Ökumenischer Gottesdienst zur Semestereröffnung 2013/14, Friedrich-Schiller-Universität Jena

15 Oktober 2013

Markus 1:14-20

Einer der lustigsten Menschen, die ich je getroffen habe, war der Amerikaner Mike Yaconelli. Er ist bei einem Autounfall vor einigen Jahren ums Leben gekommen – was natürlich überhaupt nicht lustig ist. Er war Jugenddiakon und Pastor, und er hat immer darüber gelacht, dass all seine Pastorenkollegen solch selbstbewusste, theologisch beständige, wissenschaftlich hochqualifizierte Männer waren (ja: es waren alles Männer), deren Kinder gut erzogen und sehr christlich waren. Er, auf der anderen Seite, war immer unsicher, er wechselte seine theologischen Überzeugungen praktisch stündlich und fühlte sich immer klein und unscheinbar den geistlichen Riesen in seiner Umgebung gegenüber. Seine Kinder beschrieb er übrigens immer sehr wenig schmeichelhaft.

Er schrieb also ein Buch für Menschen wie ihn selbst und nannte es “Messy Spirituality” – die deutsche Ausgabe heißt „Gott liebt Chaoten“. Am Anfang des Buches beschreibt er einen immer wiederkehrenden Traum, in dem er mit einer Gruppe von Leuten in einem Raum auf dem Boden sitzt. Da kommt Jesus herein und redet eine Weile mit ihnen. Plötzlich steht er auf, schaut Yaconelli in die Augen, zeigt auf ihn und sagt: „Komm und folge mir nach.“ Yaconelli kann es kaum glauben. Sein Herz schlägt voller Stolz, er hat Tränen in den Augen und er steht auf, ganz bereit, Jesus zu folgen, egal wohin. Da dreht sich Jesus um, schaut an ihm vorbei und sagt: „Oh, tut mir leid, ich meinte nicht dich, ich meinte den dort hinter dir.“

Ich glaube, vielen von uns geht es so: Tief in unseren Herzen fürchten wir, dass die Einladung von Jesus nur den anderen Menschen gilt – besonders denjenigen, die ein beständigeres Leben führen, deren Theologie gut geordnet und ausgearbeitet ist oder die das Leben ganz unkompliziert finden. Aber die Evangelien bezeugen etwas anderes. Jesus lädt, ganz klar und ganz bewusst, Menschen wie dich und mich ein.

Natürlich ist es einfacher, die Herausforderung seiner Einladung zu umgehen, indem man denkt, diese Einladung gilt nur anderen Menschen. Sie zu hören als Einladung an mich selbst ist gleichzeitig ermutigend und erschreckend.

In seiner ersten öffentlichen Äußerung im Lukas-Evangelium, die auch als „das Lukanische Manifest“ in Kapitel 4 bekannt ist, wo er aus Jesaja zitiert, verkündet er „frohe Botschaft den Armen“. Wenn man einen Moment darüber nachdenkt, kommt man allerdings zu dem Schluss, dass frohe Botschaft für die Armen eine schlechte Nachricht für die Reichen sein könnte. Wenn „die Unterdrückten frei und ledig“ sein sollen, dann ist es naheliegend anzunehmen, dass die Unterdrücker nicht sehr begeistert sein werden. In seiner Einladung an die ersten Jünger ihm nachzufolgen ist es jedenfalls ein und dieselbe Person, die sowohl ermutigt wie erschreckt wird – eine frohe Botschaft zu hören, die zugleich eine schlechte Nachricht ist.

Ich werde das anhand unserer Lesung aus dem ersten Kapitel des Markus-Evangeliums erklären.

Jesus ist getauft und danach in die Wüste geführt worden, damit er sich klar werden konnte – gleich am Anfang seines öffentlichen Wirkens – welche Art von „Herr“ oder „König“ er sein will. Es ist ja schön und gut fromme Erklärungen abzugeben, aber was ist, wenn der Druck steigt? Wird er die Abkürzung zur Herrlichkeit wählen und sich selbst in Sicherheit bringen? Ist er wirklich darauf vorbereitet, seine Mission bis zum Schluss, bis zur Verlassenheit und Demütigung am Kreuz durchzuziehen und Selbsterfüllung und Zufriedenheit zurückzustellen?

Nachdem er diese Erfahrung der inneren Einkehr und Selbstprüfung überstanden hat, kehrt Jesus in seine Heimatregion in Galiläa zurück und verkündet das Evangelium – die gute Nachricht von Gott: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!”

Großartig! Wunderbar! … Oder? Was bedeutet das eigentlich?

Vielleicht hilft es uns, aus einem anderen Blickwinkel zu schauen und eine andere Frage zu stellen: Was hätte denn wohl wie eine gute Nachricht geklungen für die Menschen in Galiläa zur Zeit Jesu‘? Ich glaube, die Antwort ist ziemlich einfach: „Die Römer ziehen ab.“

Da ist ein Volk, dessen Land seit Hunderten von Jahren von heidnischen Götzendienern besetzt ist, die die Einheimischen demütigen, obwohl deren Gott – und das ist eher peinlich – doch der Schöpfer und Erhalter des Alls sein soll. Und doch finden sie und ihr Gott sich hier unter dem Joch des mächtigen Römischen Reiches. Gute Nachricht für die Juden wäre also schlicht und einfach: Die Römer ziehen ab, wir bekommen unser Land zurück, wir werden frei sein zu leben und Gottesdienst zu halten, so wie Gott es von uns erwartet und wir müssen nicht länger in unseren Taschen die Münzen tragen, auf denen der Kopf des Kaisers zu sehen ist mit der Inschrift „Kaiser und Sohn Gottes“. Die Vertreibung oder der Abzug der Römer wird das Zeichen sein, dass Gott wieder mit uns ist.

Wenn also Jesus von “guten Nachrichten” spricht, werden die Menschen, die ihn hören, Ausschau halten danach ob die Römer abziehen. Sie gehen davon aus, dass Gott nicht bei ihnen sein kann – d.h. sein Reich kann nicht nahe sein – solange die unreinen, heidnischen römischen Imperialisten noch da sind. Die Jüdischen Schriften haben es klar gemacht: Das Heilige darf nicht durch das Unheilige verunreinigt werden.

Jetzt sind wir in der Lage zu verstehen, was Jesus in Markus Bericht vorhat. Jesus‘ grundlegende Botschaft ist in diesen vier Aussagen zusammengefasst: „Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen. Tut Buße und glaubt an die gute Nachricht.“

“Die Zeit ist erfüllt.” Die Zeit, auf die ihr gewartet und gehofft, für die ihr gebetet habt, ist jetzt gekommen. Dies ist der ‚Kairos‘-Moment – die Zeit, die Gott gewählt hat, um alles zurecht zu bringen.

Aber warum sind die Römer dann noch hier? Es gibt kein Anzeichen, dass sie abziehen würden… oder dass eine ordentliche Rebellion losbricht.

“Das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen.” Die Gegenwart Gottes ist wieder unter uns und Gottes Herrschaft bricht an.

Wenn das so ist, warum sind die Römer dann immer noch hier? Der heilige Gott kann nicht nahe herbei kommen, wenn unheilige Imperialisten immer noch unser Land und unsere Gottesdienststätten besetzen. Ist das hier irgendeine Art von schlechtem Scherz?

“Tut Buße!” Am Oxford Circus in London steht regelmäßig ein Mann, der die Passanten anschreit, sie „sollten Buße tun, denn das Ende ist nahe“. Seiner Meinung nach bedeutet „Buße tun“ offensichtlich, dass wir voll elendem Bewusstsein unserer Sünden und unserer Hoffnungslosigkeit herumkriechen sollten – aber so ist es nicht. „Buße tun“ kommt vom griechischen Wort ‚metanoia‘ und das heißt wörtlich „umkehren, umdrehen, seine Meinung ändern“. Mit anderen Worten, umdrehen und die Perspektive ändern, mit der wir auf Gott schauen, auf die Welt und auf uns selbst… damit wir Gott, die Welt und uns selbst anders wahrnehmen können… damit wir die Art ändern können, wie wir über Gott, die Welt und uns selbst denken… damit wir die Art ändern können, wie wir in der Welt und mit Gott leben.

Mit anderen Worten: Denken wir wirklich, dass Gott nur dann gegenwärtig ist, wenn Gott auf unserer Seite zu sein scheint, wenn alles glatt geht und ganz eindeutig, klar und sauber ist? Kann Gott wirklich erst dann gegenwärtig sein, wenn all der schmutzige oder unordentliche Kram in unserem Leben aufgeräumt und fort ist? Macht sich Gott wirklich größere Sorgen darum, von den schlechten Dingen angesteckt oder verunreinigt zu werden als vielmehr selbst die schlechten Dinge mit Gutem zu durchdringen – Gnade, Großzügigkeit, Heilung, Liebe und Vergebung?

Dann, schließlich: “Glaubt an die gute Nachricht.” Glauben bedeutet nicht einfach intellektuelle Zustimmung zu einem Bündel von Annahmen über Gott, die Welt und uns selbst. Vielmehr bedeutet es – in einem jüdischen Sinn – sich mit Haut und Haar einer Sache zu widmen, einer Sache, die wir jetzt anders wahrnehmen und sehen, über die wir anders denken und die uns anders leben lässt. Buße oder Umkehr ist nicht einfach ein religiöses Gefühl, es ist eine Berufung, eine Herausforderung, eine Einladung zu einer Reise, die all unsere Annahmen, Vorurteile, unser Wissen, unsere Werte, unsere Hoffnungen und Ängste, unsere Erwartungen, unsere Beziehungen, unseren Lebensstil und unseren Charakter in Frage stellen wird.

Und Umkehr fängt dort an, wo wir eine leise Ahnung von der Möglichkeit bekommen, dass Gnade nicht auf Heiligkeit wartet/dass Gnade nicht von der Heiligkeit des zu Begnadigenden abhängt. Gnade eröffnet vielmehr die Möglichkeit, dass Menschen heilig werden, die sich keiner Illusionen über ihre Unzulänglichkeit oder Bedürftigkeit hingeben.

Als Jesus an den See Genezareth kommt und Simon und Andreas einlädt: „Kommt, folgt mir nach,“ da ruft er sie zu viel mehr als zu einer magischen Mystery-Tour oder einer interessanten religiösen Pilgerfahrt. Sie wissen nicht, worauf sie sich einlassen… und Jesus – klugerweise – sagt es ihnen nicht. Er unterzieht sie auch keiner Prüfung um zu testen, ob ihre Theologie schlüssig und informiert genug ist oder ihre Ethik rein genug, bevor ihnen erlaubt wird, mit ihm zu gehen. Sie werden eingeladen, mit ihm zu gehen… und zu sehen, was auf dem Weg passieren wird. Wichtig ist, dass sie neugierig genug sein müssen, um ihre gewohnte Routine zu verlassen und ins Unbekannte aufzubrechen.

Ich weiß nicht, was euch das sagt. Für mich ist es eine deutliche Erinnerung an Folgendes: Jesus zu folgen ist eine Reise der Veränderung, kein einmaliges Ereignis. Konversion ist ein Prozess und nicht eine einmalige Entscheidung. Aber es ist genauso wichtig, dass wir die Reise (an einem Punkt tatsächlich) beginnen, den Strand und die Netze verlassen, und aufbrechen in eine ungewisse Welt jenseits dessen, was uns vertraut und lieb und bequem ist. Jesus nachzufolgen ist einzigartig wundervoll und herausfordernd, aber es umfasst das ganze Leben und nicht nur die religösen Krümel davon. Theologie handelt vom Leben, nicht von Religion, Frömmigkeit oder bloße Spiritualität.

Der Rest von Markus’ Evangelium buchstabiert das durch, was es bedeutet umzukehren. Wir treffen Menschen, die es wagen, die Art zu ändern, wie sie sehen und denken und leben. Und wir treffen Menschen, die das nicht wagen. Die Ironie daran ist, dass diejenigen, die sich nach dem Kommen Gottes gesehnt und die darum gebeten haben, diejenigen sind, die es nicht schaffen, sich zu ändern – und sie sind es am Schluss, die Jesus kreuzigen. Diejenigen, die es wagen umzukehren, sind die überraschenden Leute – die ‚Unreinen‘: Frauen, Behinderte, Außenseiter. Wir sollen schockiert sein, wenn wir die Evangelien lesen und entdecken, dass all die falschen Leute Jesus auf ihrer Seite finden und dass er sie einlädt, mit ihm zu gehen.

Man könnte noch viel mehr darüber sagen. Wir könnten zum Beispiel darüber nachdenken, dass die christliche Kirche nicht einheitlich, sondern einig sein soll: Jesus beruft eine bizarre Mischung von Jüngern und erwartet von ihnen, dass sie ihm gemeinsam folgen. Das ist nicht leicht. Aber das ist genau der Punkt: Umkehr umfasst nicht nur das Individuum, sondern all diejenigen, die mit Jesus auf dem Weg sind.

Und vermutlich ist das Schwierigste für uns alle zu begreifen, dass Jesus, anders als in Mike Yaconelli’s wiederkehrendem Traum, nie die Person hinter uns anschaut – er schaut ganz direkt uns selbst an und lädt uns ein, die Neugier und die Fantasie zu haben, aufzustehen und ihm zu folgen, gemeinsam mit einer wilden Mischung aus Heiligen und Sündern, die wir “die Kirche” nennen.

Langweilig wird das bestimmt nie.