Bibelarbeit, Die Frauenkirche Dresden, Donnerstag 2 Juni 2011 

Matthaeus 5:1-12

1. Einleitung

Es ist für mich ein Vorrecht, daß ich eingeladen wurde, hier in der Frauenkirche in Dresden diese Bibelarbeit zu machen. Es ist ein Privileg, aber es ist für mich auch eine ziemlich aufwühlende Erfahrung. Ich bin Engländer und ich stehe heute auf der Kanzel einer Kirche, die im Februar 1945 durch die Bomben der Allierten zerstört wurde, aber jetzt wunderschön restauriert worden ist. Damals war die Welt durch Konflikt zerissen; Millionen von Menschen sind ums Leben gekommen. Gewalt, Stolz, Hybris, Verlust und Tod. Trotzdem treffen wir uns nach so vielen Jahren als Geschwister im Namen Jesu Christi. Ja, wir sind uns bewusst, wie schwach wir sind; wir wissen, wie wir Menschen Macht- und Gewaltspiele treiben, wenn wir uns von einander bedroht oder ängstlich fühlen. Es ist gut, daß ich heute als Engländer auf dieser Kanzel stehe und über die fremden Worte von Jesus nachdenke, die er zu einer Zeit sprach, als seine Zuhörer etwas Anderes erwarteten: einen kräftigeren Führungsstil (gegen die militärische römische Besatzungsmacht), ethnische Ermutigung, und eine wohlformulierte Rechtfertigung religiöser und nationalistischer Identität, zum Beispiel.

Später werden wir zu diesen verständlichen Erwartungen zurückkommen. Zuerst aber möchte ich darüber nachdenken, wie die Worte von Jesus damals gehört und verstanden werden sollten.

Ich bin der anglikanische Bischof von Bradford in Nordengland, aber ich stamme ursprünglich aus der großen Stadt Liverpool – Heimat der größten Fussballmannschaft Europas. (Ich bin sowohl Prophet als auch Optimist…) Meine Erfahrung als Jugendlicher zu dieser Zeit in Liverpool war auch irgendwie aufwühlend und in dieser Hinsicht denke ich besonders an zwei bestimmte Eindrücke.

Erstens, als ich geboren war, war der Zweite Weltkrieg nur zwölf Jahre vorbei. Die Stadt hatte immer noch viele Bombenkrater, zerstörte Gebäude und manche Menschen nährten einen tiefen Groll gegen die Deutschen. Das Haus meines Vaters – er war noch ein Kind – wurde bombardiert und er und seine Geschwister wurden evakuiert, weg von ihren Eltern, nach einer kleinen Stadt in Wales. Die Auswirkungen des Krieges ließen viele Narben in der Stadt Liverpool zurück und sie hatten einen großen Einfluss auf das Bewusstsein der Jugendlichen wie mich, die aufwuchsen in der Zeit nach dem Krieg.

Zweitens, meine Familie gehörte zu einer Baptistengemeinde in Anfield, nicht weit von dem heiligen Fussballstadion entfernt. (Dies bedeutete, dass wir Samstag die Fussballmannschaft und Sonntag den heiligen Gott anbeten konnten. Offensichtlich hatte ich damals viel zu lernen…) Diese Baptistenkirche in Anfield hatte viele Nebenräume und an den Wänden dieser Nebenräume hingen viele Bilder – und die meisten Bilder stellten Jesus von Nazareth dar. Kein Problem, sagen Sie vielleicht; aber schon als Kind fing ich an, einige Zweifel an diesen Darstellungen zu haben.

Dieser Jesus sah sehr nordwesteuropäisch aus: er hatte helle Haut, lange blonde Haare, einen gutgetrimmten Bart, und seine Kleidung war immer sauber, weiss und wie das Nachthemd einer schüchternen, spröden und bescheidenen Frau. Er hatte sanfte blaue Augen, schöne weiche Haut, und er schien über dem Boden zu schweben – wie ein unberührter Engel. Oder eine Fee. Er war schön, sanft, kraftlos und sauber… die Art von Kerl, von dem Sie Ihre Kinder weghalten würden. Er sah aus, als ob er aus dem Haus und an die frische Luft gehen sollte, und die Wärme der Sonne auf seine helle Haut scheinen lassen. Er bräuchte einen Herren-Friseur. Er sollte Fussball spielen und Bier trinken. Anders gesagt, dieser Jesus hatte überhaupt keine Ähnlichkeit mit irgendeinem Mann aus Palästina des ersten Jahrhunderts und war nicht erkennbar, wie der Jesus, der in den Evangelien des Neuen Testaments dargestellt ist.

Die Hauptfrage für mich als Jugendlicher in Liverpool in den siebzigen Jahren war also: Was ist mit dem Jesus der Evangelien passiert? Wo ist er eigentlich? Was sagt der Jesus der Kirchenbilder zu meinen Grosseltern, als sie im Mai 1942 in den Ruinen ihres Hauses in Liverpool standen? Oder gar zu den Familien, die Februar 1945 hier in Dresden alles verloren hatten: Familienmitglieder, Haus, Heimat, Hab und Gut – alles in der Hitze des Feuersturms zerschmolzen? Ich denke: Dieser Jesus in diesen Bildern hätte überhaupt nichts zu sagen. Er wäre zu schnell nervös, zu leicht beleidigt, besorgt um seine eigene Reinheit. Dieser Jesus beschäftigt sich nur mit den Menschen, die moralisch sauber sind und sich als harmlos präsentieren. Und mit kleinen Kindern, die ihm nicht und nie widersprechen und nie mit ihm oder miteinander streiten. Aber dieser Jesus existierte nicht; dieser Jesus hätte nicht fünf Minuten in der wirklichen Welt überleben können.

Und mit diesen Gedanken kommen die zwei aufwühlenden Erfahrungen meiner Jugend zusammen. Die wirkliche Welt ist oft ziemlich schmutzig, brutal, gefährdet und ungerecht. Moralische Fragen sind nicht immer einfach zu lösen und das Leben scheint oft zu kompliziert zu sein. Die wirkliche Welt lässt sich nicht in ein Kästchen setzen, wo alles rein und sicher gehalten werden kann. Aber, was im Christentum total überraschend vorkommt, ist der Begriff, dass Gott freiwillig genau in diese Welt hereinkam und sich nicht davon dispensierte. Der wirkliche Jesus wohnte auf dieser Erde, ging zu Fuss auf diesem Boden, atmete diese Luft, und engagierte sich in den Erfahrungen – das heisst, in der menschlichen Existenz – die wir als so schwierig und anspruchsvoll empfinden. Im Gegensatz zu den konfortablen und tröstlichen Darstellungen mancher kirchlichen Bilder finden wir, dass der Jesus der Evangelien – der palästinensische Handwerker – direkt  ins Herz der Finsternis hineinging, um der Welt einen anderen Weg anzubieten – das heisst, eine Alternative zu allem, was wir auf unserem Lebensweg gelernt haben: dass dies nur der Gang der Welt ist… dass es immer so war, dass es immer so ist, dass es immer so bleiben wird.

Deshalb wage ich zu behaupten: Es ist gefährlich, als Erwachsener die Evangelien zu lesen. Unsere Bilder von Jesus werden herausgefordert und unsere Vorurteile über Gott werden erschüttert. Im Brief an die hebräischen Christen schreibt der Autor: „Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“ Ich denke, dass es auch schrecklich ist, die Evangelien zu lesen und Jesus ernst zu nehmen.

Aber, wenn es tatsächlich die Gefahr gibt, dass wir den Jesus der Evangelien neutralisieren oder entkräften – vielleicht weil wir vorhaben, Jesus nach unserem eigenen Bild zu erschaffen – dann gibt es auch eine entsprechende Gefahr, dass wir die Sprüche von Jesus außerhalb irgendeines Kontextes zitieren oder sie für unsere eigenen ideologischen oder rhetorischen Zwecke in Anspruch nehmen. Wir vergessen einfach den großen Zusammenhang, den die Evangelien darstellen – was die Evangelien versuchen, uns zu lehren. Wir sind froh, wenn wir von Jesus das hören, was wir von ihm hören wollen…

Eine echte und ernsthafte Herausforderung für die heutigen Christen lautet: Wie lesen wir die Evangelien wie zum ersten Mal, aber gleichzeitig eine bestimmte Passage im Lichte der ganzen Geschichte? Ich möchte diese Herausforderung durch eine kleine Geschichte illustrieren – eine Geschichte von einer legendären Fledermaus.

Eines Tages kam eine kleine Fledermaus zurück in die Fledermaushöhle geflogen. Sie sah schrecklich aus:  IhrMund und ihre Zähne waren voll Blut. Die anderen Fledermäuse fragten erwartungsvoll: ‚Hast du etwas gefunden?! Zeig uns, wo!‘ ‚Lasst mich in Ruhe, ich habe Kopfschmerzen.‘ Wieder sagen sie: ‚Wo, wo warst du? Was hast du gefunden?‘… Schliesslich sagt die kleine Fledermaus: ,OK, OK, kommt mit.‘ Sie fliegen aus der Höhle, die kleine Fledermaus voran, tausende hinter ihr her. Sie fliegen einen Hügel hinauf, hinunter ins Tal, über den nächsten Hügel, rund um den nächsten Hügel, dann sehen sie einen Wald vor sich. Die Fledermaus stoppt, schwebt in der Luft. Tausende erwartungsvolle Fledermäuse hinter sich. Die kleine Fledermaus sagt: ‚Seht ihr den Wald da?‘ ‚Ja, ja, ja!‘ Seht ihr die Bäume im Vordergrund da unten?‘ ‚Ja, ja, ja!‘ Habt ihr den grossen Baum links vom Wald gesehen?‘ ‚Ja, ja, ja!‘ ‚Ich eben nicht!‘

Verstehen Sie das Problem, das wir vor uns haben? Wir achten auf die Einzelheiten und versäumen den klaren Sinn des Ganzen. Wir sind ein Bißchen wie die Nachfolger Jesu im wunderbaren und sehr lustigen Film von Monty Python, Das Leben des Brian. Jesus steht in der Ferne auf einem kleinen Hügel und lehrt die Menschenmenge, die aus den Dörfern zu ihm gekommen ist, um ihn zu hören. Das Problem besteht aber darin, daß die Menschen, die ganz hinten stehen, ihn nicht klar hören können. Ich muss es erst auf Englisch sagen: “Blessed are the cheesemakers…” “I think he means all manufacturers of dairy produce”. “Selig sind die Käsemacher…” “Aber wahrscheinlich meint er alle, die in der Milchproduktion arbeiten,” erklärt jemand in der Nähe. (Im englischen statt ‘peacemakers’ hat er ‘cheese makers’ gehört.) Aber diese komischen Menschen waren nicht die einzigen, die die Worte Jesu falsch hörten.

Jesus mißverstehen ist kein ungewöhnliches Phänomen.

Aber Jesus wußte auch aus erster Hand, wie einfach – fast normal – es ist, jemanden falsch zu hören oder zu verstehen. Seine Konflikt mit den religiösen Autoritäten fing fast direkt am Anfang seines öffentlichen Dienstes an – und dieser Konflikt ging grundsätzlich darum, daß diese sogenannten Kirchenführer und Bibellehrer die Worte der Bibel bis zu den tiefsten Einzelheiten studierten, aber den Sinn und Geist dieser Worte nicht verstanden. Die Hauptsache war, Gott zu lieben als Antwort auf Gottes Liebe zu uns, und diese Liebe zu Gott zu leben in der Liebe zum Nächsten. Es ging nicht darum, einfach Gesetze zu befolgen, mit dem Ziel, Gott zu gefallen. Es ging eben darum, dass unser Leben eine Antwort ist, auf Gottes Liebe zu uns. Die Hauptsache war unsere Antwort auf Gottes Liebe. Die religiösen Leiter waren Experten darin, die Hauptsache zu verpassen und Weg und Ziel zu verwechseln.

Also, was kann man sagen über die sogenannten Seligpreisungen, die die Bergpredigt eröffnen? Und wie sollen wir diese Texte lesen oder sie hören? Bald werden wir das entdecken.

[MUSICAL INTERLUDE]

2. Wie wir die Evangelien lesen sollen

Wir haben ein Problem damit, wie wir die Bibel lesen in der Kirche. In Gottesdiensten in der Kirche von England haben wir ein oder zwei Bibellesungen: meistens eine aus dem Alten Testament oder aus einer Epistel und eine aus einem Evangelium. Doch diese Texte wurden nicht als kleine Stückchen geschrieben, sondern als wohlkonstruierte Werke geschriebener Kommunikation. Sie entwickeln ein Argument oder erzählen eine Geschichte. Es ist Unsinn, einen Halbsatz aus dem Kontext zu reissen und zu meinen, die Hörer würden das verstehen. Wir würden nicht eine Seite aus Goethes Faust oder Thomas Manns Buddenbrooks lesen, und erwarten, dass es Sinn macht. Trotzdem erwarten wir, dass die Menschen lernen, die Bibel zu lesen, in dem sie jede Woche unzusammenhängende Abschnitte hören – wie wenn einige Takte Mozart hören, jemanden zu einem Mozart-Experten machen würde.

Eines der wichtigsten Elemente in jedem der vier Evangelien ist, was Jesus zuerst sagt. Seine ersten Worte sind wie die Brille, durch die der weitere Text gesehen, gelesen und verstanden werden muss. Zum Beispiel will Markus keinen langen theologischen Prolog (wie Johannes) oder viele Details über die Geburt von Jesus (wie es Matthäus und Lukas haben). Markus will so schnell wie möglich zum öffentlichen Auftritt von Jesus kommen – zur Action sozusagen.

Nachdem er ungeduldig durch Taufe und Versuchung in der Wüste gerast ist, lässt Markus Jesus in seine Heimat zurückkehren und seinen Auftrag beginnen (Markus 1:14-15): “Nachdem aber Johannes überantwortet war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium vom Reich Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllet, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!”

Das heißt, die Zeit auf die Ihr gewartet habt und für die Ihr gebetet habt, ist jetzt gekommen. Die Gegenwart Gottes ist wieder unter euch – dafür habt Ihr gebetet und danach habt Ihr euch gesehnt. Aber wagt Ihr es, die Gegenwart Gottes auf eine ganz neue Art zu sehen –  nicht darin, dass die Römer hinausgeworfen werden, und Ihr Recht erhaltet, sondern darin, dass Gott unter euch ist, sogar während die Römer bleiben, während eure Unterdrückung andauert, während eure Probleme ungelöst bleiben? Könnt Ihr eure Erwartungen loslassen, wie Ihr Gott seht und über ihn denkt? Dann gebt euch dieser guten Nachricht hin – mit Körper, Seele und Geist -, und lebt als ob das Reich Gottes hier wäre – das heisst, dass Gott in Jesus wirklich gegenwärtig ist. Das Reich Gottes ist hier.

Der Rest des Markusevangeliums stellt uns die Frage: Wie würde es aussehen, wenn Gott wirklich in der Person von Jesus gegenwärtig wäre? Was würde passieren? Was würden wir sehen? Oder wagen wir uns nicht, unsere Meinung (oder unsere Theologie) zu ändern? Der Rest der Geschichte zeigt auf, wie es einige Menschen wagten, zu bereuen (und dadurch gesegnet wurden), und wie andere es nicht wagten, zu bereuen (und ihn kreuzigten). Auf diese Weise sollten wir das Markusevangelium lesen: den Rest der Geschichte in Anbetracht dieser beiden Verse und dieser vier Äußerungen: “Die Zeit ist erfüllet, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!”

Das Johannesevangelium funktioniert ähnlich, und doch anders. Johannes entwickelt einen langen theologischen Prolog, und beendet diesen mit folgender Aussage: “Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.” (Johannes 1:14). An diesem Punkt soll der Leser innehalten und sich die offensichtliche Frage stellen:  Was hast du gesehen? Wie hat es ausgesehen? Und der Rest des Johannesevangeliums beantwortet diese Fragen: Was sie sahen, wie das fleischgewordene Wort aussah und tönte, was er tat und sagte… und wie die Menschen auf das, was sie sahen und hörten, reagierten. So sollten wir das Johannesevangelium lesen: den Rest der Erzählung in Anbetracht dieses grundlegenden Verses gegen Ende des Prologs.

Und Mattäus? Nun Matthäus befasst sich mit Details. Wo kommt Jesus her? (Er kommt aus Israel.) Wie ist er hierher gekommen? (Seine Geburt war ungewöhnlich.) Wer hat ihn erkannt? (Überraschenderweise die Ausgegrenzten – wie die Hirten, zum Beispiel.) Ägypten sei ein Land der Sicherheit anstelle von einem Land der Sklaverei oder Unterdrückung. Er zitiert die Propheten und zeigt die Taufe als den neuen Auszug. Genauso wie Israel im Alten Testament verbringt Jesus eine Zeit in der Wüste, wo er herausgefordert wird: Was für ein König bist du wirklich? Wie gehst du eigentlich mit Macht um? Und so weiter. Er verkündet: das Reich Gottes ist unter euch… jetzt. Er wählt seine Freunde aus – diejenigen, die wir beobachten und denen wir folgen müssen während dem Rest der Erzählung, um zu erkennen, wie das Königreich aussehen, tönen und riechen könnte. Dann gelangen wir zu Kapitel 5 – wie Mose zum Sinai. “Kehrt um! Folget mir nach! Das Königreich, das ich verkünde, sieht so aus…! Wagt Ihr es nun aus einem anderen Blickwinkel zu schauen: die falschen Menschen sind gesegnet!”

Und an dieser Stelle müssen wir das Paradoxe verstehen. Die Römer sind immer noch hier, die Kranken sind immer noch krank, die Trauernden leiden immer noch, die Armen sind immer noch arm, die Mächtigen und die Gewalttätigen sind immer die Gewinner – so ist die Welt nun mal.

Ist also Jesus ein Träumer, wenn er die Welt auf den Kopf stellt und behauptet, dass es die falschen Menschen sind, die ‘gesegnet’ sind? Verhöhnt er die Erfahrungen von jenen, die arm sind, leiden, trauern oder immer schlecht wegkommen? Der Rest der Erzählung ist voller Überraschungen, Paradoxien, Herausforderungen und Angriffen. Die Erzählung wirft die Frage auf, wer die Menschen sind, die wirklich ‘gesegnet’ sind – die Reichen, die Schönen, die Mächtigen, die Erfolgreichen (wie es zu Jesu Zeiten angenommen wurde)… oder diejenigen, die ganz unten gehalten werden. Und wenn es tatsächlich jene von ganz unten sind, die ‘gesegnet’ sind, was bedeutet es dann, ‘gesegnet’ zu sein? Und ist es nicht einfach unmenschlich und pervers, jemandem, der alles verloren hat, zu sagen, dass er sich gesegnet fühlen soll?

Und wenn wir uns in diesen Kontext einordnen, können wir uns dann als gesegnet erachten – selbst inmitten von ungelösten Problemen, von Trauer und Schmerz, von Ungerechtigkeit und unverdienten Leiden?

[MUSICAL INTERLUDE]

3. Die Seligpreisungen

Ich glaube, einer der größten Fehler, den wir bei den Seligpreisungen machen, ist, dass wir sie als ethische Ermahnungen verstehen. Was ich damit meine, ist, dass wir einfach den Sinn übersehen, wenn wir denken, dass Jesus seinen öffentlichen Dienst mit einigen ethischen Vorgaben oder Vehaltensnormen beginnt, die wir befolgen sollten. Noch gibt Jesus denjenigen, die im Moment leiden, Hoffnung auf einen späteren Himmel – eine Art Opium für das Volk, wie Karl Marx es ausgedrückt hatte: Ein Trugbild, das uns davon befreit, die Ursachen von Schmerz und Ungerechtigkeit jetzt in Angriff zu nehmen.

Nein. Jesus verkündet, dass in der gleichen Welt, in der Ungerechtigkeit, Schmerz und Leiden immer noch vorherrschen, nun andere Regeln gelten. In der Tat verkündet Jesus wunderbare Neuigkeiten: Das Leben nimmt ein neues Gesicht an, wenn wir es im Lichte von Gottes Wesen und Liebe sehen und leben. Eine neue Welt ist gekommen und Jesus selbst ermöglicht Zugang zu ihr.

Also sagt er zu seinen Freunden (und zu jenen, die um ihn herumstehen und ihm zuhören): In einer Welt, die die Macht und die Durchsetzung von Macht durch Gewalt liebt, sind es tatsächlich die Armen und die Sanftmütigen, die Schwachen und die Verlierer und die Hinterbliebenen, die Gottes Gegenwart und Berührung kennen; in einer Welt, die Jugend und Schönheit, Erfolg und Reichtum verehrt, sind es tatsächlich die Armen und die  Hässlichen und die scheinbar schwachen Versager, die Gott am Nächsten stehen.

Und weshalb sagt dann Jesus so etwas scheinbar Lächerliches? Weil die Welt es falsch verstanden hat: Die Reichen haben alles zu verlieren und werden von der Angst, alles zu verlieren, getrieben… während die Armen nichts zu verlieren haben; die Schönen fürchten, dass ihre Schönheit verblasst… während die Hässlichen wissen, dass sie nichts zu verlieren haben.

Und das ist der Schlüssel zu den Evangelien. Wer sind die Menschen, die ‘umkehren/bereuen’, und Gott, die Welt und sich selbst durch Gottes Augen sehen können? Es sind diejenigen, die ihre Bedürftigkeit kennen; diejenigen, die keine Erinnerung daran benötigen, dass sie versagt haben; diejenigen, die in den Spiegel schauen und wissen, dass sie keinen Anspruch auf Reinheit, Schönheit und Macht erheben können. Und auf der anderen Seite, wer sind die Menschen in den Evangelien, die Jesus abweisen und seine Wege für zu schwierig erachten? Es sind diejenigen, die viel zu verlieren haben: religiöse Reinheit, politische Macht, gesellschaftliche Stellung, Unabhängigkeit… auch ihre Selbstgenügsamkeit und ein grosses Ego.

Durch den Rest des Evangeliums wird Jesus diese Verkündigung machen. Und diese Verkündigung bringt uns immer wieder zu der Frage zurück, mit der Matthäus sich beschäftigt, als er diese Geschichte auf seine typische Art erzählt: wo stehen wir Leser oder Zuhörer in dieser Geschichte? Mit welcher Gruppe? Unter denjenigen, die Jesus verstehen und wissen, wie es jetzt aussieht, wenn man alles und alle durch die Augen Gottes anschaut – oder unter denjenigen, die zu viel zu verlieren haben und deshalb denken, dass es besser wäre, wenn man Jesus los würde? Wir können diese Frage einfach vermeiden, aber sie ist vom Anfang seines öffentlichen Dienstes im Mund Jesu. Wie reagieren wir auf diese Frage: als Menschen, als Kirche, als Gesellschaft?

Klar, wenn das so gelesen wird, sehen wir, dass Jesus die einlädt, die es wagen durch Gottes Augen zu sehen, in der wirklichen Welt zu leben – hier und jetzt, sogar während die brutalen und scheinbar allmächtigen Römer unser Leben beherrschen – nach ganz anderen Werten. Wir werden jetzt leben, als ob das Reich Gottes schon gekommen wäre und Gottes Willen getan wird wie im Himmel, so auf Erden. Wir werden uns weigern zu akzeptieren, dass nur weil die Welt jetzt so ist wie sie ist, wir uns niederlegen müssen und es annehmen.

Wie auch immer, es gibt einen weiteren Punkt, der im Zusammenhang mit den Seligsprechungen beachtet werden muss. Er hat zu tun mit unserem Verständnis und unseren Annahmen über das Wort “Selig”. Es ist schwierig zu übersetzen, sowohl auf Englisch wie auf Deutsch. Makarios ist auf Englisch “blessed” oder  “happy”. Glücklich sind die, welche trauern, zum Beispiel. Beides ist nicht richtig, beide Worte entsprechen nicht dem Wort “makarios”. Die Deutschen Wörter sind “‘selig’, ‘glücklich’ and ‘glückselig’. Es ist gefährlich, mit einer fremden Sprache herumzuspielen, aber diese Wörter treffen es auch nicht richtig. Lassen Sie mich das illustrieren mit einer Beobachtung, die ich vor einigen Monaten in einer – völlig säkularen – BBC-Sendung machte, die von 10 Millionen gehört wurde.

Ich war in Wittenberg an einer Konferenz mit der Meissen Kommission und am Sonntag Morgen besuchten wir einen Gottesdienst in der Schlosskirche. Es war ein wenig ironisch, zwischen den Gräbern von Martin Luther und Philip Melnachthon zu stehen, genau im selben Moment als der Papst in England den Kardinal John Henry Newman selig sprach Der Prediger in der Schlosskirche machte uns aufmerksam auf eine Tramhaltestelle und ich musste lachen, als ich ihren Namen hörte.

Offenbar endet eine Tramlinie in der Stadt Halle an einem Platz, der Frohe Zukunft heisst. Ich habe keine Ahnung, ob das ursprünglich ironisch gemeint war wenn man bedenkt, dass das Leben fast ein halbes Jahrhundert lang unter der Faust der Sowjets nicht wirklich überhaupt irgendeine Zukunft versprach oder ob es auf eine Zeit zurückgeht, als die Zukunft wirklich hell und froh erschien.

Aber was für ein grossartiger Name für das Ende einer Tramlinie. Man kann nicht weitergehen, alles vor dir ist eine glückliche Zukunft. Fantastisch.

Das Problem ist, allerdings, dass die meisten von uns ziemlich zynisch sind wegen solchen Versprechungen. Leute, die grossen Versprechungen glauben, sind in der Regel am Ende schwer enttäuscht. Sogar Lotteriegewinner beklagen sich manchmal, dass etwas von ihrem Selbst verloren ging unter dem Gewicht des neu gefüllten Bankkontos.

Nun, wir müssen nicht traurig werden deswegen wie in dem Lied von Bruce Cockburn wo er singt: “Anything can happen alles kann geschehen Darum ist es wahrscheinlich am Besten, wenn ich nicht aus dem Bett steige am Morgen (Er meint das ironisch!)

Aber  wir müssen realistisch sein. Schliesslich hat der grössereTeil der Weltbevölkerung nicht Zeit oder Raum um darüber nachzudenken was glücklich sein heisst sie sind zu sehr damit beschäftigt, sich und ihre Familien am Leben zu erhalten und mit Nahrung zu versorgen. Was suggeriert dass die Suche nach Glück als Selbstzweck ein Luxus ist für Leute, die sich das leisten können.

Eine der Sachen, die mich immer an der Person Jesus von Nazareth angezogen hat, war, dass er nie jemanden verführt hat, ihm nachzufolgen. Ja, er hat über die Fülle des Lebens gesprochen und was es heisst, frei zu sein, das Leben in Fülle zu leben. Aber das einzige, was er seinen Nachfolgern versprach, war ein Kreuz. Und das Versprechen, dass man Leben und Erfüllung nicht im Anhäufen von Dingen findet, sondern beim Loslassen von Dingen, die uns davon ablenken, was wirklich wichtig ist im Leben.

Das ist keine leichte Botschaft in einer Konsumenten-Kultur. Also müssen wir vielleicht neu definieren, was wir hoffen, wenn wir nach einer glücklichen Zukunft fragen.

Ich hätte dazufügen können: “Oder eine glückliche Gegenwart”. Was Jesus in den Seligpreisungen ankündet, ist dass Menschen, die die Welt durch Gottes Augen sehen – auch wenn es nur unscharf ist – sehen, wie ihr Leben verändert wird. Es geht nicht darum, wie gemütlich sie sich fühlen oder wie sicher sie sich fühlen. Es ist nicht geformt dadurch, wieviel sie besitzen oder wie gross ihr Einkommen ist.

Der Apostel Paulus ist erfasst worden von dieser Art des Sehens, wenn er im Brief an die Christen in Philippi schreibt: “Ich sage das nicht, weil ich etwa Mangel leide. Denn ich habe gelernt, mich in jeder Lage zurechtzufinden: Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung. Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt (4:11-13).

Mit anderen Worten: Er bietet eine veränderte Perspektive an, die unser Sehen, Denken und Leben transformiert, (völlig verändert) – egal wie die genauen Umstände sein mögen, in denen wir leben.

Und das ist die Stelle, an der ich denke, dass wir in der westlichen Welt ein ernstes Problem haben. In einem Sinn ist es zusammengefasst in der amerikanischen Verfasssung, die ohne Argument oder logische Herleitung proklamiert, dass menschliche Wesen (oder, mindestens die Amerikaner!) ein Recht auf Glücklich Werden haben. Wie auch immer, dieses Glück ist nirgends definiert. Aber die allgemeine Annahme ist, das Glück mit einem problemfreien, materiell komfortablen, unabhängigen und stets zufriedenen Leben zu tun hat. Es scheint dumm zu sein, auch nur daran zu denken, den Leuten zu sagen, dass sie dem so verstandenen Glück NICHT nachrennen sollen.

Aber Jesus scheint anders zu denken. Er meint, dass die Suche nach (privatem) Glück eine Illusion ist, die in die Irre führt – eine die mit Garantie  a) die Suchenden wird unzufrieden zurücklassen (es gibt immer noch mehr, das man haben könnte, man könnte immer noch glücklicher sein, usw) und b) nimmt diese Suche deinen Fokus weg von dem Ziel, das du wirklich verfolgen solltest (was etwas zu tun hat mit freigesetzt werden, um die Person zu werden, zu der Gott dich erschaffen hat). Jesus hatte eindeutig keine gewinnende Werbe-Kampagne im Sinn, als er versprach, dass frei sein heisst: Weggeben, Loslassen, unabhängig sein – und lernen, zufrieden zu sein, egal in welchen Umständen im Leben wir uns befinden. Eines der bemerkenswerten Dinge an den Evangelien ist, dass überhaupt jemand Jesus irgendwohin gefolgt ist.

Aber das ist vielleicht genau der Punkt. Wenn Leute, die wenig oder nichts zu verlieren haben, Jesus treffen, waren sie angezogen von dieser Art des Sehens und Denkens und Lebens. Sie verstehen es nicht alles am Anfang ihrer Beziehung mit ihm, – tatsächlich haben manche auch nach der Auferstehung noch grosse Mühe, es zu begreifen, aber Schritt für Schritt merken sie, wie die “Linse hinter den Augen” (durch die sie Gott, die Welt und die Menschen – und sich selbst – sehen) angepasst wird, so dass sie anfangen anders zu denken, zu sehen und zu leben.

Ich denke, dass die Bergpredigt darum mit den Seligpreisungen beginnt. Während die Erzählung von Matthäus weitergeht, werden wir die Armen im Geiste antreffen, die “selig” sind; wir werden die antreffen, die trauern, und Zeugen sein, wie wie gesegnet werden, weil sie dem begegnen, der auferstehen wird und ein neues Licht auf Verlust und Tod werfen wird. Wir werden die Sanftmütigen antreffen und uns wundern, wie sie fest und ruhig bleiben, wenn sie von den Mächtigen konfrontiert werden, die Gewalt ausüben und damit drohen, andere zu kontrollieren, um ihren eigenen Status zu erhalten.

Die Logik dieses Textes ist einfach das: Wir entdecken, wer Jesus ist; wir werden eingeladen, mehr wie er zu werden. Nicht in einem frömmlerischen oder nur spirituellen Sinn, sondern in dem Sinn, dass die, die seinen Namen tragen – die Christen – anfangen, zu sehen und fühlen und hören wie der Jesus, über den wir in den Evangelien lesen.

Wir werden langsam zu Menschen, die “gesegnet” sind, und – wie Abram in Genesis 12 – nur antworten können auf die Grosszügigkeit Gottes, indem wir ein Segen für die Welt werden und sind.

Das ist die Logik, die in den Seligpreisungen steckt. Wir müssen uns nicht “benehmen”, wie es die Seligpreisungen eindringlich beschreiben, die Seligpreisungen sind nicht dafür (als Anleitung zum Handeln) da. Sondern wir leben anders in der wirklichen Welt, in die wir gestellt wurden, und wir spiegeln den Jesus der Evangelien in dieser Welt. So, wenn Leute uns berühren oder sehen oder hören, sollten sie etwas fühlen, etwas aufblitzen sehen (von der Wirklichkeit Gottes), die Stimme von Jesus hören – sogar dann, wenn er sagt, dass die Welt nicht so ist, wie die Welt behauptet sie sei, sondern dass sie jetzt anders ist, weil Er hier ist.

Wir können sehen, schliesslich, dass dies keine Predigt im herkömmlichen Sinne ist. Es ist eine ausdrückliche Einladung, von einer neuen Sicht bestimmt zu werden – eine Sicht, die uns verändert mitten in unserer Umgebung und uns frei macht. Die Römer bleiben (mindestens für den Augenblick), die Unterdrückung dauert an; aber Gottes Gegenwart kann nicht einfach mit der Lösung all unserer Probleme verbunden werden, sondern mit dem verändernden Leben Gottes mitten in diesen Problemen. Wie wir am Anfang gesehen haben, geht Gott in die Welt hinein und in alles, was die Welt ihm anwirft. Er nimmt sich selbst nicht daraus heraus oder gibt sich spezielle Privilegien.

Nun, das kann auf vielerlei Weise angewandt werden. Ich könnte darüber sprechen, wie wir Christen in einer ökonomischen Rezession leben sollten und wie wir selbst Christus sein sollten für die, deren Leben härter geworden ist. Aber ich brauche das nicht alles auszubuchstabieren. Jesus überliess es seinen Zuhörern, die Konsequenzen aus seinen Worten herauszufinden und ich werde das auch tun!

Die Pointe des Ganzen ist einfach: Wenn wir gesegnet worden sind durch unsere transformierende (verändernde) Begegnung mit Jesus Christus, dann müssen wir ein Segen sein für die Armen, die Sanftmütigen, die Trauernden – und so weiter. Die neue Art zu sehen bringt eine Verpflichtung mit sich – eine Mission (einen Auftrag), – wir können nicht davor fliehen. Es ist keine Einladung zur Selbstverwirklichung oder zum persönlichen Glück; es ist keine Einladung wegzugehen in eine introvertierte Welt privater Frömmigkeit oder befriedigenden Spiritualität, es ist keine Einladung, aus der Welt zu fliehen.

Es ist vielmehr eine Einladung, in die Welt hineinzugehen, wie es Jesus tat und anzunehmen, was immer auf uns zukommt, wenn wir die Annahmen der Welt, was und wer wichtig ist, hinterfragen. Das ist genau das, was Paulus im Auge hatte, als er den Christen in Rom schrieb:  “Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber begebet zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei, welches sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellet euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes, auf daß ihr prüfen möget, welches da sei der gute, wohlgefällige und vollkommene Gotteswille (12:1,2).”

Jesus ging auf einen Berg, setzte sich und fing an, seine Freunde zu lehren. Jesus ging auf mehrere Berge während der kurzen Zeit seines Dienstes. Die Leute, die mit ihm waren, wollten meistens dort oben bleiben, den Ruhm geniessen und das Ganze zu einer spirituellen Erfahrung machen. Jesus nötigte sie immer, mit diesem Unsinn aufzuhören, vom Berg herunterzusteigen und sich in das wirkliche Leben hineinzuwerfen – im Lichte der Erfahrung, die sie gemacht hatten (aber die man nicht konservieren kann).

Ich denke, dass der selbe Jesus uns einlädt, auf ihn zu hören, mit ihm zu sein, etwas davon zu erkennen, wie die Dinge in seinen Augen aussehen… Und dann weiterfahren, in der wirklichen Welt zu leben… ohne Rücksicht auf die Kosten.

“Ihr seid das Salz der Erde. Wo nun das Salz dumm wird, womit soll man’s salzen? Es ist hinfort zu nichts nütze, denn das man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es denn allen, die im Hause sind. Also laßt euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.”