entsprach seinem Verständnis von Gottes zukünftiger Welt, und dabei ging es nicht nur um das geistliche Verhältnis zwschen einer bestimmten Person und seinem Gott, sondern um viel mehr, auch Fragen der Gesellschaftsordnung.

So wird klar, warum nach der theologischen Überzeugung – der theologischen Weltanschaung – des leidenschaftlichen Saulus die sogenannten Christen mehr als  nur kleines Ärgernis waren.

Aber was ist Saulus auf dem Weg nach Damaskus eigentlich passiert? Erstens können wir sagen, dass er sich nicht durch philosophische oder theologische Argumente bekehrte, sondern durch eine Begegnung mit dem auferstandenen Jesus Christus. So, kam dem Eiferer ganz unmittelbar zu Bewusstsein, dass die Hoffnung Israels, die am Ende der Zeit verwirklicht werden sollte, schon in der Auferstehung Jesu Christi vollbracht worden ist.

Das heißt, dass seine theologischen Überzeugungen nach der Begegnung mit Christus umgestaltet wurden. Unsere theologischen Überzeugungen müssen immer wieder dem Gespräch mit unserer Erfahrung ausgesetzt werden.

Ich finde es auch interessant, dass Jesus am Anfang dieser Begegnung auf dem Weg nach Damaskus Saulus nicht einen Vortrag gehalten hat – er hat nicht gesagt: „Saulus, du Dummkopf! Du hast alles missverstanden. Jetzt möchte ich deine Theologie korrigieren. Nun, wach auf und hör zu…“ Nein. Wider Erwarten fängt Jesus mit einer Frage an: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“

Bei Jesus ist das aber ganz normal. In den Evangelien scheint das immer so zu sein. Statt einen Vortrag oder eine Erklärung abzugeben, stellt Jesus oft eine einfache Frage: „Was willst du, dass ich für dich tun soll? (zu dem blinden Bettler Bartimäus im Markusevangelium Kapitel 10). Oder im Lukasevangelium Kapitel 24, wo zwei Jünger nach Emmaus gehen und „sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen… Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs?“

Es scheint von der Bibel her, dass Jesus uns oft mit einer Frage begegnet, und nicht mit einer Behauptung. Warum ist das so? Vielleicht, weil er dort beginnt, wo wir sind. Und vielleicht auch deswegen, weil er weiß, dass wir die Verantwortung für unsere Begegnung mit Jesus übernehmen müssen – dass wir unsere eigenen Entscheidungen im Blick auf die Forderungen Jesu treffen müssen. Christen sind keine Menschen, die vor der Realität oder vor der Verantwortung fliehen. Jesus hat niemals jemanden dazu verführt, blinder Nachfolger zu werden.

Und nach seiner Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus musste Paulus drei Jahre gründlich studieren, um seine Theologie im Lichte der revolutionären Begegnung mit dem auferstandenen Christus umzugestalten. Martin Luther hat  eine ähnliche Erfahrung gemacht: die revolutionäre Entdeckung der Rechtfertigung allein aus Glauben, die sein Verständnis von Gott, von der Religion, von der Kirche und von der Theologie tiefgreifend veränderte.

Aber trotz dieser Bekehrung bleibt Paulus doch er selbst. Es stimmt, dass er wie neugeboren ist. Es stimmt, dass er zu einem neuen Mann geworden ist. Aber Paulus bleibt zugleich doch Paulus: leidenschaftlich, ungeduldig, offensichtlich humorfrei, kritisch, streitlustig und sarkastisch. (Meiner Erfahrung nach bitten viele Brautpaare für den Traugottesdienst um eine Bibellesung aus dem 1. Korintherbrief Kapitel 13 – Das Hohelied der Liebe – und nicht aus dem 2. Korintherbrief 10 bis 13, wo Paulus sich sehr ironisch und durchaus sarkastisch zeigt!)

Also, wenn wir sagen wollen, dass Paulus ein Heiliger oder ein beispielhafter Mensch sei, müssen wir aber auch sorgfältig sein und ehrlich von ihm sprechen. Warum? Nun weil es so wichtig ist, dass wir erkennen, dass die Heiligen auch Menschen sind. Es gibt ein Lied auf Englisch wo es heißt: „Take my talents, take my skills, take what’s yet to be; Let my life be yours, and yet, let it still be me.“

Auf Deutsch: „Nimm meine Talente, nimm meine Fähigkeiten, nimm, was noch sein wird. Lass mein Leben deins sein, und doch, lass es weiter mich sein.“

Nach der Begegnung mit Jesus hatte Paulus keine falschen Vorstellungen von seiner eigenen Gerechtigkeit. Er zweifelte nicht daran, dass er ein Sünder war, dass er bestimmte Schwächen hatte. Und hier können wir auch von Paulus ermutigt werden. Ziemlich oft frage ich mich, warum bin ich so… ungeduldig, inkonsequent, schwach, usw.? Ich bitte Gott darum, dass er mich total verändern möge – aber das tut er nicht. Ich bleibe ich… genau so wie Paulus. Paulus bleibt er selbst (von der Persönlichkeit her) trotz der Revolution in seinen theologischen Voraussetzungen und der Änderung seines Namens von Saulus zu Paulus. Er ist total verändert, aber er bleibt zugleich derselbe. Und meine Begegnung mit dem auferstandenen Christus hat auch meine Welt-, meine Gott- und meine Selbstanschauung radikal geändert – und trotzdem bleibe ich ich.

Und hier kommen wir noch einmal zum Hauptpunkt. Die tiefreichendste Herausforderung für Paulus bestand darin, dass, wenn Jesus wirklich – tatsächlich – vom Tode auferweckt worden ist, dann ist die ganze Welt verändert worden. Das heißt, dass das Leben, unsere Vorstellung oder unser Verständnis von der Natur Gottes, die Gestalt der Kirche, die Mission der Kirche, unsere christliche Verbundenheit mit und in der Welt (also in der Politik, in der Wirtschaft, in der Kultur, usw.) jetzt anders aussieht.

Die Theologie des Paulus kann nie nur privat bleiben. Es gibt keine private oder rein individuelle christliche Spiritualität; es gibt immer ein gesellschaftliches und gemeinsames und politisches Element.

Vor einigen Jahren kam ich von Österreich in Birmingham auf dem Flughafen an. Ich kam von einer theologischen Konferenz zurück, wo ich einen Vortrag über die Natur der Kirche gehalten hatte. Als wir aus dem Flugzeug ausstiegen, bemerkte ich eine große Werbeanzeige auf einer Brücke vor dem Flughafengebäude, auf der stand: „You’ve got the whole world in your hands“ – Mastercard. Fünf Minuten später sah ich eine zweite Anzeige: „Visa makes the world go around“.

Aha! Da habe ich Paulus verstanden. Er stellt uns die klare und schwierige Frage: Wer regiert in dieser Welt? Wem folgen wir wirklich nach? Gott? Dem Herrn Jesus? Oder vielleicht dem Finanzsystem? Welche Werte nehmen wir als Christen wirklich an? Glauben wir tatsächlich, dass Jesus der Herr ist – oder (in der Welt von Paulus) der Kaiser? Beten wir Gott oder andere Götterchen an? Und wenn ich sage und singe, dass Jesus der Herr ist, sagt mein Leben davon etwas aus? Bin ich ein Zeuge davon, dass Jesus der Herr ist?

Darin liegt das Herz der Theologie und der Herausforderung des Paulus. Bei all unserer Lippenbekenntnisse und Glaubensbekenntnisse dienen wir wirklich dem heiligen Gott – oder geringeren Herren?

Von Paulus lerne ich unter anderem zwei überaus wichtige Wahrheiten:

Erstens, dass von der Auferstehung Christi her überzeugte Christen so leben müssen, dass andere Menschen merken: Wir tanzen zu einer anderen Melodie. Wir sehen die Welt mit anderen Augen, in einem anderen Licht, im Licht der Gnade Gottes. Wir versuchen Jesus nachzufolgen, und nicht den Werten der Welt, die manchmal andere Prioritäten setzt.

Zweitens, dass ich, so lange ich lebe, immer Probleme bei der Umsetzung dieser Erkenntnis, bei der Anwendung dieser Wahrheit auf mein Leben haben werde, weil ich schwach bin – weil ich ich bin.

Aber darin liegt auch die Ermutigung: Gott weiß genau, wie wir sind und deshalb und trotzdem wählt er uns aus, als sein Leib in der heutigen Welt zu leben. Paulus hat es selbst am Anfang seines Briefes an die Christen in Korinth so formuliert: „Paulus, berufen zum Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes…“

„Ehre sei Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen. Nach der Kraft, die in uns wirkt. Amen.“