Predigt in der Berliner Dom (26 September 2009)

Johannesevangelium 11

Jesus rief mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!

In den letzten zwei Wochen habe ich in zwei verschiedenen Welten gelebt. Die erste Welt war Rom. Ich verbrachte vier Tage bei einer Kommunikationskonferenz im Vatikan und besuchte den Petersdom. Als wir vor dem Dom standen, sagte ein katholischer Freund von mir: ,Das ist der Grund für die Reformation.‘ Und die Zweite Welt?

In den letzten Tagen war ich als Gast der EKD bei der Zukunftswerkstatt in Kassel. Die Konferenz heisst Kirche im Aufbruch und vertritt die neueste Phase des Reformprozesses der deutschen evangelischen Kirche. Es scheint mir, dass die Evangelische Kirche die Herausforderung ernst nimmt, sich zu reformieren – umzugestalten – auf dem Wege zum Lutherjahr 2017. (Im Jahre 2017 werden wir den fünfhundertsten Jahrestag des Reformationsanfangs in Wittenberg feiern.) Deswegen ist es für mich eine grosse Ehre, am letzten Tag dieser Reformationskonferenz in Berlin dabei zu sein, während solche gelehrten Fachleute die sogenannten Sister Reformations in Deutschland und England betrachten und diskutieren.

Und es ist mir ein grosses Privileg, hier als anglikanischer Bischof und englischer Co-Vorsitzender der Meissen Kommission die Predigt zu halten. Die Meissen Kommission, die in der letzten Woche in England tagte, versucht die zwei Kirchen immer näher zueinander zu bringen. Und meiner Meinung nach ist diese Arbeit wichtig nicht nur für die Kirchen, sondern auch für unsere Gesellschaften in Europa.

Es tut mir wirklich leid, dass ich für die gesamte Konferenz hier in Berlin nicht dabei sein konnte. Ich bin kein Experte in Sachen Reformationsgeschichte und hätte gerne die Vorträge während der Konferenz gehört. Aber trotzdem gehören Kassel und Berlin zusammen in dem Sinn, dass sie von einer einzigen Idee verbunden sind: nämlich, dass die Kirche immer wieder reformiert werden muss – semper reformanda.

In jeder Generation müssen sich Christen einige schwierigen Fragen stellen: was ist die Kirche eigentlich und für wen existiert die Kirche? Die Welt ändert sich ständig und so muss sich die Kirche umgestalten, um die Kirche Jesu Christi für diese Generation und für diese Welt zu bleiben und zu werden. Warum ist dies so? Weil die Kirche nur existiert, um der Welt zu dienen. Die Kirche existiert nicht im Interesse der Kirche selbst, sondern im Interesse der Welt, die von Gott geschaffen, geliebt und erlöst wird.

Die Reformation des sechzehnten Jahrhunderts und der Reformprozess der EKD sind sich darin einig, dass die Kirche sich reformieren muss, um ihre Aufgabe in jeder Generation treu und ehrlich zu erfüllen.

Aber was haben diese Reformationsgedanken mit unserem Predigttext zu tun? Das ist eine gute Frage und ich werde jetzt versuchen, eine gute Antwort dazu zu geben. Allermindestens können wir sagen, dass die Auferweckung des Lazarus uns in diesen Tagen der Herausforderung und des Reformationsbedürfnisses etwas wichtiges zu sagen hat.

Das elfte Kapitel des Johannesevangeliums steht an einem Wendepunkt in der Geschichte Jesu. Und dieses Kapitel hat nicht primär mit Lazarus zu tun, sondern mit Jesus und seiner Identität. Hier lernen wir etwas von Jesus und wie seine Anwesenheit in den dunklen Stunden und Räumen unserer Welt eine lebendige Änderung hervorbringen kann – also, die Dunkelheit erhellen. Oder, besser gesagt, er ändert uns innerhalb unserer Situation. Um Kapitel elf zu verstehen, müssen wir mit Kapitel eins anfangen.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht begriffen.

Dann lesen wir folgendes: ‘das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit‘. Nun sollten wir innehalten und uns fragen: Was hast du gesehen, Johannes? Wie sah eigentlich diese Herrlichkeit aus? Und der Rest des Evangeliums illustriert was ‚wir sahen‘ und wie diese Herrlichkeit aussah … in dem Leben, in den Worten und in den Taten des Jesus von Nazareth.

Im Markusevangelium sehen wir eine ähnliche Einleitung – die ebenfalls nach einer Frage verlangt:

Nachdem aber Johannes überantwortet war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium vom Reich Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllet, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!

Die Frage ist: wie würde es aussehen, wenn die Menschen wirklich Busse tun würden (das heisst, die Art wie sie die Welt und Gott betrachten) und wirklich glauben, dass Gott in Jesus gegenwärtig ist – auch wenn die Römer im Land bleiben und das Leben hart bleibt? Denn bisher konnten sie die Gegenwart Gottes nur dann wahrnehmen, wenn die Römer das Land verlassen würden und das Land ihnen wieder gehören würde.

Also handelt diese Geschichte von Lazarus nicht von Lazarus, sondern handelt sie von Jesus, der das Bild Gottes ist und das Wort das Fleisch wurde. Seine Gegenwart und seine Worte transformieren diesen Ort des Todes in einen verwirrenden Ort der Auferstehung und des neuen Lebens. Aber diese bemerkenswerte Ereignis sagt uns drei Dinge über den Dienst Jesu und die Berufung der Kirche.

Bevor wir auf sie eingehen, sollten wir die Logik wahrnehmen, die beide – Johannes und Markus – in ihrem Evangelium voraussetzen. Lassen Sie es mich so sagen: Die Frage, die wir an die Bibel heranfragen ist: Wie sieht Gott aus? Und die Antwort ist: Gott sieht aus wie Jesus! Also, wie sieht Jesus aus? Und die Antwort ist: lest die Evangelien und schaut uns (die Kirche) an. Die Tatsache ist, die Kirche sollte so aussehen, wie der Jesus über den wir in den Evangelien lesen. Daher sollten Menschen, die die Kirche hören, sehen oder berühren, etwas von dem Jesus hören, sehen oder berühren, von dem wir in den Evangelien lesen. Und wenn die Kirche nicht aussieht, nicht klingt und sich nicht anfühlt wie der Jesus von dem wir in den Evangelien lesen, dann haben wir unseren Weg verloren – und wir sind unecht … wir leben eine Lüge.

Also, wenden wir uns nun den drei Dingen über Jesus und seinen Dienst zu, und fragen wir, was sie der Kirche heute zu sagen haben.

Erstens, Jesus ist aufmerksam gegenüber der Trauer der Welt. Er muss sich entscheiden, er verzögert seine Reise nach Bethanien, um seinen kranken Freund zu besuchen. Als er dort ankommt, ist sein Freund bereits tot.  Eine der Schwestern, Martha, rennt ihm auf der Strasse entgegen und klagt ihn an, dass er hat Lazarus sterben lassen. Und Jesus führt eine theologische Diskussion mit ihr über die Auferstehung.

Maria jedoch bleibt zu Hause. Sie trauert auf eine anderer Weise. Und als Jesus zu ihr kommt, hält sie die gleiche Anklage: HERR, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben! Aber Jesus diskutiert mit Maria keine Theologie, sondern geht mit ihr zu dem Grab und weint.

Die Berufung einer Kirche, die aussieht wie Jesus, ist es, mitten in die Trauer und Verwirrung der Menschen hineinzugehen – dort, wo der Tod real ist und der Verlust wirklich schmerzhaft. Wir müssen eine Kirche sein, die beides kann: zu wissen, wie man Theologie treibt und ohne Worte zu weinen – und die weiss, welches von beidem wann angemessen ist.

Dies gibt auch jedem von uns eine Verantwortung. Wenn sich Jesus Einzelnen in je einmaliger und angemessener Weise nähert, dann auch ruft er die Einzelnen damit und erwartet eine Antwort. Und dieses ist sicher eine der Wiederentdeckungen der Reformation Luthers. Also, lassen Sie mich eine kurze Geschichte erzählen, um dieses zu verdeutlichen.

Mike Yaconelli war ein amerikanischer Pastor und Jugendarbeiter. Er starb vor einigen Jahren bei einem Autounfall. Yaconelli hatte immer die Empfindung, dass er ein hoffnungsloser Christ und ein miserabler Pastor wäre. Bevor er starb (offensichtlich…) schrieb er ein Buch, in dem er erklärte, warum alle anderen Pastoren, die er traf, so perfekt erschienen: Sie kannten ihre Theologie und ihre Kinder waren wohl erzogene kleine Christen. Im Vergleich dazu empfand sich Yaconelli als Fehlschlag. In diesem Buch – es heißt Messy Spirituality – erzählt er, dass er einen Traum hatte, der immer wiederkehrte.

In diesem Traum sitzt er auf dem Boden in einem großen Raum mit vielen anderen Menschen. Sie reden miteinander, als plötzlich Jesus herein kommt. Er redet einen Moment mit ihnen und blickt dann Yaconelli direkt in die Augen. „Komm, folge mir nach!“, sagt Jesus. Und Yaconelli, mit Stolz gefüllter Brust, dass Jesus ihn berufen hat, steht auf, bereit, Jesus überall hin zu folgen. Dann dreht sich Jesus um und sagt: „Oh, entschuldige, ich meinte den da hinter dir.“ Jesus macht so etwas nicht. Wir sind alle berufen. Und wenn wir kritisch gegenüber „der Kirche“ sind, müssen wir uns vor Augen führen, dass wir uns selbst gegenüber kritisch sind. „Ich“ bin „die Kirche“ und muss meine Verantwortung übernehmen, „Jesus zu sein“, dort, wo ich stehe. Luther verstand diesen Punkt sehr gut.

Zweitens, Jesus erkennt die Macht von Tod und Trauer, aber er erlaubt dem Tod nicht, das letzte Wort zu haben. Wir leben in einer Welt – und Jesus lebte auch in einer harten Welt – in der viele glauben, Macht und Gewalt und Tod und Zerstörung hätten das letzte Wort. Dies ist eine Welt, in der ein Mensch, der an einem Kreuz hängt, besiegt, schwach und machtlos scheint. Aber Gott wird der Gewalt der Welt nicht erlauben, das letzte Wort zu haben. Das Wort, das Fleisch wurde, hat das letzte Wort. Und dieses Wort lautet: „Auferstehung“.

Also, die Berufung der Kirche muss es sein, dieses Herz des Schmerzes der Welt zu betreten, aber um die Verheißung neuen Lebens zu bringen. In der Tat ist dies die Tradition der Propheten in der ganzen Bibel. Sie sind die Menschen, die sich eine neue Welt vorstellen, die die Lieder der Heimat lebendig halten, wenn das Volk im Exil gefangen ist – ein Exil, das ihren Glauben zum Gespött zu machen scheint. Sie sind die Menschen, die durch Gottes Augen sehen und die sehen, was Walter Brueggemann nannte „Neuwerden nach Verlust“.

In der Tat ist die Kirche aufgerufen, das Urteil der Welt abzulehnen und den bloßen Augenschein zurückzuweisen und einer Gesellschaft, die sich daran gewöhnt hat, nur Traurigkeit zu hören, Lieder der Hoffnung zu singen.

Drittens ist es nicht die Theologie, die den Unterschied macht; es ist die Gegenwart und das Handeln und die Worte Jesu, die neues Leben bringen. Es ist einfach zu denken, dass wir nur unsere religiösen Formulierungen richtig wählen müssten, damit Gott handeln würde und alles in Ordnung kommen würde. Wir mögen unsere religiösen Gewohnheiten und wir mögen es zu versuchen, Gott nur in bestimmten Wegen handeln zu lassen. Aber die Kirche muss wahrnehmen, dass die Kirche von Jesus selbst inspiriert und bewohnt sein muss, wenn die Kirche Trägerin von Veränderung und von Leben und von Hoffnung in einer dunklen Welt sein will.

Ich habe nun häufig von „der Kirche“ gesprochen. Ich meine nicht einfach die Church of England oder einfach die Evangelische Kirche in Deutschland. Oder eine vage Idee von „Kirche im Allgemeinen“. Wenn ich von „der Kirche“ spreche, meine ich uns alle gemeinsam. Das Europa, in dem wir heute leben, zeigt uns viele Herausforderungen und Möglichkeiten, Leben in eine anspruchsvolle Kultur zu bringen. Aber keine Kirche kann dies alleine. Wir brauchen einander und wir sind unvollständig ohne einander. Keine Kirche kann ihre Berufung erfüllen ohne das Vorbild und die Zusammenarbeit mit den anderen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland und die Church of England sind dem gemeinsamen Auftrag verpflichtet, Licht in die Dunkelheit des Europas zu tragen, in dem wir leben. Wir haben unsere Schwächen und Unvollkommenheiten, aber wir arbeiten dennoch daran weiter. Und wenn wir irgendetwas aus dem Ruhm und aus dem Horror der Reformationen des 16. Jahrhunderts lernen können, ist es vielleicht einfach, dass wir bei aller Leidenschaft und Treue zu Gottes Berufung die Demut brauchen, zu wissen, dass nur die Gegenwart Jesu selbst die Kirche aussehen lassen kann wie Jesus.

Diesen Monat erinnern wir nicht nur den Reformationen in Europa, sondern auch den siebzigsten Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs. Vor 70 Jahren hätten wir nicht als Freunde hier zusammen sitzen können. Es ist bemerkenswert dass, nach den Katastrophen des Krieges waren die Kirchen fähig, Träger von Versöhnung, Vergebung und Hoffnung zu werden. Sie haben sich der Tatsache des Versagens gestellt und wurden dadurch fähig, Fürsprecher von Licht und Hoffnung für eine neue Zukunft jenseits der Zerstörung zu werden.

Vielleicht ist dies die gemeinsame Aufgabe von Christen aus England und Deutschland: Die Bibel ernst zu nehmen und zu lernen den Mut zu haben, am Ort des Todes zu stehen und zu schreien: Lazarus, komm heraus!