This is the script of this morning’s Thought for the Day on BBC Radio 4’s Today programme (broadcast from Berlin and focusing on the impact on Germany of Brexit):

I was in Vienna recently and saw something that sums up the challenge of Germany in the last century. At one end of the Judenplatz is the haunting Holocaust Memorial by Rachel Whiteread; facing it, twenty metres away, is a statue of the philosopher, poet and Enlightenment hero Johann Gottfried Herder who re-shaped German education and culture. The question that cries out is this: how did Germany go from Herder to Hitler in a mere century?

This is the question that Germany has been unable to escape in the last seventy years or so. Walk around any German city and you will find yourself stepping on small brass plaques in the pavement bearing the name and dates of Jews deported to their deaths from the houses before which you now stand. They are everywhere – and they are called Stolpersteine: stumbling blocks that get in your way and compel you to face responsibility for what happened to your neighbours only a generation or two ago.

Because of its history Germany has had no option but to confront its past and choose its future. Yet, as time moves on and memory becomes history, revisionism becomes easier for some people. Recent changes in the political landscape come on the back of concerns about immigration in general and Islam in particular. Yet this phenomenon was almost inconceivable only a decade ago.

What it demonstrates is that human beings all too easily re-shape their worldview according to the world they now live in. We can accommodate all sorts of challenges to our ethics … until we find their foundation has been undercut and we have given away too much. Perhaps history teaches us that it is not a big step from ‘every human being matters’ to ‘some matter more than others’ to ‘these are not really people of value’.

If you go into Berlin Cathedral and look up at the dome, you will see in gold lettering words from the Lord’s Prayer: “Dein ist das Reich” – “Thine is the Kingdom”. I have sat there and thought of the generations of people – from the Second Reich through Weimar and the Nazis, through the GDR and the now-reunited Germany – and wondered what Christian worshippers thought that meant. And how could they so easily confuse the Kingdom of Caesar with the Kingdom of the Jesus we read about in the gospels? Whose Reich/Kingdom do we really serve?

The question goes to the heart of how human beings make sense of themselves and the world – and whether, when the heat is on, the foundation of our ethical frameworks is as sound as we like to think it is. Humility, generosity, loving your neighbour, protecting the weak – or self-preservation at all costs?

Every generation faces the same question. So does every nation.

 

* I originally wrote two scripts for this. The first I set in Weimar where you can stand by the statue of Herder and look to the hills beyond … and Buchenwald concentration camp. I decided this was not the right introduction, so went to Vienna instead. However, I didn’t change the statue from Herder to Lessing. Only one person pointed this out. It doesn’t change the point, but the error should be noted.

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Predigt, Berliner Dom, den 28en September 2014

Liebe Gemeinde,

Wir sind am Donnerstagmorgen in Berlin angekommen und wir fahren heute Nachmittag nach England zurück. Die Meißen Kommission, deren Co-Vorsitzender ich bin, hat sich in den letzten vier Tagen mit dem Thema „Kirche und Politik” beschäftigt. Wir fingen mit einem Treffen im Deutschen Bundestag an, und nahmen an einer Diskussion über die Ethik des militärischen Einsatzes von Drohnen teil. Und Dr. Margot Käßmann hat uns über die Pläne und Vorbereitungen des Reformationsjubiläums 2017 informiert.

Wie immer war die deutsche Gastfreundlichkeit großzügig und wunderbar. Und niemand hat über Schottland gelacht.

Im dem Jahr, wo wir uns an das Zusammenbrechen der Welt vor hundert Jahren in einem katastrophalen Weltkrieg erinnern, sollten wir es nicht gering schätzen, dass wir uns jetzt hier in Frieden als Freunde – als christliche Brüder und Schwestern treffen.

Wenn wir als Briten an solchen Diskussionen über Vorbereitungen des Reformationsjubiläums 2017 oder an einer Debatte über militärische Themen teilnehmen, müssen wir versuchen, die britischen Brillen vor unseren Augen wegzunehmen (das heißt, die Linsen, durch welche wir hinausschauen, um die Welt zu beobachten), und die Welt durch deutsche Augen zu sehen. Die deutsche Geschichte und kulturellen Entwicklungen sind anders als die englischen, und bestimmte Weltereignisse sehen durch deutsche Augen anders aus. Zum Beispiel: die Immigration und die Erfahrung mit Islam sind in Großbritannien mit dem Kolonialismus verbunden, aber in Deutschland mit wirtschaftlichen Entwicklungen. Dieser Unterschied ist wichtig, und formt die Sprache der Debatten. Wir müssen die Dinge durch eine andere Brille betrachten.

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt beobachtet in seinem Buch „Außer Dienst”, dass niemand sich als Kandidat für die Wahl zum Bundestag vorstellen sollte, wenn er nicht mindestens zwei Fremdsprachen spricht. Warum? Weil wir unsere eigene Kultur nur verstehen können, wenn wir durch die Augen einer anderen Kultur darauf schauen – und das können wir nur machen, wenn wir die Sprachen verstehen. Helmut Schmidt glaubt, dass wir bereit sein müssen, uns selbst in der politischen oder kulturellen Welt anzuschauen und unsere Sichtweisen, unsere Werte und Prioritäten und Voraussetzungen von außen prüfen zu lassen. Das heißt Perspektive und Wechsel der Perspektive – und es ist weder natürlich noch einfach zu tun.

Also lassen Sie mich eine kurze Geschichte erzählen, die illustriert, wie wir das machen könnten.

Ein Engländer, ein Ire und ein Schotte sind von einem riesengroßen Riese gefangen worden. Der enorme Riese sagte dem Engländer: “Sag mir eine Sache, die ich machen soll. Wenn ich es schaffe, dann fresse ich dich; wenn nicht, lasse ich dich frei.” Der Engländer überlegte einen Moment, dann antwortete er mit dem leisen britischen Humor: “Werft einen Stein auf den Mond, und, wenn der Stein zurückkommt, musst du ihn fangen.” Der Riese lachte (ho ho ho), warf einen Stein auf den Mond, und fing ihn, als er zurückkam. Er fraß den (ziemlich überraschten) Engländer. Der Ire sah das und überlegte weiter. “Lauf um die Welt zehn Mal in zehn Minuten herum”, sagte er mit dem Selbstvertrauen der Kelten. Der Riese lachte (ho ho ho), und spazierte in neun Minuten zehn Mal um die Welt herum … und fraß den verwirrten Iren. Dann kam der Schotte dran. Er lachte, kratzte seinen Kilt (Schottenrock), spuckte auf den Boden und sagte: “Schwimm darin!”

(Normalerweise kommt in solchen Witzen der Ire als dritter. Aber diesmal feiern wir gemeinsam die Entscheidung bei der Volksabstimmung der Schotten, britisch zu bleiben! Wenigstens bis zum nächsten Mal…)

Diese Herausforderung – alles anders und neu sehen zu lernen – gehört zum Wesen der Sache, was es bedeutet, Christ zu sein. Es ist so wichtig und so offensichtlich, dass wir dies oft vergessen. Jesus lädt seine Freunde und Gegner ein, eine neue Sicht auf Gott, auf die Welt, und sogar auf sich selbst zu nehmen … wie durch veränderten Augen hinauszuschauen. In meinem kleinen Buch Am Rande bemerkt fasste ich diese Idee so:

“Alle Menschen hätten eine Linse hinter den Augen … die nur selten oder gar nie herausgenommen und der kritischen Analyse ausgesetzt wird. Das ist die Linse, durch die ich Gott, die Welt und mich selbst sehe. Ich hinterfrage das, was ich sehe, nur selten, und gehe meistens davon aus, dass es so ist, wie ich es sehe. … Doch diese Linse ist für die Sichtweise, wie ich das Leben und den Tod und das Glück und den Schmerz betrachte, so wichtig, dass ich sie nicht unerforscht und unberührt ignorieren kann. … Anders ausgedrückt: Alle Menschen sollten von Zeit zu Zeit die Linse hinter ihren Augen herausnehmen, sie sorgfältig untersuchen und schärfen lassen, um sich selbst, die Welt um sie herum und den Gott, der sie umsorgt, klarer zu sehen. Ein anderer Blickwinkel könnte unser Leben verändern, unsere Sicht verändern und unsere Vorurteile hinterfragen.”

Also, gemäß der Tradition der alttestamentlichen Propheten vor ihm, stellt Jesus die Frage, ob wir die Realität sehen, oder ob es möglich ist, dass es eine andere Realität gibt, die man nur dann spüren kann, wenn man durch die Augen Jesu sieht. Zum Beispiel:

  • Wir sind alle von Mode besessen, nicht wahr? Wir kaufen ständig und immer ein, weil wir glauben, dass mehr Dinge und immer mehr Stoff uns glücklicher und unser Leben besser machen werden. Aber Jesus sagt: “Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.”
  • Die Blumen zeigen ihre Herrlichkeit nur kurz, aber sie kümmern sich nicht um die Zeit danach. Und das bedeutet nicht, dass wir Menschen nur für heute die Erde ausbeuten sollten, sondern, dass wir die Erde respektieren müssen und von der natürlichen Welt lernen sollten. Deshalb hilft uns Jesus: es ist weder notwendig noch unvermeidlich, dass wir uns ständig von den Werbetreibenden und Marketing-Experten verführen lassen müssen, um mit ihren Lügen einverstanden zu sein, dass mehr Stoff und Textilien uns glücklicher macht.
  • Erinnern Sie sich an die Schlange im Garten? “Hat Gott wirklich gesagt, dass du nicht die Früchte dieses Baumes essen darfst? Wirklich? Bist du ganz sicher?” Wir Menschen fangen sehr früh an, Lügen zu glauben. Hier nehmen wir an, dass nicht Gott allein die Fantasie anregt, sondern auch der Satan, der auch eine andere Sichtweise anbietet.
  • Die Propheten beobachteten in ihren Gesellschaften eine echte religiöse Erweckung – eine Erneuerung der Anbetung und des Engagements. Aber sie sahen tiefer in die Dinge hinein, und ließen sich nicht von dem äußeren Schein verführen. Sie sprachen die Wahrheit aus, die manche anderen nicht anerkennen wollten: wenn Sie im Gottesdienst Lieder über die Gerechtigkeit und Gnade Gottes singen, aber Ungerechtigkeit und Korruption in Ihrer Gesellschaft institutionalisieren, lacht Gott nicht. Die Lieder sind bedeutungslos und unverschämt. Die Propheten sahen über die unmittelbare Realität hinaus, und versuchten durch Poesie und anregende Sprechweise, die blinden Menschen zu fördern, die Realität hinter dieser Realität zu sehen. Sie verwendeten reiche Sprüche und Sprechweisen, die wie ein Ohrwurm im Bewusstsein und der Fantasie der Zuhörer herumkratzen würden, bis ihre Sicherheiten und verführende Phantasmen in Frage gestellt wurden.
  • Und der Prediger von Nazareth geht mit dieser Tradition weiter. In einer Welt, die von dem brutalen herrschenden römischen Reich dominiert wurde, stellte Jesus in Frage, ob Gewalt wirklich die einzige Widerstandsmethode sei. Wirklich?
  • Was würde geschehen, wenn du deinen Feind lieben würdest – statt ihn umzubringen? Vielleicht wird so eine Liebe nicht immer möglich sein; aber, denkt daran! Muss das Leben sein, wie es ist oder ist eine andere Realität möglich? Können wir uns vorstellen, wie so eine Welt aussehen könnte?
  • Oder: Wenn du alles verlierst, alles was dir gehört, wie viel bist du wert? Wenn alles von dir weggenommen wird, wer bist du danach?
  • Die Welt liebt die Macht und hat Angst vor Gewalt. Es gibt heute diejenigen, die davon überzeugt sind, dass wenn man den Kopf von den Schultern eines Menschen abhackt, die Stimme dieses Menschen für immer verstummt. Aber, lassen wir uns vorstellen, dass diese grausame Tat in Wirklichkeit die Stimme des Toten verstärkt? Die grausame Tat wird ihrer scheinbaren Macht beraubt. Deswegen kann Paulus in seinem Brief an die leidenden Christen in Rom behaupten: “Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.”
  • Was passiert, wenn man einen schwachen Mann auf ein Kreuz nagelt, und glaubt dabei, dass die Welt jetzt von einem gefährlichen Narren frei sei – aber nachher herausfindet, dass dieser Mann seine Armen einer Welt öffnet, und nicht heimzahlt, was diese Welt ihm antut? In seinem Tod ist er mächtiger als die politischen und militärischen Mächte, die glaubten, dass sie ihn überleben würden.

“Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes,” schreibt Paulus an die Christen in Rom. Metanoia – repentance – Sinneswandel. Am Anfang seines öffentlichen Auftrags sagt Jesus: Tut Buße! Das heißt: Schau anders, benutze eine andere Brille, um anders zu sehen, um anders zu denken, um anders zu leben.

Das müssen wir verstehen, wenn wir die Lesungen heute verstehen wollen. “Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.” (1Petrus 5,7) In Europa klingt das schön und bequem. Aber in Mosul oder Aleppo? Im Nordirak oder in Syrien?

Und hier liegt die Herausforderung: können wir uns eine andere Welt eigentlich vorstellen? Es kann gefährlich sein. In einem Interview in Dem Spiegel hat Dr. Margot Käßmann gesagt: “Ich fände es gut, wenn die Bundesrepublik auf eine Armee verzichten könnte wie etwa Costa Rica. Natürlich weiß ich, dass das eine Utopie ist, allein wegen der Einbindung Deutschlands in die Nato.” Diese Aussage ist falsch wiedergegeben worden. Darf man nicht träumen – oder sich eine andere Welt vorstellen?

Wenn wir zurück in das Alte Testament gucken, sehen wir wichtige Geschichten und Warnungen. Zum Beispiel in Deuteronomium 26, wo die Israeliten nach vierhundert Jahren der Unterdrückung und vierzig Jahren der Wanderung in der Wüste gerade am Rande (an der Schwelle) des versprochenen Landes stehen. “Vergiss nicht, das du einmal Sklaven waren – dass du nichts hattest, und dich selbst nicht von den Ägypten befreien konntest. Denn, wenn du deine eigene Geschichte vergisst, wirst du schnell andere Menschen als deine Sklaven behandeln. Um diese Entwicklung zu vermeiden, musst du einige Rituale etablieren, die das Volk daran erinnern werden, woher sie kommen. Diese regelmäßige Erzählungen der Volksgeschichte wird dazu helfen, dass die Perspektive richtig gehalten wird und ihre Prioritäten hinterfragt werden.

Und die Israeliten sind nicht die einzigen Menschen, die unter Amnesie leiden. Auch wir vergessen, wer wir sind und woher wir stammen:

  • Wenn wir denken, dass die Erde uns gehört und für unseren exklusiven Gebrauch und unsere Ausbeutung existiert – ohne Gedanken für zukünftige Generationen… ohne Rücksicht auf die Folgen, wenn die Erde ausgenutzt wird…
  • Wenn wir andere Menschen als Rohstoffe ansehen, die für unsere Unterhaltung oder unseren Konsumverbrauch zur Verfügung stehen…
  • Wenn wir die Religion als Währung für den Kauf von politischer Macht nutzen, während wir gleichzeitig die Menschlichkeit zu Staub reduzieren…
  • Wenn wir Bedürfnisse mit Wünschen verwechseln (wie die Beatles sagen wollten: “All you love is need”, alles was du liebst, sind Wünsche…)…
  • Wenn wir glauben, dass die Macht darin liegt, Menschen zu verunglimpfen statt sie zu befreien…
  • Wenn wir vergessen, dass das „Überleben des Stärkeren” nur eine Beschreibung von Natur ist, und nicht eine Grundlegung von menschlichen ethischen Idealen sein darf…
  • Wenn wir den Anbau der Erde mit der Herrschaft über die Erde verwechseln (siehe Erstes Buch Mose, Kapitel 2).

Und wenn Jesus seine Zuhörer – einschließlich seiner Freunde – dazu einlädt, die Welt anders anzusehen, dann meint er das nicht romantisch. Jesus weiß, dass die Welt kompliziert ist – dass seine Freunde täglich mit Kompromissen und Angst unter den Besatzungsmächten leben – dass Menschen gekreuzigt werden, wenn sie es wagen, den Kaiser nicht als die höchste Autorität anzuerkennen. Jesus hat keine Illusionen über Macht und Leiden; er wandert nicht um die Hügel von Galiläa, bekleidet in einem weißen Nachthemd, mit einer Gitarre, und singt nicht ‘Kumbaya’ – er träumt nicht von Flower-Power. Er weiß genau, dass seine Freunde in der realen Welt leben müssen, aber er lädt sie dazu ein, zu einer anderen Melodie zu tanzen. Das heißt nicht Wirklichkeitsflucht, sondern eine alternative Lebensart.

In seinem ersten Brief an eine Gemeinde von leidenden Christen schreibt Petrus: “Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit!” Wenn Gott Christus wirklich von dem Tode erweckt hat, dann können wir glauben, dass trotz unserer Angst Gott das letzte Wort hat – und nicht der Tod oder die Gewalt oder die Zerstörung.

Im Römerbrief, Kapitel 8 schreibt Paulus: “Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.”

Die Mächtigen und die Gewalt können uns und keinen Menschen trennen von der Liebe Gottes. Keine Gewalt vermag es die wahre Realität zu verbergen.

Wir stellen uns die wichtigste Frage des Lebens: welche Vision treibt unseren Wille und formt unseren Lebensstil?

Einmal rollte Michelangelo einen riesigen Felsbrocken einen Abhang hinunter und wandte seine ganze Kraft an, um den Stein zu manövrieren. Irgendjemand blieb stehen und fragte ihn, was er da tun würde, schließlich sei es doch bloß ein riesiger Stein. Michelangelo erwiderte, dass er es eilig hätte, denn in dem Stein würde sich ein Engel befinden, der darauf wartete, sich zu zeigen. Michelangelo konnte die verborgene wahre Realität des Engels hinter der Realität des Steines erkennen.

Ich komme mit einer Frage zum Schluss. Haben wir gemeinsam die Vorstellungskraft – vielleicht die Neugier – durch die Augen Gottes hinauszuschauen, um danach zu leben? Haben wir den Mut, in dieser Welt nach den Regeln einer anderen Welt zu leben? Sind wir bereit, zu riskieren, die Komplexität in der Hand der Einfachheit zu halten? Wollen wir mit Jesus und seinen Freunden auf einem unsicherem Weg gehen, um auf der Reise zu entdecken, dass wir einfach nicht dazu verurteilt sind, nach der Pfeife von Macht und Gewalt zu tanzen? Können wir inmitten der konkurrierenden Geräusche der ängstlichen Welt die leise und schwache Melodie des Himmels erkennen?

Na gut. Das waren fünf Fragen. Und für heute sind sie genug.

Es ist wie in der Geschichte von der Auferweckung des Lazarus. Jesus geht in die Dunkelheit des Grabes des Lazarus. Jesus schenkt ihm neues Leben!

Wo wagt die Kirche es, an dunkle Orte zu gehen und den Menschen neue Hoffnung zu geben?

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen

One of these days I'll get back to posting about what's going on in the world. In the meantime, however, here is the script for this morning's Pause for Thought on the Chris Evans Show on BBC Radio 2:

I've just been to Berlin for the weekend – and not for a stag do. I was actually there to preach in the Cathedral on Sunday.

Now, if you ever get the chance to go there, go in not as a tourist, but for a service and sit down and look up. At the edge of the huge dome is an inscription in gold and it says: “Be reconciled with God”. In German, obviously. It was chosen by Kaiser Wilhelm II – the one in charge when the world walked into war in 1914.

Now, I know I should have been concentrating on the service, but my mind got stuck on that inscription. During the last hundred years people have sat there and looked at those words – “Be reconciled to God” – and assumed they knew what they meant. But, what did they mean during World War One? Or the mad years that led to Hitler taking control in 1933? Or during the Nazi era of dehumanising violence? Or during the forty years of Communist dictatorship when God was officially squeezed out and ignored?

What I'm getting at here is that reconciliation with God is meaningless unless it is worked out in flesh and blood with other people. And the point about reconciliation is that – by definition – you only need to do it with people who are difficult. In other words, it's really hard to do. So, for example, you couldn't be reconciled to God in 1943 and ignore the cries of persecuted Jews, homosexuals or people with the wrong political views. Reconciliation with God must have demanded a refusal to be reconciled with inhumanity.

While they were breaking up the Beatles sang 'Come together', and made it sound easy. I'm not sure I have it in my power to reconcile warring countries or stop Nazis from genocide, but I can start where I am with those with whom I find myself in conflict.

Or, to put it differently, having looked up at the dome of the cathedral in Berlin and seen beautiful words, I must look around at the people around me and offer them what God offers me.

 

This is the basic text of a sermon preached on Sunday evening 6 April 2014 in the Berliner Dom – one of a series for Lent under the general theme of 'Reformation and Politics'. I was given the theme last December, but only got the biblical text last week. So, having tried to revise it a bit, it ended up a bit of a mess. And there are no jokes…

Wem gehört die Stadt?

Weh denen, die ein Haus an das andere ziehen und einen Acker zum andern bringen, bis daß kein Raum mehr da sei, daß sie allein das Land besitzen! Es ist in meinen Ohren das Wort des HERRN Zebaoth: Was gilt's, wo nicht die vielen Häuser sollen wüst werden und die großen und feinen öde stehen? Denn zehn Acker Weinberg soll nur einen Eimer geben und ein Malter Samen soll nur einen Scheffel geben. (Jesaja 5.8-10)

Als ich die Predigt im Schlussgottesdienst am Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg hielt, stellte ich eine Frage: Wie viel ist “genug”?

Propheten wie Jesaja und Micha dachten über diese Dinge nach. Jesajas Gesellschaft rang mit den schwierigen Fragen, wie man leben und lieben sollte mit Menschen, die einfach nicht so waren, wie man sie gern hätte. Jesaja schrieb im Kontext einer wirtschaftlichen Revolution. Religion wurde als ein Mittel angesehen, die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen zu erfüllen – was man heute auch Selbstverwirklichung nennen könnte. Das wiederum hatte zu einer Krise der ethischen und sozialen Werte geführt, wobei, wie in solchen Fällen üblich, die Ärmsten am meisten leiden mussten. Die Religion war gezähmt, sie hatte ihre Schärfe verloren – die Schärfe, die daraus resultiert, dass man eine andere Welt für möglich hält.

Was Jesaja zu sagen hat, war also nicht nur für Israel von Bedeutung, sondern es spricht heute zu uns. Denn was er anspricht, sind nicht nur ganz spezielle soziale oder wirtschaftliche Verhältnisse, sondern das Herz und der Verstand des Menschen – und beides scheint sich, ungeachtet all unseres technologischen Fortschrittes, nicht so besonders zu verändern von einer Generation zur nächsten. Es sieht so aus, als wollten wir heute immer noch glücklich und erfüllt und zufrieden sein. Allerdings erkennen wir dabei (immer noch) nicht, dass es solches Glück, solche Erfüllung und Zufriedenheit nicht für Einzelne – oder einzelne Gemeinschaften – geben kann, ohne Rücksicht auf das Glück, die Erfüllung und Zufriedenheit dessen, den die Bibel meinen „Nächsten“ nennt.

Aber Jesaja geht es weniger um die Errichtung eines politischen Programmes als vielmehr um eine Vision. Die Menschen seiner Zeit hatten ihren Weg verlassen, sie hatten sich verlaufen und ihre Geschichte vergessen – ihre Geschichte als Kinder Gottes, der das Universum geschaffen hat und alles, was darin ist, einschließlich der Armen, der Ausländer und derjenigen, die „anders“ sind. Jesaja rief sie auf, nicht nur eine Vision „da draußen“ zu ergreifen, sondern sich ergreifen zu lassen von einer Vision, die sie verändert und die Weise, wie sie Gott, die Welt und sich selbst sehen. Und dieser Vision nach muss man immer nur mit 'genug' zufrieden sein. Der Prophet Micha hat es so ausgedruckt: “Alle Menschen aus Israel und den Völkern werden unter ihrem eigenen Weinstock und unter ihrem Feigenbaum sitzen – niemand wird mehr Terror verbreiten. Denn das Wort ADONAJS, mächtig über Himmelsheere, wirkt. Es wird keinen Terror und keine Angst geben, weil ihr mit eurem eigenen Baum zufrieden sein werdet und den Baum deines Nächsten nicht erobern müsst, weil ihr ihn nicht braucht. Schließlich kann man immer nur unter einem Baum gleichzeitig sitzen, oder?

Aber mein Thema heißt: Wem gehört die Stadt? Und dieses Thema habe ich ziemlich liberal interpretiert.

In Januar dieses Jahres bin ich eingeladen worden, ein Wochende bei Königin Elisabeth in Sandringham zu verbringen. Es stimmt aber nicht, dass ich diese Einladung erhielt, weil ich Fan von Liverpool FC bin. Ihre Majestät wußte natürlich diese wichtige Tatsache, aber das war nicht der Grund dafür, dass ich eingeladen war. Ich war deswegen eingeladen, weil sie im Januar jedes Jahres drei oder vier Houseparties in Sandringham veranstaltet, und ein Bischof (ohne seine Frau, weil es 'Arbeit' heißt) verbringt das Wochenende mit ihnen und hält am Sonntag morgen die Predigt in der Kirche. Ich war bloß an der Reihe.

Der Predigttext an diesem Sonntagmorgen war Jesaja Kapitel 42. Ich sprach von der Erfahrung der Israeliten, als sie sich im Exil fragten, wo Gott ist – wenn er überhaupt tatsächlich da ist. Diese Erfahrung von Entfremdung stammt daher, dass sie unter Zwang von ihrer Heimat weggenommen wurden und jetzt im Exil leben. Sie fragen sich jeden Tag was sie in der Zukunft machen sollen – besonders wenn sie eines Tages wieder nach Hause ziehen dürfen. Aber jeden Tag fühlen sie sich, als ob sie in einem fremden Land leben, wo die Sprache fremd ist, und in dem alles, was sie um sich sehen, laut und klar sagt: du gehörst hier nicht hin, dein Gott hat dich verlassen oder gar vergessen. Und diese Israeliten fühlen sich nicht zu Hause – sie sind entfremdet.

Diese Erfahrung der Entfremdung bleibt nicht nur in der biblischen Geschichte und nicht nur als marxistisches Schlagwort. In den letzten drei Jahren wohnte ich und meine Frau in Bradford, im Norden von England. In Mai oder Juni werden wir noch einmal umziehen, wenn ich zum Bischof von Leeds geweiht werde. Wo wir jetzt wohnen – in den Vororten von Bradford – ist die große Mehrheit der Bevölkerung Muslimisch. Während meiner Predigt in Sandringham habe ich auf die Zahl der Muslime hingewiesen, und die Königin hat mir nachher gesagt, dass sie ganz schockiert war. 70% der Bevölkerung im Stadtteil Heaton sind Muslime aus Pakistan – es kommen noch einige Einwanderer aus Osteuropa dazu. In der Nachbargemeinde liegt die Zahl der Muslime bei 83% – das heißt, 21,000 Menschen.

In dieser Stadt fühlen sich viele alt–Bradfordians wie entfremdet, auch in ihrer eigenen Stadt, auch in ihrer Heimat. Die Welt hat sich stark geändert und manche wissen nicht mehr, wo die Heimat zu finden ist. Sie erleben eine gewisse Unsicherheit, weil sich alles so geändert hat, und sie wissen nicht mehr, wo sie jetzt gehören. Und ich muß klar sein: Die meisten von diesen Muslimen sind Briten. Britisch sein ist irgendwie kompliziert zu definieren.

Wem gehört die Stadt? Das ist die schwere Frage, die wir uns heute Abend stellen. Und wir meinen dabei nicht nur Bradford oder Berlin, sondern auch den sogenannten öffentlichen Raum in der westlichen Gesellschaft. Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts glaubten viele Soziologen und ideologisch getriebene Politiker und Akademiker, daß die Religion als Phänomen bald aussterben würde. Sie hatten den Eindruck, daß es für den religiösen Aberglauben nach dem Siegeszug des Rationalismus und des atheistischen Säkularismus keinen Platz mehr geben würde. Und dann kamen vier Flugzeuge aus dem blauen Himmel heraus, und stürzten in einige stolze Gebäuden in Amerika. Am elften September 2001 sahen wir klar, daß die Religion immer noch in der ganzen Welt von Bedeutung ist.

Um diese Frage – wem gehört die Stadt? – zu beantworten, möchte ich in vier biblische Texte hineinschauen.

Die erste Stadt finden wir ganz am Anfang des Alten Testaments in Genesis Kapitel 4. Kain hat seinen Bruder Abel umgebracht – er war nicht “seines Bruders Hüter” – und Gott hat ihn deswegen aus dem Garten von Eden hinausgeworfen. Er wanderte in der Wüste, bis er endlich eine Stadt baute. Er nannte diese Stadt Enoch, aber wir wissen nicht warum. Aber was bedeutet es, daß er eine Stadt baute? Der französische Jurist und Theologe Jacques Ellul stellte sich diese Frage in einem Buch, das im Jahre 1962 veröffentlicht wurde, mit dem Titel Die Bedeutung der Stadt. Er behauptet, dass die Stadt Enoch nicht wie Liverpool oder Bradford oder Berlin war, sondern eine kleine Siedlung innerhalb einer Mauer, die als Sicherheitsmaßnahme errichtet wurde. Wenn einer sich plötzlich in der Wüste vorfindet, dann weiß er nicht mehr wer er eigentlich ist, wozu er gehört, und was seinen Platz ist in dem großen Universum. So baut er eine Mauer um sich, und fängt dann an, die Siedlung innerhalb der Mauer zu errichten. In diesem kleineren Universum weiß er jetzt, wer er ist – im Vergleich mit anderen Menschen und Aktivitäten in dieser Gesellschaft. Er hat – so zu sagen – die Welt verkleinert, um herauszufinden, was sein Leben bedeutet.

Das heißt, dass die Stadt den heimatlosen und verlorenen Menschen einen Raum bietet, in dem sie eine gewisse Sicherheit und persönliche Bedeutung etablieren könnten. Aus dem Garten des Lebens, und heimatlos in der großen Welt des Unsinns, errichten wir eine Weltanschauung, die unser Leben sinnvoll macht. Das Problem liegt aber darin, dass die Mauer nie genug dick und stark ist, dass Tragödie und menschliche Zerbrechlichkeit nicht das neue Leben stören. Und was machen wir, wenn die Mauer zerbrochen wird – durch Krankheit, Versagen oder Tod eines geliebten Menschen – und wir sehen, dass es ausserhalb der Stadt eine große Welt gibt… dass unsere kleine, selbst-gemachte Welt wirklich beschränkt ist?

Die Stadt ist ein Ort der Illusion der Sicherheit.

Die zweite Stadt finden wir in Jeremias Kapitel 29. Die Israeliten leben im Exil in einem fremden Land. Wie sollten sie sich unter den Ungläubigen und den fremden Eroberern verhalten? Die Antwort auf diese Fragen ist überraschend und herausfordernd:

So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl. Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen!

Das heißt: wenn du jetzt hier in dieser Stadt wohnst, gehört diese Stadt dir. Und mit dieser Zugehörigkeit ist eine große Verantwortung verbunden: du bist für das Gute – nein, das Beste – der Stadt verantwortlich, und du musst das Beste suchen und dafür beten. Auf Englisch spricht man von “the Common Good”. Ja, wir haben unsere eigene Identität und gehören zu unserer besonderen Gemeinschaften in der Stadt. Ja, wir sprechen unsere Heimatssprache miteinander, aber wir dürfen nie sagen, “Wir gehören nur zu denen, die unsere Sprache sprechen und auf unsere Weise leben.”

Aber das Problem liegt darin, dass es in einer Stadt immer diejenigen gibt, die sich von dem Stadtsvolk trennen – die sich nicht zu Hause fühlen, die eine andere Sprache sprechen. Wie kommen wir mit dieser Situation zurecht?

Nun wird die Sache wirklich interessant. Vorher sprach ich von den Muslimen in Bradford und oft denkt man im englischen Kontext, wenn man von 'Außenseiter' spricht, dass wir auf die Muslime hinweisen. Aber das stimmt nicht notwendigerweise, und ich möchte kurz erklären warum nicht.

Als am Ende des Jahres 2012 der letzte Erzbischof von Canterbury Rowan Williams von seinem Amt zurück trat, veröffentlichte er ein Buch: Faith in the Public Square. Dieses Buch enthält 26 Vorträge, die er während seinem Amtszeit gehalten hatte. In den ersten zwei Teilen des Buchs konzentriert sich Dr Williams auf den Aufstieg des Säkularismus in einem britischen Kontext des zunehmenden religiösen Analphabetentums. Er stellt sich die Frage, ob der Säkularismus irrt. Hier geht es um –ehrlich gesagt, oft komplizierte – Gedanken über Säkularismus, Glaube und Freiheit; über Überzeugungen, Loyalitäten und den säkularen Staat; über Gesetz, Macht und Frieden. Kurz gesagt: die Säkularisten nehmen gedankenlos an, dass die Religion in eine Privatsphäre gehört; dass, der öffentliche Raum nur denjenigen gehört, die an den Mythos der Neutralität glauben. Eine solche Neutralität gibt es eigentlich nicht. Williams behauptet, dass der Säkularismus grundsätzlich eine Tendenz zu einer eindimensionalen Narrative hat, von der die religiöse Narrative natürlich ausgeschlossen ist.

“Der öffentliche Raum der zeitgenössischen Kultur ist in keiner sinnvollen Weise neutral oder frei: Die christliche Gemeinde muss erkennbar sein durch das Erzählen und Handeln einer Geschichte, die ganz anders ist,als die vom modernen Staat propagierte. Dies beinhaltet natürlich, die Tatsache öffentlich machen, dass der moderne Staat tatsächlich eine Geschichte erzählt; nämlich, dass er nicht einfach die Fleischwerdung einer zeitlosen Idee (Rationalität) ist.” (Williams 2012, p.43)

Vor einigen Wochen unterschrieben 27 anglikanische Bischöfe einen offenen Brief, in dem sie auf die Verbreitung der Foodbanks hinwiesen. Hier bringen Leute Essen, dass die Armen abholen können, weil die staatliche Sozialhilfe stark gekürzt wurde. Braucht es diese Foodbanks an immer mehr Orten im ganzen Land, damit Menschen überhaupt Essen erhalten. Dann veröffentlichte eine englische Zeitung einen Kommentar des Chefredakteurs. Darin sagte er, dass die Bischöfe sich aus der Politik heraushalten sollen. Es brauchte nicht lange, bis ich eine Antwort in meinem Blog darauf schrieb. Wer soll denn sonst noch alles ausgeschlossen werden, von politischen Diskurs? Die Politik hat mit der Polis, der Staat, zu tun – und dass heißt, mit Menschen und ihrem gemeinsamen Leben zu tun.

Der Punkt ist: Die moderne Stadt ist ein Ort, an dem Religion oft im besten Fall toleriert wird und im schlechtesten Fall vom öffentlichen Platz ausgeschlossen wird. Die Kirche muss sich ihren Platz in der Gesellschaft verdienen und sie muss im öffentlichen Raum selbstbewusst agieren; die Kirche kann nicht davon ausgehen, einfach einen Platz in der Nation oder eine Stimme im öffentlichen Raum zu besitzen. Die Stadt gehört jeder Person und jeder Gruppe oder Gemeinschaft, die in der Stadt lebt und von der Stadt einen Lebensraum bezieht und – unter anderen – die zukünftige Form der Stadt schafft.

Die dritte Stadt ist Jerusalem, als Jesus von Gethsemane auf die Stadt hinausschaut. Und er weint. Jesus hat keine Illusionen über die Realität des echten Lebens einer Stadt. Und diese Stadt – die Stadt von David – vertritt eine gescheiterte Vision des Willens Gottes für sein Volk und – gleichzeitig – die beschränkte Vorstellung der Stadt zu einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Kontext. Diese Stadt, diese Stadt des Segens, wird sich bald in eine Stadt des Folterns und der ignoranten Gewalt verwandeln. Und Jesus weint. Nur diejenigen, die die Stadt lieben – mit ihrer Kultur und Menschheit und Vielfältigkeit und Buntheit – können auch über die Realität der Stadt und ihre Menschen weinen.

Die vierte – und letzte – Stadt finden wir ganz am Ende des Neuen Testaments in der Offenbarung Kapitel 21. Und diese überrascht uns. Die neue Jerusalem, die himmlische Stadt, bleibt nicht im Himmel, sondern kommt zu uns. Das ist richtig: der Himmel kommt zur Erde herunter. Wir gehen nicht zum Himmel, sondern der Himmel kommt zu uns.

Das sollte aber eigentlich gar nicht eine Überraschung sein. Am Anfang der Bibel sehen wir, wie Gott nicht auf die Initiative Adams wartet – nach dem Essen der verbotenen Früchte im Garten – sondern selbst die Initiative übernimmt und die nackten – d.h. durchschaubaren – Menschen im Garten suchte. Gott gibt Kain ein Zeichen seines Schutzes – auch wenn Kain das nicht verdient noch darum gebeten hatte. Gott schickt die Propheten. In Jesus Christus kommt Gott zu uns – der ultimative Beweis einer Gnade, die total realistisch und illusionsfrei ist. Gott liebt die Menschen – auch die römische Besatzungstruppen, die jüdischen Behörden, die Armen, die Reichen, die Geschäftsleute und die arbeitslosen Bettler, die Steuereintreiber, die Kranken und die Kinder, die kein anderes Stadtmodell kennen.

Lasst uns nach dieser Geschichte und nach diesen Beispielen aus der Bibel anerkennen, dass die Stadt den Menschen gehört, die darin wohnen und arbeiten, spielen und lieben, gewinnen und verlieren; aber diese Zugehörigkeit beinhaltet eine große Verantwortung: dass alle Menschen sich für das Beste der ganzen Stadt hingeben, und nicht nur ihre eigenen einzelnen Interessen verteidigen. Sie müssen von einer Vision betrieben werden, die klar darüber ist, was 'genug' heißt. Die Geschichte der Bibel und die Erzählung des Evangeliums machen klar, dass Gott von uns ungebeten zu uns kommt. Er kommt, und wir müssen entscheiden, ob wir ihm folgen und aktiv werden, sein Königreich – seine Anwesenheit – in der Welt wahrzunehmnen und aufzubauen. Und das hat mit Land und Boden, Haus und Stoff, Recht und Unrecht zu tun.

Wem gehört die Stadt?

Jeremias 29: Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl.

I am preaching in the Berliner Dom this evening in a Lent series of sermons under the general theme of 'Reformation and Politics'. I was given the theme: 'To whom does the city belong?' and prepared the text (in German) before being given the biblical text on whcih to base it. So, it will possibly be a little tangential…

Sitting in the Dom this morning I was struck again by the text engraved above the chancel steps: “Lasset Euch versöhnen mit Gott” – “Be reconciled to God”.

This – along with all other texts inside and outside the building – was chosen by Kaiser Wilhelm II. I wonder what he understood reconciliation with God to mean. What did he expect people to do when they read this text above a crucifix on the altar of this grand cathedral church?

I ask the question because the answer simply isn't obvious. We always filter our understandings (and the assumptions that generate them) through the worldview we inhabit and the experiences we enjoy or endure at a particular time, as part of a particular culture in the context of the particular period of history in which we live. In other words, the practical outworking of reconciliation with God – it can never be simply an individual pietistic act of the spirit – involves real other people in real places and at real times. It can never be disembodied.

So, as Germany found itself heading towards war in 1914, how was this text read by those who worshipped in the Dom? Or, again, during the Weimar Republic? Or, again, between 1933-45 when the Third Reich adopted a particular view of religion and Christian identity? Or, again, during the Communist dictatorship of the GDR between 1949-89? Was 'reconciliation with God' an act of conformity to a private piety, or an invitation to political and ethical rebellion… at inevitable personal cost?

When I stand in the pulpit this evening I will do so with the humility that comes from recognising the complexity of history and context. Even though I will preach in German, I cannot know how I will be 'heard' by a congregation whose historical associations and personal, social or familial memories are different from those such as mine that have been shaped by an island existence.

In other words, things aren't simple.

I am writing this with the Archbishop of Canterbury's references to gay marriage and the suffering of Christians in Africa in the background. Some ethical questions look clear and simple when seen from one clear perspective. However, look through different eyes and the clarity gets dulled by complexity. Some of us need not worry too much about what happens to Christians in Africa if the Archbishop of Canterbury expresses support for gay marriage (let's drop the 'equal' word as it isn't); the Archbishop has to worry. When there is a direct link between what one says and what happens to other people, words have to be chosen carefully and with a very big pause.

The problem here is that there are two evils: oppression of homosexuals (particularly in parts of Africa and the Middle East) and oppression of Christians by those who will use gay identity or approval as sanction for brutality. Working out the ethics here is not simple: if one has an equal obligation to both – and a responsibility not to contribute to the victimisation of either – then how does one decide what to say to whom and when?

I am not writing this to defend the Archbishop or his critics. But, I am defending the complexity of his position. It is a heavy burden to bear knowing that if you say something in England it can lead directly (in practical terms, not in terms of moral causation) to the murder of innocent people in Pakistan or Nigeria. And simply saying that we should abandon the Anglican Communion does not address the dilemma.

Yesterday I got the tram out to Hohenschönhausen to visit the former Stasi prison where thousands of people were imprisoned, tortured and abused – first by the Soviet occupying forces from 1945, then from 1950 by the security ministry of the German Democratic Republic. It finally closed in 1990 and is now preserved as a national memorial to those who suffered under the Communist dictatorship.

There are too many stories to tell. And it feels somehow cheap to stand as a tourist in a cell where people were once interrogated or held in terrible conditions, often not knowing their crime and usually not knowing where they were or for how long they would be there.

The brilliant film The Lives of Others illustrates the soullessness of this oppressive GDR culture. Life was cheap. And just as the film brings home the power of oppression by relating the personal stories of individuals, so it is the stories that impress when you stand one of the interrogation cells at Hohenschönhausen. We can generalise about politics and the cruelties of governments. We can academically abstract from places like this a penetrating critique of Marxist-Leninist dehumanisation and corruption. We can make clever points about resistance – from a place where to do so costs me nothing. But, it is the stories that haunt.

For each individual incarcerated, humiliated and abused here, there were families, friends, lovers, communities affected, torn apart, corrupted and dehumanised. Relationships were distorted, trust was compromised and identity questioned. And for each individual damaged here, others were responsible by what they did or didn't say, by what they did or didn't do.

The story of someone who has suffered innocently is hard to hear, even if a hard ethical choice had to be made which led to that person's suffering. The phenomenon is as important as the ethical content.

Abuse of individuals and groups is absolutely wrong always. Oppression of minorities is always wrong – whatever the context. But the complexity of balancing rights and obligations in matters of life and death is not to be rendered simplistic by turning such conflicts of obligation into a form of competitive ethics.

Those who say that the Archbishop should be opposing all forms of oppression and proclaiming 'love for all' – as if he were doing the opposite – are right. But, how? If we can't agree with him, at least understand the dilemma (as I think Andrew Brown does here).

Now, for the Dom…

 

Predigt, Berliner Dom, 22 August 2010

Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe.

Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich?

Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.

Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden.

Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht. (Apostelgeschichte 9:1-9)

Ich freue mich sehr, wieder einmal hier im Berliner Dom die Predigt zu halten. Ich war vor einem Jahr schon einmal hier, diesmal ist meine Frau, Linda, mitgefahren. Wir sind am Freitag in Berlin angekommen und wir sind für die wunderbare Gastfreundschaft von Frau Dr. Petra Zimmermann und dem Domkirchenrat sehr dankbar.

Im August waren wir zehn Tage auf Urlaub in Kreta. Wir hatten den Eindruck, dass wir die einzigen Engländer an der Nordküste von Kreta waren. Alle Gäste in unserem Hotel kamen aus Deutschland und Polen. Auch dann, wenn ich irgendeine Frage auf Englisch stellte, kam die Antwort immer auf Deutsch – auch wenn das Hotelpersonal besser Englisch als Deutsch sprach. Wir leben in einer komischen Welt…

Während dieses Aufenthaltes auf Kreta, habe ich mir gedacht, ich muss diese Predigt für den Berliner Dom vorbereiten. Trotz der Tatsache, dass wir im Urlaub waren, traf ich die Entscheidung, die neutestamentlichen Briefe von Paulus zu lesen und einige Gedanken darüber  zu sammeln – das heißt, in meinem Kopf und nicht auf Papier. Aber diese Gedanken waren nicht immer sehr hilfreich. Zum Beispiel, las ich im Brief an Titus (Titus war der erste Bischof von Kreta):

„Es hat einer von ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche. Dieses Zeugnis ist wahr.“

Offensichtlich war Paulus nicht immer freundlich und seine Meinung würde wahrscheinlich nicht in einem Reiseführer abgedruckt werden. Es ist klar, dass Paulus bestimmte vorgefasste Meinungen – Vorurteile – hatte. In der heutigen Kirche gibt es mitunter Streit über Paulus selbst (seine Persönlichkeit und seine Launen), über die Unterscheidung zwischen seinen theologischen und kulturellen Auffassungen. Der Bischof von Durham, Tom Wright, führt uns in seinem Buch What Saint Paul Really Said – was Paulus wirklich sagte – durch die Geschichte des akademischen Studiums der Theologie von Paulus: von Albert Schweitzer über Rudolf Bultmann, Ernst Käsemann bis Ed Sanders und anderen. Dann behauptet Wright – klar und unzweideutig – dass es unmöglich und auch nicht wünschenswert sei, die Theologie von Paulus einfach zusammenzufassen. Paulus sei irgendwie kompliziert und – so schreibt Tom Wright – diejenigen, die einen Anspruch auf ihn und seine theologische Perspektive erheben wollen, stülpen ihm ihre eigene Perspektive über:

„Niemand, der über das Christentum nachdenken möchte, darf ihn ignorieren; aber man kann ihn misshandeln, missverstehen, ihm seine eigenen Kategorien auferlegen, mit den falschen Fragen zu ihm kommen (ohne zu wissen, warum er keine klaren Antworten gibt), und unverschämt Material von ihm entleihen, um dieses Material in andere Systeme einzufügen, die er nicht anerkennen würde.“

Trotzdem möchte ich heute Morgen versuchen, etwas Einfaches über Paulus zu sagen! Und trotz der Ausführungen des Bischofs von Durham möchte ich einen kleinen Anspruch auf Paulus und seine theologischen Perspektiven erheben! Zuerst aber möchte ich eine kurze Geschichte erzählen.

Eines Tages kam eine kleine Fledermaus zurück in die Fledermaushöhle geflogen. Sie sah schrecklich aus:  IhrMund und ihre Zähne waren voll Blut. Die anderen Fledermäuse fragten erwartungsvoll: ‚Hast du etwas gefunden?! Zeig uns, wo!‘ ‚Lasst mich in Ruhe, ich habe Kopfschmerzen.‘ Wieder sagen sie: ‚Wo, wo warst du? Was hast du gefunden?‘… Schliesslich sagt die kleine Fledermaus: ,OK, OK, kommt mit.‘ Sie fliegen aus der Höhle, die kleine Fledermaus voran, tausende hinter ihr her. Sie fliegen einen Hügel hinauf, hinunter ins Tal, über den nächsten Hügel, rund um den nächsten Hügel, dann sehen sie einen Wald vor sich. Die Fledermaus stoppt, schwebt in der Luft. Tausende erwartungsvolle Fledermäuse hinter sich. Die kleine Fledermaus sagt: ‚Seht ihr den Wald da?‘ ‚Ja, ja, ja!‘ Seht ihr die Bäume im Vordergrund da unten?‘ ‚Ja, ja, ja!‘ Habt ihr den grossen Baum links vom Wald gesehen?‘ ‚Ja, ja, ja!‘ ‚Ich eben nicht!‘

Manchmal sind wir Christen wie diese Fledermaus: Wir lesen die Briefe von Paulus und streiten in der Kirche über die Einzelheiten (zum Beispiel, was er von Frauen denkt) und der Hauptpunkt – das große Bild – geht irgendwie verloren!

Tatsächlich scheint es mir oft, dass wir Christen uns als Experten darin zeigen, das Wesentliche nicht zu sehen. Manchmal sehen wir das einfach nicht, was unmittelbar vor Augen steht. Im Deutschen sagt man: Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, so wie die Fledermaus. Deswegen hat sich Jesus im Johannesevangelium so enttäuscht gezeigt, als er gegen die Pharisäer Anklage erhob: ‚Suchet in der Schrift; denn ihr meinet, ihr habet das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeuget; und ihr wollt nicht zu mir kommen, daß ihr das Leben haben möchtet.’ (Johannes 5:39) Das heißt:Sie geben ihr ganzes Leben dem Studium der Heiligen Schriften hin, um darin die Bedeutung des Lebens zu finden – aber sie können den Gottesmann – den Erlöser – nicht sehen, auch wenn er jetzt gerade vor ihren Augen steht!

Es scheint mir, dass auch die Bibel selbst klarmacht, dass diejenigen, die der Bibel nahe sind, sich in der größten Gefahr befinden, den Sinn des Textes zu verpassen. Und so kann es einem auch mit den Texten von Paulus gehen.

Was wir in der Apostelgeschichte über Paulus lesen, schreibt er auch im Galaterbrief Kapitel 1:

„Denn ich tue euch kund, liebe Brüder, dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht von menschlicher Art ist. Denn ich habe es nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi. Denn ihr habt ja gehört von meinem Leben früher im Judentum, wie ich über die Massen die Gemeinde Gottes verfolgte und sie zu zerstören suchte und übertraf im Judentum viele meiner Altersgenossen in meinem Volk weit und eiferte über die Massen für die Satzungen der Väter.“

Saulus – wie er damals hieß – war leidenschaftlich davon überzeugt, dass Gott allein durch echten Gehorsam gegenüber den Geboten der Torah zu finden ist. So heißt es, Gott wird eines Tages sein Volk rechtfertigen, wenn sie konsequent und vertrauensvoll der Torah folgen. Am Ende der Zeit wird Gott sein Volk dann in der Situation finden, dass es bereit ist, gerettet zu werden. Daher ist es für Saulus von höchster Bedeutung, dass die Juden, die von diesem Weg abweichen, zur Rückkehr auf den rechten Weg gezwungen werden. Das entsprach seinem Verständnis von Gottes zukünftiger Welt, und dabei ging es nicht nur um das geistliche Verhältnis zwschen einer bestimmten Person und seinem Gott, sondern um viel mehr, auch Fragen der Gesellschaftsordnung.

So wird klar, warum nach der theologischen Überzeugung – der theologischen Weltanschaung – des leidenschaftlichen Saulus die sogenannten Christen mehr als  nur kleines Ärgernis waren.

Aber was ist Saulus auf dem Weg nach Damaskus eigentlich passiert? Erstens können wir sagen, dass er sich nicht durch philosophische oder theologische Argumente bekehrte, sondern durch eine Begegnung mit dem auferstandenen Jesus Christus. So, kam dem Eiferer ganz unmittelbar zu Bewusstsein, dass die Hoffnung Israels, die am Ende der Zeit verwirklicht werden sollte, schon in der Auferstehung Jesu Christi vollbracht worden ist.

Das heißt, dass seine theologischen Überzeugungen nach der Begegnung mit Christus umgestaltet wurden. Unsere theologischen Überzeugungen müssen immer wieder dem Gespräch mit unserer Erfahrung ausgesetzt werden.

Ich finde es auch interessant, dass Jesus am Anfang dieser Begegnung auf dem Weg nach Damaskus Saulus nicht einen Vortrag gehalten hat – er hat nicht gesagt: „Saulus, du Dummkopf! Du hast alles missverstanden. Jetzt möchte ich deine Theologie korrigieren. Nun, wach auf und hör zu…“ Nein. Wider Erwarten fängt Jesus mit einer Frage an: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“

Bei Jesus ist das aber ganz normal. In den Evangelien scheint das immer so zu sein. Statt einen Vortrag oder eine Erklärung abzugeben, stellt Jesus oft eine einfache Frage: „Was willst du, dass ich für dich tun soll? (zu dem blinden Bettler Bartimäus im Markusevangelium Kapitel 10). Oder im Lukasevangelium Kapitel 24, wo zwei Jünger nach Emmaus gehen und „sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen… Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs?“

Es scheint von der Bibel her, dass Jesus uns oft mit einer Frage begegnet, und nicht mit einer Behauptung. Warum ist das so? Vielleicht, weil er dort beginnt, wo wir sind. Und vielleicht auch deswegen, weil er weiß, dass wir die Verantwortung für unsere Begegnung mit Jesus übernehmen müssen – dass wir unsere eigenen Entscheidungen im Blick auf die Forderungen Jesu treffen müssen. Christen sind keine Menschen, die vor der Realität oder vor der Verantwortung fliehen. Jesus hat niemals jemanden dazu verführt, blinder Nachfolger zu werden.

Und nach seiner Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus musste Paulus drei Jahre gründlich studieren, um seine Theologie im Lichte der revolutionären Begegnung mit dem auferstandenen Christus umzugestalten. Martin Luther hat  eine ähnliche Erfahrung gemacht: die revolutionäre Entdeckung der Rechtfertigung allein aus Glauben, die sein Verständnis von Gott, von der Religion, von der Kirche und von der Theologie tiefgreifend veränderte.

Aber trotz dieser Bekehrung bleibt Paulus doch er selbst. Es stimmt, dass er wie neugeboren ist. Es stimmt, dass er zu einem neuen Mann geworden ist. Aber Paulus bleibt zugleich doch Paulus: leidenschaftlich, ungeduldig, offensichtlich humorfrei, kritisch, streitlustig und sarkastisch. (Meiner Erfahrung nach bitten viele Brautpaare für den Traugottesdienst um eine Bibellesung aus dem 1. Korintherbrief Kapitel 13 – Das Hohelied der Liebe – und nicht aus dem 2. Korintherbrief 10 bis 13, wo Paulus sich sehr ironisch und durchaus sarkastisch zeigt!)

Also, wenn wir sagen wollen, dass Paulus ein Heiliger oder ein beispielhafter Mensch sei, müssen wir aber auch sorgfältig sein und ehrlich von ihm sprechen. Warum? Nun weil es so wichtig ist, dass wir erkennen, dass die Heiligen auch Menschen sind. Es gibt ein Lied auf Englisch wo es heißt: „Take my talents, take my skills, take what’s yet to be; Let my life be yours, and yet, let it still be me.“

Auf Deutsch: „Nimm meine Talente, nimm meine Fähigkeiten, nimm, was noch sein wird. Lass mein Leben deins sein, und doch, lass es weiter mich sein.“

Nach der Begegnung mit Jesus hatte Paulus keine falschen Vorstellungen von seiner eigenen Gerechtigkeit. Er zweifelte nicht daran, dass er ein Sünder war, dass er bestimmte Schwächen hatte. Und hier können wir auch von Paulus ermutigt werden. Ziemlich oft frage ich mich, warum bin ich so… ungeduldig, inkonsequent, schwach, usw.? Ich bitte Gott darum, dass er mich total verändern möge – aber das tut er nicht. Ich bleibe ich… genau so wie Paulus. Paulus bleibt er selbst (von der Persönlichkeit her) trotz der Revolution in seinen theologischen Voraussetzungen und der Änderung seines Namens von Saulus zu Paulus. Er ist total verändert, aber er bleibt zugleich derselbe. Und meine Begegnung mit dem auferstandenen Christus hat auch meine Welt-, meine Gott- und meine Selbstanschauung radikal geändert – und trotzdem bleibe ich ich.

Und hier kommen wir noch einmal zum Hauptpunkt. Die tiefreichendste Herausforderung für Paulus bestand darin, dass, wenn Jesus wirklich – tatsächlich – vom Tode auferweckt worden ist, dann ist die ganze Welt verändert worden. Das heißt, dass das Leben, unsere Vorstellung oder unser Verständnis von der Natur Gottes, die Gestalt der Kirche, die Mission der Kirche, unsere christliche Verbundenheit mit und in der Welt (also in der Politik, in der Wirtschaft, in der Kultur, usw.) jetzt anders aussieht.

Die Theologie des Paulus kann nie nur privat bleiben. Es gibt keine private oder rein individuelle christliche Spiritualität; es gibt immer ein gesellschaftliches und gemeinsames und politisches Element.

Vor einigen Jahren kam ich von Österreich in Birmingham auf dem Flughafen an. Ich kam von einer theologischen Konferenz zurück, wo ich einen Vortrag über die Natur der Kirche gehalten hatte. Als wir aus dem Flugzeug ausstiegen, bemerkte ich eine große Werbeanzeige auf einer Brücke vor dem Flughafengebäude, auf der stand: „You’ve got the whole world in your hands“ – Mastercard. Fünf Minuten später sah ich eine zweite Anzeige: „Visa makes the world go around“.

Aha! Da habe ich Paulus verstanden. Er stellt uns die klare und schwierige Frage: Wer regiert in dieser Welt? Wem folgen wir wirklich nach? Gott? Dem Herrn Jesus? Oder vielleicht dem Finanzsystem? Welche Werte nehmen wir als Christen wirklich an? Glauben wir tatsächlich, dass Jesus der Herr ist – oder (in der Welt von Paulus) der Kaiser? Beten wir Gott oder andere Götterchen an? Und wenn ich sage und singe, dass Jesus der Herr ist, sagt mein Leben davon etwas aus? Bin ich ein Zeuge davon, dass Jesus der Herr ist?

Darin liegt das Herz der Theologie und der Herausforderung des Paulus. Bei all unserer Lippenbekenntnisse und Glaubensbekenntnisse dienen wir wirklich dem heiligen Gott – oder geringeren Herren?

Von Paulus lerne ich unter anderem zwei überaus wichtige Wahrheiten:

Erstens, dass von der Auferstehung Christi her überzeugte Christen so leben müssen, dass andere Menschen merken: Wir tanzen zu einer anderen Melodie. Wir sehen die Welt mit anderen Augen, in einem anderen Licht, im Licht der Gnade Gottes. Wir versuchen Jesus nachzufolgen, und nicht den Werten der Welt, die manchmal andere Prioritäten setzt.

Zweitens, dass ich, so lange ich lebe, immer Probleme bei der Umsetzung dieser Erkenntnis, bei der Anwendung dieser Wahrheit auf mein Leben haben werde, weil ich schwach bin – weil ich ich bin.

Aber darin liegt auch die Ermutigung: Gott weiß genau, wie wir sind und deshalb und trotzdem wählt er uns aus, als sein Leib in der heutigen Welt zu leben. Paulus hat es selbst am Anfang seines Briefes an die Christen in Korinth so formuliert: „Paulus, berufen zum Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes…“

„Ehre sei Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen. Nach der Kraft, die in uns wirkt. Amen.“

Predigt in der Berliner Dom (26 September 2009)

Johannesevangelium 11

Jesus rief mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!

In den letzten zwei Wochen habe ich in zwei verschiedenen Welten gelebt. Die erste Welt war Rom. Ich verbrachte vier Tage bei einer Kommunikationskonferenz im Vatikan und besuchte den Petersdom. Als wir vor dem Dom standen, sagte ein katholischer Freund von mir: ,Das ist der Grund für die Reformation.‘ Und die Zweite Welt?

In den letzten Tagen war ich als Gast der EKD bei der Zukunftswerkstatt in Kassel. Die Konferenz heisst Kirche im Aufbruch und vertritt die neueste Phase des Reformprozesses der deutschen evangelischen Kirche. Es scheint mir, dass die Evangelische Kirche die Herausforderung ernst nimmt, sich zu reformieren – umzugestalten – auf dem Wege zum Lutherjahr 2017. (Im Jahre 2017 werden wir den fünfhundertsten Jahrestag des Reformationsanfangs in Wittenberg feiern.) Deswegen ist es für mich eine grosse Ehre, am letzten Tag dieser Reformationskonferenz in Berlin dabei zu sein, während solche gelehrten Fachleute die sogenannten Sister Reformations in Deutschland und England betrachten und diskutieren.

Und es ist mir ein grosses Privileg, hier als anglikanischer Bischof und englischer Co-Vorsitzender der Meissen Kommission die Predigt zu halten. Die Meissen Kommission, die in der letzten Woche in England tagte, versucht die zwei Kirchen immer näher zueinander zu bringen. Und meiner Meinung nach ist diese Arbeit wichtig nicht nur für die Kirchen, sondern auch für unsere Gesellschaften in Europa.

Es tut mir wirklich leid, dass ich für die gesamte Konferenz hier in Berlin nicht dabei sein konnte. Ich bin kein Experte in Sachen Reformationsgeschichte und hätte gerne die Vorträge während der Konferenz gehört. Aber trotzdem gehören Kassel und Berlin zusammen in dem Sinn, dass sie von einer einzigen Idee verbunden sind: nämlich, dass die Kirche immer wieder reformiert werden muss – semper reformanda.

In jeder Generation müssen sich Christen einige schwierigen Fragen stellen: was ist die Kirche eigentlich und für wen existiert die Kirche? Die Welt ändert sich ständig und so muss sich die Kirche umgestalten, um die Kirche Jesu Christi für diese Generation und für diese Welt zu bleiben und zu werden. Warum ist dies so? Weil die Kirche nur existiert, um der Welt zu dienen. Die Kirche existiert nicht im Interesse der Kirche selbst, sondern im Interesse der Welt, die von Gott geschaffen, geliebt und erlöst wird.

Die Reformation des sechzehnten Jahrhunderts und der Reformprozess der EKD sind sich darin einig, dass die Kirche sich reformieren muss, um ihre Aufgabe in jeder Generation treu und ehrlich zu erfüllen.

Aber was haben diese Reformationsgedanken mit unserem Predigttext zu tun? Das ist eine gute Frage und ich werde jetzt versuchen, eine gute Antwort dazu zu geben. Allermindestens können wir sagen, dass die Auferweckung des Lazarus uns in diesen Tagen der Herausforderung und des Reformationsbedürfnisses etwas wichtiges zu sagen hat.

Das elfte Kapitel des Johannesevangeliums steht an einem Wendepunkt in der Geschichte Jesu. Und dieses Kapitel hat nicht primär mit Lazarus zu tun, sondern mit Jesus und seiner Identität. Hier lernen wir etwas von Jesus und wie seine Anwesenheit in den dunklen Stunden und Räumen unserer Welt eine lebendige Änderung hervorbringen kann – also, die Dunkelheit erhellen. Oder, besser gesagt, er ändert uns innerhalb unserer Situation. Um Kapitel elf zu verstehen, müssen wir mit Kapitel eins anfangen.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht begriffen.

Dann lesen wir folgendes: ‘das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit‘. Nun sollten wir innehalten und uns fragen: Was hast du gesehen, Johannes? Wie sah eigentlich diese Herrlichkeit aus? Und der Rest des Evangeliums illustriert was ‚wir sahen‘ und wie diese Herrlichkeit aussah … in dem Leben, in den Worten und in den Taten des Jesus von Nazareth.

Im Markusevangelium sehen wir eine ähnliche Einleitung – die ebenfalls nach einer Frage verlangt:

Nachdem aber Johannes überantwortet war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium vom Reich Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllet, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!

Die Frage ist: wie würde es aussehen, wenn die Menschen wirklich Busse tun würden (das heisst, die Art wie sie die Welt und Gott betrachten) und wirklich glauben, dass Gott in Jesus gegenwärtig ist – auch wenn die Römer im Land bleiben und das Leben hart bleibt? Denn bisher konnten sie die Gegenwart Gottes nur dann wahrnehmen, wenn die Römer das Land verlassen würden und das Land ihnen wieder gehören würde.

Also handelt diese Geschichte von Lazarus nicht von Lazarus, sondern handelt sie von Jesus, der das Bild Gottes ist und das Wort das Fleisch wurde. Seine Gegenwart und seine Worte transformieren diesen Ort des Todes in einen verwirrenden Ort der Auferstehung und des neuen Lebens. Aber diese bemerkenswerte Ereignis sagt uns drei Dinge über den Dienst Jesu und die Berufung der Kirche.

Bevor wir auf sie eingehen, sollten wir die Logik wahrnehmen, die beide – Johannes und Markus – in ihrem Evangelium voraussetzen. Lassen Sie es mich so sagen: Die Frage, die wir an die Bibel heranfragen ist: Wie sieht Gott aus? Und die Antwort ist: Gott sieht aus wie Jesus! Also, wie sieht Jesus aus? Und die Antwort ist: lest die Evangelien und schaut uns (die Kirche) an. Die Tatsache ist, die Kirche sollte so aussehen, wie der Jesus über den wir in den Evangelien lesen. Daher sollten Menschen, die die Kirche hören, sehen oder berühren, etwas von dem Jesus hören, sehen oder berühren, von dem wir in den Evangelien lesen. Und wenn die Kirche nicht aussieht, nicht klingt und sich nicht anfühlt wie der Jesus von dem wir in den Evangelien lesen, dann haben wir unseren Weg verloren – und wir sind unecht … wir leben eine Lüge.

Also, wenden wir uns nun den drei Dingen über Jesus und seinen Dienst zu, und fragen wir, was sie der Kirche heute zu sagen haben.

Erstens, Jesus ist aufmerksam gegenüber der Trauer der Welt. Er muss sich entscheiden, er verzögert seine Reise nach Bethanien, um seinen kranken Freund zu besuchen. Als er dort ankommt, ist sein Freund bereits tot.  Eine der Schwestern, Martha, rennt ihm auf der Strasse entgegen und klagt ihn an, dass er hat Lazarus sterben lassen. Und Jesus führt eine theologische Diskussion mit ihr über die Auferstehung.

Maria jedoch bleibt zu Hause. Sie trauert auf eine anderer Weise. Und als Jesus zu ihr kommt, hält sie die gleiche Anklage: HERR, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben! Aber Jesus diskutiert mit Maria keine Theologie, sondern geht mit ihr zu dem Grab und weint.

Die Berufung einer Kirche, die aussieht wie Jesus, ist es, mitten in die Trauer und Verwirrung der Menschen hineinzugehen – dort, wo der Tod real ist und der Verlust wirklich schmerzhaft. Wir müssen eine Kirche sein, die beides kann: zu wissen, wie man Theologie treibt und ohne Worte zu weinen – und die weiss, welches von beidem wann angemessen ist.

Dies gibt auch jedem von uns eine Verantwortung. Wenn sich Jesus Einzelnen in je einmaliger und angemessener Weise nähert, dann auch ruft er die Einzelnen damit und erwartet eine Antwort. Und dieses ist sicher eine der Wiederentdeckungen der Reformation Luthers. Also, lassen Sie mich eine kurze Geschichte erzählen, um dieses zu verdeutlichen.

Mike Yaconelli war ein amerikanischer Pastor und Jugendarbeiter. Er starb vor einigen Jahren bei einem Autounfall. Yaconelli hatte immer die Empfindung, dass er ein hoffnungsloser Christ und ein miserabler Pastor wäre. Bevor er starb (offensichtlich…) schrieb er ein Buch, in dem er erklärte, warum alle anderen Pastoren, die er traf, so perfekt erschienen: Sie kannten ihre Theologie und ihre Kinder waren wohl erzogene kleine Christen. Im Vergleich dazu empfand sich Yaconelli als Fehlschlag. In diesem Buch – es heißt Messy Spirituality – erzählt er, dass er einen Traum hatte, der immer wiederkehrte.

In diesem Traum sitzt er auf dem Boden in einem großen Raum mit vielen anderen Menschen. Sie reden miteinander, als plötzlich Jesus herein kommt. Er redet einen Moment mit ihnen und blickt dann Yaconelli direkt in die Augen. „Komm, folge mir nach!“, sagt Jesus. Und Yaconelli, mit Stolz gefüllter Brust, dass Jesus ihn berufen hat, steht auf, bereit, Jesus überall hin zu folgen. Dann dreht sich Jesus um und sagt: „Oh, entschuldige, ich meinte den da hinter dir.“ Jesus macht so etwas nicht. Wir sind alle berufen. Und wenn wir kritisch gegenüber „der Kirche“ sind, müssen wir uns vor Augen führen, dass wir uns selbst gegenüber kritisch sind. „Ich“ bin „die Kirche“ und muss meine Verantwortung übernehmen, „Jesus zu sein“, dort, wo ich stehe. Luther verstand diesen Punkt sehr gut.

Zweitens, Jesus erkennt die Macht von Tod und Trauer, aber er erlaubt dem Tod nicht, das letzte Wort zu haben. Wir leben in einer Welt – und Jesus lebte auch in einer harten Welt – in der viele glauben, Macht und Gewalt und Tod und Zerstörung hätten das letzte Wort. Dies ist eine Welt, in der ein Mensch, der an einem Kreuz hängt, besiegt, schwach und machtlos scheint. Aber Gott wird der Gewalt der Welt nicht erlauben, das letzte Wort zu haben. Das Wort, das Fleisch wurde, hat das letzte Wort. Und dieses Wort lautet: „Auferstehung“.

Also, die Berufung der Kirche muss es sein, dieses Herz des Schmerzes der Welt zu betreten, aber um die Verheißung neuen Lebens zu bringen. In der Tat ist dies die Tradition der Propheten in der ganzen Bibel. Sie sind die Menschen, die sich eine neue Welt vorstellen, die die Lieder der Heimat lebendig halten, wenn das Volk im Exil gefangen ist – ein Exil, das ihren Glauben zum Gespött zu machen scheint. Sie sind die Menschen, die durch Gottes Augen sehen und die sehen, was Walter Brueggemann nannte „Neuwerden nach Verlust“.

In der Tat ist die Kirche aufgerufen, das Urteil der Welt abzulehnen und den bloßen Augenschein zurückzuweisen und einer Gesellschaft, die sich daran gewöhnt hat, nur Traurigkeit zu hören, Lieder der Hoffnung zu singen.

Drittens ist es nicht die Theologie, die den Unterschied macht; es ist die Gegenwart und das Handeln und die Worte Jesu, die neues Leben bringen. Es ist einfach zu denken, dass wir nur unsere religiösen Formulierungen richtig wählen müssten, damit Gott handeln würde und alles in Ordnung kommen würde. Wir mögen unsere religiösen Gewohnheiten und wir mögen es zu versuchen, Gott nur in bestimmten Wegen handeln zu lassen. Aber die Kirche muss wahrnehmen, dass die Kirche von Jesus selbst inspiriert und bewohnt sein muss, wenn die Kirche Trägerin von Veränderung und von Leben und von Hoffnung in einer dunklen Welt sein will.

Ich habe nun häufig von „der Kirche“ gesprochen. Ich meine nicht einfach die Church of England oder einfach die Evangelische Kirche in Deutschland. Oder eine vage Idee von „Kirche im Allgemeinen“. Wenn ich von „der Kirche“ spreche, meine ich uns alle gemeinsam. Das Europa, in dem wir heute leben, zeigt uns viele Herausforderungen und Möglichkeiten, Leben in eine anspruchsvolle Kultur zu bringen. Aber keine Kirche kann dies alleine. Wir brauchen einander und wir sind unvollständig ohne einander. Keine Kirche kann ihre Berufung erfüllen ohne das Vorbild und die Zusammenarbeit mit den anderen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland und die Church of England sind dem gemeinsamen Auftrag verpflichtet, Licht in die Dunkelheit des Europas zu tragen, in dem wir leben. Wir haben unsere Schwächen und Unvollkommenheiten, aber wir arbeiten dennoch daran weiter. Und wenn wir irgendetwas aus dem Ruhm und aus dem Horror der Reformationen des 16. Jahrhunderts lernen können, ist es vielleicht einfach, dass wir bei aller Leidenschaft und Treue zu Gottes Berufung die Demut brauchen, zu wissen, dass nur die Gegenwart Jesu selbst die Kirche aussehen lassen kann wie Jesus.

Diesen Monat erinnern wir nicht nur den Reformationen in Europa, sondern auch den siebzigsten Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs. Vor 70 Jahren hätten wir nicht als Freunde hier zusammen sitzen können. Es ist bemerkenswert dass, nach den Katastrophen des Krieges waren die Kirchen fähig, Träger von Versöhnung, Vergebung und Hoffnung zu werden. Sie haben sich der Tatsache des Versagens gestellt und wurden dadurch fähig, Fürsprecher von Licht und Hoffnung für eine neue Zukunft jenseits der Zerstörung zu werden.

Vielleicht ist dies die gemeinsame Aufgabe von Christen aus England und Deutschland: Die Bibel ernst zu nehmen und zu lernen den Mut zu haben, am Ort des Todes zu stehen und zu schreien: Lazarus, komm heraus!