This is the text of last night’s sermon from the stage on the Marktplatz in Halle, Germany, in the Ascension Day ecumenical service to kick off Kirchentag auf dem Weg. 

Kirchentag auf dem Weg, Halle, 25 Mai 2017

Predigt

„Du siehst mich.“ (1 Mose 16:13)

Sind diese drei Worte eine Drohung oder ein Versprechen? Als Adam und Eva merkten im Garten, dass sie nackt waren, hatten sie sofort Angst. Gott kann alles sehen. Wir sind transparent.

Vielleicht gibt es eine andere Frage: Gott sieht mich, aber wie siehe ich Gott? Heute feiern wir auch Christi Himmelfahrt, und ich möchte jetzt versuchen, diese Frage mit Bezug auf dieses seltsame Ereignis zu beantworten.

Als meine Kinder noch klein waren, fuhren wir aus dem Norden Englands nach Traun bei Linz in Österreich, um dort mit Freunden zwei Wochen Urlaub zu machen. Einige Dinge haben diesen Urlaub unvergesslich werden lassen – nicht zuletzt der vierzigste Geburtstag meiner Frau im Mauthausener Konzentrationslager … was beweist, was für ein toller Romantiker ich bin. Aber zwei andere Erinnerungen zeichnen sich aus: erstens, mein jüngster Sohn, der ungefähr zehn Jahre alt war und gar kein Wort Deutsch kannte, war erstaunt, wie riesig groß die Stadt ‘Ausfahrt’ war, wie jedes Verkehrsschild auf der Autobahn darauf hinwies; die zweite war seine inzwischen in unserer Familie legendäre Frage: “Dad, warum sagen sie auf Star Trek immer wieder, ‘Beat me up, Scottie’?”

Ich weiß, dass das schon vor langer Zeit war, aber ich erinnere mich auch daran, dass alle drei Kinder immer wieder fragten – wie eine Schallplatte mit einem Sprung: “Sind wir bald da?” Es ist ein echtes Wunder, dass sie alle die Reise überhaupt überlebt haben. 1200 Kilometer. Ich freue mich sehr darüber, dass zwei von ihnen nun ihre eigenen Kinder haben und gleichermaßen von ihnen geplagt werden. Das heißt Gerechtigkeit … Rückzahlung.

Ich erzähle diese Geschichte nicht, um zu zeigen, dass die Briten den Begriff ‘Schadenfreude’ verstehen, auch wenn wir kein Wort dafür haben. Ich erzähle sie, weil sie illustriert, was wirklich im Hintergrund der Ereignisse vor sich geht, die wir den Himmelfahrt Jesu nennen. Die Freunde Jesu haben eine schwierige Reise erlebt – eine Reise voller Drehungen und Wendungen und unerwarteten Ereignissen; und nun wollen sie einfach wissen, ob sich die Reise dem Ende nähert – dass sie schon fast da sind. Sie wundern sich nicht über Star Trek, aber sie sind immer noch darüber verwirrt, was ihre Erfahrung mit Jesus tatsächlich bedeutet, und wohin die Reise weiter geht.

Die Freunde Jesu haben erlebt, wie ihr gewöhnliches Leben durch das seltsame und beunruhigende Verhalten und die Aussagen des Zimmermanns aus Galiläa total gestört worden ist. Vorher war das Leben klar und ihre Erwartungen waren ziemlich einfach: Sie lebten unter dem Druck der römischen militärischen Besatzungskräfte; sie sehnten sich nach und beteten für den Tag, an dem sie wieder frei werden; sie sahen sich als Gottes Volk, und sie warteten auf die Rechtfertigung Gottes, auf die Wiederherstellung der wahren Ordnung der Welt, auf die Erneuerung des jüdischen Volkes. Aber, trotz aller Hoffnungen und der Versprechungen von vielen Messias, dass sie schon fast da seien, ging das Elend weiter. Ihre Welt war von politischen Intrigen, religiöser Korruption und gesellschaftlichem Unbehagen geprägt. Mit den Worten des Psalmisten beteten sie ernsthaft: “Wie lange, O Herr, wie lange…?” Wie lange müssen wir noch warten, bis Du dich als der Herr im Himmel wie auf Erden zeigst?

Dann steht Jesus auf einem Berg – genauso wie Mose einmal auf dem Berg stand und die Zehn Gebote direkt von Gott erhielt (und froh war, dass es nur zehn und nicht zwanzig Gebote waren) – und Jesus fängt an, ein neues Licht des Verständnisses auf Moses zu werfen. Wie die Israeliten, die mit Mose nach dem Exodus vierzig Jahre durch die Wüste zogen, verbringt Jesus nach seiner Taufe vierzig Tage und Nächte in der Wüste, um dort ohne Ablenkung seine Prioritäten aussortieren zu können, und um seine Ernsthaftigkeit über die ihm bevorstehende Aufgabe zu prüfen . Gleich danach wählt er seine Freunde aus, und lädt sie ein, mit ihm den Strand entlang zu laufen und ein neues Leben voll von neuen Erfahrungen und neuen Gefahren zu beginnen. Aber es scheint, dass diese Reise mit Jesus auf einem anderen Berg – das heißt Golgotha – zum bitteren und tief enttäuschenden Ende gekommen ist … aber dann noch eine andere unerwartete Wendung nimmt, als der vermeintlich tote Jesus immer wieder seine Freunde trifft. Schließlich nimmt er sie auf einen weiteren Berg mit, wo er sie beauftragt und sich dann von ihnen verabschiedet.

Während dieser drei kurzen Jahre ist das Leben dieser gewöhnlichen Männer und Frauen aus dem Bergland von Galiläa auf den Kopf gestellt worden. Sie haben – in den Worten von Markus gleich am Anfang seines Evangeliums – sich der Herausforderung der Umkehr (der Buße – metanoia) gestellt: das heißt, die Art und Weise, wie sie Gott, die Welt und sich selbst betrachten, zu ändern, … um zu verändern, wie sie über Gott, die Welt und sich selbst nachdenken, … um zu verändern, wie sie in der Welt mit Gott und einander zusammenleben.

Metanoia: eine radikale Veränderung nicht nur von, sondern auch zu einer neuen Art zu Sehen, Denken und Leben. Wir wissen, dass Gott uns sieht; aber wie sehen wir Gott?

Nun ist das ja keine einfache Sache. Zum Beispiel, wenn jemand versucht, mich zu überreden, meine Liebe für den FC Liverpool aufzugeben, um ein Fan von Manchester United oder Chelsea zu werden, könnte ich das nie tun. Nie. Es ist total unvorstellbar- unmöglich. Aber diese Männer und Frauen sind gebeten worden, die Art und Weise, wie sie über Gott denken und ihr Leben in Gottes Welt verstehen, radikal zu verändern. Wenn diese kurze Erzählung wie ein dramatisches Schauspiel ist, dann werden sie aufgefordert, in ihrer Rolle aktiv zu werden, und nicht nur darauf zu warten, bis die anderen die Verantwortung übernehmen. Sie müssen auch ihren Platz einnehmen und in dem sich entfaltenden Drama Gottes mit seinem Volk eine echte Rolle spielen.

Die klarste Beschreibung davon befindet sich im Lukasevangelium Kapitel 24. Zwei Freunde von Jesu sind auf dem Rückweg von Jerusalem; ihre Gedanken sind in Aufruhr. Sie versuchen, alles zu verstehen, was in den letzten Tagen passiert ist – aber wahrscheinlich auch was in den letzten drei Jahren mit ihnen passiert ist. Es klappt einfach nicht. Der Messias soll nicht sterben. Also war Jesus von Nazareth nur noch der neueste enttäuschende Möchte-gern-Messias, der die Hoffnungen des Volkes weckte … und dann diese Hoffnungen verriet? Diese Menschen, die Freunde von Jesu, haben gerade beobachtet, wie ihre Hoffnungen im Schmutz und Staub des Bodens von Golgotha bluteten. Sind sie wirklich verraten worden? Betrogen? Aber, wenn ja, wie sollten sie dann all die Wunder, die geheilten Menschen, die verärgerten religiösen Führer, die seltsamen umgedrehten Lehren (und so weiter) verstehen?

Der auferstandene Jesus kommt zu ihnen auf die Straße, und läuft neben ihnen her. Er geht nicht vor ihnen her; er geht auch nicht hinter ihnen her. Er geht neben ihnen her, und läuft in ihrem Tempo – in den Worten des asiatischen Theologen Kosuke Koyama, ein Gott, der drei Meilen pro Stunde geht (three mile an hour God). Dann stellt ihnen Jesus eine Frage: “Wovon redet Ihr?” Sie antworten ihm: “Über alles, was in den letzten Tagen in der Stadt passiert ist.” Jesus fragt: “Was denn?” Also fangen sie an, ihm zu erzählen, was passiert ist. Sie schütten ihre Verwirrung aus, und erzählen eine Geschichte, die keinen Sinn macht – eine Geschichte, die an der falschen Stelle endet, so als wäre, zum Beispiel, Rotkäppchen am Schluss von ihrer Oma gefressen worden.

24:19-24

Nun, wenn ich Jesus gewesen wäre, hätte ich mich nicht mit den Fragen aufgehalten, auf die ich schon die Antworten wusste. Aber Jesus fängt an, dort wo sie wirklich sind; er geht in ihrem Tempo; er lässt sie ihre verworrene Geschichte artikulieren, bevor er anfängt, die Geschichte anders zu erzählen. Er bietet ihnen eine alternative Erzählung erst dann, als diese Freunde bereit sind, sie zu hören. Später, als sie in ihrem Haus in Emmaus das Brot brechen, werden ihre Augen geöffnet: “Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?” (Lukas 24:32)

Aber jetzt versuchen die Freunde, alles zu verstehen. Was bedeutet diese Geschichte für das Judentum? Und für die Welt? Oder für Jesus selbst? Und für sie und ihre Zukunft? Was war das alles? Ich denke, diese Geschichte erzählt uns etwas Wichtiges über Jesus, etwas über die Welt, und etwas über die Kirche.

Diese normalen Menschen haben mit Jesus von Nazareth gelebt, und sie haben beobachtet, wie er stirbt. Sie haben gewagt zu glauben, dass er der wahre Messias sein könnte. Aber jetzt fühlen sie sich nicht mehr so sicher. Jesus verlässt sie – und dabei zeigt er ganz klar und deutlich, dass Himmel und Erde nicht zwei verschiedene Orte sind, sondern zwei Dimensionen derselben Realität. Die Wolke – die in der Bibel immer mit der Gegenwart Gottes verbunden ist – verbirgt Jesus; aber die Wolke bringt ihn nicht zu einem Ort, der außerhalb der Welt – oder von der Welt entfernt – ist. Ja, er befindet sich jetzt beim Vater, aber der Vater ist nicht weit von der Welt entfernt. Wie in der Offenbarung Kapitel 21 kommt der Himmel auf die Erde, so ist Gott in Jesus zu uns gekommen, und so wird Jesus eines Tages den Himmel und die Erde wieder zusammenbringen.

Bei der Himmelfahrt geht es nicht um den Abschied oder die Abwesenheit Jesu, sondern vielmehr geht es um die Anwesenheit von Jesus dort, wo wir sind, und nicht nur dort, wo sich sein Körper befindet. Bei der Himmelfahrt Jesu kommen Himmel und Erde auf eine neue Art und Weise zusammen – mehr verkörpert, nicht weniger.

Die Himmelfahrt sagt, wer Jesus ist. Er ist der Herr des Himmels und der Erde, identifiziert und unmittelbar verbunden mit Gott, dem Schöpfer, dem Liebhaber, dem Erlöser, dem Vergeber, dem Retter der Welt. Und die Welt steht nun vor einer Herausforderung. Während die Seelen der römischen Kaiser sichtbar in den Himmel aufstiegen (damit sie nach ihrem Tod als Götter betrachtet werden konnten), steigt jetzt Jesus mit Körper, Geist und Seele auf – diese drei identifizierbar und klar in einer Einheit miteinander verbunden.

Dieses Ereignis bietet uns eine neue Art, die Welt und die Menschlichkeit zu begreifen. Jesus ist in der Welt, aber er steht auch vor der Welt; hier spricht er immer noch in die Widersprüche und Verwirrungen der Welt, und bietet den Menschen einen neuen Weg, Gott, die Welt und andere Menschen zu sehen, und in der Welt zu leben. Viel mehr könnte hier gesagt werden, aber es genügt an dieser Stelle, dass die Mächte der Welt – und Annahmen über die Macht – grundsätzlich von dem auferstandenen Christus herausgefordert werden – von dem Christus, der über den Tod in ein neues Leben hinausgeht, um die Welt zu einer neuen Hoffnung und die Kirche zu einem neuen Glauben aufzufordern.

Und wie sollte die Kirche die Himmelfahrt verstehen? Und wir? Schauen wir uns die Geschichte noch einmal an.

Als sie sich auf dem Berg versammeln, hören die Freunde Jesu, dass sie nicht mehr Beobachter sind, sondern Akteure, die an der verwandelnden und anspruchsvollen Arbeit Gottes in der Welt teilnehmen. Jesus hat gelebt, ist gestorben, ist auferstanden und hält nun den Himmel und die Erde zusammen. Es ist jetzt die Verantwortung, die Pflicht und die Freude seiner Freunde, auf die Bühne zu kommen. Vorher waren sie ein bisschen wie das Publikum im Theater; jetzt aber sollen sie die Akteure auf der Bühne werden, die die Geschichte erzählen, die das Drama kreativ leben, die die richtige Sprache und den Blickwinkel finden, mit denen man diesem Publikum – diesen Zuschauern – die Möglichkeit anbieten kann, selbst in das Drama hineingeholt zu werden und selbst Akteure zu werden.

Natürlich können wir nicht einfach neue Charaktere erschaffen, oder die Geschichte mit einem bequemeren Ende erzählen. Wie alle guten Künstler müssen wir uns Zeit nehmen, um die Geschichte zu erlernen, ihre Linie und ihre erzählerischen Lücken zu erforschen, die Sprache auszuprobieren und die richtigen Worte und Sprachbilder zu betonen. Aber wir müssen auch mit den Charakteren und der Erzählung übereinstimmen, die wir geerbt haben. Wir müssen im Bild bleiben – “im Charakter” sein.

Das ist dann die Berufung der Kirche: Zeugen zu sein unserer Begegnung mit dem auferstandenen Jesus, der die Art und Weise verändert hat, wie wir die Welt betrachten, wie wir die Welt sehen, wie wir über die Welt denken und wie wir in der Welt leben. Wie die römischen Herolde, die die Nachricht vom Beitritt eines neuen Kaisers in die Weiten des Reiches getragen haben, ist die Aufgabe der Kirche, der Welt zu sagen, dass Cäsar nicht Herr des Himmels und der Erde ist, sondern dass Jesus Christus der Herr ist. Nicht der IWF, die EU, die Brexiteers oder Donald Trump. Jesus ist Herr, und soll angebetet, geliebt, nachgefolgt und gehorcht werden. Wir sind die Menschen, deren Verstand verwandelt, deren Herz befeuert, deren Wollen gestärkt worden ist und deren Fantasie eine Farbexplosion erlebt hat. Wir sind die Jesus-geformten Menschen, die nicht mehr von Angst getrieben, sondern von der Hoffnung gezogen werden. Wir können nicht umhin, der Welt zu sagen, was wir in Jesus gesehen und erlebt haben – in dem Jesus, der lebte, der gestorben ist, der auferstanden und aufgefahren ist, und der mit dem Vater und in der Kraft des Heiligen Geistes herrscht.

Als meine Diözese vor drei Jahren neu gegründet wurde, musste ich eine Vision artikulieren. Ich formulierte eine einfache Aussage, die erklärt, was immer die Berufung der Kirche war: Wir wollen eine Kirche werden, die zuversichtliche Pfarrer ausrüstet, deren Auftrag es ist, zuversichtliche Christen wachsen zu lassen, deren Auftrag es ist, die gute Nachricht von Jesus Christus in unserem Teil des Nordens von England zu erzählen und auszuleben. Wir haben dann diese Aussage auf drei Begriffe konzentriert: Überzeugte Christen, wachsende Kirchen, verwandelnde Gemeinschaften. Später haben wir unsere Werte als: Loving, Living, Learning artikuliert. Wir lieben Gott, die Welt und unsere Nachbarn wie uns selbst; wir leben in der realen Welt und sind der heutigen Welt verpflichtet, Körper, Geist und Seele – eine Inkarnationskirche. Manchmal richten wir ein Durcheinander ein mit unserer Berufung, also müssen wir Demut und die Freiheit haben, zu lernen.

Das ist nur eine Möglichkeit, zu tun, was die Himmelfahrt uns bietet.

„Du siehst mich.“ Und jetzt siehe ich, dass Gott mich liebt.

In den Worten von Paulus im Römerbrief Kapitel 12: “Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf das ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.”

Amen

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