Here is the basic text of my final address to the Kirchehochzwei conference in Hannover which finished this afternoon. Nothing new or earth-shattering, but the joke worked…

Kirche hoch zwei, Hannover, 16 Februar 2013

Wir haben zwei oder drei Tage miteinander erlebt, vieles gehört und gesehen, und jetzt kommen wir zum Schluss. Wir haben darüber nachgedacht, was es eigentlich bedeutet, Kirche zu sein und Kirche zu tun. Vielleicht sind wir ermutigt; vielleicht sind wir enttäuscht. Und ich? Ich bin ermutigt und enttäuscht: ermutigt, weil es so viele guten neuen und alten Initiativen in den deutschen Kirchen gibt; enttäuscht, weil Liverpool am Donnerstag 2-0 gegen Zenit St Petersburg verloren hat. Gibt es wirklich ein Gott?

Also, lass mich dieses Sendungswort mit einer kurzen Geschichte anfangen.

Drei Männer wanderten in den Bergen. Sie kämpften sich ihren Weg durch die Bäume und versuchten, ihre Hütte vor dem Einbruch der Nacht zu erreichen. Plötzlich stießen sie auf einen reißenden Fluss. Das Wasser lief den Berg hinunter und die Männer hatten keine Ahnung, wie sie den Fluß überqueren sollten. Aber es gab keine Alternative – sie mussten unbedingt diesen Fluss überqueren, aber sie wussten nicht wie.

Der erste Mann betete: „Gott, gib mir bitte die Kraft, um diesen Fluss zu überqueren.“ Pouff! Plötzlich wurden seine Arme größer; seine Brust erweiterte sich und seine Beine wurden stärker. Dann warf er sich in den Fluss hinein und schwamm auf das gegenüberliegende Ufer. Er brauchte zwei Stunden. Ein paar Mal ist er untergegangen und wäre fast ertrunken. Aber, endlich, ist es ihm gelungen, das Ufer zu erreichen, und er schleppte sich total erschöpft an Land.

Der zweite Mann beobachtete den ersten Mann und er betete: „Gott, gib mir bitte die Kraft und die Mittel, um diesen Fluss zu überqueren.“ Pouff! Plötzlich wurden seine Arme größer; seine Brust erweiterte sich und seine Beine wurden stärker; und ein Kanu tauchte vor ihm auf. Er paddelte eine lange Stunde durch das Wasser und schließlich, total erschöpft und nachdem er zweimal gekentert war, schleppte er sich aus dem Wasser und auf das gegenüberliegende Ufer.

Der dritte Mann hatte die zwei Freunde beobachtet und er betete: „Gott, gib mir bitte die Kraft, die Mittel… und die Intelligenz, um diesen Fluss zu überqueren.“ Pouff! Plötzlich verwandelte ihn Gott in eine Frau! Er schaute in seine Handtasche, holte eine Karte heraus, ging hundert Meter das Ufer entlang, und überquerte die Brücke.

Heutzutage müssen wir neue Sicht- und Denkweisen im Blick auf die Kirche suchen, damit wir nicht die Realitäten, die Gelegenheiten und die Herausforderungen verpassen, vor denen wir stehen. Wie die Chinesen sagen: “Wir leben in einer interessanten Zeit.”

Aber die Herausforderungen und Gelegenheiten, vor denen wir als Kirche stehen, sind nicht neu. Vom Anfang an hat die Kirche lernen müssen, wie man Kirche kreativ schafft. Vom Anfang an hatten die Nachfolger Jesu die Verantwortung auf sich nehmen müssen, der Kirche Form zu geben und immer wieder frische Ausdrucksformen zu entwickeln. Diese Situation, in der wir heute sitzen, ist nicht neu. Und, wenn wir das Kirchenschiff durch die Stürmen steuern wollen, dann müssen wir bereit sein, die Fahrt zu genießen.

Gestern sagte Thomas Söding in einem Werkstatt: “Mithin ist es ein Privileg, mit im Boot zu sein, aber keine Garantie vor Stürmen und Schiffbruch, Angst und Schrecken.” Und die Wahrheit? In diesem Schiff sind wir miteinander zusammengebunden, ob wir einander mögen oder nicht. Und, während wir versuchen einander besser zu lieben, schläft Jesus seelenruhig unten im Boot. Seid ermutigt!

Wenn wir richtig und ernsthaft andere Christen lieben wollen, dann müssen wir auch die Kirche echt und ehrlich lieben – auch wenn uns eine solche Liebe wirklich Weh tut.

Von 1992 bis 2000 war ich Pastor in einem kleinen Dorf in der Mitte von England – Leicestershire. Die Fundamente des Kirchengebäudes sind angelsächsisch und es gibt neben der Kirche ein Kreuz, welches 1200 Jahre alt ist. Innerhalb des Kirchengebäudes steht ein Taufbecken, das normannisch ist – das heißt, tausend Jahre alt. Jeden Sonntag tranken wir aus einem Kelch, der aus der Zeit der ersten Königin Elisabeth stammt – das heißt 500 Jahre alt. Und in der Nähe der Nordtür stand an der Wand eine Tafel, auf der die Namen der Pfarrer von Rothley seit dem Jahre (ungefähr) 1060 geschrieben waren. Und das heißt 'Perspektiv'!

Wir sind immer noch da. Durch Kriege und Plagen, Reformation und Invasionen (mehrmals durch die Franzosen, die Dänen und die Deutschen!), wir sind da. Wir beten und singen und klagen und jammern und feiern und weinen und lachen und so weiter. Familien sind durch Tod und. Ehetrennung, Geburt und Arbeit, aufgebaut und zerstört – aber die christliche Gemeinde betet noch und versucht immer in die Welt durch die Augen Gottes hinauszuschauen.Die Welt ändert sich ständig, aber das Lied der Gnade und der Hoffnung kann nicht gestillt werden. Ich liebe auch die unfrische Kirche.

Aber die Welt hat sich geändert. Und meiner Meinung nach, wie ich schon an dieser Konferenz gesagt habe, ist es sinnlos und eine verpasste Chance, nur darüber zu klagen. Wenn die Kirche ihren Auftrag erfüllen will, muss sie die Sprachen der heutigen Welt erstens verstehen und zweitens sprechen können. Wir müssen uns daran erinnern, dass die biblische Geschichte uns zeigt, dass Gott sein Volk dazu beruft, sein Leib in der konkreten Welt von heute zu sein, und so zu leben, dass die Menschen, die mit der christlichen Gemeinde in Kontakt kommen, etwas von dem Christus erfahren, von dem wir in den Evangelien lesen.

Ich bin überzeugt, dass es Aufgabe der Kirche ist, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen herausfinden können, dass Gott sie schon gefunden hat – auf Englisch klingt das: 'to create the space in which people can find that they have already been found by God'. Dazu müssen wir dort anfangen, wo die Menschen sind – und wir müssen eine Sprache sprechen, die die Menschen tatsächlich verstehen. Wir Christen müssen lernen, klar, einfach und mit Vorstellungskraft zu sprechen – Bilder mit Worten zu malen, damit Menschen neugierig auf Gott und die Welt werden. Und meines Erachtens ist das eine spannende Aufgabe, die wir genießen sollten.

Die Kirche steht vor einer großen Herausforderung: Wie können wir im alltäglichen Leben einer Kirchengemeinde den Raum schaffen, wo Menschen zu Christus kommen, als Christen wachsen, und als verantwortungsvolle Christen in und durch die Gemeinde leben können? Wenn so viele Menschen überhaupt keine Ahnung mehr vom christlichen Glauben haben,wie fangen wir eigentlich an, sie zu erreichen? Und welche Formen von Kirche oder Gottesdienst können wir schaffen, um solche Menschen in den Raum einzubringen, wo sie Gott und seine Kinder besser kennen lernen werden? Es ist von der Bibel klar, dass wir dort anfangen müssen, wo die Menschen sind – und nicht wo wir denken, dass sie sein sollten.

Es interessiert mich sehr, dass Jesus seine Freunde nicht in der Kirche zum ersten Mal traf, sondern dort, wo sie arbeiteten: auf dem Strand. Und gleich am Anfang des Evangeliums lädt sie Jesus ein, mit ihm spazieren zu gehen. Er sagte ihnen nicht, wo sie hingingen. Er sagte ihnen nicht, wer sonst mitkommen würde. Aber er machte klar, dass jeder Nachfolger etwas hinter sich verlassen müsste, um mit ihm zu gehen und gemeinsam etwas Neues zu entdecken.

Das heißt, die Nachfolger Jesu müssen immer neugierig sein und eine große und kreative Vorstellungskraft entwickeln.

Und so, gleich am Ende des Matthäusevangeliums sehen wir klar, dass sich die ersten Freunde von Jesus vor einer großen Herausforderung standen: nicht auf dem Berg zu bleiben, wo Jesus einmal war, sondern wieder den Berg hinunterzugehen, um durch eine veränderte Welt zu wandeln und auf sich eine neue Verantwortung aufzunehmen: zu entscheiden, was es bedeutet, als Leib Christi in der heutigen Welt zu leben.

Das heißt, die Kirche soll nichts anderes tun, als weiterhin der Leib Christi zu sein und das Evangelium weiterzusagen und damit zu erfüllen, was Jesus in Markus 1:14-15 schon getan hat, nämlich: die Menschen einzuladen, Gott zu sehen und Gott anders zu sehen – und sie dann eine Gemeinschaft von Menschen vorzustellen, die bereits gewagt haben, dies von sich aus zu tun, und die nun verpflichtet sind, es anderen zu ermöglichen, zu sehen, wie Gott ist und an wessen Seite man ihn finden kann. Anders gesagt: die Aufgabe der christlichen Kirche ist es, eine Gemeinschaft zu sein, in der sich die kreative Barmherzigkeit und Gnade, die versöhnende und heilende Liebe Gottes finden lässt. Und das sollten die Leute durch die Kirche erleben.

Ja, es gibt immer Beispiele von Christen, die in einer Weise reden und handeln, die Jesus' Prioritäten, wie wir sie in den Evangelien finden, nicht widerspiegelt. Man muss nicht allzu fest an der Oberfläche kratzen, um Unbeständigkeiten, Widersprüche, Schwächen und Fehler bei Christen wie mir oder in unseren Kirchen zu finden. Doch das sollte nicht überraschen. Schließlich erhebt die Kirche nicht den Anspruch, der Standort absolut beständigen Verhaltens und vollkommener Verwaltung der 'Wahrheit' zu sein. Auch wir sind nur Menschen, immer noch am Lernen, unser Verständnis ist immer noch unvollständig, und wir schaffen es immer noch, es tausend Mal im jeden Tag falsch zu machen. Aber die 'Linse' unserer Wahrnehmung wird immer noch neu geformt, und unsere Reise mit Jesus und seinen Freunden geht weiter.

Eines der bemerkenswerten Dinge an den Evangelien ist die Art, wie sie Jesus' Jünger beschreiben. Es waren ganz gewöhnliche Leute. Während sie mit Jesus reisten, stellten sie fest, dass sie anfingen, einen Blick auf Gottes Gegenwart unter ihnen zu erhaschen, wie Jesus es angedeutet hatte. Die Veränderung der theologischen Weltanschauung war radikal und brauchte Zeit. Doch Jesus verachtete seine Freunde nie wegen ihrer beschränkten Wahrnehmung, ihrer moralischen Verfehlungen oder ihres aufgeblähten Selbstverständnisses.

Stattdessen gab er ihnen den Raum und die Zeit, zu schauen und zu beobachten und zu sehen und zu berühren und zu denken und ihre Dummheiten auszusprechen – alles, ohne aus der Gruppe ausgestoßen zu werden. Ihre internen Streitigkeiten und Machtkämpfe wurden zwar angesprochen, wenn sie entbrannten, doch Jesus schien es nicht eilig zu haben, sofort Vollkommenheit von ihnen zu verlangen.

Also hier werden wir das Leben der Kirche finden – hier in alten oder frischen Ausdrücken von Kirche, wo es Menschen gibt, die zuerst Jünger von Jesus sind; Menschen, die sich bewusst von Jesus haben rufen lassen; Menschen, die am Auftrag der Kirche in der Welt beteiligt sind; Menschen, die bewusst den Leib Jesu Christi wachsen lassen und dazu beitragen, die Kirche aufzubauen, die Gaben der Christen zu identifizieren und zu entwickeln, und neue Christen zur Neugeburt zu bringen.

Ich möchte mit einer kurzen Geschichte zum Schluss kommen, um dich zu ermutigen.

Mike Yaconelli war Jugendarbeiter in Amerika bis zu seinem frühen Tod bei einem Autounfall vor einigen Jahren. Er hat ein Buch mit dem Titel Messy Spirituality veröffentlicht – auf Deutsch heißt es: Gott liebt Chaoten. Yaconelli war auch Pastor einer freien Baptistengemeinde und hatte immer Angst davor, dass er nicht gut genug sei, Pastor zu sein. In seinem Buch beschreibt er, wie jeder andere Pastor ein gutes, ordentliches und theologisch konsequentes Leben führt. Im Vergleich mit den anderen war Mike Yaconelli eine Katastrophe. Einmal hat er gesagt: “Ich bin Pastor einer wachsender Kirche – aber sie wächst immer kleiner.”

In diesem Buch erzählt Yaconelli einen Traum, den er nachts immer wieder hatte. In diesem Traum sitzt er in einem Zimmer mit vielen anderen Menschen. Plötzlich kommt Jesus herein. Jesus spricht eine Zeit lang mit ihnen, dann steht er auf, dreht sich um, deutet mit dem Finger auf ihn und sagt laut und klar – mit den Augen auf ihn gerichtet: “Komm, folge mir nach!” Yaconelli kann es kaum Glauben: Jesus hat ihn auserwählt. Er steht auf, bereit, Jesus überall hin in der Welt zu folgen. Dann dreht sich Jesus um und sagt: “Err… nein… es tut mir leid… ich meinte den Kerl hinter dir.”

Jesus macht das nie!

Wir sind dazu berufen, immer auf den wandelnden Gott zu vertrauen, mit Jesus zu gehen, nie zu fürchten, immer neugierig zu sein, und Kirche zu formen. Seid mutig!

Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Und Jesus blieb stehen und sprach: Ruft ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!

 

Predigt, die Georgenkirche, Eisenach (30 September 2012)

1 Timotheusbrief 4:4-5

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet. (1 Timotheusbrief 4:4-5)

Es ist für mich ein echtes Privileg, hier in der Georgenkirche eine Predigt zu halten besonders weil gestern Liverpool 5-2 gegen Norwich gewonnen hat – also jetzt bin ich ziemlich entspannt.

Die Meissenkommission trifft sich einmal im Jahr entweder in Deutschland oder England. Bisher ist in England das Jahr 2012 ziemlich ausgelastet gewesen – die Olympischen Spielen, das Diamond Jubilee der Königin, und die Entdeckung, dass Paul MacCartney nicht mehr singen kann – und wir sind froh, diese Woche einige Tage hier in der ruhigen Stadt Eisenach zu verbringen.

Vor fünfzig Jahren an diesem Wochenende sangen die Beatles zum ersten Mal das Lied Love me do. Das hat überhaupt nichts mit dieser Predigt zu tun, aber ist eine interessante Tatsache!

Heute Morgen feiern wir den Erntedankgottesdienst sowie den Anfang der jährlichen Reihe ‘Eisenacher Predigten zur Lutherdekade’. Und das Thema dieses Jahres der Dekade heißt: Reformation und Musik. Ja, hier in der Georgenkirche, wo Johann Sebastian Bach einmal getauft wurde und Martin Luther predigte, habe ich die Gelegenheit, dieses Reformationsthema mit dem Erntedank in einer Predigt zusammenzubringen. Musik und Schöpfung, Musik und Nahrung, Musik und Reformation, Musik und die kirchliche Ökumene.

Ich hoffe, dass Sie gut geschlafen haben. Wir werden hier in der Kirche bis heute Abend bleiben…

Wo Menschen sind, gibt es immer Musik. Tatsächlich können wir der Musik nie entrinnen. Musik ist überall anwesend. Stille ist oft schwer zu finden. Einmal nahm ich in Istanbul als Vertreter des Erzbischofs von Canterbury an einer interreligiösen Konferenz teil. Die Konferenz fand in einem sehr angenehmen Hotel statt. Als ich zum ersten Mal ins Badezimmer hineintrat, fing die Musik an: Paul MacCartney ‘Yesterday’. Ich trat hinaus… und MacCartney hörte auf. Ich trat hinein… und MacCartney fing wieder an. Es war für mich eine frustrierende Erfahrung. Wie sage ich, was ich fühlte? Ich will nicht im Badezimmer mit  einem Beatle sein…

Von der Musik kann man eigentlich nicht entrinnen.

Eine kurze Geschichte. Vor zwanzig Jahren erklärte der amerikanische Pastor Jim Wallis in einem Buch, wie er regelmäßig mit seinen Gemeindemitgliedern im polizeilichen Gefängnis in Washington DC festgehalten wurde. Immer wieder, als sie gegen die Folgen der politischen Entscheidungen aus dem Weißen Haus demonstrierten, wurden sie festgenommen. Und als sie da in den unterirdischen Zellen warteten, sangen sie christliche Lieder laut und klar. Einmal, nach einiger Zeit des guten Verhaltens, ist ein Polizist zu Jim Wallis gekommen und er sagte: ‘Wann kommt ihr wieder ins Gefängnis? Ohne das Singen ist es so langweilig.’ Und Jim antwortete: man kann nicht verhindern, dass Christen immer singen – auch wenn (oder vielleicht besonders weil) es ihnen nicht gut geht.

Mit dieser Geschichte schlage ich nicht vor, dass wir Christen immer wieder verhaftet werden sollten, nur um die Polizei zu unterhalten. Das ist nicht unsere Pflicht. Aber ich möchte eigentlich bemerken, dass die Freude tiefer geht als unsere Umstände. Diese Geschichte zeigt auch, dass die Kirche – die christliche Gemeinde – nicht aufhalten kann, zu singen. Wo immer wir sind – unter welchen Umständen wir uns auch befinden – haben wir ein Lied zu singen, und dieses Lied wird irgendwie und unvermeidlich zum Ausdruck kommen.

Ein Freund von mir, William Shakespeare, schrieb in seinem kleinen Stück Twelfth Night: “Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spiel weiter…” Der junge William wusste, dass die Musik unsere Herzen aufmachen – dass Liebe und Musik sich nicht trennen lassen. Deshalb sollte es uns nicht überraschen, dass der Gott, der uns liebt, und zu dessen Abbild wir geschaffen sind, so viel Musik von uns erwartet. Auch die Polizei muss unsere Lieder hören – Lieder, die unsere Erfahrung von Gnade und Hoffnung, Liebe und Verlust, Sehnsucht und Schmerz zum Ausdruck bringen.

Auch Jesus selbst kannte ein Gesangbuch.

Das Gesangbuch, das Jesus verwendete, hieß die Psalmen – eine Sammlung der Lieder und Gedichten, die die Breite der menschlichen Erfahrungen und Gefühlen zum Ausdruck bringt. Sie bieten uns ein Vokabular, mit dem wir uns an Gott wenden können. Wenn wir wirklich wahrnehmen, dass die Psalmen diesen Zweck haben, wird es einfacher zu verstehen, warum die Juden es so leicht finden, Gott mit Ehrlichkeit entgegenzutreten. Sie verstehen die Psalmen. Sie streiten mit Gott; sie jammern und klagen; sie beschimpfen ihn und stellen ihm schwere Fragen; sie loben und preisen ihn. In den Worten der Psalmen finden wir das ganze Leben – und Gott versteht, wie und wo wir sind; er ist groß genug, um mit unseren realen Emotionen umzugehen.

Nach der anglikanischen Tradition lesen wir täglich und regelmäßig durch die Psalmen, vom Anfang bis zum Ende. Morgens und abends sollten wir diese Lieder laut lesen. Aber in manchen Gemeinden stirbt diese Tradition aus. Und das ist eine Schande. Wir verwenden nicht nur die Psalmen, die unseren jetzigen Erfahrungen entsprechen, sondern wir werden so vertraut mit den Psalmen, dass sie uns ein Vokabular geben, wenn unsere eigenen Worte versagen. Auf diese Weise können wir sagen: wir lesen die Psalmen nicht – im Gegenteil, sie lesen uns.

Und es gibt weitere Probleme mit dem Lesen der Psalmen. In einem anglikanischen Gottesdienst werden zwei oder drei Ausschnitten der Bibel gelesen. Gerade zum Schluss des Lesens erklärt der Vorleser:  ‘This is the Word of the Lord’, (‚dies ist das Wort des Herrn‘) und die Gemeinde antwortet mit Vertrauen und Überzeugung: ‘Thanks be to God’ (‚Gott sei Dank‘). Als Beispiel davon lesen wir Psalm 137:

An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hingen wir an die Weiden, die daselbst sind. Denn dort hießen uns singen, die uns gefangen hielten, und in unserm Heulen fröhlich sein: “Singet uns ein Lied von Zion!” Wie sollten wir des HERRN Lied singen in fremden Landen? HERR, gedenke der Kinder Edom den Tag Jerusalems, die da sagten: “Rein ab, rein ab bis auf ihren Boden!” Du verstörte Tochter Babel, wohl dem, der dir vergilt, wie du uns getan hast! Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und zerschmettert sie an dem Stein!

DAS WORT DES HERRN! (sagt der Vorleser)

GOTT SEI DANK! (sagt die Gemeinde)

Meiner Meinung nach wären wir ehrlicher, wenn wir antworten würden: ‚WAS?! BIST DU VERRÜCKT?! DAS IST GRAUSAM!‘ Verstehen Sie, was ich meine? Wir müssen uns dem Text durch bestimmte Fragen annähern, damit wir mit den Heiligen Schriften kämpfen und Gott Ernst nehmen. Aus diesem Falle müssen wir lernen, dass Gott will, dass wir ehrlich mit ihm sprechen sollten und nicht nur ‚Hallelujah‘ singen.

Wir Menschen müssen singen; wir können nichts anderes. Wir sind dazu gezwungen. Es gibt ein Lied in unseren Herzen – ein Lied, das gesungen werden muss… das zum Ausdruck kommen muss. Manchmal in England klingen die Christen wie ‘ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle’. Meiner Meinung nach sollten wir wie eine ehrliche, echte, zuversichtliche und freudevolle Gemeinde von Menschen klingen, die wissen, dass auch das Grab unseren Gott nicht unterdrücken kann. Wir haben ein Lied des Lebens, der Auferstehung, des Vertrauens, der Hoffnung und der Perspektive.

Ein Beispiel. Von 1992 bis 2000 war ich Pfarrer in einem kleinen Dorf in der Mitte von England – Leicestershire. Die Fundamente des Kirchengebäudes sind angelsächsisch und es gab neben der Kirche ein Kreuz, welches 1200 Jahre alt ist. Innerhalb des Kirchengebäudes steht ein Taufbecken, das normannisch ist – das heißt, tausend Jahre alt. Jeden Sonntag tranken wir aus einem Kelch, der aus der Zeit der ersten Königin Elisabeth stammt – das heißt 500 Jahre alt. Und in der Nähe der Nordtür stand an der Wand eine Tafel, auf der die Namen der Pfarrer von Rothley seit dem Jahre (ungefähr) 1060 geschrieben waren.

Und wir sind immer noch da. Durch Kriege und Plagen, Reformation und Invasionen (mehrmals durch die Deutschen), wir sind da. Wir beten und singen und klagen und jammern und feiern und weinen und so weiter. Familien sind durch Tod und Ehetrennung, Geburt und Arbeit, aufgebaut und zerstört – aber die Christliche Gemeinde betet noch und versucht immer in die Welt durch die Augen Gottes hinauszuschauen. Die Welt ändert sich ständig, aber das Lied der Gnade und der Hoffnung kann nicht gestillt werden.

Wir müssen singen. Wir können nichts anders. Die einzige Frage heißt: welche Lieder wir singen. Und wenn die Welt unsere Musik hört, was für eine Melodie hört sie? Eine Melodie der Unordnung oder der Gleichgültigkeit… oder der Gnade, der Hoffnung und der Versöhnung?

Hier stehe ich auf dem Kanzel einer Kirche, wo Familie Bach ihre göttliche Musik spielte. Hier stand einmal Martín Luther, der so viele Lieder komponierte, so dass die Menschen nicht nur einen Wortschatz für die Anbetung hatten, aber auch den christlichen Glauben lernen konnten. In England hatten wir in dem achtzehnten Jahrhundert zwei Brüder, die von dem Luther gelernt hatten. John und Charles Wesley wussten, dass wir normale Menschen besser Glauben lernen, wenn die Ideen in einer guten oder schönen Melodie gesetzt sind. (Natürlich stimmt es auch, dass wenn wir schlechte Theologie singen, dann werden wir schlechte Theologie glauben!

Und was sagt der Paulus dazu?

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Paulus glaubt, dass Christen durch andere Linsen hinausschauen sollten. Zu seiner Zeit glaubte man, dass die Welt irgendwie gefährlich oder schmutzig war – dass Christen versuchen mussten, sich rein und sauber zu behalten. Paulus sah – nach dem Beispiel von Jesus – dass die Christen die Welt kontaminieren sollten… mit Gnade, Freizügigkeit, Liebe und Gerechtigkeit. Deswegen haben die religiösen Hauptmänner Jesus gekreuzigt, weil er mit den ‘falschen’ Menschen zu tun hatte, und die Grenzen zwischen Schmutz und Reinheit übertritt. Christen, entdeckte Paulus, sind frei, die Welt zu genießen, und die Welt mit einem neuen Lied zu feiern. Sein Lied hat drei Versen:

Erstens, alles, was Gott geschaffen hat, ist gut. Wenn wir erkennen, dass alles von Gott gegeben ist, und zu Gott gehört, dann werden wir unsere Furcht vor der unbekannten Welt verlieren. Die ganze Schöpfung gehört Gott und seine Fingerabdrücke sind überall zu bemerken.

Zweitens, wenn wir annehmen, dass alles von Gott herkommt, und dass alles, was wir haben, nur ein unverdientes Geschenk sei, dann wird unsere Antwort – unsere Erwiderung – nur von Dankbarkeit und Danksagung klingen. Denn die Dankbarkeit übernimmt keinen Anspruch oder Nachfrage, sondern sie reagiert mit Demut und Freude, weil – wie der König David einmal sagte – “Dein, HERR, ist die Majestät und Gewalt, Herrlichkeit, Sieg und Hoheit. Denn alles, was im Himmel und auf Erden ist, das ist dein.”

Drittens, eine solche Reaktion befähigt uns, durch eine andere Linse hinauszuschauen – eine Linse, die durch Gebet und Bibellesung langsam umgeformt wird. Wir fangen an, durch Gottes Augen hinaus und die Welt zu sehen, wie Gott sie sieht. Oder, anders ausgedrückt, im Gebet hören wir auf, zu sprechen, und wir lernen, für das schwache Echo von Gottes Melodie zu hören, als er die wunderbare Schöpfung ins Leben ruft.

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Und hier können wir unsere Themen zusammenbringen. Die Welt, die Gott geschafft hat, ist gut. Wenn Gott die Welt liebt, dann sollten wir seine Schöpfung auch lieben und feiern. Die Welt ist ein Geschenk, die von Menschen hoch geschätzt werden sollte. Wenn wir vergessen, dass die Welt Gott gehört, dann werden wir die Welt als unser Spielzeug behandeln. Die Welt gehört uns nicht; wir sind verantwortungsvolle Verwalter der Schöpfung. Wir singen ein Lied der blinden Zerstörungswut, und vergessen sehr schnell die Melodie einer Schöpfung, die mit der Dankbarkeit in Harmonie sein muss.

Und Erntedankfest? Welche Lieder sollten wir singen heute? Lieder von Reue und Leid – über unsere Verschwendung und Aufwendigkeit? Oder von Dankbarkeit zum Schöpfer um seine extravagante Großzügigkeit? Oder von Anbetung am Gott, der uns das Leben schenkt und der uns über den Tod  hinaus liebt? Oder Lieder von spirituellen Selbstgefälligkeit, die sich von der Ethik der Gerechtigkeit trennen. Lieder, die uns an unsere Geschichte erinnern und unsere Vorstellungskraft verfolgen und sie nicht vermeiden lassen? Oder Anbetungslieder, die nichts mit Gerechtigkeit oder Verlangen zu tun haben?

Die Geschichte des Volkes Gottes im Alten Testament zeigt uns, dass wir alles verlieren, wenn wir vergessen, dass wir auch einmal Sklaven waren. Siehe zum Beispiel Deuteronomy 26:1-11:

“Wenn du in das Land kommst, das dir der HERR, dein Gott, zum Erbe geben wird, und es einnimmst und darin wohnst, so sollst du nehmen die Erstlinge aller Feldfrüchte, die du von deinem Lande einbringst, das der HERR, dein Gott, dir gibt, und sollst sie in einen Korb legen und hingehen an die Stätte, die der HERR, dein Gott, erwählen wird, dass sein Name daselbst wohne, und sollst zu dem Priester kommen, der zu der Zeit sein wird, und zu ihm sagen: Ich bekenne heute dem HERRN, deinem Gott, dass ich gekommen bin in das Land, das der HERR, wie er unsern Vätern geschworen hat, uns geben wollte. Und der Priester soll den Korb aus deiner Hand nehmen und ihn vor dem Altar des HERRN, deines Gottes, niedersetzen. Dann sollst du anheben und sagen vor dem HERRN, deinem Gott: Mein Vater war ein Aramäer, dem Umkommen nahe, und zog hinab nach Ägypten und war dort ein Fremdling mit wenig Leuten und wurde dort ein großes, starkes und zahlreiches Volk. Aber die Ägypter behandelten uns schlecht und bedrückten uns und legten uns einen harten Dienst auf. Da schrien wir zu dem HERRN, dem Gott unserer Väter. Und der HERR erhörte unser Schreien und sah unser Elend, unsere Angst und Not und führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm und mit großem Schrecken, durch Zeichen und Wunder, und brachte uns an diese Stätte und gab uns dies Land, darin Milch und Honig fließt. Nun bringe ich die Erstlinge der Früchte des Landes, das du, HERR, mir gegeben hast. Und du sollst sie niederlegen vor dem HERRN, deinem Gott, und anbeten vor dem HERRN, deinem Gott, und sollst fröhlich sein über alles Gut, das der HERR, dein Gott, dir und deinem Hause gegeben hat, du und der Levit und der Fremdling, der bei dir lebt.”

Kurz gesagt, wir dürfen nicht den Schöpfer loben und preisen und gleichzeitig arrogant seine Schöpfung ausnutzen. Höre die Stimme von Amos:

“Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.”

Präses Nikolaus Schneider hat im Heft ‘Reformation und Musik’ folgendes geschrieben: “Musik war der Herzschlag der Reformation”. Musik bleibt der Herzschlag der ganzen Kirche. Und mein Lieblingslied zu diesem Erntedankfestgottesdienst ist auch ein Gebet, das ich von dem Kanadier Bruce Cockburn gelernt habe (und ich habe ein Kapitel in meinem Buch ‘In höchsten Tönen’ über dieses Lied geschrieben): Der Herr der Sternenfelder:

Lord of the Starfields, Ancient of days,

Universe maker, here’s a song in your praise.

Wings of the storm cloud, Beginning and end

You make my heart leap Like a banner in the wind

O love that fires the sun Keep me burning.

O Liebe, die du die Sonne entzündet, lass auch mich Feuer und Flamme sein.

Lord of the starfields, Sower of life,

Heaven and earth are Full of your light

Voice of the nova, Smile of the dew,

All of our yearning Only comes home to you

O love that fires the sun keep me burning.

Predigt, die Frauenkirche, Dresden (17 Juni 2012)

Lukas 14:16-24

Als aber einer das hörte, der mit zu Tisch saß, sprach er zu Jesus: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes! Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit! Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen. Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.

Es ist für mich wirklich ein Privileg, dass ich eingeladen wurde, hier in der Frauenkirche in Dresden diese Predigt zu halten. Letztes Jahr stand ich hier am ersten Morgen des Deutschen Evangelischen Kirchentags um eine Bibelarbeit zu halten. Damals habe ich erwähnt, dass ich jetzt Bischof von Bradford bin, aber ursprünglich aus der großen Stadt Liverpool stamme – Heimat der großartigsten Fußballmannschaft Europas. Aber diese Bermerkung ist für mich ziemlich problematisch. Ich möchte erklären, warum es so ist – trotz meinem Optimismus.

Kurz gesagt: Ich hasse Chelsea. Vor einigen Wochen spielte Chelsea gegen Bayern München im Finale der Champions-League. Trotz aller Hoffnung, trotz aller Erwartung und allem Glauben hat Bayern München verloren. In England spricht man von ‚der deutschen Beschaffenheit‘ und der ‚deutschen Disziplin‘. Deswegen stelle ich Ihnen heute Morgen die Frage: Wieso hat Bayern München gegen Chelsea verloren? In einer ordentlichen Welt dürfte das eigentlich nicht passieren! Ich muss mich doch auf bestimmte Dinge verlassen können und als Liverpool-Fan muss ich mich in den Fall auf die Deutschen verlassen können…

Also gut. Ich erinnere mich deswegen an diese Schande, weil letzte Woche die Fußball-Europameisterschaft begonnen hat. Die deutsche Mannschaft spielt schon gut und mit Disziplin. Die englische Mannschaft – besonders die Abwehr – spielt mit Gnade, das heißt, mit einer gewissen Großzügigkeit (so dürfen wir diesen besonderen Spielstil beschreiben). Wenn die Gegner den Ball haben wollen, dann sagen die Engländer: ‚Freilich! Warum nicht?‘

Und deshalb kann ich ganz ehrlich und mit theologischem Tiefsinn behaupten: England spiegelt die Natur Gottes, aber die deutsche Mannschaft eben nicht. Wenn wir die Bibel richtig lesen, finden wir, dass Gott großzügig ist. (Aber Deutschland wird wahrscheinlich die UEFA Fußball-Europameisterschaft gewinnen…) Gott und Fußball… Leider muss ich zugeben: Die Großzügigkeit Gottes ist wunderbar; die Freigebigkeit Englands ist furchtbar.

Später werden wir zu dieser Großzügigkeit Gottes zurückkommen. Zuerst aber möchte ich darüber nachdenken, wie in der Bibel Gott, Jesus und die Gemeinde Jesu verstanden werden sollten. Innerhalb von knapp zehn Minuten.

Wenn wir die Evangelien lesen, sollten wir uns immer eine unausgesprochene Frage stellen: Wie würde es aussehen, wenn Gott wirklich in der Person von Jesus gegenwärtig wäre? Was würde passieren? Was würden wir sehen? Die Geschichte zeigt eigentlich auf, wie es einige Menschen tatsächlich wagten, darauf zu vertrauen, dass Jesus von Nazareth irgendwie das Gesicht und die Stimme und den Charakter Gottes zeigte. Aber man kann wohl auch sagen, dass die Jüngerinnen und Jünger damals selbst noch nicht genau verstanden haben, was das bedeutet.

In meiner Bibelarbeit beim Kirchentag habe ich diese Logik auf folgender Weise erklärt. Im vierten Evangelium entwickelt Johannes einen langen theologischen Prolog, und beendet diesen mit folgender Aussage: “Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.” (Johannes 1:14). An diesem Punkt soll der Leser innehalten und sich die offensichtliche Frage stellen:  Was hast du gesehen? Wie hat es ausgesehen? Und der Rest des Johannesevangeliums beantwortet diese Fragen: Was sie sahen, wie das fleischgewordene Wort aussah und tönte, was er tat und sagte… und wie die Menschen auf das, was sie sahen und hörten, reagierten.

Und als sie Jesus sahen, fragten sie sich, ob Gott wirklich wie dieser Jesus aussieht. Und wenn Jesus tatsächlich Gott ähnelt, was sollten wir von der Natur Gottes lernen? Denn die Logik ist einfach und klar: wenn in Jesus von Nazareth Gott zu sehen ist, dann sollte in der Gemeinde Jesu Christi – das heißt, in der Kirche – Jesus selbst zu sehen (oder zu beobachten) sein.

Die Logik des Evangeliums ist einfach so: Wir entdecken, wer Jesus ist – das Gesicht Gottes, und so weiter; wir werden eingeladen, mehr wie er zu werden. Nicht in einem frömmlerischen oder nur spirituellen Sinn, sondern in dem Sinn, dass die, die seinen Namen tragen – die Christen – anfangen, zu sehen und zu fühlen und zu hören wie der Jesus, über den wir in den Evangelien lesen. Mit anderen Worten, wir werden langsam zu Menschen, die nur antworten können auf die Großzügigkeit Gottes, indem wir ein Segen für die Welt werden und sind. Das heißt, wir spiegeln den Jesus der Evangelien in dieser Welt. Wenn Leute uns berühren oder sehen oder hören, sollten sie etwas fühlen, etwas aufblitzen sehen (von der Wirklichkeit Gottes), die Stimme von Jesus hören.

Lassen Sie es mich mit anderen Worten sagen: Die Frage, die wir an die Bibel herantragen ist: Wie sieht Gott aus? Und die Antwort ist: Gott sieht aus wie Jesus! Also, wie sieht Jesus aus? Und die Antwort ist: lest die Evangelien und schaut uns (die Kirche) an. Tatsache ist, die Kirche sollte so aussehen, wie der Jesus von dem wir in den Evangelien lesen. Daher sollten Menschen, die die Kirche hören, sehen oder mit ihr in Berührung kommen, etwas von dem Jesus hören, sehen oder spüren, von dem wir in den Evangelien lesen. Und wenn die Kirche nicht aussieht, nicht klingt und sich nicht anfühlt wie der Jesus, von dem wir in den Evangelien lesen, dann haben wir unseren Weg verloren – und wir sind unecht … wir leben eine Lüge.

Nun können wir uns unserem Text zuwenden und besser verstehen, warum Jesus solche fremdartigen Geschichten erzählt und solche außergewöhnlichen Ideen hat. Der Hausherr wurde zornig und sprach zu seinem Knecht: Die eingeladene Gäste wollen nicht kommen? Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.

Dabei lernen wir wahrscheinlich, dass Gott immer zornig ist. Oder? Nein, wir sollten uns nicht auf die Motive der Partyabsager konzentrieren, sondern auf den Charakter des Gastgebers, der einfach so großzügig ist, dass diese Party stattfinden wird – auch ohne diejenigen, die keine Zeit dafür haben! Wir müssen uns auf die unterschwelligen Motive des Gastgebers konzentrieren, wenn wir diese Geschichte verstehen wollen. Die Party ist schon geplant worden; die einzige Frage heißt: Wer kommt?

Das Königreich Gottes ist schon unter Euch. Wer macht mit? Wenn die sogenannte ‘Gläubigen’ nicht mitmachen wollen, dann werden andere Menschen eingeladen werden – auch wenn sie glaubten, dass sie nicht dazu passen.

Aber, aus welchem Grund darf ich behaupten, dass wir diese Geschichte auf diese Art und Weise lesen sollten? Ich biete Ihnen eine einfache Antwort an: Wir wenden uns einfach anderen Geschichten in den Evangelien zu. Zum Beispiel, im achten Kapitel des Lukasevangeliums: “Jesus redete in einem Gleichnis: Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf. Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s. Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!”

Der Sämann denkt nicht: “Ich darf kein einziges Samenkorn verschwenden! Ich muss sicherstellen, dass jedes Samenkorn aufgeht und Frucht trägt!” Nein, er streut die Samen freigebig herum, auch wenn viele Samen auf den Weg, auf den Fels, und mitten unter die Dornen fallen. Sicherlich wäre Gott ein sehr schlechter Ökonom.

Oder Lukas 15, wo ein Vater die Regeln des Lebens vergisst und den ‘falschen’ Sohn mit einer wunderbaren Party feiert. Der jüngere Sohn sprach zu seinem Vater: “Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht.” Das heißt, “Vater, ich will, Du wärest tot.” Aber der dumme Vater teilte Hab und Gut unter sie. “Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. Als er nun all das Seine verbraucht hatte,… war er voller Reue – wurden seine Augen aufgemacht, als er sich zur Besinnung brachte…” Nein! “Er ging in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!”

Weiter geht es nicht besser.

“Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein. hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.”

Verstehen Sie? Dieser Vater sieht die Welt anders als die Zuhörer Jesu. Wenn Gott gnädig ist, dann sollten seine Söhne und Töchter auch gnädig sein. Auch wenn der Vater dumm zu sein scheint. Wie Helmut Thielicke einmal schrieb, diese Geschichte heißt nicht ‘die Geschichte des verlorenen Sohns’, sondern ‘die Geschichte des wartenden Vaters’.

Oder im Matthäusevangelium Kapitel 20 lesen wir von einem dummen Arbeitgeber. “Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.”

Jesus spricht mit Bildern, Gleichnissen und Geschichten. Aber seine Botschaft ist klar: wenn wir die Bibel richtig lesen, werden wir uns über die Natur Gottes empören. Aber so ist Gott eigentlich – und so müssen wir auch werden, wenn wir seinen Namen tragen möchten. Gott ist der Gastgeber unserer ersten Geschichte, wir sind nur die eingeladenen Gäste – und wir haben nicht das Recht, die anderen Gäste auszuwählen.

In einer Kirche, die Europa in einer schwierigen Zeit dient, müssen wir uns schwere Fragen stellen: über politische und wirtschaftliche Prioritäten, über die gesellschaftlichen Werte, die die Grundlage unserer Gemeinwesen bilden, darüber, welchem Gott wir dienen: dem Gott der Großzügigkeit oder einem anderen Göttchen? In diesem Gottesdienst feiern wir die Großzügigkeit eines Gottes, der uns freizügig liebt, der sich für uns hingibt, der uns zu seinem Abendmahl einlädt.

Und die einzige Frage heißt: Wer kommt?

Bibelarbeit, Die Frauenkirche Dresden, Donnerstag 2 Juni 2011 

Matthaeus 5:1-12

1. Einleitung

Es ist für mich ein Vorrecht, daß ich eingeladen wurde, hier in der Frauenkirche in Dresden diese Bibelarbeit zu machen. Es ist ein Privileg, aber es ist für mich auch eine ziemlich aufwühlende Erfahrung. Ich bin Engländer und ich stehe heute auf der Kanzel einer Kirche, die im Februar 1945 durch die Bomben der Allierten zerstört wurde, aber jetzt wunderschön restauriert worden ist. Damals war die Welt durch Konflikt zerissen; Millionen von Menschen sind ums Leben gekommen. Gewalt, Stolz, Hybris, Verlust und Tod. Trotzdem treffen wir uns nach so vielen Jahren als Geschwister im Namen Jesu Christi. Ja, wir sind uns bewusst, wie schwach wir sind; wir wissen, wie wir Menschen Macht- und Gewaltspiele treiben, wenn wir uns von einander bedroht oder ängstlich fühlen. Es ist gut, daß ich heute als Engländer auf dieser Kanzel stehe und über die fremden Worte von Jesus nachdenke, die er zu einer Zeit sprach, als seine Zuhörer etwas Anderes erwarteten: einen kräftigeren Führungsstil (gegen die militärische römische Besatzungsmacht), ethnische Ermutigung, und eine wohlformulierte Rechtfertigung religiöser und nationalistischer Identität, zum Beispiel.

Später werden wir zu diesen verständlichen Erwartungen zurückkommen. Zuerst aber möchte ich darüber nachdenken, wie die Worte von Jesus damals gehört und verstanden werden sollten.

Ich bin der anglikanische Bischof von Bradford in Nordengland, aber ich stamme ursprünglich aus der großen Stadt Liverpool – Heimat der größten Fussballmannschaft Europas. (Ich bin sowohl Prophet als auch Optimist…) Meine Erfahrung als Jugendlicher zu dieser Zeit in Liverpool war auch irgendwie aufwühlend und in dieser Hinsicht denke ich besonders an zwei bestimmte Eindrücke.

Erstens, als ich geboren war, war der Zweite Weltkrieg nur zwölf Jahre vorbei. Die Stadt hatte immer noch viele Bombenkrater, zerstörte Gebäude und manche Menschen nährten einen tiefen Groll gegen die Deutschen. Das Haus meines Vaters – er war noch ein Kind – wurde bombardiert und er und seine Geschwister wurden evakuiert, weg von ihren Eltern, nach einer kleinen Stadt in Wales. Die Auswirkungen des Krieges ließen viele Narben in der Stadt Liverpool zurück und sie hatten einen großen Einfluss auf das Bewusstsein der Jugendlichen wie mich, die aufwuchsen in der Zeit nach dem Krieg.

Zweitens, meine Familie gehörte zu einer Baptistengemeinde in Anfield, nicht weit von dem heiligen Fussballstadion entfernt. (Dies bedeutete, dass wir Samstag die Fussballmannschaft und Sonntag den heiligen Gott anbeten konnten. Offensichtlich hatte ich damals viel zu lernen…) Diese Baptistenkirche in Anfield hatte viele Nebenräume und an den Wänden dieser Nebenräume hingen viele Bilder – und die meisten Bilder stellten Jesus von Nazareth dar. Kein Problem, sagen Sie vielleicht; aber schon als Kind fing ich an, einige Zweifel an diesen Darstellungen zu haben.

Dieser Jesus sah sehr nordwesteuropäisch aus: er hatte helle Haut, lange blonde Haare, einen gutgetrimmten Bart, und seine Kleidung war immer sauber, weiss und wie das Nachthemd einer schüchternen, spröden und bescheidenen Frau. Er hatte sanfte blaue Augen, schöne weiche Haut, und er schien über dem Boden zu schweben – wie ein unberührter Engel. Oder eine Fee. Er war schön, sanft, kraftlos und sauber… die Art von Kerl, von dem Sie Ihre Kinder weghalten würden. Er sah aus, als ob er aus dem Haus und an die frische Luft gehen sollte, und die Wärme der Sonne auf seine helle Haut scheinen lassen. Er bräuchte einen Herren-Friseur. Er sollte Fussball spielen und Bier trinken. Anders gesagt, dieser Jesus hatte überhaupt keine Ähnlichkeit mit irgendeinem Mann aus Palästina des ersten Jahrhunderts und war nicht erkennbar, wie der Jesus, der in den Evangelien des Neuen Testaments dargestellt ist.

Die Hauptfrage für mich als Jugendlicher in Liverpool in den siebzigen Jahren war also: Was ist mit dem Jesus der Evangelien passiert? Wo ist er eigentlich? Was sagt der Jesus der Kirchenbilder zu meinen Grosseltern, als sie im Mai 1942 in den Ruinen ihres Hauses in Liverpool standen? Oder gar zu den Familien, die Februar 1945 hier in Dresden alles verloren hatten: Familienmitglieder, Haus, Heimat, Hab und Gut – alles in der Hitze des Feuersturms zerschmolzen? Ich denke: Dieser Jesus in diesen Bildern hätte überhaupt nichts zu sagen. Er wäre zu schnell nervös, zu leicht beleidigt, besorgt um seine eigene Reinheit. Dieser Jesus beschäftigt sich nur mit den Menschen, die moralisch sauber sind und sich als harmlos präsentieren. Und mit kleinen Kindern, die ihm nicht und nie widersprechen und nie mit ihm oder miteinander streiten. Aber dieser Jesus existierte nicht; dieser Jesus hätte nicht fünf Minuten in der wirklichen Welt überleben können.

Und mit diesen Gedanken kommen die zwei aufwühlenden Erfahrungen meiner Jugend zusammen. Die wirkliche Welt ist oft ziemlich schmutzig, brutal, gefährdet und ungerecht. Moralische Fragen sind nicht immer einfach zu lösen und das Leben scheint oft zu kompliziert zu sein. Die wirkliche Welt lässt sich nicht in ein Kästchen setzen, wo alles rein und sicher gehalten werden kann. Aber, was im Christentum total überraschend vorkommt, ist der Begriff, dass Gott freiwillig genau in diese Welt hereinkam und sich nicht davon dispensierte. Der wirkliche Jesus wohnte auf dieser Erde, ging zu Fuss auf diesem Boden, atmete diese Luft, und engagierte sich in den Erfahrungen – das heisst, in der menschlichen Existenz – die wir als so schwierig und anspruchsvoll empfinden. Im Gegensatz zu den konfortablen und tröstlichen Darstellungen mancher kirchlichen Bilder finden wir, dass der Jesus der Evangelien – der palästinensische Handwerker – direkt  ins Herz der Finsternis hineinging, um der Welt einen anderen Weg anzubieten – das heisst, eine Alternative zu allem, was wir auf unserem Lebensweg gelernt haben: dass dies nur der Gang der Welt ist… dass es immer so war, dass es immer so ist, dass es immer so bleiben wird.

Deshalb wage ich zu behaupten: Es ist gefährlich, als Erwachsener die Evangelien zu lesen. Unsere Bilder von Jesus werden herausgefordert und unsere Vorurteile über Gott werden erschüttert. Im Brief an die hebräischen Christen schreibt der Autor: „Schrecklich ist’s, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“ Ich denke, dass es auch schrecklich ist, die Evangelien zu lesen und Jesus ernst zu nehmen.

Aber, wenn es tatsächlich die Gefahr gibt, dass wir den Jesus der Evangelien neutralisieren oder entkräften – vielleicht weil wir vorhaben, Jesus nach unserem eigenen Bild zu erschaffen – dann gibt es auch eine entsprechende Gefahr, dass wir die Sprüche von Jesus außerhalb irgendeines Kontextes zitieren oder sie für unsere eigenen ideologischen oder rhetorischen Zwecke in Anspruch nehmen. Wir vergessen einfach den großen Zusammenhang, den die Evangelien darstellen – was die Evangelien versuchen, uns zu lehren. Wir sind froh, wenn wir von Jesus das hören, was wir von ihm hören wollen…

Eine echte und ernsthafte Herausforderung für die heutigen Christen lautet: Wie lesen wir die Evangelien wie zum ersten Mal, aber gleichzeitig eine bestimmte Passage im Lichte der ganzen Geschichte? Ich möchte diese Herausforderung durch eine kleine Geschichte illustrieren – eine Geschichte von einer legendären Fledermaus.

Eines Tages kam eine kleine Fledermaus zurück in die Fledermaushöhle geflogen. Sie sah schrecklich aus:  IhrMund und ihre Zähne waren voll Blut. Die anderen Fledermäuse fragten erwartungsvoll: ‚Hast du etwas gefunden?! Zeig uns, wo!‘ ‚Lasst mich in Ruhe, ich habe Kopfschmerzen.‘ Wieder sagen sie: ‚Wo, wo warst du? Was hast du gefunden?‘… Schliesslich sagt die kleine Fledermaus: ,OK, OK, kommt mit.‘ Sie fliegen aus der Höhle, die kleine Fledermaus voran, tausende hinter ihr her. Sie fliegen einen Hügel hinauf, hinunter ins Tal, über den nächsten Hügel, rund um den nächsten Hügel, dann sehen sie einen Wald vor sich. Die Fledermaus stoppt, schwebt in der Luft. Tausende erwartungsvolle Fledermäuse hinter sich. Die kleine Fledermaus sagt: ‚Seht ihr den Wald da?‘ ‚Ja, ja, ja!‘ Seht ihr die Bäume im Vordergrund da unten?‘ ‚Ja, ja, ja!‘ Habt ihr den grossen Baum links vom Wald gesehen?‘ ‚Ja, ja, ja!‘ ‚Ich eben nicht!‘

Verstehen Sie das Problem, das wir vor uns haben? Wir achten auf die Einzelheiten und versäumen den klaren Sinn des Ganzen. Wir sind ein Bißchen wie die Nachfolger Jesu im wunderbaren und sehr lustigen Film von Monty Python, Das Leben des Brian. Jesus steht in der Ferne auf einem kleinen Hügel und lehrt die Menschenmenge, die aus den Dörfern zu ihm gekommen ist, um ihn zu hören. Das Problem besteht aber darin, daß die Menschen, die ganz hinten stehen, ihn nicht klar hören können. Ich muss es erst auf Englisch sagen: “Blessed are the cheesemakers…” “I think he means all manufacturers of dairy produce”. “Selig sind die Käsemacher…” “Aber wahrscheinlich meint er alle, die in der Milchproduktion arbeiten,” erklärt jemand in der Nähe. (Im englischen statt ‘peacemakers’ hat er ‘cheese makers’ gehört.) Aber diese komischen Menschen waren nicht die einzigen, die die Worte Jesu falsch hörten.

Jesus mißverstehen ist kein ungewöhnliches Phänomen.

Aber Jesus wußte auch aus erster Hand, wie einfach – fast normal – es ist, jemanden falsch zu hören oder zu verstehen. Seine Konflikt mit den religiösen Autoritäten fing fast direkt am Anfang seines öffentlichen Dienstes an – und dieser Konflikt ging grundsätzlich darum, daß diese sogenannten Kirchenführer und Bibellehrer die Worte der Bibel bis zu den tiefsten Einzelheiten studierten, aber den Sinn und Geist dieser Worte nicht verstanden. Die Hauptsache war, Gott zu lieben als Antwort auf Gottes Liebe zu uns, und diese Liebe zu Gott zu leben in der Liebe zum Nächsten. Es ging nicht darum, einfach Gesetze zu befolgen, mit dem Ziel, Gott zu gefallen. Es ging eben darum, dass unser Leben eine Antwort ist, auf Gottes Liebe zu uns. Die Hauptsache war unsere Antwort auf Gottes Liebe. Die religiösen Leiter waren Experten darin, die Hauptsache zu verpassen und Weg und Ziel zu verwechseln.

Also, was kann man sagen über die sogenannten Seligpreisungen, die die Bergpredigt eröffnen? Und wie sollen wir diese Texte lesen oder sie hören? Bald werden wir das entdecken.

[MUSICAL INTERLUDE]

2. Wie wir die Evangelien lesen sollen

Wir haben ein Problem damit, wie wir die Bibel lesen in der Kirche. In Gottesdiensten in der Kirche von England haben wir ein oder zwei Bibellesungen: meistens eine aus dem Alten Testament oder aus einer Epistel und eine aus einem Evangelium. Doch diese Texte wurden nicht als kleine Stückchen geschrieben, sondern als wohlkonstruierte Werke geschriebener Kommunikation. Sie entwickeln ein Argument oder erzählen eine Geschichte. Es ist Unsinn, einen Halbsatz aus dem Kontext zu reissen und zu meinen, die Hörer würden das verstehen. Wir würden nicht eine Seite aus Goethes Faust oder Thomas Manns Buddenbrooks lesen, und erwarten, dass es Sinn macht. Trotzdem erwarten wir, dass die Menschen lernen, die Bibel zu lesen, in dem sie jede Woche unzusammenhängende Abschnitte hören – wie wenn einige Takte Mozart hören, jemanden zu einem Mozart-Experten machen würde.

Eines der wichtigsten Elemente in jedem der vier Evangelien ist, was Jesus zuerst sagt. Seine ersten Worte sind wie die Brille, durch die der weitere Text gesehen, gelesen und verstanden werden muss. Zum Beispiel will Markus keinen langen theologischen Prolog (wie Johannes) oder viele Details über die Geburt von Jesus (wie es Matthäus und Lukas haben). Markus will so schnell wie möglich zum öffentlichen Auftritt von Jesus kommen – zur Action sozusagen.

Nachdem er ungeduldig durch Taufe und Versuchung in der Wüste gerast ist, lässt Markus Jesus in seine Heimat zurückkehren und seinen Auftrag beginnen (Markus 1:14-15): “Nachdem aber Johannes überantwortet war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium vom Reich Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllet, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!”

Das heißt, die Zeit auf die Ihr gewartet habt und für die Ihr gebetet habt, ist jetzt gekommen. Die Gegenwart Gottes ist wieder unter euch – dafür habt Ihr gebetet und danach habt Ihr euch gesehnt. Aber wagt Ihr es, die Gegenwart Gottes auf eine ganz neue Art zu sehen –  nicht darin, dass die Römer hinausgeworfen werden, und Ihr Recht erhaltet, sondern darin, dass Gott unter euch ist, sogar während die Römer bleiben, während eure Unterdrückung andauert, während eure Probleme ungelöst bleiben? Könnt Ihr eure Erwartungen loslassen, wie Ihr Gott seht und über ihn denkt? Dann gebt euch dieser guten Nachricht hin – mit Körper, Seele und Geist -, und lebt als ob das Reich Gottes hier wäre – das heisst, dass Gott in Jesus wirklich gegenwärtig ist. Das Reich Gottes ist hier.

Der Rest des Markusevangeliums stellt uns die Frage: Wie würde es aussehen, wenn Gott wirklich in der Person von Jesus gegenwärtig wäre? Was würde passieren? Was würden wir sehen? Oder wagen wir uns nicht, unsere Meinung (oder unsere Theologie) zu ändern? Der Rest der Geschichte zeigt auf, wie es einige Menschen wagten, zu bereuen (und dadurch gesegnet wurden), und wie andere es nicht wagten, zu bereuen (und ihn kreuzigten). Auf diese Weise sollten wir das Markusevangelium lesen: den Rest der Geschichte in Anbetracht dieser beiden Verse und dieser vier Äußerungen: “Die Zeit ist erfüllet, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!”

Das Johannesevangelium funktioniert ähnlich, und doch anders. Johannes entwickelt einen langen theologischen Prolog, und beendet diesen mit folgender Aussage: “Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.” (Johannes 1:14). An diesem Punkt soll der Leser innehalten und sich die offensichtliche Frage stellen:  Was hast du gesehen? Wie hat es ausgesehen? Und der Rest des Johannesevangeliums beantwortet diese Fragen: Was sie sahen, wie das fleischgewordene Wort aussah und tönte, was er tat und sagte… und wie die Menschen auf das, was sie sahen und hörten, reagierten. So sollten wir das Johannesevangelium lesen: den Rest der Erzählung in Anbetracht dieses grundlegenden Verses gegen Ende des Prologs.

Und Mattäus? Nun Matthäus befasst sich mit Details. Wo kommt Jesus her? (Er kommt aus Israel.) Wie ist er hierher gekommen? (Seine Geburt war ungewöhnlich.) Wer hat ihn erkannt? (Überraschenderweise die Ausgegrenzten – wie die Hirten, zum Beispiel.) Ägypten sei ein Land der Sicherheit anstelle von einem Land der Sklaverei oder Unterdrückung. Er zitiert die Propheten und zeigt die Taufe als den neuen Auszug. Genauso wie Israel im Alten Testament verbringt Jesus eine Zeit in der Wüste, wo er herausgefordert wird: Was für ein König bist du wirklich? Wie gehst du eigentlich mit Macht um? Und so weiter. Er verkündet: das Reich Gottes ist unter euch… jetzt. Er wählt seine Freunde aus – diejenigen, die wir beobachten und denen wir folgen müssen während dem Rest der Erzählung, um zu erkennen, wie das Königreich aussehen, tönen und riechen könnte. Dann gelangen wir zu Kapitel 5 – wie Mose zum Sinai. “Kehrt um! Folget mir nach! Das Königreich, das ich verkünde, sieht so aus…! Wagt Ihr es nun aus einem anderen Blickwinkel zu schauen: die falschen Menschen sind gesegnet!”

Und an dieser Stelle müssen wir das Paradoxe verstehen. Die Römer sind immer noch hier, die Kranken sind immer noch krank, die Trauernden leiden immer noch, die Armen sind immer noch arm, die Mächtigen und die Gewalttätigen sind immer die Gewinner – so ist die Welt nun mal.

Ist also Jesus ein Träumer, wenn er die Welt auf den Kopf stellt und behauptet, dass es die falschen Menschen sind, die ‘gesegnet’ sind? Verhöhnt er die Erfahrungen von jenen, die arm sind, leiden, trauern oder immer schlecht wegkommen? Der Rest der Erzählung ist voller Überraschungen, Paradoxien, Herausforderungen und Angriffen. Die Erzählung wirft die Frage auf, wer die Menschen sind, die wirklich ‘gesegnet’ sind – die Reichen, die Schönen, die Mächtigen, die Erfolgreichen (wie es zu Jesu Zeiten angenommen wurde)… oder diejenigen, die ganz unten gehalten werden. Und wenn es tatsächlich jene von ganz unten sind, die ‘gesegnet’ sind, was bedeutet es dann, ‘gesegnet’ zu sein? Und ist es nicht einfach unmenschlich und pervers, jemandem, der alles verloren hat, zu sagen, dass er sich gesegnet fühlen soll?

Und wenn wir uns in diesen Kontext einordnen, können wir uns dann als gesegnet erachten – selbst inmitten von ungelösten Problemen, von Trauer und Schmerz, von Ungerechtigkeit und unverdienten Leiden?

[MUSICAL INTERLUDE]

3. Die Seligpreisungen

Ich glaube, einer der größten Fehler, den wir bei den Seligpreisungen machen, ist, dass wir sie als ethische Ermahnungen verstehen. Was ich damit meine, ist, dass wir einfach den Sinn übersehen, wenn wir denken, dass Jesus seinen öffentlichen Dienst mit einigen ethischen Vorgaben oder Vehaltensnormen beginnt, die wir befolgen sollten. Noch gibt Jesus denjenigen, die im Moment leiden, Hoffnung auf einen späteren Himmel – eine Art Opium für das Volk, wie Karl Marx es ausgedrückt hatte: Ein Trugbild, das uns davon befreit, die Ursachen von Schmerz und Ungerechtigkeit jetzt in Angriff zu nehmen.

Nein. Jesus verkündet, dass in der gleichen Welt, in der Ungerechtigkeit, Schmerz und Leiden immer noch vorherrschen, nun andere Regeln gelten. In der Tat verkündet Jesus wunderbare Neuigkeiten: Das Leben nimmt ein neues Gesicht an, wenn wir es im Lichte von Gottes Wesen und Liebe sehen und leben. Eine neue Welt ist gekommen und Jesus selbst ermöglicht Zugang zu ihr.

Also sagt er zu seinen Freunden (und zu jenen, die um ihn herumstehen und ihm zuhören): In einer Welt, die die Macht und die Durchsetzung von Macht durch Gewalt liebt, sind es tatsächlich die Armen und die Sanftmütigen, die Schwachen und die Verlierer und die Hinterbliebenen, die Gottes Gegenwart und Berührung kennen; in einer Welt, die Jugend und Schönheit, Erfolg und Reichtum verehrt, sind es tatsächlich die Armen und die  Hässlichen und die scheinbar schwachen Versager, die Gott am Nächsten stehen.

Und weshalb sagt dann Jesus so etwas scheinbar Lächerliches? Weil die Welt es falsch verstanden hat: Die Reichen haben alles zu verlieren und werden von der Angst, alles zu verlieren, getrieben… während die Armen nichts zu verlieren haben; die Schönen fürchten, dass ihre Schönheit verblasst… während die Hässlichen wissen, dass sie nichts zu verlieren haben.

Und das ist der Schlüssel zu den Evangelien. Wer sind die Menschen, die ‘umkehren/bereuen’, und Gott, die Welt und sich selbst durch Gottes Augen sehen können? Es sind diejenigen, die ihre Bedürftigkeit kennen; diejenigen, die keine Erinnerung daran benötigen, dass sie versagt haben; diejenigen, die in den Spiegel schauen und wissen, dass sie keinen Anspruch auf Reinheit, Schönheit und Macht erheben können. Und auf der anderen Seite, wer sind die Menschen in den Evangelien, die Jesus abweisen und seine Wege für zu schwierig erachten? Es sind diejenigen, die viel zu verlieren haben: religiöse Reinheit, politische Macht, gesellschaftliche Stellung, Unabhängigkeit… auch ihre Selbstgenügsamkeit und ein grosses Ego.

Durch den Rest des Evangeliums wird Jesus diese Verkündigung machen. Und diese Verkündigung bringt uns immer wieder zu der Frage zurück, mit der Matthäus sich beschäftigt, als er diese Geschichte auf seine typische Art erzählt: wo stehen wir Leser oder Zuhörer in dieser Geschichte? Mit welcher Gruppe? Unter denjenigen, die Jesus verstehen und wissen, wie es jetzt aussieht, wenn man alles und alle durch die Augen Gottes anschaut – oder unter denjenigen, die zu viel zu verlieren haben und deshalb denken, dass es besser wäre, wenn man Jesus los würde? Wir können diese Frage einfach vermeiden, aber sie ist vom Anfang seines öffentlichen Dienstes im Mund Jesu. Wie reagieren wir auf diese Frage: als Menschen, als Kirche, als Gesellschaft?

Klar, wenn das so gelesen wird, sehen wir, dass Jesus die einlädt, die es wagen durch Gottes Augen zu sehen, in der wirklichen Welt zu leben – hier und jetzt, sogar während die brutalen und scheinbar allmächtigen Römer unser Leben beherrschen – nach ganz anderen Werten. Wir werden jetzt leben, als ob das Reich Gottes schon gekommen wäre und Gottes Willen getan wird wie im Himmel, so auf Erden. Wir werden uns weigern zu akzeptieren, dass nur weil die Welt jetzt so ist wie sie ist, wir uns niederlegen müssen und es annehmen.

Wie auch immer, es gibt einen weiteren Punkt, der im Zusammenhang mit den Seligsprechungen beachtet werden muss. Er hat zu tun mit unserem Verständnis und unseren Annahmen über das Wort “Selig”. Es ist schwierig zu übersetzen, sowohl auf Englisch wie auf Deutsch. Makarios ist auf Englisch “blessed” oder  “happy”. Glücklich sind die, welche trauern, zum Beispiel. Beides ist nicht richtig, beide Worte entsprechen nicht dem Wort “makarios”. Die Deutschen Wörter sind “‘selig’, ‘glücklich’ and ‘glückselig’. Es ist gefährlich, mit einer fremden Sprache herumzuspielen, aber diese Wörter treffen es auch nicht richtig. Lassen Sie mich das illustrieren mit einer Beobachtung, die ich vor einigen Monaten in einer – völlig säkularen – BBC-Sendung machte, die von 10 Millionen gehört wurde.

Ich war in Wittenberg an einer Konferenz mit der Meissen Kommission und am Sonntag Morgen besuchten wir einen Gottesdienst in der Schlosskirche. Es war ein wenig ironisch, zwischen den Gräbern von Martin Luther und Philip Melnachthon zu stehen, genau im selben Moment als der Papst in England den Kardinal John Henry Newman selig sprach Der Prediger in der Schlosskirche machte uns aufmerksam auf eine Tramhaltestelle und ich musste lachen, als ich ihren Namen hörte.

Offenbar endet eine Tramlinie in der Stadt Halle an einem Platz, der Frohe Zukunft heisst. Ich habe keine Ahnung, ob das ursprünglich ironisch gemeint war wenn man bedenkt, dass das Leben fast ein halbes Jahrhundert lang unter der Faust der Sowjets nicht wirklich überhaupt irgendeine Zukunft versprach oder ob es auf eine Zeit zurückgeht, als die Zukunft wirklich hell und froh erschien.

Aber was für ein grossartiger Name für das Ende einer Tramlinie. Man kann nicht weitergehen, alles vor dir ist eine glückliche Zukunft. Fantastisch.

Das Problem ist, allerdings, dass die meisten von uns ziemlich zynisch sind wegen solchen Versprechungen. Leute, die grossen Versprechungen glauben, sind in der Regel am Ende schwer enttäuscht. Sogar Lotteriegewinner beklagen sich manchmal, dass etwas von ihrem Selbst verloren ging unter dem Gewicht des neu gefüllten Bankkontos.

Nun, wir müssen nicht traurig werden deswegen wie in dem Lied von Bruce Cockburn wo er singt: “Anything can happen alles kann geschehen Darum ist es wahrscheinlich am Besten, wenn ich nicht aus dem Bett steige am Morgen (Er meint das ironisch!)

Aber  wir müssen realistisch sein. Schliesslich hat der grössereTeil der Weltbevölkerung nicht Zeit oder Raum um darüber nachzudenken was glücklich sein heisst sie sind zu sehr damit beschäftigt, sich und ihre Familien am Leben zu erhalten und mit Nahrung zu versorgen. Was suggeriert dass die Suche nach Glück als Selbstzweck ein Luxus ist für Leute, die sich das leisten können.

Eine der Sachen, die mich immer an der Person Jesus von Nazareth angezogen hat, war, dass er nie jemanden verführt hat, ihm nachzufolgen. Ja, er hat über die Fülle des Lebens gesprochen und was es heisst, frei zu sein, das Leben in Fülle zu leben. Aber das einzige, was er seinen Nachfolgern versprach, war ein Kreuz. Und das Versprechen, dass man Leben und Erfüllung nicht im Anhäufen von Dingen findet, sondern beim Loslassen von Dingen, die uns davon ablenken, was wirklich wichtig ist im Leben.

Das ist keine leichte Botschaft in einer Konsumenten-Kultur. Also müssen wir vielleicht neu definieren, was wir hoffen, wenn wir nach einer glücklichen Zukunft fragen.

Ich hätte dazufügen können: “Oder eine glückliche Gegenwart”. Was Jesus in den Seligpreisungen ankündet, ist dass Menschen, die die Welt durch Gottes Augen sehen – auch wenn es nur unscharf ist – sehen, wie ihr Leben verändert wird. Es geht nicht darum, wie gemütlich sie sich fühlen oder wie sicher sie sich fühlen. Es ist nicht geformt dadurch, wieviel sie besitzen oder wie gross ihr Einkommen ist.

Der Apostel Paulus ist erfasst worden von dieser Art des Sehens, wenn er im Brief an die Christen in Philippi schreibt: “Ich sage das nicht, weil ich etwa Mangel leide. Denn ich habe gelernt, mich in jeder Lage zurechtzufinden: Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung. Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt (4:11-13).

Mit anderen Worten: Er bietet eine veränderte Perspektive an, die unser Sehen, Denken und Leben transformiert, (völlig verändert) – egal wie die genauen Umstände sein mögen, in denen wir leben.

Und das ist die Stelle, an der ich denke, dass wir in der westlichen Welt ein ernstes Problem haben. In einem Sinn ist es zusammengefasst in der amerikanischen Verfasssung, die ohne Argument oder logische Herleitung proklamiert, dass menschliche Wesen (oder, mindestens die Amerikaner!) ein Recht auf Glücklich Werden haben. Wie auch immer, dieses Glück ist nirgends definiert. Aber die allgemeine Annahme ist, das Glück mit einem problemfreien, materiell komfortablen, unabhängigen und stets zufriedenen Leben zu tun hat. Es scheint dumm zu sein, auch nur daran zu denken, den Leuten zu sagen, dass sie dem so verstandenen Glück NICHT nachrennen sollen.

Aber Jesus scheint anders zu denken. Er meint, dass die Suche nach (privatem) Glück eine Illusion ist, die in die Irre führt – eine die mit Garantie  a) die Suchenden wird unzufrieden zurücklassen (es gibt immer noch mehr, das man haben könnte, man könnte immer noch glücklicher sein, usw) und b) nimmt diese Suche deinen Fokus weg von dem Ziel, das du wirklich verfolgen solltest (was etwas zu tun hat mit freigesetzt werden, um die Person zu werden, zu der Gott dich erschaffen hat). Jesus hatte eindeutig keine gewinnende Werbe-Kampagne im Sinn, als er versprach, dass frei sein heisst: Weggeben, Loslassen, unabhängig sein – und lernen, zufrieden zu sein, egal in welchen Umständen im Leben wir uns befinden. Eines der bemerkenswerten Dinge an den Evangelien ist, dass überhaupt jemand Jesus irgendwohin gefolgt ist.

Aber das ist vielleicht genau der Punkt. Wenn Leute, die wenig oder nichts zu verlieren haben, Jesus treffen, waren sie angezogen von dieser Art des Sehens und Denkens und Lebens. Sie verstehen es nicht alles am Anfang ihrer Beziehung mit ihm, – tatsächlich haben manche auch nach der Auferstehung noch grosse Mühe, es zu begreifen, aber Schritt für Schritt merken sie, wie die “Linse hinter den Augen” (durch die sie Gott, die Welt und die Menschen – und sich selbst – sehen) angepasst wird, so dass sie anfangen anders zu denken, zu sehen und zu leben.

Ich denke, dass die Bergpredigt darum mit den Seligpreisungen beginnt. Während die Erzählung von Matthäus weitergeht, werden wir die Armen im Geiste antreffen, die “selig” sind; wir werden die antreffen, die trauern, und Zeugen sein, wie wie gesegnet werden, weil sie dem begegnen, der auferstehen wird und ein neues Licht auf Verlust und Tod werfen wird. Wir werden die Sanftmütigen antreffen und uns wundern, wie sie fest und ruhig bleiben, wenn sie von den Mächtigen konfrontiert werden, die Gewalt ausüben und damit drohen, andere zu kontrollieren, um ihren eigenen Status zu erhalten.

Die Logik dieses Textes ist einfach das: Wir entdecken, wer Jesus ist; wir werden eingeladen, mehr wie er zu werden. Nicht in einem frömmlerischen oder nur spirituellen Sinn, sondern in dem Sinn, dass die, die seinen Namen tragen – die Christen – anfangen, zu sehen und fühlen und hören wie der Jesus, über den wir in den Evangelien lesen.

Wir werden langsam zu Menschen, die “gesegnet” sind, und – wie Abram in Genesis 12 – nur antworten können auf die Grosszügigkeit Gottes, indem wir ein Segen für die Welt werden und sind.

Das ist die Logik, die in den Seligpreisungen steckt. Wir müssen uns nicht “benehmen”, wie es die Seligpreisungen eindringlich beschreiben, die Seligpreisungen sind nicht dafür (als Anleitung zum Handeln) da. Sondern wir leben anders in der wirklichen Welt, in die wir gestellt wurden, und wir spiegeln den Jesus der Evangelien in dieser Welt. So, wenn Leute uns berühren oder sehen oder hören, sollten sie etwas fühlen, etwas aufblitzen sehen (von der Wirklichkeit Gottes), die Stimme von Jesus hören – sogar dann, wenn er sagt, dass die Welt nicht so ist, wie die Welt behauptet sie sei, sondern dass sie jetzt anders ist, weil Er hier ist.

Wir können sehen, schliesslich, dass dies keine Predigt im herkömmlichen Sinne ist. Es ist eine ausdrückliche Einladung, von einer neuen Sicht bestimmt zu werden – eine Sicht, die uns verändert mitten in unserer Umgebung und uns frei macht. Die Römer bleiben (mindestens für den Augenblick), die Unterdrückung dauert an; aber Gottes Gegenwart kann nicht einfach mit der Lösung all unserer Probleme verbunden werden, sondern mit dem verändernden Leben Gottes mitten in diesen Problemen. Wie wir am Anfang gesehen haben, geht Gott in die Welt hinein und in alles, was die Welt ihm anwirft. Er nimmt sich selbst nicht daraus heraus oder gibt sich spezielle Privilegien.

Nun, das kann auf vielerlei Weise angewandt werden. Ich könnte darüber sprechen, wie wir Christen in einer ökonomischen Rezession leben sollten und wie wir selbst Christus sein sollten für die, deren Leben härter geworden ist. Aber ich brauche das nicht alles auszubuchstabieren. Jesus überliess es seinen Zuhörern, die Konsequenzen aus seinen Worten herauszufinden und ich werde das auch tun!

Die Pointe des Ganzen ist einfach: Wenn wir gesegnet worden sind durch unsere transformierende (verändernde) Begegnung mit Jesus Christus, dann müssen wir ein Segen sein für die Armen, die Sanftmütigen, die Trauernden – und so weiter. Die neue Art zu sehen bringt eine Verpflichtung mit sich – eine Mission (einen Auftrag), – wir können nicht davor fliehen. Es ist keine Einladung zur Selbstverwirklichung oder zum persönlichen Glück; es ist keine Einladung wegzugehen in eine introvertierte Welt privater Frömmigkeit oder befriedigenden Spiritualität, es ist keine Einladung, aus der Welt zu fliehen.

Es ist vielmehr eine Einladung, in die Welt hineinzugehen, wie es Jesus tat und anzunehmen, was immer auf uns zukommt, wenn wir die Annahmen der Welt, was und wer wichtig ist, hinterfragen. Das ist genau das, was Paulus im Auge hatte, als er den Christen in Rom schrieb:  “Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber begebet zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei, welches sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellet euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes, auf daß ihr prüfen möget, welches da sei der gute, wohlgefällige und vollkommene Gotteswille (12:1,2).”

Jesus ging auf einen Berg, setzte sich und fing an, seine Freunde zu lehren. Jesus ging auf mehrere Berge während der kurzen Zeit seines Dienstes. Die Leute, die mit ihm waren, wollten meistens dort oben bleiben, den Ruhm geniessen und das Ganze zu einer spirituellen Erfahrung machen. Jesus nötigte sie immer, mit diesem Unsinn aufzuhören, vom Berg herunterzusteigen und sich in das wirkliche Leben hineinzuwerfen – im Lichte der Erfahrung, die sie gemacht hatten (aber die man nicht konservieren kann).

Ich denke, dass der selbe Jesus uns einlädt, auf ihn zu hören, mit ihm zu sein, etwas davon zu erkennen, wie die Dinge in seinen Augen aussehen… Und dann weiterfahren, in der wirklichen Welt zu leben… ohne Rücksicht auf die Kosten.

“Ihr seid das Salz der Erde. Wo nun das Salz dumm wird, womit soll man’s salzen? Es ist hinfort zu nichts nütze, denn das man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es denn allen, die im Hause sind. Also laßt euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.”

Ehrenamtlichentag, Hannover, 4 September 2010

Ehrenamt und Jüngerschaft aus englischer Sicht – von Zebedäus oder Jakobus lernen?

Ich freue mich sehr, wieder einmal hier in Hannover zu sein. Einige meiner besten deutschen Freunde wohnen hier und ich komme gelegentlich und sehr gerne her. Ich bin der englische (anglikanische) Co-Vorsitzende der Meissen Kommission, deren Auftrag ist, die Beziehungen zwischen der EKD und der Kirche von England immer weiter zu entwickeln. Und ich freue mich über jede Gelegenheit, nach Deutschland zu kommen und von der Erfarhrung der Kirche in Deutschland zu lernen. Letzte Woche war ich mit meiner Frau in Berlin, wo ich im Berliner Dom die Predigt gehalten habe; heute bin ich in Hannover; Mitte September werde ich mit der Meissen Kommission in Wittenberg – Geburtsort der Protestantischen Reformation – sein … genau zu der Zeit, wenn der Papst in London ist. Schade! Ich hoffe, sie machen keinen Unsinn zu Hause, solange ich weg bin…

Also, heute Morgen möchte ich aus einer englischen Sicht und von einer englischen bzw anglikanischen Perspektive über den Auftrag der Kirche sprechen. Ich werde versuchen, zu zeigen, wie die Kirche heute lebt und funktioniert unter den realen Bedingungen unserer Zeit, die Ihnen und mir vertraut sind. Zuerst aber müssen wir anerkennen, dass es nicht immer sehr hilfreich oder einfach ist, die Form oder die Lage der Kirche zu verallgemeinern. Denn jede Kirche unterscheidet sich auf bestimmte Weise von den anderen und ihr Leben hängt von ihrem Standort, ihrem kulturellen und gesellschaftlichen Kontext, der Persönlichkeit und Leidenschaft des Pfarrers und dem Engagement der Gemeindemitglieder ab. Außerdem wird das Leben einer bestimmten Kirche auch von der theologischen ‚Farbe‘ und Geschichte (das heißt, von der Tradition) der jeweiligen christlichen Gemeinde geprägt.

Nun, ich weiß, dass die Erfahrung der Kirche von England sich von der Erfahrung der Kirchen der EKD unterscheidet. Ich werde versuchen, diese Tatsache in Betracht zu ziehen und hoffe, dass sich meine Gedanken zu diesem Thema auch in einem deutschen Kontext verstehen lassen.

Den Begriff ‚Ehrenamtlichentag‘ kennen wir auch in England. Einige anglikanische Diözesen haben in den letzten zwanzig Jahren solche Tage für Laien eingeführt, weil die Bischöfe den Ehrenamtlichen für ihre Verpflichtung danken und in ihrer christlichen Nachfolgeschaft ermutigen wollen. Und das ist hier die Hauptsache: Die Ehrenamtlichen als Nachfolger Jesu zu ermutigen und nicht als Bewahrer einer geistlichen Institution oder Pfleger eines kirchlichen Museums. Ich werde nachher diese Auffassung weiter erklären, aber zuerst möchte ich die englische Situation beschreiben, dann uns einige einfache Fragen stellen und danach eine kurze Geschichte erzählen.

In England muss die Kirche so genannte „Fresh Expressions“ oder „neue Formen“ von Kirche erforschen. Die Kirche sucht nach neuen Impulsen für die Evangelisation in einem Land, wo es nicht mehr so einfach ist, Christ zu sein.

Wir stehen unter finanziellem Druck und das bedeutet, dass auch die Finanzierung unserer Gemeindedienste und unserer Missionsarbeit eine große Herausforderung darstellt. In England gibt es keine Kirchensteuer. Die Diözesen der Kirche von England (insgesamt 44) haben verschiedene Methoden entwickelt, um zu errechnen, wie viel Geld jede Gemeinde an die Diözese geben kann. Das heißt, eine Gemeinde mit 600 Gemeindegliedern bezahlt zum Beispiel £250,000 pro Jahr an die Diözese, und bekommt dafür nur einen Pastor (der jährlich £48,000 an Gehalt, Unterkunft, Altersvorsorge, Fortbildung und so weiter kostet). Eine benachbarte Gemeinde, die vielleicht nur 75 Gemeindemitglieder hat, bezahlt jährlich nur £10,000, bekommt aber auch einen Pastor. Auf diese Weise schaffen wir es, dass auch in den Landstrichen Pastoren beschäftigt sind, die sich das allein vielleicht nicht leisten könnten. Wohlgemerkt: Alles, was die Kirche an Geld bekommt, muss jede Woche und jeden Monat von den Menschen aufgebracht werden.

Das bedeutet, dass die meisten Aktivitäten, Dienste und „Jobs“ in den Gemeinden von Ehrenamtlichen geleistet werden und nicht von bezahlten Angestellten. Das bedeutet auch, dass diese Ehrenamtlichen sich nicht nur einem Gebäude oder der Institution verpflichtet fühlen dürfen, sondern wirklich überzeugt sein müssen vom Auftrag der Kirche und ihrem Dienst als Jünger Jesu Christi. Diese Erkenntnis setzt sich allmählich im ganzen Land durch, stellt aber auch eine Herausforderung dar. Jüngerschaft ist teuer – häufig ist sie ein kostspieliges Opfer. Und Menschen sind nicht bereit, ihre Zeit, ihr Geld oder sich selbst für eine Sache zu opfern, der sie nur mit halbem Herzen angehören.

Eine interessante Frage für jede Kirche lautet: Würde deine Gesellschaft einen Unterschied bemerken, wenn eines Nachts deine Kirchengebäude verschwinden würden? Oder wenn die Kirchenmitglieder eines Tages aufhörten, Gott jede Woche in der Kirche anzubeten und ständig der örtlichen Gemeinschaft zu dienen? Gäbe es wirklich einen praktischen und bemerkbaren Unterschied, wenn die Gemeinde einfach aufhörte, zu existieren? Diese Fragen sind gute Fragen, weil wir es als selbstverständlich betrachten, dass die Kirche immer da ist und die Gemeinde ein zielgerichtetes und nützliches Leben führt.

Ich kann nicht für die deutsche Kirche antworten, aber ich kann mit großer Zuversicht sagen, dass wenn du eine meiner Pfarrkirchen in Süd-London wegnehmen würdest, es dann keinen Ort mehr in der Gemeinschaft gäbe, wo alle Menschen sich unter einem Dach begegnen könnten; keinen Platz für einen gemeinsamen Gottesdienst (außer in Privathäusern); keinen Platz, wo sich junge Eltern und ihre Kinder treffen mögen; keinen Platz, wo sich ältere Menschen miteinander zum Essen treffen könnten; und wenig sichtbare christliche Präsenz.

Wenn das Verschwinden der Kirche wenig oder gar keinen Unterschied für die Gesellschaft machen würde, dann sollten wir sofort die Kirchen schließen und aufhören, unsere Zeit und unser Geld für einen kleinen privaten Spiritualitätsverein zu verschwenden.

Also, jetzt lass mich euch mit einer kurzen Geschichte ermutigen!

Drei Männer wanderten in den Bergen. Sie kämpften sich ihren Weg durch die Bäume und versuchten, ihre Hütte vor dem Einbruch der Nacht zu erreichen. Plötzlich stießen sie auf einen reißenden Fluss. Das Wasser lief den Berg hinunter und die Männer hatten keine Ahnung, wie sie den Fluß überqueren sollten. Aber es gab keine Alternative – sie mussten unbedingt diesen Fluss überqueren, aber sie wussten nicht wie.

Der erste Mann betete: „Gott, gib mir bitte die Kraft, um diesen Fluss zu überqueren.“ Pouff! Plötzlich wurden seine Arme größer; seine Brust erweiterte sich und seine Beine wurden stärker. Dann warf er sich in den Fluss hinein und schwamm auf das gegenüberliegende Ufer. Er brauchte zwei Stunden. Ein paar Mal ist er untergegangen und wäre fast ertrunken. Aber, endlich, ist es ihm gelungen, das Ufer zu erreichen, und er schleppte sich total erschöpft an Land.

Der zweite Mann beobachtete den ersten Mann und er betete: „Gott, gib mir bitte die Kraft und die Mittel, um diesen Fluss zu überqueren.“ Pouff! Plötzlich wurden seine Arme größer; seine Brust erweiterte sich und seine Beine wurden stärker; und ein Kanu tauchte vor ihm auf. Er paddelte eine lange Stunde durch das Wasser und schließlich, total erschöpft und nachdem er zweimal gekentert war, schleppte er sich aus dem Wasser und auf das gegenüberliegende Ufer.

Der dritte Mann hatte die zwei Freunde beobachtet und er betete: „Gott, gib mir bitte die Kraft, die Mittel… und die Intelligenz, um diesen Fluss zu überqueren.“ Pouff! Plötlich verwandelte ihn Gott in eine Frau! Er schaute in seine Handtasche, holte eine Karte heraus, ging hundert Meter das Ufer entlang, und überquerte die Brücke.

Heutzutage müssen wir neue Sicht- und Denkweisen im Blick auf die Kirche suchen, damit wir nicht die Realitäten, die Gelegenheiten und die Herausforderungen verpassen, vor denen wir stehen.

Also, wie können wir Christen uns gegenseitig für das Leben in der Kirche ermutigen? Ich glaube, dass wir jetzt über die Theologie nachdenken müssen – darüber, was wir als ‚offensichtliche Theologie‘ bezeichnen können. Und dies können wir durch einige Fragen tun, nämlich: Wer ist die Kirche, wofür ist die Kirche und für wen existiert die Kirche eigentlich?

Als Anfang einer Antwort auf diese Fragen möchte ich versuchen, die ganze Bibel in einer Minute zu erzählen. Ich muss allerdings zugeben, dass bei einem solchen Versuch ein paar Details weggelassen werden müssen. Aber wenn du dieser Erzählung folgst und diese Geschichte verstehst, dann verstehst du im Wesentlichen die ganze Bibel. (Diese Zusammenfassung ist auch in meinem Buch In höchsten Tönen zu finden.)

Am Anfang hat Gott alles erschaffen, was es gibt und er fand, dass seine Schöpfung wunderschön war – auch wenn alles durch Menschen schiefgegangen ist. Er rief ein bestimmtes Volk, um den verschiedenen Völkern der Erde zu zeigen, wer er ist und was ihn (seinen Charakter) ausmacht. Dieses Volk betrachtete seine ‚Auserwähltheit‘ als ein Privileg (‚Wir sind auserwählt worden, und deswegen müssen wir was Besonderes sein und die Welt sollte unsere Besonderheit anerkennen‘) statt die Verantwortung zu erkennen, das eigene Leben dafür zu geben, damit die Welt sehen kann, wie Gott ist. Die Propheten erschienen und warnten die Menschen des Volkes, dass sie alles verlieren würden, was ihre Geschichte, Identität und Berufung ausmachte, wenn sie ihre ursprüngliche Berufung, nämlich der Welt die Erkenntnis zu ermöglichen, wie Gott ist, nicht wieder entdeckten. Tatsächlich ist genau das eingetroffen, und das Volk wurde zwei Mal ins Exil verbannt – im achten und im sechsten Jahrhundert vor Christi. Jesus erfüllte durch seine Person das, was immer die Berufung Israels gewesen war, und gab sein Leben, damit die Welt erfahren konnte, was Gott ausmacht. Dann forderte er das Volk, das seinen Namen trägt, auf, in seiner Welt das auszuleben, was in ihm erfüllt worden war – was schon immer die Berufung seines Volkes gewesen war: der Welt zu zeigen, wer er ist und was ihn ausmacht.

Die Logik der biblischen Geschichte zeigt uns, dass Gott sein Volk dazu beruft, sein Leib in der konkreten Welt (von Fleisch und Blut) zu sein, und so zu leben, dass die Menschen, die mit der christlichen Gemeinde in Kontakt kommen, etwas von dem Christus erfahren, von dem wir in den Evangelien lesen. Das bedeutet, daß sie in ihrem Kontakt (oder ihrer Berührung) mit der Kirche etwas von einer Berührung mit Jesus selbst erleben. Die Stimme, das Hören und die Berührung der Kirche muss eigentlich der Stimme, dem Hören und der Berührung von Jesus ähneln.

Aber wir können es auch anders ausdrücken. Wenn wir ein Buch lesen, lesen wir immer mit einer bestimmten Perspektive, manchmal ganz unbewusst – eine unausgesprochene Frage, zum Beispiel. Denk, zum Beispiel, an einen Krimi: Wenn du ihn liest, wirst du dich ständig fragen, ‚Wer hat es getan?‘ Das gleiche gilt auch bei der Bibel. Aber wenn wir die Bibel lesen, heißt die verborgene Frage: ‚Wie sieht Gott aus?‘ Die Antwort, die wir in der Bibel finden, lautet: ‚Gott sieht wie Jesus aus‘. Aber diese Antwort wirft dann noch eine andere Frage auf: ‚Wie sieht Jesus aus?‘ Und die Antwort? ‚Lies in den Evangelien – wie Jesus dort dargestellt wird – und schau uns an – die Kirche … die Gemeinschaft von Menschen, die seinen Namen tragen und die einen Anspruch auf Jesus Christus erheben … seinen Leib.‘

Wenn die Kirche dem in den Evangelien dargestellten Jesus Christus nicht ähnelt oder ihn spiegelt, dann begeht sie einen Betrug an unserer Gesellschaft und wir lassen uns durch eine Phantasie täuschen. Die Kirche existiert nicht, um eine Art ‚Ablenkungstherapie‘ vom wirklichen Leben – der Realität – anzubieten, sondern so auszusehen, so zu klingen und so zu fühlen, wie Jesus selbst. Die Prioritäten der Kirche sollten die Prioritäten von Jesus sein. Unsere Gesellschaft – unsere Nachbarn – sollten in uns und durch uns das Leben Jesu spüren.

Das heißt, die Kirche soll nichts anderes tun, als weiterhin der Leib Christi zu sein und das Evangelium weiterzusagen und damit zu erfüllen, was Jesus in Markus 1,14–15 schon getan hat, nämlich: die Menschen einzuladen, Gott zu sehen und Gott anders zu sehen – und sie dann einer Gemeinschaft von Menschen vorzustellen, die bereits gewagt haben, dies von sich aus zu tun, und die nun verpflichtet sind, es anderen zu ermöglichen, zu sehen, wie Gott ist und an wessen Seite man ihn finden kann. Anders gesagt: Die Aufgabe der christlichen Kirche ist es, eine Gemeinschaft zu sein, in der sich die Barmherzigkeit und Gnade, die versöhnende und heilende Liebe Gottes finden lässt. Und das sollten die Leute durch die Kirche erleben.

Doch manche werden sagen, dass die Kirche offensichtlich irgendwann von der richtigen Spur abgekommen ist, denn die christliche Gemeinschaft wird nicht immer als ein Ort der Barmherzigkeit erlebt, an dem Gott gefunden und gespiegelt wird. Nun ja, ich bin der erste, der die Hand hebt und ‚mea culpa‘ ruft.

Wie einmal jemand gesagt hat, scheint die Kirche häufig eher an die schlechten Nachrichten zu erinnern, als Gottes gute Nachricht in Christi Gestalt zu verkünden. Auch das ist zweifellos wahr. Doch wie bei so vielen Institutionen von heute ist die Darstellung der Kirche, ganz besonders in den britischen Medien, im Allgemeinen negativ und extrem selektiv, während die Erfahrungen auf der lokalen Ebene positiver verlaufen. Auch wenn das nicht unbedingt auf andere Länder zutreffen muss, möchte ich es aus der britischen Perspektive erläutern.

Die Kirche von England ist territorial organisiert. Das heißt, sie ist flächendeckend in ganz England vertreten, und jeder, der irgendwo in England wohnt, lebt in einer anglikanischen Gemeinde. Ein Gemeindepfarrer ist nicht nur der Kapitän seines Kirchenschiffs, sondern auch der Pfarrer aller Menschen, die in seiner Gemeinde wohnen oder arbeiten. Das bringt nicht nur gesetzliche Verantwortung und eine generelle Verfügbarkeit für alle, die dort leben, mit sich, sondern auch eine unvermeidliche Verpflichtung für das Wohlbefinden der ganzen Gemeinde, und verleiht darüber hinaus dem gesamten geistlichen Amt eine missionarische Perspektive – was bedeutet, auf diejenigen in der Gemeinde zuzugehen, die Gottes ‚frohe Botschaft‘ bislang weder gehört noch erfahren haben.

Ein Bischof in der Kirche von England zu sein bringt das große Privileg mit sich, die Wirklichkeit des Alltags in und durch unsere Gemeinden und das erstaunliche Engagement der Geistlichen und Laien für ihr Amt und ihre Gemeindearbeit zu sehen. Viele Kirchen stehen im Herzen ihrer Gemeinde und bieten nicht nur ‚spirituelle‘ Nahrung und Gottesdienste, sondern auch Einrichtungen für alle möglichen Menschen in allen möglichen Lebenslagen und –phasen an. Kirchliche Gruppen für Asylbewerber, Kinder, Jugendliche, Flüchtlinge, junge Eltern, ältere Menschen usw. finden sich überall im ganzen Land. Wenn die Medien Schlechtes über die Kirche berichten – was gewöhnlich eher auf einem Vorurteil als auf der Wahrheit beruht –, wird dieses massive örtliche Engagement für das Wohlbefinden anderer ignoriert. Millionen von Stunden ehrenamtlicher Arbeit werden jede Woche in unseren Kirchengemeinden geleistet, und die Grundlage für dieses Engagement ist ganz einfach das: Wenn Gottes Barmherzigkeit empfangen worden ist, dann muss sie weitergereicht werden.

Nun, das soll die schlechten Beispiele, bei denen Kirchen Fehler gemacht haben und ‚an die schlechten Nachrichten erinnern‘, nicht entschuldigen. Es gibt immer Beispiele von Christen, die in einer Weise reden und handeln, die Jesus’ Prioritäten, wie wir sie in den Evangelien finden, nicht widerspiegelt. Man muß nicht allzu fest an der Oberfläche kratzen, um Unbeständigkeiten, Widersprüche, Schwächen und Fehler bei Christen wie mir oder in unseren Kirchen zu finden. Doch das sollte nicht überraschen. Schließlich erhebt die Kirche nicht den Anspruch, der Standort absolut beständigen Verhaltens und vollkommener Verwaltung der ‚Wahrheit‘ zu sein. Auch wir sind nur Menschen, immer noch am Lernen, unser Verständnis ist immer noch unvollständig, und wir schaffen es immer noch, es tausend Mal falsch zu machen. Aber die ‚Linse‘, unsere Wahrnehmung wird immer noch neu geformt, und unsere Reise mit Jesus und seinen Freunden geht weiter.

Und hier muss ich endlich etwas über Jakobus und Johannes – die sogenannten ‚Donnersöhne‘ (Markus 3:17) – sagen. Ich bin mit den Geschichten aufgewachsen, in denen die einzigen echten Jünger von Jesus diejenigen waren, die alles verließen, um Jesus nachzufolgen. Petrus, Jakobus, Andreas, Johannes, und die anderen, deren Namen wir gut kennen. Als ich elf Jahre alt war, gab es nicht viel zu verlassen! Aber ich wollte so sein, wie Petrus, Andreas, Jakobus, Johannes, Paulus. Diese Männer waren die Riesenjünger – die Helden des Glaubens. Ich wollte ihnen unbedingt ähnlich sein. Sie waren immer das Modell von christlicher Jüngerschaft. Und deshalb habe ich mich immer als Versager gefühlt – eine Katastrophe als Christ und als Mensch. Aber später habe ich angefangen, diese Auffassung in Frage zu stellen.

Erstens begann ich langsam zu begreifen, dass dieses Bild irgendwie falsch war – die Jünger waren normale Menschen genau so wie du und ich. Jesus begegnete ihnen, wo sie waren (normalerweise am Arbeitsplatz am Rande der See) und forderte sie auf, mit ihm zu gehen … ohne ihnen zu sagen, wohin sie gingen oder wer die anderen Mitreisenden sein würden. Dann verbrachteten sie zwei bis drei Jahren mit ihm und wurden durch die Erfahrung verändert. Aber auch nach der Auferstehung und Himmelfahrt von Jesus – auch nach Pfingsten selbst – stellen wir fest, dass diese Helden des Glaubens immer noch schwach, inkonsequent und theologisch irregeleitet waren. Petrus bleibt Petrus, Jakobus bleibt Jakobus, Paulus bleibt Paulus. Das ist ja sehr ermutigend. Es gibt ein Lied auf Englisch, wo es heißt: „Take my talents, take my skills, take what’s yet to be; Let my life be yours, and yet, let it still be me.“ Auf Deutsch: „Nimm meine Talente, nimm meine Fähigkeiten, nimm, was noch sein wird. Lass mein Leben deins sein, und doch, lass es weiter mich sein.“ Das war bestimmt die Erfahrung der ersten Jünger.

Zweitens, vor einigen Jahren schrieb ich ein Buch über das Markusevangelium (es heißt Marking Time) und dabei habe ich mich nach vielen Jahren der Vertrautheit mit dem Text neu und ganz frisch damit beschäftigt. Ich war sofort von einem Detail im ersten Kapitel überrascht. Warum hatte ich diese Tatsache nie vorher bemerkt? Jesus lädt die zwei Brüder – Jakobus und Johannes – ein, mit ihm zu gehen. „Er sah Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, wie sie im Boot die Netze flickten. Und alsbald rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus im Boot mit den Tagelöhnern und folgten ihm nach.“

Aber nach den kulturellen Gewohnheiten und Regeln dieser Gesellschaft war es unmöglich, dass diese zwei Brüder einfach ihren Vater verlassen konnten, ohne dass der Vater seine Erlaubnis gegeben hatte. Und wie würde Zebedäus seinen Fischereibetrieb weiterleiten, wenn diese zwei Männer nicht mehr für ihn arbeiteten? Wahrscheinlich musste Zebedäus andere Tagelöhner beschäftigen – und bestimmt dafür bezahlen. Mit anderen Worten können wir sagen, dass Zebedäus die alltäglichen Geschäfte des normalen Lebens weiterführte, damit die zwei Donnersöhne die Heldenjünger – die Glaubensstars – von Jesus werden durften.

Es scheint mir klar, dass die meisten gewöhnlichen Christen mehr wie Zebedäus als wie Jakobus und Johannes sind. Das heißt, Zebedäus bietet uns ein besseres Vorbild der Jüngerschaft als seine Söhne, Jakobus und Johannes. Die meisten von uns können nicht einfach unser bisheriges Leben hinter uns lassen und einfach auf eine dreijährige Nachfolgereise gehen. Deshalb ist Zebedäus mein Glaubensheld! Und in England gibt es viele Christen wie Zebedäus,  die regelmäßig einen finanziellen Beitrag für die Kirche leisten und damit mir ermöglichen, als Bischof zu arbeiten und meine Berufung von Gott und der Kirche zu erfüllen. Die Jüngerschaft dieser normalen Christen – dieser Zebedäus – sollte in höchstem Maße anerkannt und geachtet werden.

Trotzdem aber können wir auch etwas über die ‚unnormalen‘, die außergewöhnlichen Jünger sagen und von ihnen lernen.

Eines der bemerkenswerten Dinge an den Evangelien ist die Art, wie sie Jesus’ Jünger beschreiben. Es waren ganz gewöhnliche Leute. Während sie mit Jesus reisten, stellten sie fest, dass sie anfingen, einen Blick auf Gottes Gegenwart unter ihnen zu erhaschen, wie Jesus es angedeutet hatte. Die Veränderung der theologischen Weltanschauung war radikal und brauchte Zeit. Doch Jesus verachtete seine Freunde nie wegen ihrer beschränkten Wahrnehmung, ihrer moralischen Verfehlungen oder ihres aufgeblähten Selbstverständnisses.

Stattdessen gab er ihnen den Raum und die Zeit, zu schauen und zu beobachten und zu sehen und zu berühren und zu denken und ihre Dummheiten auszusprechen – alles, ohne aus der Gruppe ausgestoßen zu werden. Ihre internen Streitigkeiten und Machtkämpfe wurden zwar angesprochen, wenn sie entbrannten, doch Jesus schien es nicht eilig zu haben, sofort Vollkommenheit von ihnen zu verlangen.

Die Kirche muß wenigstens eine Gemeinde – auch ein Ort – werden, an dem Menschen feststellen, dass sie der Verurteilung durch die Welt ‚da draußen‘ entrinnen können, die so unerbittlich ist und Spaß daran hat, Menschen in ihrem früheren Ruf gefangen zu halten. Kirche muss ein Ort sein, an dem sie neu anfangen können. Dies ist eine Gemeinschaft der Barmherzigkeit und Großzügigkeit, in der Konformität keine Bedingung für Zugehörigkeit ist, und in der nicht schon vor Beginn der ‚Reise‘ Vollkommenheit verlangt wird. In diesem Sinne geht es bei der christlichen Jüngerschaft darum, Jesus zu begegnen, Jesus nachzuahmen, Vergebung und Verzeihung zu lernen und danach die Unvollkommenheiten unserer Mitjünger zu tolerieren, während wir gemeinsam versuchen, das Gesicht und die Berührung und die Stimme des Jesus, von dem wir in den Evangelien gelesen haben, zu spiegeln.

Vor zwanzig Jahren hielt ich einige Vorträge in Österreich bei einer Kirchenkonferenz in Bad Goisern. Der erste Vortrag war einfach furchtbar – auch damals konnte ich nur schlecht Deutsch reden. Es wurde mir schnell klar, dass die Zuhörer nicht alles verstanden hatten und dass sie schnell gelangweilt waren. Vor dem zweiten Vortrag – über die Kirche als Leib Christi – bat ich um ein großes Blatt Papier und dazu einige farbige Stifte.

Ich bin kein Picasso, kein Monet. Einmal, als unsere Kinder noch jung und wir in Urlaub waren, habe ich versucht, einen Apfel zu zeichnen. Meine Frau hat mich später gefragt, warum ich eine Banane gezeichnet hatte. Also, die Konferenzteilnehmer in Österreich sollten mir helfen, einen Körper zu entwerfen. ‚Kopf‘ hat jemand gesagt – und ich malte einen Kreis auf das Papier. ‚Ohren‘ hat eine Frau vorgeschlagen, und ich zeichnete noch zwei Kreise an den Kopf. Und so weiter: ‚Augen‘, ‚Mund‘, ‚Zunge‘, ‚Nieren‘, ‚Ellenbogen‘, ‚Knie‘, ‚Herz‘, ‚Leber‘… Dann fanden die drei Ärzte, die dabei waren, Spaß an der Sache. ‚Gallenblase‘… ‚Hirnanhangdrüse‘… Schrecklich. Ich bin auch kein Arzt. Nach einer halben Stunde hatten wir es geschafft, ein sehr komisches, seltsam geformtes Bild zu zeichnen – ein Mensch wie Picasso ihn sich vorstellen würde, vielleicht!

Dann fragte ich: Wie funktioniert jeder Körperteil? Zum Beispiel, die Augen schauen hinaus, aber sie weinen auch; die Ohren hören, aber sie sammeln auch Ohrenschmalz; die Knie beugen sich, aber sie absorbieren auch Stöße und verteidigen den Körper dadurch. Und so weiter.

Dann habe ich gefragt: Was soll diese Zeichnung über die Natur der Kirche sagen? Paulus sagt, wir sind der Leib Christi in der Welt; so sollten wir uns wie ein Leib benehmen. Nach diesem Gedanken folgt die Frage, wer in der Kirche ist die Stimme, die Ohren, das Herz, die Augen, die Knie – oder das harte Stück Haut an der Unterseite des Fußes, das nicht attraktiv ist, aber das wichtig für die Stabilität und das Gehen des Körpers ist? Welche Rolle spielt jedes Mitglied der christlichen Gemeinde?

Wir können einige Gedanken über die Kirche zusammenfassen:

  1. Jeder Christ und jede Christin hat einen bestimmten Platz und spielt eine bestimmte Rolle im Leben der Kirche, die dazu berufen ist, der Welt vor Ort im Namen Jesu Christi zu dienen. Diese Rolle geht über die regelmäßigen wöchentlichen Gottesdienste hinaus. Innerhalb der anbetenden Gemeinde wird es sicher Menschen geben, deren Gabe es ist, als Ohren oder Augen oder Hände oder Füße der Gemeinde zu dienen.

Innerhalb der Gemeinde wird es Menschen geben, deren Gabe es ist, die Augen der Kirche zu sein – sie schauen sich um und nehmen wahr, was anderen Menschen fehlt, sie entdecken die Neuankömmlinge, sehen, wo Hindernisse des Glaubens stecken und so weiter. Es wird solche geben, deren Gabe es ist, die Ohren der Kirche zu sein – sie hören durch die Ohren derjenigen, die nicht zur Kirche gehören und erfahren, wie die Kirche für Außenstehende klingt; sie hören auf die täglichen Erfahrungen der Menschen, die sich freuen und jauchzen oder auch leiden… und verstehen die Gegebenheiten des wirklichen Lebens. Es wird solche geben, die die Hände der Kirche sind – sie berühren die, die Heilung brauchen, halten die, die fallen, streicheln die, die Liebe brauchen, fordern die heraus, die Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit lieben.

  1. Ehrenamt in der Kirche ist nicht einfach ein freiwilliger Dienst wie in jeder anderen Institution auch. Das gesunde Wachstum und die starke Entwicklung des Leibes Christi – der Kirche – verlangen die Gaben und Talente der Christen, die nicht nur von dem Wunsch nach Instandhaltung einer Institution, sondern von der Liebe und Gnade Gottes durch Jesus Christus getrieben werden. Ehrenamtliche sind zuerst Jünger.
  2. Die Kirche wird nie eine völlig bequeme Gemeinde sein. Warum? Weil sie aus unvollkommenen Menschen wie du und ich besteht. Wir haben unterschiedliche      Persönlichkeiten, Gaben, Wunden, Prioritäten. Aber wir müssen lernen, dass – wie Paulus schreibt – wir einen anderen nicht nur deswegen kritisieren dürfen, weil er eine Nase und nicht ein Auge oder der Nabel ist. Es ist wichtig zu bemerken, dass Jesus Petrus oder Jakobus bei der Wahl der ersten Jünger kein Widerspruchsrecht gab. Jesus ruft, wir folgen nach … miteinander zusammen. Tatsächlich könnten wir sagen, dass ein authentisches christliches Zeugnis nicht darin besteht, dass Christen immer einer Meinung sind, sondern dass sie trotz der Unterschiede mit Jesus und seinen Jüngern auf die Reise gehen.

Die Kirche von England hat gar keine Wahl: Sie muss das sehr ernst nehmen. Ich habe vorhin etwas zu unserer Situation gesagt. Und ich sage es noch einmal: Jüngerschaft ist teuer – häufig ist sie ein kostspieliges Opfer. Und Menschen sind nicht bereit, ihre Zeit, ihr Geld oder sich selbst für eine Sache zu opfern, der sie nur mit halbem Herzen angehören.

Hier werden wir das Leben der Kirche finden – hier, wo es Menschen gibt, die zuerst Jünger von Jesus sind; Menschen, die sich bewußt von Jesus haben rufen lassen; Menschen, die am Auftrag der Kirche in der Welt beteiligt sind; Menschen, die bewußt den Leib Jesu Christi wachsen lassen und dazu beitragen, die Kirche aufzubauen, die Gaben der Christen zu identifizieren und zu entwickeln, und neue Christen zur Neugeburt zu bringen.

Am Donnerstag bin ich von London nach Hannover gekommen. Nach dem Einchecken im Hotel habe ich mit einer Freundin die Expowalkirche besucht. Das, was wir dort gehört und gesehen haben, war hochinteressant und sehr ermutigend. Hier ist eine Gemeinde mit einem besonderen Auftrag und einer klaren Vision. Sie wird von ehrenamtlichen Mitarbeitern geführt und der Leiter des Projektes hat uns erklärt, warum jeder Mitarbeiter davon überzeugt sein muss, dieser Vision (und nicht einer anderen) zu folgen und diesen Auftrag zu erfüllen. Die ist ganz bewusst nicht eine Gemeinde wie andere Gemeinden, sondern eine bestimmte Art von Gemeinde, die sich zu einem bestimmten Auftrag berufen fühlt. Aber andere Gemeinden können von diesem Beispiel lernen, weil – so scheint mir – die Menschen im Expowal wirklich gelernt haben, was ehrenamtliche Christen motiviert.

Im Mai dieses Jahres war ich beim Ökumenischen Kirchentag in München. Ich war bei einer Veranstaltung dabei, wo zwei ältere Herren miteinander über die Kirche sprachen. Hans Küng und Jürgen Moltmann waren diese Herren. Sie waren typisch Deutsch: sie sprachen ehrlich, klar und genau und drückten sich mit furchtloser Verständlichkeit vor dreitausend Zuhörern aus. Sie beschäftigten sich mit fünf Fragen:

  1. Wer sind die Laien?
  2. Wer sind die Priester und Pfarrer?
  3. Wer ist die Kirche?
  4. Was ist Ökumene und wo steht sie heute?
  5. Was bedeutet es, Gemeinschaft im Namen Jesus Christi zu sein?

Das Gespräch war faszinierend und wunderbar. Die beiden Theologen wünschten sich, dass die Kirche sich mit den wirklichen Herausforderungen der heutigen Welt auseinandersetzen würde. Professor Küng forderte eine neue Reformation in der römisch-katholischen Kirche – eine Reformation, die die Kirchen einigen, und nicht weiter spalten würde. Professor Moltmann machte klar, dass der Kirchentag eine Laienkonferenz sei, wo die Bischöfe der Stimme der Laien anhören sollten. Das habe ich klar gehört!

Moltmann, der zu einem kleinen von Laien geführten Hauskreis in seiner Kirche in Tübingen gehört, glaubt, dass die Zukunft der Kirchen dort liegt, wo Christen die Verantwortung für ihren eigenen Glauben und ihre Glaubensentwicklung übernehmen, und sich die Kirchenmitglieder in kleineren Hausgruppen organisieren. Er sagte: ‚Christen sind nicht Kunden – hier, um die Kirche zu besuchen – sondern Mitglieder, die Verantwortung für das Leben der Kirche auf sich nehmen. Küng sagte, dass ‚eine Kirche für das Volk zu einer Kirche von dem Volk werden muss‘. Und danach sagte Moltmann, dass das Kennzeichen einer echten Kirche – egal wer oder wie der Pfarrer ist – ‚großzügige Gastfreundschaft‘ sei.

Es gibt eine Gemeinde in meiner Diözese, die vor fünf Jahren kurz vor der Schließung stand. Nur höchstens fünfzehn Menschen kamen zum Gottesdienst und die Aussicht war fast hoffnungslos. Das Gebäude war fast kaputt und sah wie geschlossen aus. Die einfachste Lösung wäre es gewesen, die Gemeinde aufzugeben. Ich lud eine junge Pfarrerin ein, dort zu arbeiten und ich sagte ihr, wenn sie nach sechs Monaten zu mir sagen würde, ‚Das geht einfach nicht – ich kann es nicht ertragen,‘ würde ich für sie eine gute Stelle finden – sie war mutig und visionär. Ich versprach ihr, dass ich sie völlig unterstützen würde. Nach zwei Jahren gingen ungefähr 70 Menschen in den Gottesdienst. Das letzte Mal, als ich da war (vor neun Monaten – ich habe 102 Gemeinden…), waren 150 Menschen aller Altersgruppen, aller Farben und Rassen, dabei. Jetzt sagt die Pfarrerin, die Gemeinde ist zu groß, weil die Menschen so komplizierte Leben in diesem Teil Süd-Londons führen. Aber die Kirche funktioniert nur deswegen, weil jeder Mensch, der zur Gemeinde gehört, auch eine Rolle im Gemeindeleben spielt. Und die Pfarrerin weiß genau, dass es überhaupt keine Kirche mehr geben würde, wenn zwei bestimmten Laien nicht den Mut gehabt hätten, für viele Jahre hartnäckig an dieser Gemeinde weiterzuarbeiten. Sie blieben und gemeinsam haben sie eine neue Gemeinde aufgebaut – aus einer hoffnungslosen Aussicht ist neues Leben entstanden. Zweimal Zebedäus in South Norwood.

Ich möchte mit einer kurzen Geschichte zum Schluss kommen, um dich zu ermutigen.

Mike Yaconelli war Jugendarbeiter in Amerika bis zu seinem frühen Tod bei einem Autounfall vor fünf Jahren. Er hat ein Buch mit dem Titel Messy Spirituality veröffentlicht – auf Deutsch heißt es: Gott liebt Chaoten. Yaconelli war auch Pfarrer einer freien Baptistengemeinde und hatte immer Angst davor, dass er nicht gut genug sei, Pfarrer zu sein. In seinem Buch beschreibt er, wie jeder andere Pastor ein gutes, ordentliches und theologisch konsequentes Leben führt. Im Vergleich mit den anderen war Mike Yaconelli eine Katastrophe. Einmal hat er gesagt: ‚Ich bin Pastor einer wachsenden Kirche – aber sie wächst immer kleiner.‘

Yaconelli erzählt einen Traum, den er nachts immer wieder hatte. In diesem Traum sitzt er in einem Zimmer mit vielen anderen Menschen. Plötzlich kommt Jesus herein. Jesus spricht eine Zeit lang mit ihnen, dann steht er auf, dreht sich um, deutet mit dem Finger auf ihn und sagt laut und klar – mit den Augen auf ihn gerichtet: ‚Komm, folge mir nach!‘ Yaconelli kann es kaum glauben: Jesus hat ihn auserwählt. Er steht auf, bereit, Jesus überall hin in der Welt zu folgen. Dann dreht sich Jesus um und sagt: ‚Er… nein… es tut mir leid… ich meinte den Kerl hinter dir.‘

Jesus macht das nie. Seid mutig – er ruft auch dich. Vielleicht bist du ein Petrus oder ein Jakobus oder ein Johannes oder ein Paulus. Vielleicht bist du ein Zebedäus. Seid mutig.

Predigt, Berliner Dom, 22 August 2010

Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe.

Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich?

Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.

Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden.

Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht. (Apostelgeschichte 9:1-9)

Ich freue mich sehr, wieder einmal hier im Berliner Dom die Predigt zu halten. Ich war vor einem Jahr schon einmal hier, diesmal ist meine Frau, Linda, mitgefahren. Wir sind am Freitag in Berlin angekommen und wir sind für die wunderbare Gastfreundschaft von Frau Dr. Petra Zimmermann und dem Domkirchenrat sehr dankbar.

Im August waren wir zehn Tage auf Urlaub in Kreta. Wir hatten den Eindruck, dass wir die einzigen Engländer an der Nordküste von Kreta waren. Alle Gäste in unserem Hotel kamen aus Deutschland und Polen. Auch dann, wenn ich irgendeine Frage auf Englisch stellte, kam die Antwort immer auf Deutsch – auch wenn das Hotelpersonal besser Englisch als Deutsch sprach. Wir leben in einer komischen Welt…

Während dieses Aufenthaltes auf Kreta, habe ich mir gedacht, ich muss diese Predigt für den Berliner Dom vorbereiten. Trotz der Tatsache, dass wir im Urlaub waren, traf ich die Entscheidung, die neutestamentlichen Briefe von Paulus zu lesen und einige Gedanken darüber  zu sammeln – das heißt, in meinem Kopf und nicht auf Papier. Aber diese Gedanken waren nicht immer sehr hilfreich. Zum Beispiel, las ich im Brief an Titus (Titus war der erste Bischof von Kreta):

„Es hat einer von ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche. Dieses Zeugnis ist wahr.“

Offensichtlich war Paulus nicht immer freundlich und seine Meinung würde wahrscheinlich nicht in einem Reiseführer abgedruckt werden. Es ist klar, dass Paulus bestimmte vorgefasste Meinungen – Vorurteile – hatte. In der heutigen Kirche gibt es mitunter Streit über Paulus selbst (seine Persönlichkeit und seine Launen), über die Unterscheidung zwischen seinen theologischen und kulturellen Auffassungen. Der Bischof von Durham, Tom Wright, führt uns in seinem Buch What Saint Paul Really Said – was Paulus wirklich sagte – durch die Geschichte des akademischen Studiums der Theologie von Paulus: von Albert Schweitzer über Rudolf Bultmann, Ernst Käsemann bis Ed Sanders und anderen. Dann behauptet Wright – klar und unzweideutig – dass es unmöglich und auch nicht wünschenswert sei, die Theologie von Paulus einfach zusammenzufassen. Paulus sei irgendwie kompliziert und – so schreibt Tom Wright – diejenigen, die einen Anspruch auf ihn und seine theologische Perspektive erheben wollen, stülpen ihm ihre eigene Perspektive über:

„Niemand, der über das Christentum nachdenken möchte, darf ihn ignorieren; aber man kann ihn misshandeln, missverstehen, ihm seine eigenen Kategorien auferlegen, mit den falschen Fragen zu ihm kommen (ohne zu wissen, warum er keine klaren Antworten gibt), und unverschämt Material von ihm entleihen, um dieses Material in andere Systeme einzufügen, die er nicht anerkennen würde.“

Trotzdem möchte ich heute Morgen versuchen, etwas Einfaches über Paulus zu sagen! Und trotz der Ausführungen des Bischofs von Durham möchte ich einen kleinen Anspruch auf Paulus und seine theologischen Perspektiven erheben! Zuerst aber möchte ich eine kurze Geschichte erzählen.

Eines Tages kam eine kleine Fledermaus zurück in die Fledermaushöhle geflogen. Sie sah schrecklich aus:  IhrMund und ihre Zähne waren voll Blut. Die anderen Fledermäuse fragten erwartungsvoll: ‚Hast du etwas gefunden?! Zeig uns, wo!‘ ‚Lasst mich in Ruhe, ich habe Kopfschmerzen.‘ Wieder sagen sie: ‚Wo, wo warst du? Was hast du gefunden?‘… Schliesslich sagt die kleine Fledermaus: ,OK, OK, kommt mit.‘ Sie fliegen aus der Höhle, die kleine Fledermaus voran, tausende hinter ihr her. Sie fliegen einen Hügel hinauf, hinunter ins Tal, über den nächsten Hügel, rund um den nächsten Hügel, dann sehen sie einen Wald vor sich. Die Fledermaus stoppt, schwebt in der Luft. Tausende erwartungsvolle Fledermäuse hinter sich. Die kleine Fledermaus sagt: ‚Seht ihr den Wald da?‘ ‚Ja, ja, ja!‘ Seht ihr die Bäume im Vordergrund da unten?‘ ‚Ja, ja, ja!‘ Habt ihr den grossen Baum links vom Wald gesehen?‘ ‚Ja, ja, ja!‘ ‚Ich eben nicht!‘

Manchmal sind wir Christen wie diese Fledermaus: Wir lesen die Briefe von Paulus und streiten in der Kirche über die Einzelheiten (zum Beispiel, was er von Frauen denkt) und der Hauptpunkt – das große Bild – geht irgendwie verloren!

Tatsächlich scheint es mir oft, dass wir Christen uns als Experten darin zeigen, das Wesentliche nicht zu sehen. Manchmal sehen wir das einfach nicht, was unmittelbar vor Augen steht. Im Deutschen sagt man: Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, so wie die Fledermaus. Deswegen hat sich Jesus im Johannesevangelium so enttäuscht gezeigt, als er gegen die Pharisäer Anklage erhob: ‚Suchet in der Schrift; denn ihr meinet, ihr habet das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeuget; und ihr wollt nicht zu mir kommen, daß ihr das Leben haben möchtet.’ (Johannes 5:39) Das heißt:Sie geben ihr ganzes Leben dem Studium der Heiligen Schriften hin, um darin die Bedeutung des Lebens zu finden – aber sie können den Gottesmann – den Erlöser – nicht sehen, auch wenn er jetzt gerade vor ihren Augen steht!

Es scheint mir, dass auch die Bibel selbst klarmacht, dass diejenigen, die der Bibel nahe sind, sich in der größten Gefahr befinden, den Sinn des Textes zu verpassen. Und so kann es einem auch mit den Texten von Paulus gehen.

Was wir in der Apostelgeschichte über Paulus lesen, schreibt er auch im Galaterbrief Kapitel 1:

„Denn ich tue euch kund, liebe Brüder, dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht von menschlicher Art ist. Denn ich habe es nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi. Denn ihr habt ja gehört von meinem Leben früher im Judentum, wie ich über die Massen die Gemeinde Gottes verfolgte und sie zu zerstören suchte und übertraf im Judentum viele meiner Altersgenossen in meinem Volk weit und eiferte über die Massen für die Satzungen der Väter.“

Saulus – wie er damals hieß – war leidenschaftlich davon überzeugt, dass Gott allein durch echten Gehorsam gegenüber den Geboten der Torah zu finden ist. So heißt es, Gott wird eines Tages sein Volk rechtfertigen, wenn sie konsequent und vertrauensvoll der Torah folgen. Am Ende der Zeit wird Gott sein Volk dann in der Situation finden, dass es bereit ist, gerettet zu werden. Daher ist es für Saulus von höchster Bedeutung, dass die Juden, die von diesem Weg abweichen, zur Rückkehr auf den rechten Weg gezwungen werden. Das entsprach seinem Verständnis von Gottes zukünftiger Welt, und dabei ging es nicht nur um das geistliche Verhältnis zwschen einer bestimmten Person und seinem Gott, sondern um viel mehr, auch Fragen der Gesellschaftsordnung.

So wird klar, warum nach der theologischen Überzeugung – der theologischen Weltanschaung – des leidenschaftlichen Saulus die sogenannten Christen mehr als  nur kleines Ärgernis waren.

Aber was ist Saulus auf dem Weg nach Damaskus eigentlich passiert? Erstens können wir sagen, dass er sich nicht durch philosophische oder theologische Argumente bekehrte, sondern durch eine Begegnung mit dem auferstandenen Jesus Christus. So, kam dem Eiferer ganz unmittelbar zu Bewusstsein, dass die Hoffnung Israels, die am Ende der Zeit verwirklicht werden sollte, schon in der Auferstehung Jesu Christi vollbracht worden ist.

Das heißt, dass seine theologischen Überzeugungen nach der Begegnung mit Christus umgestaltet wurden. Unsere theologischen Überzeugungen müssen immer wieder dem Gespräch mit unserer Erfahrung ausgesetzt werden.

Ich finde es auch interessant, dass Jesus am Anfang dieser Begegnung auf dem Weg nach Damaskus Saulus nicht einen Vortrag gehalten hat – er hat nicht gesagt: „Saulus, du Dummkopf! Du hast alles missverstanden. Jetzt möchte ich deine Theologie korrigieren. Nun, wach auf und hör zu…“ Nein. Wider Erwarten fängt Jesus mit einer Frage an: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“

Bei Jesus ist das aber ganz normal. In den Evangelien scheint das immer so zu sein. Statt einen Vortrag oder eine Erklärung abzugeben, stellt Jesus oft eine einfache Frage: „Was willst du, dass ich für dich tun soll? (zu dem blinden Bettler Bartimäus im Markusevangelium Kapitel 10). Oder im Lukasevangelium Kapitel 24, wo zwei Jünger nach Emmaus gehen und „sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen… Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs?“

Es scheint von der Bibel her, dass Jesus uns oft mit einer Frage begegnet, und nicht mit einer Behauptung. Warum ist das so? Vielleicht, weil er dort beginnt, wo wir sind. Und vielleicht auch deswegen, weil er weiß, dass wir die Verantwortung für unsere Begegnung mit Jesus übernehmen müssen – dass wir unsere eigenen Entscheidungen im Blick auf die Forderungen Jesu treffen müssen. Christen sind keine Menschen, die vor der Realität oder vor der Verantwortung fliehen. Jesus hat niemals jemanden dazu verführt, blinder Nachfolger zu werden.

Und nach seiner Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus musste Paulus drei Jahre gründlich studieren, um seine Theologie im Lichte der revolutionären Begegnung mit dem auferstandenen Christus umzugestalten. Martin Luther hat  eine ähnliche Erfahrung gemacht: die revolutionäre Entdeckung der Rechtfertigung allein aus Glauben, die sein Verständnis von Gott, von der Religion, von der Kirche und von der Theologie tiefgreifend veränderte.

Aber trotz dieser Bekehrung bleibt Paulus doch er selbst. Es stimmt, dass er wie neugeboren ist. Es stimmt, dass er zu einem neuen Mann geworden ist. Aber Paulus bleibt zugleich doch Paulus: leidenschaftlich, ungeduldig, offensichtlich humorfrei, kritisch, streitlustig und sarkastisch. (Meiner Erfahrung nach bitten viele Brautpaare für den Traugottesdienst um eine Bibellesung aus dem 1. Korintherbrief Kapitel 13 – Das Hohelied der Liebe – und nicht aus dem 2. Korintherbrief 10 bis 13, wo Paulus sich sehr ironisch und durchaus sarkastisch zeigt!)

Also, wenn wir sagen wollen, dass Paulus ein Heiliger oder ein beispielhafter Mensch sei, müssen wir aber auch sorgfältig sein und ehrlich von ihm sprechen. Warum? Nun weil es so wichtig ist, dass wir erkennen, dass die Heiligen auch Menschen sind. Es gibt ein Lied auf Englisch wo es heißt: „Take my talents, take my skills, take what’s yet to be; Let my life be yours, and yet, let it still be me.“

Auf Deutsch: „Nimm meine Talente, nimm meine Fähigkeiten, nimm, was noch sein wird. Lass mein Leben deins sein, und doch, lass es weiter mich sein.“

Nach der Begegnung mit Jesus hatte Paulus keine falschen Vorstellungen von seiner eigenen Gerechtigkeit. Er zweifelte nicht daran, dass er ein Sünder war, dass er bestimmte Schwächen hatte. Und hier können wir auch von Paulus ermutigt werden. Ziemlich oft frage ich mich, warum bin ich so… ungeduldig, inkonsequent, schwach, usw.? Ich bitte Gott darum, dass er mich total verändern möge – aber das tut er nicht. Ich bleibe ich… genau so wie Paulus. Paulus bleibt er selbst (von der Persönlichkeit her) trotz der Revolution in seinen theologischen Voraussetzungen und der Änderung seines Namens von Saulus zu Paulus. Er ist total verändert, aber er bleibt zugleich derselbe. Und meine Begegnung mit dem auferstandenen Christus hat auch meine Welt-, meine Gott- und meine Selbstanschauung radikal geändert – und trotzdem bleibe ich ich.

Und hier kommen wir noch einmal zum Hauptpunkt. Die tiefreichendste Herausforderung für Paulus bestand darin, dass, wenn Jesus wirklich – tatsächlich – vom Tode auferweckt worden ist, dann ist die ganze Welt verändert worden. Das heißt, dass das Leben, unsere Vorstellung oder unser Verständnis von der Natur Gottes, die Gestalt der Kirche, die Mission der Kirche, unsere christliche Verbundenheit mit und in der Welt (also in der Politik, in der Wirtschaft, in der Kultur, usw.) jetzt anders aussieht.

Die Theologie des Paulus kann nie nur privat bleiben. Es gibt keine private oder rein individuelle christliche Spiritualität; es gibt immer ein gesellschaftliches und gemeinsames und politisches Element.

Vor einigen Jahren kam ich von Österreich in Birmingham auf dem Flughafen an. Ich kam von einer theologischen Konferenz zurück, wo ich einen Vortrag über die Natur der Kirche gehalten hatte. Als wir aus dem Flugzeug ausstiegen, bemerkte ich eine große Werbeanzeige auf einer Brücke vor dem Flughafengebäude, auf der stand: „You’ve got the whole world in your hands“ – Mastercard. Fünf Minuten später sah ich eine zweite Anzeige: „Visa makes the world go around“.

Aha! Da habe ich Paulus verstanden. Er stellt uns die klare und schwierige Frage: Wer regiert in dieser Welt? Wem folgen wir wirklich nach? Gott? Dem Herrn Jesus? Oder vielleicht dem Finanzsystem? Welche Werte nehmen wir als Christen wirklich an? Glauben wir tatsächlich, dass Jesus der Herr ist – oder (in der Welt von Paulus) der Kaiser? Beten wir Gott oder andere Götterchen an? Und wenn ich sage und singe, dass Jesus der Herr ist, sagt mein Leben davon etwas aus? Bin ich ein Zeuge davon, dass Jesus der Herr ist?

Darin liegt das Herz der Theologie und der Herausforderung des Paulus. Bei all unserer Lippenbekenntnisse und Glaubensbekenntnisse dienen wir wirklich dem heiligen Gott – oder geringeren Herren?

Von Paulus lerne ich unter anderem zwei überaus wichtige Wahrheiten:

Erstens, dass von der Auferstehung Christi her überzeugte Christen so leben müssen, dass andere Menschen merken: Wir tanzen zu einer anderen Melodie. Wir sehen die Welt mit anderen Augen, in einem anderen Licht, im Licht der Gnade Gottes. Wir versuchen Jesus nachzufolgen, und nicht den Werten der Welt, die manchmal andere Prioritäten setzt.

Zweitens, dass ich, so lange ich lebe, immer Probleme bei der Umsetzung dieser Erkenntnis, bei der Anwendung dieser Wahrheit auf mein Leben haben werde, weil ich schwach bin – weil ich ich bin.

Aber darin liegt auch die Ermutigung: Gott weiß genau, wie wir sind und deshalb und trotzdem wählt er uns aus, als sein Leib in der heutigen Welt zu leben. Paulus hat es selbst am Anfang seines Briefes an die Christen in Korinth so formuliert: „Paulus, berufen zum Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes…“

„Ehre sei Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen. Nach der Kraft, die in uns wirkt. Amen.“

Predigt in der Berliner Dom (26 September 2009)

Johannesevangelium 11

Jesus rief mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!

In den letzten zwei Wochen habe ich in zwei verschiedenen Welten gelebt. Die erste Welt war Rom. Ich verbrachte vier Tage bei einer Kommunikationskonferenz im Vatikan und besuchte den Petersdom. Als wir vor dem Dom standen, sagte ein katholischer Freund von mir: ,Das ist der Grund für die Reformation.‘ Und die Zweite Welt?

In den letzten Tagen war ich als Gast der EKD bei der Zukunftswerkstatt in Kassel. Die Konferenz heisst Kirche im Aufbruch und vertritt die neueste Phase des Reformprozesses der deutschen evangelischen Kirche. Es scheint mir, dass die Evangelische Kirche die Herausforderung ernst nimmt, sich zu reformieren – umzugestalten – auf dem Wege zum Lutherjahr 2017. (Im Jahre 2017 werden wir den fünfhundertsten Jahrestag des Reformationsanfangs in Wittenberg feiern.) Deswegen ist es für mich eine grosse Ehre, am letzten Tag dieser Reformationskonferenz in Berlin dabei zu sein, während solche gelehrten Fachleute die sogenannten Sister Reformations in Deutschland und England betrachten und diskutieren.

Und es ist mir ein grosses Privileg, hier als anglikanischer Bischof und englischer Co-Vorsitzender der Meissen Kommission die Predigt zu halten. Die Meissen Kommission, die in der letzten Woche in England tagte, versucht die zwei Kirchen immer näher zueinander zu bringen. Und meiner Meinung nach ist diese Arbeit wichtig nicht nur für die Kirchen, sondern auch für unsere Gesellschaften in Europa.

Es tut mir wirklich leid, dass ich für die gesamte Konferenz hier in Berlin nicht dabei sein konnte. Ich bin kein Experte in Sachen Reformationsgeschichte und hätte gerne die Vorträge während der Konferenz gehört. Aber trotzdem gehören Kassel und Berlin zusammen in dem Sinn, dass sie von einer einzigen Idee verbunden sind: nämlich, dass die Kirche immer wieder reformiert werden muss – semper reformanda.

In jeder Generation müssen sich Christen einige schwierigen Fragen stellen: was ist die Kirche eigentlich und für wen existiert die Kirche? Die Welt ändert sich ständig und so muss sich die Kirche umgestalten, um die Kirche Jesu Christi für diese Generation und für diese Welt zu bleiben und zu werden. Warum ist dies so? Weil die Kirche nur existiert, um der Welt zu dienen. Die Kirche existiert nicht im Interesse der Kirche selbst, sondern im Interesse der Welt, die von Gott geschaffen, geliebt und erlöst wird.

Die Reformation des sechzehnten Jahrhunderts und der Reformprozess der EKD sind sich darin einig, dass die Kirche sich reformieren muss, um ihre Aufgabe in jeder Generation treu und ehrlich zu erfüllen.

Aber was haben diese Reformationsgedanken mit unserem Predigttext zu tun? Das ist eine gute Frage und ich werde jetzt versuchen, eine gute Antwort dazu zu geben. Allermindestens können wir sagen, dass die Auferweckung des Lazarus uns in diesen Tagen der Herausforderung und des Reformationsbedürfnisses etwas wichtiges zu sagen hat.

Das elfte Kapitel des Johannesevangeliums steht an einem Wendepunkt in der Geschichte Jesu. Und dieses Kapitel hat nicht primär mit Lazarus zu tun, sondern mit Jesus und seiner Identität. Hier lernen wir etwas von Jesus und wie seine Anwesenheit in den dunklen Stunden und Räumen unserer Welt eine lebendige Änderung hervorbringen kann – also, die Dunkelheit erhellen. Oder, besser gesagt, er ändert uns innerhalb unserer Situation. Um Kapitel elf zu verstehen, müssen wir mit Kapitel eins anfangen.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht begriffen.

Dann lesen wir folgendes: ‘das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit‘. Nun sollten wir innehalten und uns fragen: Was hast du gesehen, Johannes? Wie sah eigentlich diese Herrlichkeit aus? Und der Rest des Evangeliums illustriert was ‚wir sahen‘ und wie diese Herrlichkeit aussah … in dem Leben, in den Worten und in den Taten des Jesus von Nazareth.

Im Markusevangelium sehen wir eine ähnliche Einleitung – die ebenfalls nach einer Frage verlangt:

Nachdem aber Johannes überantwortet war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium vom Reich Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllet, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!

Die Frage ist: wie würde es aussehen, wenn die Menschen wirklich Busse tun würden (das heisst, die Art wie sie die Welt und Gott betrachten) und wirklich glauben, dass Gott in Jesus gegenwärtig ist – auch wenn die Römer im Land bleiben und das Leben hart bleibt? Denn bisher konnten sie die Gegenwart Gottes nur dann wahrnehmen, wenn die Römer das Land verlassen würden und das Land ihnen wieder gehören würde.

Also handelt diese Geschichte von Lazarus nicht von Lazarus, sondern handelt sie von Jesus, der das Bild Gottes ist und das Wort das Fleisch wurde. Seine Gegenwart und seine Worte transformieren diesen Ort des Todes in einen verwirrenden Ort der Auferstehung und des neuen Lebens. Aber diese bemerkenswerte Ereignis sagt uns drei Dinge über den Dienst Jesu und die Berufung der Kirche.

Bevor wir auf sie eingehen, sollten wir die Logik wahrnehmen, die beide – Johannes und Markus – in ihrem Evangelium voraussetzen. Lassen Sie es mich so sagen: Die Frage, die wir an die Bibel heranfragen ist: Wie sieht Gott aus? Und die Antwort ist: Gott sieht aus wie Jesus! Also, wie sieht Jesus aus? Und die Antwort ist: lest die Evangelien und schaut uns (die Kirche) an. Die Tatsache ist, die Kirche sollte so aussehen, wie der Jesus über den wir in den Evangelien lesen. Daher sollten Menschen, die die Kirche hören, sehen oder berühren, etwas von dem Jesus hören, sehen oder berühren, von dem wir in den Evangelien lesen. Und wenn die Kirche nicht aussieht, nicht klingt und sich nicht anfühlt wie der Jesus von dem wir in den Evangelien lesen, dann haben wir unseren Weg verloren – und wir sind unecht … wir leben eine Lüge.

Also, wenden wir uns nun den drei Dingen über Jesus und seinen Dienst zu, und fragen wir, was sie der Kirche heute zu sagen haben.

Erstens, Jesus ist aufmerksam gegenüber der Trauer der Welt. Er muss sich entscheiden, er verzögert seine Reise nach Bethanien, um seinen kranken Freund zu besuchen. Als er dort ankommt, ist sein Freund bereits tot.  Eine der Schwestern, Martha, rennt ihm auf der Strasse entgegen und klagt ihn an, dass er hat Lazarus sterben lassen. Und Jesus führt eine theologische Diskussion mit ihr über die Auferstehung.

Maria jedoch bleibt zu Hause. Sie trauert auf eine anderer Weise. Und als Jesus zu ihr kommt, hält sie die gleiche Anklage: HERR, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben! Aber Jesus diskutiert mit Maria keine Theologie, sondern geht mit ihr zu dem Grab und weint.

Die Berufung einer Kirche, die aussieht wie Jesus, ist es, mitten in die Trauer und Verwirrung der Menschen hineinzugehen – dort, wo der Tod real ist und der Verlust wirklich schmerzhaft. Wir müssen eine Kirche sein, die beides kann: zu wissen, wie man Theologie treibt und ohne Worte zu weinen – und die weiss, welches von beidem wann angemessen ist.

Dies gibt auch jedem von uns eine Verantwortung. Wenn sich Jesus Einzelnen in je einmaliger und angemessener Weise nähert, dann auch ruft er die Einzelnen damit und erwartet eine Antwort. Und dieses ist sicher eine der Wiederentdeckungen der Reformation Luthers. Also, lassen Sie mich eine kurze Geschichte erzählen, um dieses zu verdeutlichen.

Mike Yaconelli war ein amerikanischer Pastor und Jugendarbeiter. Er starb vor einigen Jahren bei einem Autounfall. Yaconelli hatte immer die Empfindung, dass er ein hoffnungsloser Christ und ein miserabler Pastor wäre. Bevor er starb (offensichtlich…) schrieb er ein Buch, in dem er erklärte, warum alle anderen Pastoren, die er traf, so perfekt erschienen: Sie kannten ihre Theologie und ihre Kinder waren wohl erzogene kleine Christen. Im Vergleich dazu empfand sich Yaconelli als Fehlschlag. In diesem Buch – es heißt Messy Spirituality – erzählt er, dass er einen Traum hatte, der immer wiederkehrte.

In diesem Traum sitzt er auf dem Boden in einem großen Raum mit vielen anderen Menschen. Sie reden miteinander, als plötzlich Jesus herein kommt. Er redet einen Moment mit ihnen und blickt dann Yaconelli direkt in die Augen. „Komm, folge mir nach!“, sagt Jesus. Und Yaconelli, mit Stolz gefüllter Brust, dass Jesus ihn berufen hat, steht auf, bereit, Jesus überall hin zu folgen. Dann dreht sich Jesus um und sagt: „Oh, entschuldige, ich meinte den da hinter dir.“ Jesus macht so etwas nicht. Wir sind alle berufen. Und wenn wir kritisch gegenüber „der Kirche“ sind, müssen wir uns vor Augen führen, dass wir uns selbst gegenüber kritisch sind. „Ich“ bin „die Kirche“ und muss meine Verantwortung übernehmen, „Jesus zu sein“, dort, wo ich stehe. Luther verstand diesen Punkt sehr gut.

Zweitens, Jesus erkennt die Macht von Tod und Trauer, aber er erlaubt dem Tod nicht, das letzte Wort zu haben. Wir leben in einer Welt – und Jesus lebte auch in einer harten Welt – in der viele glauben, Macht und Gewalt und Tod und Zerstörung hätten das letzte Wort. Dies ist eine Welt, in der ein Mensch, der an einem Kreuz hängt, besiegt, schwach und machtlos scheint. Aber Gott wird der Gewalt der Welt nicht erlauben, das letzte Wort zu haben. Das Wort, das Fleisch wurde, hat das letzte Wort. Und dieses Wort lautet: „Auferstehung“.

Also, die Berufung der Kirche muss es sein, dieses Herz des Schmerzes der Welt zu betreten, aber um die Verheißung neuen Lebens zu bringen. In der Tat ist dies die Tradition der Propheten in der ganzen Bibel. Sie sind die Menschen, die sich eine neue Welt vorstellen, die die Lieder der Heimat lebendig halten, wenn das Volk im Exil gefangen ist – ein Exil, das ihren Glauben zum Gespött zu machen scheint. Sie sind die Menschen, die durch Gottes Augen sehen und die sehen, was Walter Brueggemann nannte „Neuwerden nach Verlust“.

In der Tat ist die Kirche aufgerufen, das Urteil der Welt abzulehnen und den bloßen Augenschein zurückzuweisen und einer Gesellschaft, die sich daran gewöhnt hat, nur Traurigkeit zu hören, Lieder der Hoffnung zu singen.

Drittens ist es nicht die Theologie, die den Unterschied macht; es ist die Gegenwart und das Handeln und die Worte Jesu, die neues Leben bringen. Es ist einfach zu denken, dass wir nur unsere religiösen Formulierungen richtig wählen müssten, damit Gott handeln würde und alles in Ordnung kommen würde. Wir mögen unsere religiösen Gewohnheiten und wir mögen es zu versuchen, Gott nur in bestimmten Wegen handeln zu lassen. Aber die Kirche muss wahrnehmen, dass die Kirche von Jesus selbst inspiriert und bewohnt sein muss, wenn die Kirche Trägerin von Veränderung und von Leben und von Hoffnung in einer dunklen Welt sein will.

Ich habe nun häufig von „der Kirche“ gesprochen. Ich meine nicht einfach die Church of England oder einfach die Evangelische Kirche in Deutschland. Oder eine vage Idee von „Kirche im Allgemeinen“. Wenn ich von „der Kirche“ spreche, meine ich uns alle gemeinsam. Das Europa, in dem wir heute leben, zeigt uns viele Herausforderungen und Möglichkeiten, Leben in eine anspruchsvolle Kultur zu bringen. Aber keine Kirche kann dies alleine. Wir brauchen einander und wir sind unvollständig ohne einander. Keine Kirche kann ihre Berufung erfüllen ohne das Vorbild und die Zusammenarbeit mit den anderen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland und die Church of England sind dem gemeinsamen Auftrag verpflichtet, Licht in die Dunkelheit des Europas zu tragen, in dem wir leben. Wir haben unsere Schwächen und Unvollkommenheiten, aber wir arbeiten dennoch daran weiter. Und wenn wir irgendetwas aus dem Ruhm und aus dem Horror der Reformationen des 16. Jahrhunderts lernen können, ist es vielleicht einfach, dass wir bei aller Leidenschaft und Treue zu Gottes Berufung die Demut brauchen, zu wissen, dass nur die Gegenwart Jesu selbst die Kirche aussehen lassen kann wie Jesus.

Diesen Monat erinnern wir nicht nur den Reformationen in Europa, sondern auch den siebzigsten Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs. Vor 70 Jahren hätten wir nicht als Freunde hier zusammen sitzen können. Es ist bemerkenswert dass, nach den Katastrophen des Krieges waren die Kirchen fähig, Träger von Versöhnung, Vergebung und Hoffnung zu werden. Sie haben sich der Tatsache des Versagens gestellt und wurden dadurch fähig, Fürsprecher von Licht und Hoffnung für eine neue Zukunft jenseits der Zerstörung zu werden.

Vielleicht ist dies die gemeinsame Aufgabe von Christen aus England und Deutschland: Die Bibel ernst zu nehmen und zu lernen den Mut zu haben, am Ort des Todes zu stehen und zu schreien: Lazarus, komm heraus!