Semestereröffnung an der Friedrich Schiller Universität, Jena: Vortrag von Bishof Nicholas Baines

15 Oktober 2013

Die Kirche gestalten in einer sich wandelnden Welt – Was für Pfarrer braucht diese Zeit?

Am Anfang von Schillers “Don Carlos” sagt Königin Elisabeth zum Marquis: “Hier zeige ich ihnen meine Welt.” Es ist verlockend für mich, diesen Vortrag ebenso zu beginnen: Lassen Sie mich ihnen meine Welt zeigen. Denn trotz der Ähnlichkeiten zwischen England und Deutschland, trotz unserer gemeinsamen Geschichte in Europa und den vielen kulturellen Gemeinsamkeiten, die wir teilen, sind unsere Welten doch in vielem grundsätzlich verschieden.

Zum Beispiel lebe ich auf einer kleinen Insel, der einst die halbe Welt gehörte. Jedermann spricht Englisch; die Engländer sprechen ausschließlich Englisch. Die Kirche von England ist eine „reformiert-katholische“ Kirche – ein Konzept, das schwierig zu erklären ist in einem europäischen Kontext, in dem man entweder protestantisch oder katholisch ist. Deutschland hat ein Grundgesetz – eine schriftlich niedergelegte Verfassung – England hingegen nicht. Und Deutschland weiß, wie man Elfmeter verwandelt….

Der bewundernswerte frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt hat im Alter von 91 Jahren ein faszinierendes Buch mit dem Titel “Außer Dienst” geschrieben, in dem er viele der Erfahrungen festhält, die er im Laufe seines Lebens gesammelt hat. Er hat auch einen Ratschlag für diejenigen, die für den Deutschen Bundestag kandidieren wollen. Für englische Ohren, die dem Erlernen von Fremdsprachen eher skeptisch gegenüber stehen, klingt das sehr herausfordernd, was er sagt: „Wenn Sie nicht mindestens zwei Fremdsprachen einigermaßen sicher beherrschen, sollten Sie nicht mal darüber nachdenken, in die Politik zu gehen. Warum? Weil man seine eigene Kultur nicht verstehen kann, wenn man nicht in der Lage ist, durch die Brille einer anderen Kultur darauf zu schauen. Und um das zu tun, muss man eine fremde Sprache verstehen.“

Nun, ich stamme ursprünglich aus Liverpool, wo wir eine besondere ‚Fremdsprache’ sprechen. Wir Engländer haben schon mit unserer eigenen Sprache zu kämpfen – ganz zu schweigen von anderen Fremdsprachen. Aber der Blick von außerhalb unserer selbst ist notwendig, wenn wir wirklich erkennen wollen wer wir sind und warum wir so sind wie wir sind.

Vor kurzem war ich Gastgeber einer viertägigen Konferenz der Meissen Kommission in meiner Heimatstadt Bradford. Die Meissen Kommission koordiniert die Zusammenarbeit der Kirche von England und der Evangelischen Kirche in Deutschland; wir treffen uns jedes Jahr im September, immer abwechselnd in England und in Deutschland. Letztes Jahr waren wir in Eisenach. Bradford in diesem Jahr war ein Schock, nicht nur für die Deutschen, sondern auch für diejenigen Briten, die noch nie so weit in den Norden hinauf gekommen waren. Und warum?

In dem Stadtteil von Bradford, in dem ich lebe – Heaton – sind rund 70 Prozent der Einwohner pakistanische Muslime. 95 Prozent dieser Muslime kommen aus derselben ländlichen Gegend im pakistanischen Teil Kaschmirs. Unsere Nachbargemeinde Manningham ist zu 82 Prozent asiatisch-muslimisch. Es gab dort früher fünf anglikanische Kirchengemeinden, heute ist es nur noch eine. Im Innenstadtring von Bradford gab es bis vor kurzem nur einen einzigen christlichen Gottesdienstort – die anglikanische Kathedrale. Moscheen gibt es in der Stadt insgesamt 86. Wirtschaftlich geht es der Stadt nicht gut, obwohl es inzwischen sehr positive Zeichen einer Wiederbelebung gibt und die Entschlossenheit, eine neue Wirtschaftskraft zu entwickeln. In den Jahren seit 2001 hat die Zahl der Muslime deutlich zugenommen, während die Zahl der Hindus, Juden, Christen und „anderer“ abgenommen hat.

Eine der Fragen, die sich die Meissen Kommission gestellt hat, war also eine wirklich schwierige: Was bedeutet es, an einem solchen Ort eine anglikanische Gemeinde zu sein? Immerhin organisieren wir Anglikaner unsere Kirche territorial – d.h. unsere Pastoren fühlen sich für alle Menschen innerhalb eines Bezirkes zuständig, nicht nur für die Kirchenmitglieder – und siedeln nicht einfach nur dort Kirchen an, wo die Aussicht auf Wachstum am größten ist. Aber wenn nun in einem solchen Bezirk nur wenige Anglikaner oder überhaupt wenige Christen leben, wie sollte die Mission einer anglikanischen Gemeinde in diesem Bezirk aussehen? Mit diesen Fragen ringen wir seit 30 Jahren. Und diese Entwicklung war in den letzten fünfzigsten Jahren unvermeidlich.

Jetzt ist nicht die Zeit, diesen Fragen im Detail nachzugehen oder den Vorträgen und Diskussionen der Meissen Kommission aus dem letzten Monat. Aber die Fragen selbst stellen eine große Herausforderung für unsere Theologie dar (wo ist Gott in all dem?), für unsere Ekklesiologie (wie sieht sich die Kirche selbst in einer solchen Situation und welche Rolle spielt sie?) und für das Verständnis unserer Aufgabe (was bedeutet es, in einer solchen Situation zu evangelisieren und Menschen zum Glauben einzuladen?). Nach meiner Erfahrung gibt es zwei mögliche Reaktionen von Kirchengemeinden: entweder spielen sie „das Opfer“ und sehnen sich nach einer Vergangenheit, in der das Leben und der Glauben vermeintlich weniger kompliziert waren; oder sie reagieren mit kreativer Vorstellungskraft, Energie und Vision, um die Gemeinde zum Wohl der Menschen vor Ort umzugestalten.

Natürlich kann sich eine kleine anglikanische Gemeinde in einer sehr armen Gegend keinen Pfarrer leisten und die Kosten für den Unterhalt eines Gottesdienstgebäudes sind, vorsichtig gesagt, eine echte Herausforderung. Trotzdem ist es keine Option, das Kirchengebäude zu schließen; das Gebäude selbst ist in gewisser Weise eine ‚Ikone‘ und zeugt von der Gegenwart von Christen. Man könnte sagen, dass auch die Steine predigen.) Die Diözesen haben ein Finanzierungssystem – in England haben wir keine Kirchensteuer – in dem die reicheren Gemeinden einen höheren Anteil bezahlen, damit ich einen Pastor in Gemeinden wie Manningham einsetzen kann. Konkret sieht es so aus, dass ein Pastor rund 50.000 Pfund im Jahr kostet (Gehalt, Altersvorsorge, Unterkunft, Ausbildung, laufende Kosten etc.): Manningham bezahlt rund 8.000 Pfund und eine Gemeinde in Ilkley bezahlt rund 160.000 Pfund – und beide Gemeinden bekommen je einen Pastor.

Dieses Beispiel dient mir nicht nur dazu zu zeigen, dass Bradford eine führende Rolle in der Kirche von England im Umgang mit dem demographischen Wandel spielt. Unser Umgang mit Menschen anderer ethnischer und religiöser Herkunft hat auch die Art und Weise verändert, wie wir über unsere Aufgabe denken und sie erfüllen. Unsere Aufgabe, das Evangelium an alles Volk auszurichten, erfordert erstens, dass wir die Gesellschaft verstehen, in der wir leben, zweitens, dass wir diese Gesellschaft sehr genau kennen, drittens, dass wir zwischen Missionierung und Evangelisierung unterscheiden, viertens, dass wir die „Sprachen“ und Slangs unserer Gegend lernen, damit wir uns selbst verständlich machen können und eine Sprache sprechen, die gehört und verstanden wird, und fünftens, dass wir in unserer Arbeit für das Gemeinwohl etwas entwickeln, dass ich „selbstbewusste Demut“ (confident humility) nenne.

In meiner Rolle als Vertreter des Erzbischofs von Canterbury bei globalen interreligösen Konferenzen ist mir klar geworden, dass die Auseinandersetzung mit Menschen anderen Glaubens – und der Dialog mit ihnen – auf zwei Ebenen stattfindet. Die eine Ebene möchte ich als den Diskurs über die „Inhalte“ bezeichnen – also das Gespräch über die Glaubensinhalte des Christentums oder des Islams oder des Hinduismus oder des Atheismus. Die zweite Ebene, die dort beginnt, wo wir uns über die grundsätzlichen Unterschiede in den „Inhalten“ klar geworden sind, kann als Frage formuliert werden: Wie sollen wir nun also zusammen leben? Und diese zweite Frage kostet uns die meiste Zeit und Energie. Beide Ebenen zu verwechseln ist gefährlich und führt häufig zu einem Dialog der Taubstummen.

Der Ansatz, den die Kirche von England in den vergangenen zehn Jahren im Umgang mit diesen Fragen verfolgt hat, kommt in einer Formulierung zum Ausdruck, die der Bischof von Woolwich, Dr. Michael Ipgrave, geprägt hat: „Presence and Engagement – was man ungefähr übersetzen kann mit: Präsenz zeigen und sich engagieren“. Diese drei Worte – Presence and Engagement – bringen auf den Punkt, wie die Kirche von England ihre Aufgabe versteht, abgeleitet aus unserem Verständnis dessen, was Gott in Jesus Christus tut. So, wie ‚das Wort Fleisch wurde und unter uns wohnte‘ in Christus, so finden wir uns in unseren Gemeinden wieder, dort wo sie sind und wie sie sind. Wir sind in der einen oder anderen Form präsent, und halten den christlichen Gottesdienst am Leben an Orten, von denen andere Konfessionen schon längst fortgezogen sind. Wir zeigen Präsenz, aber nicht als heiliger Rest, der sich hinter heruntergezogenen Rolläden und verschlossenen Türen verbarrikadiert. Wir engagieren uns im Gesellschaftsleben unserer Gemeinde und bezeugen Christus mitten unter den Nachbarn, die nach dem Bilde Gottes geschaffen sind, damit wir sie lieben.

In Manningham zum Beispiel bedeutet das, dass der Pastor mit der örtlichen Grundschule zusammen arbeitet, und dass er das Kirchengebäude und die Gemeindegrundstücke – als öffentliche Räume – den Menschen zugänglich macht und anbietet als Instrument für die Entwicklung, Ausbildung und Fürsorge kleiner Kinder und ihrer Eltern, um die wir uns sorgen und die wir nicht in einem isolierten Ghetto leben lassen wollen. Es bedeutet, dass der Pastor etwas schafft, das er „sichere Räume“ (safe spaces) für alle nennt, indem er ruhige Sicherheit bietet für Frauen, die einfach irgendwo für eine kurze Weile Stille erleben wollen, und für Männer, die der Grausamkeit der Obdachlosigkeit und der Lieblosigkeit entkommen wollen. Er ist entschlossen – so wie er es der Meissen Kommission letzten Monat gesagt hat – es einfach zu halten, auch wenn einfach nicht gleichbedeutend mit leicht ist.

Eine junge Muslimin fragte ihn eines Tages, warum er und seine kleine Gemeinde sich so einsetzen für die Menschen, die nicht zu ihrer Kirche und nicht mal zu ihrer Glaubensgemeinschaft gehören („Ihr habt nichts davon, im Gegenteil, ihr zahlt noch drauf.“). Er antwortete (mit den Worten, die Ruth zu ihrer Schwiegermutter Naomi sagte): „Wo du hingehst, will ich auch hingehen und wo du wohnst, will ich auch wohnen.“ Die junge Frau war verwundert, dass die Christen an einem Ort bleiben, der von Muslimen dominiert wird; sie dankte ihm und der Kirche dafür, dass sie da sind.

Im Jahr 1960 gab es 22.000 Pastoren in ungefähr 21.000 Gemeinden in England. Heute, nach allerlei Reorganisation, gibt es noch ungefähr 8.000 Pastorinnen und Pastoren in 16.000 Gemeinden. In den 50er Jahren war England fast ausschließlich von weißen Angelsachsen geprägt (auch wenn das manchen Kelten irritieren mag…); heute ist es eine vielfältige Mischung aus vielen Rassen und Ethnien. In meiner früheren Diözese in Südlondon habe ich Grundschulen mit 320 Kindern zwischen 5 und 11 Jahren besucht, die 46 verschiedene Muttersprachen sprachen. Die Einwanderung in England wurzelt nicht in der Wirtschaft, wie in Deutschland – die Gastarbeiter aus der Türkei – sondern im Kolonialismus, dem Britischen Empire und der Sklaverei. Deshalb ist unsere Kultur nicht nur durch diese besondere Geschichte geprägt, sondern auch durch unsere moralische und emotionale Reaktion auf diese Geschichte: Schuld, Scham, Abneigung und Angst.

Manche Engländer reagieren auf diese Herausforderung mit dem Wunsch, die Welt wäre einfacher – so, wie sie sich die Vergangenheit vorstellen. In Wahrheit war die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht gerade ein güldenes Zeitalter, außer vielleicht wenn man denkt, zwei Weltkriege zu überstehen sei ein Kinderspiel. Es gibt Leute, die diese eingebildete Unkompliziertheit in eingängige Slogans verpacken und nach einfachen Lösungen für die Komplexität ihres Lebens und ihrer Gesellschaft suchen – meistens beinhaltet das, dass sie betrunken durch Städte wie Bradford marschieren und den Muslimen sagen, sie sollten „nach Hause gehen“… was nicht ganz einfach ist, wenn England doch seit vier Generationen ihr Zuhause ist.

In diesem Vortrag soll es nicht um Immigration oder Multikulturalismus in England gehen. Aber wenn man durch die Brille einer anderen Kultur und Gesellschaft blickt, kann das ein neues Licht auf die Herausforderungen der Kirche hier in Deutschland werfen. Welche Art von Kirche seid ihr? Welche Art von Kirche müsst ihr werden? Wie werdet ihr die Veränderung im Selbstverständnis bewerkstelligen, wenn ihr wisst, dass jede Art der Veränderung starken Widerstand hervorruft? Und für wen ist die Kirche überhaupt da? Wie sollt ihr mit denjenigen umgehen, die so reagieren wie die alten Israeliten, als sie nach vier Jahrhunderten Unterdrückung und Sklaverei aus Ägypten befreit wurden und sich dann in einer Wüste wiederfanden, wo sie nur noch über den Speiseplan meckerten, Ägypten idealisierten, die Geschichte umschrieben und ihre eigene Geschichte vergaßen?

Diese Nostalgie-Party ist natürlich Unsinn; es ist eine Form dessen, was ich „Ablenkungstherapie“ nenne – indem sie eine Phantasiewelt der Vergangenheit erschafft, die wir einfach wiederherstellen wollen, nimmt sie uns das Verantwortungsbewusstsein für die Gestaltung der Zukunft.

In seinen Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ schrieb Friedrich Schiller (sehr hilfreich): „Lebe mit deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf.“ Hier ist die Erkenntnis, dass Veränderung im Leben so sicher ist wie das Amen in der Kirche. Und während sich alles verändert, können wir nicht zurückgehen oder das zurückgewinnen, was einmal war – egal wie sehr wir es romantisieren und niedlich machen. Die grundlegende Tatsache des Lebens in einer materiellen Welt ist, dass nichts jemals still steht; oder, wie Bob Dylan es formuliert: „The times they are a-changin‘“. Leben ist immer Wandel. Und wir haben die Wahl, wie wir in diesem Wandel und durch ihn hindurch leben wollen – auch wenn die Tatsache des Wandels selbst nicht zur Wahl steht. Schillers Punkt ist, dass wir Verantwortung dafür übernehmen müssen, die Zukunft zu gestalten und sie nicht einfach als unabänderlich anzusehen.

Die christliche Kirche geht das in besonderer Weise an. Wenn es stimmt, dass wir von einer Tradition bestimmt sind – einer Erzählung – die uns als Nomaden, als reisendes Volk beschreibt, das von Gott gerufen ist, mit Abraham und Sarah, Moses und all den anderen durch Wüsten und fruchtbare Stätten zu ziehen und mit Jesus an Seeufern entlang zu laufen, dann müssen wir unser Selbstvertrauen in diese Erzählung wiedergewinnen und entsprechend leben in den Gemeinschaften, in denen wir uns wiederfinden. Solch eine Kirche ist aufgefordert, Gottes Ruf über die eigene Bequemlichkeit zu stellen, seine Einladung über den eigenen Versuch, Erfüllung zu finden. Und diese Gemeinschaft muss in jeder Generation aufs Neue fragen: „Wer sind wir? Für wen sind wir da?“

Diejenigen, die beanspruchen, Gottes Volk zu sein, haben eine Verantwortung dafür, diese Geschichte im täglichen Leben, in der Erinnerung und in der Praxis der Kirche lebendig zu halten – eine Kirche, die für das Wohl der weiteren Gesellschaft und der Welt existiert. Deswegen haben die Leiter der Kirche eine besondere Verantwortung – eine Berufung sogar – zunächst diese Erzählung zu verstehen und zu verinnerlichen, zweitens diese Erzählung in ansprechender Weise nachzuerzählen, drittens, örtliche Gemeinden von Menschen zu formen, die gemeinsam erforschen, wie es aussehen könnte, dieser Erzählung gemäß zu leben und viertens, dies alles der weiteren Welt zu erläutern.

Und das bringt mich zum zentralen Thema dieses Vortrags: Wenn die Aufgabe der Pastorinnen und Pastoren heute darin besteht, die Kirche in und für eine sich verändernde Welt zu formen, welche Art von Pastorinnen und Pastoren brauchen wir dann? Vielleicht können wir das umformulieren und fragen: Welche Art von Pastoren brauchen wir heute, um die Kirche und die Pastoren von morgen zu formen?

Vielleicht hilft es uns, zunächst einen Blick auf einige Phänomene zu werfen, die derzeit die Kirche in ihrem Dienst und ihrer Aufgabe herausfordern. Den früheren Beobachtungen über die multikulturelle Gesellschaft möchte ich einen Blick auf das Ende des Christentums und den Aufstieg des Säkularismus, das zunehmende religiöse Analphabetentum und den Einfluss der Medien und des Internets anschließen.

In England unterliegen wir nicht dem Irrtum, das Christentum sei tot. Es sind diejenigen Formen des Christentums und der Kirche, die im Britischen Empire entstanden und im 19. Jahrhundert exportiert wurden, die im 20. Jahrhundert anfingen dahinzusiechen, als Europa von Kriegen und Gewalt erschüttert wurde und Fragen laut wurden über Gott, die Geschichte und die Rolle (Bedeutung? )der Menschheit. Die bisherigen Überzeugungen über den Platz und die Rolle der Kirche in der Gesellschaft wurden in diesem Jahrhundert erschüttert, und zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind Religion allgemein und das Christentum im besonderen leichte Beute für herablassende Ablehnung sowohl in der akademischen wie der populären Kultur.

Heutzutage müssen wir einfallsreich, selbstbewusst und fantasievoll sein, wenn wir den Ort und die Bedeutung des christlichen Glaubens für das persönliche und das öffentliche Leben beschreiben und dafür streiten wollen. Wir müssen Wege finden, das Evangelium von Jesus Christus so zu beschreiben – und als Zeugen dieses Evangeliums zu leben – die Menschen zur Kirche ziehen. Und wir müssen junge Christen ausbilden, die bislang keine Ahnung haben von der Bibel oder irgendeiner christlichen Geschichte. Mit anderen Worten: Die Kirche muss sich ihren Platz in der Gesellschaft verdienen und sie muss im öffentlichen Raum selbstbewusst agieren; die Kirche kann nicht davon ausgehen, einfach einen Platz in der Nation oder eine Stimme im öffentlichen Raum zu besitzen.

Diese Einsicht ist besonders wichtig in einer Zeit, in der der Säkularismus stärker wird – insbesondere in der Gestalt der aggressiven neuen Atheisten. Terry Eagleton (prominente britische Professor of Cultural Theory and English Literature) wirft den neuen Atheisten vor, einen billigen Atheismus zu betreiben – ohne die intellektuelle Anstrengung des Nachdenkens und Debattierens selbst zu leisten, sondern stattdessen auf dem Rücken anderer Leute wie (Professor) Richard Dawkins zu reiten, der, statt über einen Fall zu diskutieren, einfach eingängige Feststellungen trifft.

Ich habe bereits kurz eine Verwechslung angedeutet, die die Diskussion dieses Themas in England stark beeinflusst: Säkularismus und Atheismus sind nicht dasselbe. Im Deutschen wird das deutlicher, weil man unterscheiden kann zwischen Säkularismus als Ideologie und Säkularisierung als Beschreibung einer Gesellschaftsform. Es ist möglich, religiös zu sein und trotzdem die Säkularisierung zu befürworten. Säkularisierung bedeutet nur, jede Privilegierung der Religion im öffentlichen Raum zu beenden – auch wenn es mitunter so wirkt als ginge es zuletzt darum, die Religion insgesamt aus dem öffentlichen Raum zu entfernen.

In England hat der Aufstieg des Säkularismus, begleitet von der modischen und oft vereinfachenden Missionierung durch die neuen Atheisten, eine Atmosphäre sowohl von Skepsis (die meiner Meinung nach ganz gesund ist) und Zynismus (der ungesund ist) geschaffen. Man könnte einiges sagen über die Art und Weise, wie diese Debatten in den Medien geführt werden, aber für meine Zwecke hier genügt es zu sagen, dass es zumindest einen sehr hilfreichen Effekt auf die Kirche hat: Christen müssen stärker nachdenken, sie müssen ihren Glauben kennen und ihn leben, sie müssen sich bewusst für ein Leben in der Kirche entscheiden (und nicht einfach hineingeboren werden) und müssen selbstbewusster sein als Christen in der großen weiten Welt. Religiöser Glauben darf sich genauso wenig in die geschützte Privatsphäre zurückziehen, wie die Säkularisten allein Anspruch auf den öffentlichen Raum erheben dürfen.

Dies ist der kulturelle Hintergrund, vor dem alles andere in England stattfindet. Eine Wissenschaftlerin, mit der ich neulich sprach, beklagte sich bitterlich über die Unwissenheit von Schülern und Studenten im Blick auf Religion allgemein und das Christentum im Besonderen. Wie soll man englische Geschichte, Kunst, Literatur, Poesie oder Musik verstehen, ohne ein paar grundlegende Geschichten der Bibel und ihre Sprache zu kennen? Es ist ein bisschen so, als wollte man die deutsche Politik und Geschichte verstehen, während man die Reformation oder die Rolle des Christentums in Europa ignoriert.

In England bezeichnen wir das als ‚religiöses Analphabetentum‘ und es ist vor allem in Bezug auf die Medien von Bedeutung. Die BBC hat inzwischen eine interne Fortbildung, mit der sie den Versuch macht, Journalisten und Moderatoren im Blick auf die Rolle der Religion in der Welt weiterzubilden. Es ist einfach unmöglich, den Irak, Afghanistan, Syrien, den 11. September, die Vereinigten Staaten von Amerika – um nur ein paar zu nennen – ohne differentierte Kenntnis der Religion zu verstehen. In meiner Rolle als ‚Medienbischof‘ der Kirche von England habe ich oft dafür geworben, dass die BBC einen Chefredakteur für Religion braucht, so wie sie einen für Wirtschaft, für Sport, für Politik oder für Kunst hat. Die Aufgabe eines solchen leitenden Redakteurs wäre es nicht, für Religion zu werben oder in irgendeiner Weise zu missionieren. Er sollte vielmehr die Ereignisse und Entscheidungen erläutern im Lichte der Faktoren, die sie beeinflussen. Um beispielsweise die Vorgänge in Syrien zu verstehen ist es unerlässlich, die Rolle der Sunniten und Shiiten zu erklären und wie diese beiden Lager die politischen und militärischen Kräfte in dem Konflikt beeinflussen und selbst von ihnen beeinflusst werden. Dazu muss man kein Muslim sein; aber man muss verstehen, dass es notwendig ist… wenn es darum geht, die Öffentlichkeit zu informieren und ihr ein Verständnis dafür zu vermitteln, was in der Welt vor sich geht und warum.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Medien im Allgemeinen eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung von Information, von Verständnis und Interpretation spielen, dann verändert der Siegeszug der sozialen Medien wie Twitter oder Facebook auf signifikante Weise die Art, wie Information erlangt und daraufhin interpretiert und verstanden wird. Wenn die traditionellen Medien wie Zeitungen zum Beispiel es nicht schaffen, fundierte Geschäftsmodelle für die digitale Welt zu entwickeln, dann besteht die große Gefahr, dass es immer schwieriger wird, gut ausgebildete und informierte Journalisten zu finden, die in der Lage sind, die Art von Interpretation in den Medien zu leisten, von der ich hier spreche. Wir laufen Gefahr, nur noch durch schnelle Fertighäppchen an Neuigkeiten informiert zu werden, die schnelle Fertiginterpretationen verlangen. Aber unreflektiertes Urteilen ist für keine Gesellschaft gesund.

Worauf ich hinaus will ist dies: Die Kirche muss ihre Aufgabe im Kontext dieser Herausforderungen erfüllen. England hat sich im letzten Jahrhundert enorm verändert – seit dem Tod von Prinzessin Diana sind wir alle hoffnungslos sentimental und zartbesaitet – die unerschütterliche britische Haltung ist verschwunden. Die Kirche von England kann ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft nicht länger als gegeben voraussetzen; wir müssen ihn argumentativ begründen und unseren Wert für das Allgemeinwohl beweisen, indem wir im öffentlichen Raum präsent sind und uns um den Aufbau einer guten Gesellschaft bemühen. Dazu bedarf es intellektueller Präzision, kultureller Klugheit und ein theologisches Denken, das unsere Prioritäten und unsere Taten sowohl auf lokaler als auch nationaler Ebene prägt. Die Kirche des Jahres 2013 kann nicht länger die Kirche des 20. Jahrhunderts sein, denn die Welt, zu deren Dienst die Kirche berufen ist, hat sich signifikant verändert.

Man muss feststellen: Vielen Menschen ist das unangenehm. Das Leben ist kompliziert genug, auch ohne, dass nun auch noch die Kirche sich verändern soll. Deshalb ist die Rolle des Pastors heute auch um einiges komplizierter – und in mancher Hinsicht schwieriger – als in der Vergangenheit. Ich weiß: Ich verallgemeinere dabei – ein Pastor in Jena während des Zweiten Weltkrieges oder während der Jahre des Staatsatheismus in der DDR zu sein war kein Spaziergang – aber das Tempo der heutigen Veränderung ist verwirrend. Junge Menschen leben heute durch und mit und in den Sozialen Medien. Die Sprache verändert sich rasant, gemeinsam mit den digitalen und anderen Kanälen der Kommunikation, und dies wiederum verändert die Art und Weise, wie wir Beziehungen zu anderen Menschen unterhalten. Die Technologie schafft beachtliche soziale Vorteile, gibt aber auch Anlass zu ethischen Fragen, die sich bislang gar nicht gestellt haben – zum Beispiel bei der Stammzellforschung oder bei Massenvernichtungswaffen. Wir erkennen inzwischen, dass unsere Beziehung zur Erde komplexer ist als nur die Ausbeutung zum Wohl des ‚Königs Menschheit‘.

Meiner Meinung nach bedeutet das, dass die Kirche Pastoren und Pastorinnen braucht, die mit Veränderungen umgehen können, die die Gelegenheiten nutzen, die sich durch rasant ändernde Umstände ergeben und die sich flexibel anpassen, ohne sich von der gerade aktuellen, vermeintlich guten Idee umpusten zu lassen. Tatsächlich können wir die Art von Pastor, die die Kirche braucht, wie folgt beschreiben:

1. Die Kirche braucht Pastoren, die Gott, die Menschen und die Erde lieben, und die sich eine theologische Anthropologie erarbeitet haben – das heißt: sie wissen, warum die Menschen zählen.

2. Wir haben über die Notwendigkeit gesprochen, ‚präsent und engagiert zu sein‘ – an einem bestimmten Ort sichtbar zu sein, dort zu leben und die Dinge wahrzunehmen und sich durchaus auch die Hände im öffentlichen Leben schmutzig zu machen und dadurch als Kirche über das Kirchengebäude hinaus in die örtliche Gemeinde hinein zu gehen, mit Evangelisierung und Dienst. Darum geht es bei der Inkarnation – und das ist es, wozu die Kirche als Leib Christi berufen ist: Theologie lebendig werden zu lassen in Fleisch und Blut und Wort und Tat. Pastoren müssen sich die Hände schmutzig machen.

3. In einem Zeitalter der schnellen und komplexen Kommunikationsmedien müssen Pastoren selbstbewusst und fähig sein, zu den Menschen in ihren jeweiligen Lebensumständen in Beziehung zu treten und die Gute Nachricht von Jesus Christus in der Sprache zu verkünden, die die Menschen tatsächlich verstehen. Ich bin oft auf den Sendern der BBC zu hören. Wenn ich eine Dokumentation auf Radio Four (das ist in etwa so wie MDR Figaro), dann verwende ich eine Sprache und kulturelle Verweise für clevere Leute. Wenn ich auf Radio Two bin (das ist ungefähr wie MDR Jump), dann spreche ich ganz bewusst die Sprache der Popkultur. Pastoren müssen die Herausforderung lieben, mehrsprachige Übersetzer und Interpretatoren zu sein, damit Menschen sie hören und verstehen können.

4. In England wird der Kirche oft vorgeworfen, dass sie Menschen ‚anpredigt‘, dass wir also herablassend zu den Menschen sprechen und ihnen sagen, wie sie zu leben hätten. Man könnte sagen, dass die Kirche heute eher ein Gespräch führen muss als theologisch korrekte Monologe zu halten. Diese Auffassung muss die Art zu predigen innerhalb der Liturgie ebenso beeinflussen wie die Gespräche und Debatten außerhalb der Kirche im öffentlichen Raum. Gleichzeitig müssen die Pastoren ihr Selbstvertrauen beim Predigen zurückgewinnen – sie müssen die Bibel so verkünden und erklären, dass es die Neugier des Zuhörers weckt und die Vorstellungskraft derer anregt, die sich mit uns beschäftigen.

5. Pastoren sind Leiter und Diener, die berufen sind, Glaubensgemeinschaften an bestimmten Orten aufzubauen und zu formen – manchmal sogar erst zu gründen. Und obwohl die Kirche auch Pastoren mit besonders seelsorgerlichen Fähigkeiten braucht, braucht sie auch Pastoren, die einer Gemeinde genug Vertrauen einflößen können, dass sie sich der Welt öffnen kann. In einer landesweit ausgestrahlten Live-Sendung im Radio wurde ich einmal gefragt, wozu die Kirche eigentlich da ist. Ich hatte keine Zeit, mir eine Predigt auszudenken, also habe ich einfach gesagt: „Die Aufgabe der Kirche ist es, einen Raum zu schaffen, in dem die Menschen herausfinden können, dass Gott sie schon gefunden hat.“ Ich glaube, so kann man es sagen. Wir brauchen Pastoren, die die Vision und die Fähigkeiten haben, eine Gemeinde zu formen, die in etwa dem Jesus ähnelt, von dem wir in den Evangelien lesen.

6. Aber die vielleicht wichtigste Eigenschaft eines Pastoren für heute und für morgen ist es, ein Prophet zu sein. Ich weiß, das klingt merkwürdig. Aber ein Prophet ist nicht jemand, der einem sagt, was in der Zukunft passieren wird; ein Prophet ist vielmehr jemand, der die Wahrheit hinter den Ereignissen sieht und die Hoffnung auf eine bislang nicht erkennbare Zukunft wachhält. Ein Prophet ist jemand, der – in den Worten des amerikanischen Alttestamentlers Walter Brueggemann – nach dem Verlust von Neuanfang spricht. Oder, wie es im Buch ‚Glaubensrepublik Deutschland‘ von Claudia Keller und Matthias Drobinski heißt, jemand, der von einer Hoffnung ergriffen ist, von der „Gabe, in den Misstönen der Gegenwart die Musik des Künftigen zu hören“.

Mit anderen Worten: Die Kirche braucht Pastoren, die sich bemühen, eine Sprache und Bilder und Musik und Aktivitäten zu finden, die die Melodie von Gottes Zukunft inmitten einer komplexen Gegenwart erklingen lässt – in der Nachfolge des Jesus‘ der Evangelien, der Partys feiern und den Menschen ein neues und unerwartetes Leben geben konnte. Die Kirche braucht Pastoren, die in der Dunkelheit eines Verlustes ein Licht aufleuchten lassen können, die mit den Leidenden leben, die sich freuen mit denen, die feiern, die diejenigen herausfordern, die sich bequem eingerichtet haben und die die Verzagten ermutigen. Sie braucht Pastoren, die angetrieben werden von der Überzeugung und der Erfahrung von Gottes Großzügigkeit, und die durch Pflege und Beispiel eine Gemeinschaft von Menschen aufbauen, die es wagen, großzügig zu denen zu sein, die es normalerweise nicht verdient haben.

Grundlegend dafür ist die Ansicht, dass die Kirche nicht um der Kirche willen da ist. Die Kirche ist zum Wohl der Welt da, in der wir leben. Unser Gottesdienst ist kein Zweck, sondern ein Mittel – er sendet uns hinaus in die Welt, um zu lieben und zu arbeiten und uns ganz zu geben, damit andere ein Leben sehen und finden können, das verwurzelt ist in der atemberaubenden Entdeckung, dass Gott sie schon vor ihrer Geburt geliebt hat und sie bis zum Tod und darüber hinaus lieben wird. Es geht um die Art von lebensverändernder Umkehr, die uns nicht aus der realen Welt herausnimmt, sondern uns mitten in sie hineintauchen lässt.

Drobinski und Keller haben eine sehr interessante Untersuchung über Religion in Deutschland geschrieben, die ich mit großem Interesse gelesen habe: „Glaubensrepublik Deutschland“. Tatsächlich hätte ich heute Nachmittag einfach lange Passagen daraus vorlesen können – zumindest könnte ich dann garantieren, dass das Deutsch richtig gewesen wäre. Die beiden Autoren beobachten, inwieweit Deutschland sich verändert und wie sich die Glaubensäußerungen ebenfalls verändern. Sie beschreiben Menschen und Begegnungen, die diese Veränderungen illustrieren. Und sie führen uns zur Erkenntnis, dass, wenn die Kirche bestehen und wachsen will, sie ihr Selbstvertrauen zurückgewinnen und ihre Angst vor Veränderung verlieren muss. Um Menschen davon abzuhalten, die Kirche zu verlassen (also ihre Mitgliedschaft aufzugeben und ihre Kirchensteuer nicht mehr zu bezahlen), müssen nicht die ‚Gottesdienste besser gemacht werden‘. Stattdessen muss die Vorstellungskraft der Menschen so angeregt werden, dass sie fasziniert davon sind, Jesus in der Gemeinschaft anderer Menschen nachzufolgen – selbst wenn es nur aus Neugier passiert, um zu sehen, wohin er und sie gehen.

Es ist nicht an mir, der Kirche in Deutschland oder den Zuhörern an einer Universität zu sagen, was die Kirche hier braucht. Aber angesichts der Tatsache, dass diese Überlegungen zum Kerngeschäft eines anglikanischen Bischofs in England gehören, mögen sie weitere Gedanken anregen, ob wir Pastorinnen und Pastoren für eine Kirche der Vergangenheit oder der Zukunft produzieren. In Bradford brauche ich Pastorinnen und Pastoren, die hartnäckig die verschiedensten Menschen lieben können, die sich im Dialog und in der Verkündigung engagieren, die die verschiedenen ‚Sprachen‘ und Slangs der Menschen in ihrer Gemeinde lernen, die eine selbstbewusste und feiernde christliche Präsenz aufbauen, die sich unbeschwert zwischen den verschiedensten Menschen und Gemeinschaften hin und her bewegen, und die den christlichen Glauben weiterempfehlen mit einer selbstbewussten Demut, die niemanden bedroht.

Ich schließe mit den Worten von Friedrich Schiller, aus seiner ersten Vorlesung als Professor für Geschichte hier an der Universität in Jena: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.“ Das gleiche könnte über die Kirche gesagt werden und darüber, ob wir wirklich glauben, dass wir für die Welt da sind… oder für die religiöse Unterhaltung derer, die die Herausforderung der Evangelien mit einem bequemen Lebenstil verwechseln. Die Wahrheit unseres Selbstverständnisses wird am Gerichtshof der Geschichte geprüft werden.