This is the basic text of a speech given yesterday evening in the Landtag of Niedersachsen in Hannover at a Parliamentary Evening put on by a federation of churches.

Herzliche Grüße aus Brexitannia! Es ist wirklich für mich ein Privileg, noch einmal hier in Hannover zu sein.

Vielen Dank für die Einladung, heute hier in Deutschland England zu erklären. Wir brauchen nur zwei Minuten, denn alles ist einfach und klar. Verstehen Sie, die politische Situation in Großbritannien ändert sich zweimal im Tag, jeden Tag. Aber im ganzen Durcheinander über Brexit bleibt nur eine Tatsache wichtig: FC Liverpool steht an der Spitze des Premier League. Alles ist in Ordnung!

Wie erklärt man England? Oder was in Großbritannien heutzutage passiert? Manche Engländer erkennen ihr Land einfach nicht mehr an. Innerhalb dreieinhalb Jahren ist die politische Kultur schiefgegangen und viele Briten fühlen sich erschrocken – sie verstehen nicht mehr, wer wir tatsächlich sind. Die Chinesen haben ein berühmtes Sprichwort: „Mögest du in interessanten Zeiten leben.“ Aber dieses Sprichwort ist kein Segen, sondern ein Fluch. Wären nicht langweilige Zeiten mal schön?

Ich bin sowohl Bischof als auch Politiker.  Manche Menschen in Großbritannien finden dies ein schwieriges Konzept – sie verstehen das überhaupt nicht. Christen sollten sich auf das Reich des Geistigen beschränken und sich aus der Politik heraushalten, sagen sie.  In der Politik geht es jedoch um das menschliche Leben, die richtige Ordnung der Gesellschaft und das Gemeinwohl.  Ein Christ kann es nicht vermeiden, sich in die Politik einzumischen.  Aber ich bin ein Politiker bestimmt deswegen, weil ich im Oberhaus des Parlaments sitze.  Das Unterhaus wird gewählt;  Das House of Lords wird ernannt, und 26 Bischöfe der Church of England – Diözesanbischöfe – sitzen (aufgrund ihres Dienstalters) im Haus.  Die Bischöfe sind aufgrund des Pfarrsystems mit jeder Gemeinde in England verbunden.  Wir wissen also, was auf dem Boden im ganzen Land vor sich geht.  Im House of Lords vertreten die Bischöfe keine Partei, kein Block, man kann sie nicht peitschen oder ihnen sagen, wie sie wählen sollen. Jede Bischöfin und jeder Bischof muß entscheiden, was sie oder er in einer Debatte sagen sollte und wie sie oder er abstimmen sollte.  Ich „führe“ für die Bischöfe in Sachen Europa und damit den Brexit an.  (Ich führe auch in Sachen Russland, Sicherheit und Geheimdienste wegen meiner vorherigen Karriere in den Geheimdiensten an.)

Ich kann nicht heute Abend alles sagen, was gesagt werden sollte. Zum Beispiel, welche Rolle spielen die Bischöfe und Bischöfinnen im House of Lords und im öffentlichen Gespräch über politische Entwicklungen in Großbritannien? Wir sind nicht parteipolitische Spieler. Deswegen haben wir eine Verantwortung, die Wahrheit auszusprechen, eine klare Licht auf politische Aktivitäten und Kultur zu werfen, und durch eine Evangeliumslinse hinauszuschauen.

Der beste Weg, um zu verstehen, was heute in Großbritannien passiert, ist folgender: Die britische Demokratie wird in einem System parlamentarischer Demokratie ausgeübt.  Dieses System hat keinen Platz für ein Referendum oder Volksabstimmung (direkte Demokratie).  Es ist problematisch, dass Politiker aller Parteien vor dem Referendum in Juni 2016versprachen, dass das Ergebnis gewürdigt und der „Wille des Volkes“ befolgt werde.  Erst als das Ergebnis den „falschen Weg“ einschlug, wurde den Menschen klar, dass (a) in einem parlamentarischen System ein Referendum nur beratend sein kann und (b) die Antwort auf die Frage keinen Hinweis darauf gibt, was „Verlassen der EU“ in der Praxis bedeuten könnte.  Das Parlament hat die Verantwortung, nach bestem Wissen und Gewissen Gesetze im besten Interesse des Landes zu erlassen – aber was passiert, wenn dies der im Referendum getroffenen Wahl widerspricht?  Deshalb sind wir in einem Durcheinander.  “Die Kontrolle zurückerobern” ist ein einfacher Slogan.  “Parlamentarische Souveränität” hört sich wichtig an … am wenigsten bis das Parlament seine Souveränität bestätigt und dann beschuldigt wird, den Willen des Volkes vereitelt zu haben.

Jetzt können Sie vielleicht besser verstehen, warum es so ein Durcheinander ist.  Und die Brexiter verwenden jetzt die Sprache “Parlament gegen das Volk” und “Richter gegen das Volk”. Es scheint, dass ‚das Volk‘ nur die Brexiter beschreibt. Das britische Volk ist gespaltet. Das Parlament spiegelt dieses gespaltene Land wider.

Jetzt aber ist mir klar, dass der Brexit außerhalb der Insel anders aussieht, und viele Beobachter schockiert sind über das, was der britischen politischen Kultur in den letzten drei Jahren widerfahren ist.  Lassen Sie mich kurz einige Punkte ansprechen.

Erstens ist es wichtig zu erkennen, dass der Brexit im Wesentlichen ein englisches und kein britisches Problem ist.  Ein berühmter englischer Journalist schrieb vor zwanzig Jahren ein Buch mit dem Titel “The English”.  Jeremy Paxman erklärt an einer Stelle, dass ein wesentliches Element der irischen oder schottischen oder walisischen Identität besteht darin, dass ich “nicht englisch” bin.  Aber es ist sinnlos, wenn ein Engländer sagt: “Ich bin kein Schotte, usw.” Die Schotten haben ein Parlament, die Waliser eine Versammlung, die Iren auch eine Versammlung;  und die Engländer?  Nur Westminster.  Die letzten drei Jahre haben den Walisern, Schotten und Iren gezeigt, dass die Engländer sich nicht um sie kümmern.  Umfragen zeigen, dass Brexiteer bereit sind, das Ende der Union als geringen Preis für den Brexit zu sehen.  Es ist durchaus möglich, dass der Brexit zu einem vereinigten Irland und einem unabhängigen Schottland führen wird.  Wir erinnern uns daran, dass im Jahre 2014 David Cameron die Schotten überzeugte, gegen die Unabhängigkeit zu stimmen, mit der Begründung, sie müssten die EU verlassen …

Zweitens war der Brexit immer ein Versuch der Konservativen Partei, ein internes Problem zu lösen.  Die EU-Frage hat die Partei jahrzehntelang geteilt, und keine der beiden Hauptparteien hat sich jemals für die EU eingesetzt.  Es gibt auch ein Argument dafür, dass die Natur der EU als eine sich entwickelnde politische Union in Großbritannien niemals ehrlich anerkannt wurde – was zu wachsendem Ressentiment und nachlassendem Vertrauen unter Politiker und Institutionen geführt hat.  Aber es bleibt wahr, dass viele Menschen in Großbritannien glauben, dass der Brexit eine Tory-Lösung für ein Tory-Problem ist, um den Tories zu ermöglichen, an der Macht festzuhalten.  David Cameron glaubte nicht, dass er das Referendum im Jahr 2016 verlieren würde – weshalb er dem öffentlichen Dienst keine Vorbereitungen für eine Leave-abstimmung erlaubte.

Drittens hat der Brexit tiefe Spaltungen in der britischen Gesellschaft aufgedeckt. Brexit hat sie aber nicht erschaffen.  Der neoliberale Globalisierungstraum ließ viele Gebiete des Landes und viele Gemeinschaften mit dem Gefühl, dass sie übersehen, vergessen oder ignoriert seien.  Ja, die ärmsten Gebiete des Vereinigten Königreichs haben für den Austritt aus der EU gestimmt, obwohl sie über vier Jahrzehnte hinweg in hohem Maße von EU-Subventionen und Projektfinanzierungen profitiert haben.  Warum?  Einige sagen, dass das Leben für sie einfach nicht schlimmer werden kann. Warum also nicht die Gelegenheit nehmen, gegen die Politiker zu treten?  Dies wurde von denjenigen ausgenutzt, die sich als “gegen die Eliten und gegen das Establishment” positionieren – obwohl die meisten von ihnen wohlhabend, privilegiert und von keinem durch den Brexit verursachten Schaden betroffen werden.  Kurz gesagt, das Problem besteht darin, dass die EU nicht für die Dinge verantwortlich ist, gegen die gestimmt wurde. Deshalb wird die Operation des Brexit die Krankheit nicht heilen oder ihr Leben verbessern.  Aber Brexit hat wenig mit Realität oder Fakten zu tun; Brexit geht um etwas vitzerales. Also, was machen wir dann?

Viertens hat der Brexit nicht nur das Vertrauen in unsere Institutionen und Politiker geschädigt, sondern auch die Rechtsstaatlichkeit wurde von einer Regierung bedroht, die für schuldig im Supreme Court befunden wurde, gegen das Gesetz verstoßen zu haben.  In der Vergangenheit hätte dies zu einem Rücktritt geführt.  Heute aber gibt es keine Schande mehr;  und Lügen, Manipulation und falsche Darstellung sind die akzeptablen Merkmale eines politischen Spiels geworden.  Unser öffentlicher Diskurs wurde korrumpiert.  Schlimmer noch, unsere Abgeordneten werden täglich mit Gewalt und Tod bedroht – genau wie ihre Familienmitglieder.  Ich erinnere mich gut an den Mord an Jo Cox eine Woche vor dem Referendum im Jahre 2016 – ich war innerhalb einer Stunde dabei;  es geschah in meiner Diözese und nur acht Meilen von meinem Wohnort entfernt. Ich kenne ihre Familie.

Also, die Zukunft?

Erstens: Wir werden wahrscheinlich die Europäische Union verlassen, aber wir werden Europa nicht verlassen.  Unsere starken Verbindungen in ganz Europa werden in den kommenden Jahren noch wichtiger.  Großbritannien musste sich seit dem zweiten Weltkrieg nie damit abfinden, bloß eine kleine Nordatlantikinsel ohne Imperium zu sein.  Der Brexit wird, denke ich, das Ende des Mythos vom britischen Imperium bedeuten.  Britische Zeitungen und Politiker erinnern sich immer wieder daran, wie wir den Krieg (alleine) gewonnen haben.  Endlich müssen wir jetzt mit der Realität leben und nicht mit romantisierten Erinnerungen des letzten Jahrhunderts.  Nach 1945 mussten sich die Deutschen mit ihrer Geschichte, Identität und ihren Fehlern auseinandersetzen.  Die Briten mussten das noch nie tun.  Wir werden es jetzt tun müssen. Ich stimme mit der Philosophin Susan Neiman überein, als sie sagt in ihrem neuen Buch Learning from the Germans: „Nostalgische Sehnsüchte nach Imperium und Sentimentalismus im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg weisen nicht nur auf außergewöhnliche Mängel des öffentlichen Gedächtnisses in Großbritannien hin, sondern auch auf die Unfähigkeit, mit der Geschichte reif zu rechnen. Neil MacGregor hat gesagt: „Die Deutschen nutzen ihre Geschichte, um über die Zukunft nachzudenken, während die Briten ihre Geschichte nutzen, um sich zu trösten“.

Zweitens: Die Europäer müssen anerkennen, dass fast die Hälfte der Wähler für einen Verbleib in der EU gestimmt hat – und auch dass die Verbundenheit mit der EU seit dem Referendum gewachsen ist.  Deutschland und Europa haben viele Freunde in Großbritannien und wir brauchen Ihre Freundschaft, um eine andere Zukunft zu gestalten.

Drittens: Ich denke (aber ich könnte mich irren), dass die Union nicht lange überleben wird.  Alles deutet darauf hin, dass Schottland jetzt für die Unabhängigkeit stimmen würde;  Irland könnte sich gut vereinen – etwas, was die IRA in vierzig Jahren Terrorismus und Gewalt nicht erreichen konnte;  sogar Wales spricht von einer Trennung von England.  Wir werden mal sehen. Aber der Prozess und die Abwicklung des Brexits haben alles geändert und viel geschädigt.

Letztens: Niemand kann die Zukunft vorhersagen.  Wir erleben heute im Westen einen großen Konflikt zwischen Liberalismus und anderen Mächten.  Der Liberalismus ist in Zukunft keine Selbstverständlichkeit.  Die Kirchen müssen Orte der Begegnung und Unterhaltung, der Debatte und der Wahrheitsfindung sein, wenn die Welt über Trump und Johnson, Bolsonaro und Orban und so weiter verhandelt.  Der Illiberalismus wird die Westeuropäer dazu zwingen, die Wurzeln ihrer Annahmen über Menschenrechte und Verantwortlichkeiten wieder zu entdecken, und das könnte letztendlich eine gute Sache sein.

Zum Schluss möchte ich ein Buch empfehlen.  Der britische Historiker Tom Holland: “Dominion: The Making of the Western Mind” ist ein brillanter Lauf durch die christliche Geschichte, in dem deutlich wird, wie sehr selbst die säkulare Kultur im Westen von christlichen Annahmen geprägt ist.  (Das letzte Kapitel ist ziemlich seltsam, aber der Rest des Buches ist ausgezeichnet.)

Die politische Spannungen in Deutschland sind anders als diejenigen in Großbritannien, aber die hinterlegenden Fragen über Links/Rechts weisen einige Ähnlichkeiten auf. Die Herausforderungen, vor denen jedes Land in Bezug auf Stabilität und den Machtwechsel zu einer neuen Generation steht, sind klar. Das Buch von Tom Holland fordert uns implizit und explizit dazu auf, unsere gemeinsamen Wurzeln wieder zu entdecken, uns den aktuellen Umwälzungen dieser Wurzeln zu stellen und die Zukunft mit Mut, Entschlossenheit und Weitblick zu gestalten. In Großbritannien und Deutschland stehen wir vor Identitätsfragen: wer sind wir und woher stammen wir. Die Antworten sind wichtig.

Und ich habe gerade einen SMS bekommen. Boris Johnson wird am kommenden Montag noch einmal versuchen, eine Parlamentswahl anzukündigen.

Und FC Liverpool steht immer noch an der Spitze des Premier League.

Here in Hannover the talk is all about change. The conference Kirchehochzwei not only has nearly 1200 people attending today and tomorrow, but also is a feat of imaginative organisation. I seem to do a lot of stuff in Germany, but this one has been hugely challenging, stimulating and educative.

The great thing about being out of one's own culture is that you get to look through the lens of another – and then look differently at your own. Perspective changes and new insights are gained – a bit like changing the camera angle or lighting on a film or stage set.

The conference is aimed at opening up German Christians' thinking about how to address necessary change in how the church shapes itself in a changing world. Learning from some of the Fresh Expressions experiences in England, they now want to work out what this might look like in a German context that is simultaneously both similar and very different. Yesterday I saw three superb presentations about initiatives in Austria, Aachen and Erfurt: two of these were Roman Catholic. And that into to the really interesting thing about the nature of the conference itself: it is put on by both the Evangelical (Protestant) and Roman Catholic Churches in Niedersachsen, sponsored by both the bishops.

What is interesting about this is that the ecumenical nature of the event both raises and lowers the guard as critical questions are asked from every possible direction in the exploration of how the 'church' is to change and what changes are legitimate. In my various inputs I have been stressing the importance of 'order' in new forms of church – a bit like the clarity and creativity made possible by painting white lines on a tennis court, without which no game is possible, no creative play is feasible and all you can do is bang a ball around.

Plenary sessions this morning gave way this afternoon to workshops and seminars – hundreds of them. It is amazing to watch it happen. I had been asked to attend a theological workshop on so-called 'liquid church' at which Thomas Söding, a Roman Catholic academic New Testament scholar, presented a brilliant paper in which he took three images from the New Testament of crises in boats. The opening paragraph of his notes (my quick translation) says:

The New Testament is not a model kit for the ship that is the church; rather, it is a log book that establishes the story of its early journeys, a fuel station which fills and empowers it, and a GPS satnav by which it can navigate.

The concluding observations in his notes state:

[This conference] is St Peter's little ship on a great journey. Without a general overhaul and a new crew it will go down like the Titanic. But which renovations are needed and which crew selection is the right one, if the ship is not to sail under the wrong flag and is safely to reach its destination with its freight intact, is the master question.

Not a bad question to pose at the end of the week in which Pope Benedict announced his retirement. And the has been a lot of questioning here about what might happen next in the Roman Catholic Church under a new Pope.

Following questions and discussion from the audience, I was asked to make a few observations on the question of how to change the church in ways that are creative, yet consistent with the New Testament. In reply I noted how one contributor yesterday had said of his 'fresh expression of church' in Aachen, “For me it is an experiment,” and added that in my view “the church itself is an experiment”. Picking up on Tom Wright's notion of biblical history as a five-act play in which we are still writing he fifth act, I suggested that however creatively and innovatively we develop the plot, it must always be consistent with what has gone on in the first four acts. Furthermore (and clearly mixing my metaphors here), although we might find ourselves responsible for steering a new and uncharted course in today's sea, we must not lose sight of what it actually means to be a 'ship' in the first place.

There was loads more. It was interesting later to listen to a moderated conversation between the Protestant Bishop Ralf Meister and his Roman Catholic counterpart Norbert Trelle. They didn't duck any questions either – including the 'challenge' to both churches of how to 'celebrate' in Wittenberg in 2017, the 500th anniversary of the start of the Reformation.

In all this we have witnessed people changing the guards that protect them from discomfort or challenge. It is a very good thing.

Anyway, that's enough. I am giving the final address in the final plenary session tomorrow afternoon. I have been asked to inspire and encourage the thousand people there. No pressure there, then.

Then I go for dinner with friends before preaching (this time in English, fortunately) at an international service in Hannover on Sunday before catching a flight back to Bradford via Amsterdam.

 

Ehrenamtlichentag, Hannover, 4 September 2010

Ehrenamt und Jüngerschaft aus englischer Sicht – von Zebedäus oder Jakobus lernen?

Ich freue mich sehr, wieder einmal hier in Hannover zu sein. Einige meiner besten deutschen Freunde wohnen hier und ich komme gelegentlich und sehr gerne her. Ich bin der englische (anglikanische) Co-Vorsitzende der Meissen Kommission, deren Auftrag ist, die Beziehungen zwischen der EKD und der Kirche von England immer weiter zu entwickeln. Und ich freue mich über jede Gelegenheit, nach Deutschland zu kommen und von der Erfarhrung der Kirche in Deutschland zu lernen. Letzte Woche war ich mit meiner Frau in Berlin, wo ich im Berliner Dom die Predigt gehalten habe; heute bin ich in Hannover; Mitte September werde ich mit der Meissen Kommission in Wittenberg – Geburtsort der Protestantischen Reformation – sein … genau zu der Zeit, wenn der Papst in London ist. Schade! Ich hoffe, sie machen keinen Unsinn zu Hause, solange ich weg bin…

Also, heute Morgen möchte ich aus einer englischen Sicht und von einer englischen bzw anglikanischen Perspektive über den Auftrag der Kirche sprechen. Ich werde versuchen, zu zeigen, wie die Kirche heute lebt und funktioniert unter den realen Bedingungen unserer Zeit, die Ihnen und mir vertraut sind. Zuerst aber müssen wir anerkennen, dass es nicht immer sehr hilfreich oder einfach ist, die Form oder die Lage der Kirche zu verallgemeinern. Denn jede Kirche unterscheidet sich auf bestimmte Weise von den anderen und ihr Leben hängt von ihrem Standort, ihrem kulturellen und gesellschaftlichen Kontext, der Persönlichkeit und Leidenschaft des Pfarrers und dem Engagement der Gemeindemitglieder ab. Außerdem wird das Leben einer bestimmten Kirche auch von der theologischen ‚Farbe‘ und Geschichte (das heißt, von der Tradition) der jeweiligen christlichen Gemeinde geprägt.

Nun, ich weiß, dass die Erfahrung der Kirche von England sich von der Erfahrung der Kirchen der EKD unterscheidet. Ich werde versuchen, diese Tatsache in Betracht zu ziehen und hoffe, dass sich meine Gedanken zu diesem Thema auch in einem deutschen Kontext verstehen lassen.

Den Begriff ‚Ehrenamtlichentag‘ kennen wir auch in England. Einige anglikanische Diözesen haben in den letzten zwanzig Jahren solche Tage für Laien eingeführt, weil die Bischöfe den Ehrenamtlichen für ihre Verpflichtung danken und in ihrer christlichen Nachfolgeschaft ermutigen wollen. Und das ist hier die Hauptsache: Die Ehrenamtlichen als Nachfolger Jesu zu ermutigen und nicht als Bewahrer einer geistlichen Institution oder Pfleger eines kirchlichen Museums. Ich werde nachher diese Auffassung weiter erklären, aber zuerst möchte ich die englische Situation beschreiben, dann uns einige einfache Fragen stellen und danach eine kurze Geschichte erzählen.

In England muss die Kirche so genannte „Fresh Expressions“ oder „neue Formen“ von Kirche erforschen. Die Kirche sucht nach neuen Impulsen für die Evangelisation in einem Land, wo es nicht mehr so einfach ist, Christ zu sein.

Wir stehen unter finanziellem Druck und das bedeutet, dass auch die Finanzierung unserer Gemeindedienste und unserer Missionsarbeit eine große Herausforderung darstellt. In England gibt es keine Kirchensteuer. Die Diözesen der Kirche von England (insgesamt 44) haben verschiedene Methoden entwickelt, um zu errechnen, wie viel Geld jede Gemeinde an die Diözese geben kann. Das heißt, eine Gemeinde mit 600 Gemeindegliedern bezahlt zum Beispiel £250,000 pro Jahr an die Diözese, und bekommt dafür nur einen Pastor (der jährlich £48,000 an Gehalt, Unterkunft, Altersvorsorge, Fortbildung und so weiter kostet). Eine benachbarte Gemeinde, die vielleicht nur 75 Gemeindemitglieder hat, bezahlt jährlich nur £10,000, bekommt aber auch einen Pastor. Auf diese Weise schaffen wir es, dass auch in den Landstrichen Pastoren beschäftigt sind, die sich das allein vielleicht nicht leisten könnten. Wohlgemerkt: Alles, was die Kirche an Geld bekommt, muss jede Woche und jeden Monat von den Menschen aufgebracht werden.

Das bedeutet, dass die meisten Aktivitäten, Dienste und „Jobs“ in den Gemeinden von Ehrenamtlichen geleistet werden und nicht von bezahlten Angestellten. Das bedeutet auch, dass diese Ehrenamtlichen sich nicht nur einem Gebäude oder der Institution verpflichtet fühlen dürfen, sondern wirklich überzeugt sein müssen vom Auftrag der Kirche und ihrem Dienst als Jünger Jesu Christi. Diese Erkenntnis setzt sich allmählich im ganzen Land durch, stellt aber auch eine Herausforderung dar. Jüngerschaft ist teuer – häufig ist sie ein kostspieliges Opfer. Und Menschen sind nicht bereit, ihre Zeit, ihr Geld oder sich selbst für eine Sache zu opfern, der sie nur mit halbem Herzen angehören.

Eine interessante Frage für jede Kirche lautet: Würde deine Gesellschaft einen Unterschied bemerken, wenn eines Nachts deine Kirchengebäude verschwinden würden? Oder wenn die Kirchenmitglieder eines Tages aufhörten, Gott jede Woche in der Kirche anzubeten und ständig der örtlichen Gemeinschaft zu dienen? Gäbe es wirklich einen praktischen und bemerkbaren Unterschied, wenn die Gemeinde einfach aufhörte, zu existieren? Diese Fragen sind gute Fragen, weil wir es als selbstverständlich betrachten, dass die Kirche immer da ist und die Gemeinde ein zielgerichtetes und nützliches Leben führt.

Ich kann nicht für die deutsche Kirche antworten, aber ich kann mit großer Zuversicht sagen, dass wenn du eine meiner Pfarrkirchen in Süd-London wegnehmen würdest, es dann keinen Ort mehr in der Gemeinschaft gäbe, wo alle Menschen sich unter einem Dach begegnen könnten; keinen Platz für einen gemeinsamen Gottesdienst (außer in Privathäusern); keinen Platz, wo sich junge Eltern und ihre Kinder treffen mögen; keinen Platz, wo sich ältere Menschen miteinander zum Essen treffen könnten; und wenig sichtbare christliche Präsenz.

Wenn das Verschwinden der Kirche wenig oder gar keinen Unterschied für die Gesellschaft machen würde, dann sollten wir sofort die Kirchen schließen und aufhören, unsere Zeit und unser Geld für einen kleinen privaten Spiritualitätsverein zu verschwenden.

Also, jetzt lass mich euch mit einer kurzen Geschichte ermutigen!

Drei Männer wanderten in den Bergen. Sie kämpften sich ihren Weg durch die Bäume und versuchten, ihre Hütte vor dem Einbruch der Nacht zu erreichen. Plötzlich stießen sie auf einen reißenden Fluss. Das Wasser lief den Berg hinunter und die Männer hatten keine Ahnung, wie sie den Fluß überqueren sollten. Aber es gab keine Alternative – sie mussten unbedingt diesen Fluss überqueren, aber sie wussten nicht wie.

Der erste Mann betete: „Gott, gib mir bitte die Kraft, um diesen Fluss zu überqueren.“ Pouff! Plötzlich wurden seine Arme größer; seine Brust erweiterte sich und seine Beine wurden stärker. Dann warf er sich in den Fluss hinein und schwamm auf das gegenüberliegende Ufer. Er brauchte zwei Stunden. Ein paar Mal ist er untergegangen und wäre fast ertrunken. Aber, endlich, ist es ihm gelungen, das Ufer zu erreichen, und er schleppte sich total erschöpft an Land.

Der zweite Mann beobachtete den ersten Mann und er betete: „Gott, gib mir bitte die Kraft und die Mittel, um diesen Fluss zu überqueren.“ Pouff! Plötzlich wurden seine Arme größer; seine Brust erweiterte sich und seine Beine wurden stärker; und ein Kanu tauchte vor ihm auf. Er paddelte eine lange Stunde durch das Wasser und schließlich, total erschöpft und nachdem er zweimal gekentert war, schleppte er sich aus dem Wasser und auf das gegenüberliegende Ufer.

Der dritte Mann hatte die zwei Freunde beobachtet und er betete: „Gott, gib mir bitte die Kraft, die Mittel… und die Intelligenz, um diesen Fluss zu überqueren.“ Pouff! Plötlich verwandelte ihn Gott in eine Frau! Er schaute in seine Handtasche, holte eine Karte heraus, ging hundert Meter das Ufer entlang, und überquerte die Brücke.

Heutzutage müssen wir neue Sicht- und Denkweisen im Blick auf die Kirche suchen, damit wir nicht die Realitäten, die Gelegenheiten und die Herausforderungen verpassen, vor denen wir stehen.

Also, wie können wir Christen uns gegenseitig für das Leben in der Kirche ermutigen? Ich glaube, dass wir jetzt über die Theologie nachdenken müssen – darüber, was wir als ‚offensichtliche Theologie‘ bezeichnen können. Und dies können wir durch einige Fragen tun, nämlich: Wer ist die Kirche, wofür ist die Kirche und für wen existiert die Kirche eigentlich?

Als Anfang einer Antwort auf diese Fragen möchte ich versuchen, die ganze Bibel in einer Minute zu erzählen. Ich muss allerdings zugeben, dass bei einem solchen Versuch ein paar Details weggelassen werden müssen. Aber wenn du dieser Erzählung folgst und diese Geschichte verstehst, dann verstehst du im Wesentlichen die ganze Bibel. (Diese Zusammenfassung ist auch in meinem Buch In höchsten Tönen zu finden.)

Am Anfang hat Gott alles erschaffen, was es gibt und er fand, dass seine Schöpfung wunderschön war – auch wenn alles durch Menschen schiefgegangen ist. Er rief ein bestimmtes Volk, um den verschiedenen Völkern der Erde zu zeigen, wer er ist und was ihn (seinen Charakter) ausmacht. Dieses Volk betrachtete seine ‚Auserwähltheit‘ als ein Privileg (‚Wir sind auserwählt worden, und deswegen müssen wir was Besonderes sein und die Welt sollte unsere Besonderheit anerkennen‘) statt die Verantwortung zu erkennen, das eigene Leben dafür zu geben, damit die Welt sehen kann, wie Gott ist. Die Propheten erschienen und warnten die Menschen des Volkes, dass sie alles verlieren würden, was ihre Geschichte, Identität und Berufung ausmachte, wenn sie ihre ursprüngliche Berufung, nämlich der Welt die Erkenntnis zu ermöglichen, wie Gott ist, nicht wieder entdeckten. Tatsächlich ist genau das eingetroffen, und das Volk wurde zwei Mal ins Exil verbannt – im achten und im sechsten Jahrhundert vor Christi. Jesus erfüllte durch seine Person das, was immer die Berufung Israels gewesen war, und gab sein Leben, damit die Welt erfahren konnte, was Gott ausmacht. Dann forderte er das Volk, das seinen Namen trägt, auf, in seiner Welt das auszuleben, was in ihm erfüllt worden war – was schon immer die Berufung seines Volkes gewesen war: der Welt zu zeigen, wer er ist und was ihn ausmacht.

Die Logik der biblischen Geschichte zeigt uns, dass Gott sein Volk dazu beruft, sein Leib in der konkreten Welt (von Fleisch und Blut) zu sein, und so zu leben, dass die Menschen, die mit der christlichen Gemeinde in Kontakt kommen, etwas von dem Christus erfahren, von dem wir in den Evangelien lesen. Das bedeutet, daß sie in ihrem Kontakt (oder ihrer Berührung) mit der Kirche etwas von einer Berührung mit Jesus selbst erleben. Die Stimme, das Hören und die Berührung der Kirche muss eigentlich der Stimme, dem Hören und der Berührung von Jesus ähneln.

Aber wir können es auch anders ausdrücken. Wenn wir ein Buch lesen, lesen wir immer mit einer bestimmten Perspektive, manchmal ganz unbewusst – eine unausgesprochene Frage, zum Beispiel. Denk, zum Beispiel, an einen Krimi: Wenn du ihn liest, wirst du dich ständig fragen, ‚Wer hat es getan?‘ Das gleiche gilt auch bei der Bibel. Aber wenn wir die Bibel lesen, heißt die verborgene Frage: ‚Wie sieht Gott aus?‘ Die Antwort, die wir in der Bibel finden, lautet: ‚Gott sieht wie Jesus aus‘. Aber diese Antwort wirft dann noch eine andere Frage auf: ‚Wie sieht Jesus aus?‘ Und die Antwort? ‚Lies in den Evangelien – wie Jesus dort dargestellt wird – und schau uns an – die Kirche … die Gemeinschaft von Menschen, die seinen Namen tragen und die einen Anspruch auf Jesus Christus erheben … seinen Leib.‘

Wenn die Kirche dem in den Evangelien dargestellten Jesus Christus nicht ähnelt oder ihn spiegelt, dann begeht sie einen Betrug an unserer Gesellschaft und wir lassen uns durch eine Phantasie täuschen. Die Kirche existiert nicht, um eine Art ‚Ablenkungstherapie‘ vom wirklichen Leben – der Realität – anzubieten, sondern so auszusehen, so zu klingen und so zu fühlen, wie Jesus selbst. Die Prioritäten der Kirche sollten die Prioritäten von Jesus sein. Unsere Gesellschaft – unsere Nachbarn – sollten in uns und durch uns das Leben Jesu spüren.

Das heißt, die Kirche soll nichts anderes tun, als weiterhin der Leib Christi zu sein und das Evangelium weiterzusagen und damit zu erfüllen, was Jesus in Markus 1,14–15 schon getan hat, nämlich: die Menschen einzuladen, Gott zu sehen und Gott anders zu sehen – und sie dann einer Gemeinschaft von Menschen vorzustellen, die bereits gewagt haben, dies von sich aus zu tun, und die nun verpflichtet sind, es anderen zu ermöglichen, zu sehen, wie Gott ist und an wessen Seite man ihn finden kann. Anders gesagt: Die Aufgabe der christlichen Kirche ist es, eine Gemeinschaft zu sein, in der sich die Barmherzigkeit und Gnade, die versöhnende und heilende Liebe Gottes finden lässt. Und das sollten die Leute durch die Kirche erleben.

Doch manche werden sagen, dass die Kirche offensichtlich irgendwann von der richtigen Spur abgekommen ist, denn die christliche Gemeinschaft wird nicht immer als ein Ort der Barmherzigkeit erlebt, an dem Gott gefunden und gespiegelt wird. Nun ja, ich bin der erste, der die Hand hebt und ‚mea culpa‘ ruft.

Wie einmal jemand gesagt hat, scheint die Kirche häufig eher an die schlechten Nachrichten zu erinnern, als Gottes gute Nachricht in Christi Gestalt zu verkünden. Auch das ist zweifellos wahr. Doch wie bei so vielen Institutionen von heute ist die Darstellung der Kirche, ganz besonders in den britischen Medien, im Allgemeinen negativ und extrem selektiv, während die Erfahrungen auf der lokalen Ebene positiver verlaufen. Auch wenn das nicht unbedingt auf andere Länder zutreffen muss, möchte ich es aus der britischen Perspektive erläutern.

Die Kirche von England ist territorial organisiert. Das heißt, sie ist flächendeckend in ganz England vertreten, und jeder, der irgendwo in England wohnt, lebt in einer anglikanischen Gemeinde. Ein Gemeindepfarrer ist nicht nur der Kapitän seines Kirchenschiffs, sondern auch der Pfarrer aller Menschen, die in seiner Gemeinde wohnen oder arbeiten. Das bringt nicht nur gesetzliche Verantwortung und eine generelle Verfügbarkeit für alle, die dort leben, mit sich, sondern auch eine unvermeidliche Verpflichtung für das Wohlbefinden der ganzen Gemeinde, und verleiht darüber hinaus dem gesamten geistlichen Amt eine missionarische Perspektive – was bedeutet, auf diejenigen in der Gemeinde zuzugehen, die Gottes ‚frohe Botschaft‘ bislang weder gehört noch erfahren haben.

Ein Bischof in der Kirche von England zu sein bringt das große Privileg mit sich, die Wirklichkeit des Alltags in und durch unsere Gemeinden und das erstaunliche Engagement der Geistlichen und Laien für ihr Amt und ihre Gemeindearbeit zu sehen. Viele Kirchen stehen im Herzen ihrer Gemeinde und bieten nicht nur ‚spirituelle‘ Nahrung und Gottesdienste, sondern auch Einrichtungen für alle möglichen Menschen in allen möglichen Lebenslagen und –phasen an. Kirchliche Gruppen für Asylbewerber, Kinder, Jugendliche, Flüchtlinge, junge Eltern, ältere Menschen usw. finden sich überall im ganzen Land. Wenn die Medien Schlechtes über die Kirche berichten – was gewöhnlich eher auf einem Vorurteil als auf der Wahrheit beruht –, wird dieses massive örtliche Engagement für das Wohlbefinden anderer ignoriert. Millionen von Stunden ehrenamtlicher Arbeit werden jede Woche in unseren Kirchengemeinden geleistet, und die Grundlage für dieses Engagement ist ganz einfach das: Wenn Gottes Barmherzigkeit empfangen worden ist, dann muss sie weitergereicht werden.

Nun, das soll die schlechten Beispiele, bei denen Kirchen Fehler gemacht haben und ‚an die schlechten Nachrichten erinnern‘, nicht entschuldigen. Es gibt immer Beispiele von Christen, die in einer Weise reden und handeln, die Jesus’ Prioritäten, wie wir sie in den Evangelien finden, nicht widerspiegelt. Man muß nicht allzu fest an der Oberfläche kratzen, um Unbeständigkeiten, Widersprüche, Schwächen und Fehler bei Christen wie mir oder in unseren Kirchen zu finden. Doch das sollte nicht überraschen. Schließlich erhebt die Kirche nicht den Anspruch, der Standort absolut beständigen Verhaltens und vollkommener Verwaltung der ‚Wahrheit‘ zu sein. Auch wir sind nur Menschen, immer noch am Lernen, unser Verständnis ist immer noch unvollständig, und wir schaffen es immer noch, es tausend Mal falsch zu machen. Aber die ‚Linse‘, unsere Wahrnehmung wird immer noch neu geformt, und unsere Reise mit Jesus und seinen Freunden geht weiter.

Und hier muss ich endlich etwas über Jakobus und Johannes – die sogenannten ‚Donnersöhne‘ (Markus 3:17) – sagen. Ich bin mit den Geschichten aufgewachsen, in denen die einzigen echten Jünger von Jesus diejenigen waren, die alles verließen, um Jesus nachzufolgen. Petrus, Jakobus, Andreas, Johannes, und die anderen, deren Namen wir gut kennen. Als ich elf Jahre alt war, gab es nicht viel zu verlassen! Aber ich wollte so sein, wie Petrus, Andreas, Jakobus, Johannes, Paulus. Diese Männer waren die Riesenjünger – die Helden des Glaubens. Ich wollte ihnen unbedingt ähnlich sein. Sie waren immer das Modell von christlicher Jüngerschaft. Und deshalb habe ich mich immer als Versager gefühlt – eine Katastrophe als Christ und als Mensch. Aber später habe ich angefangen, diese Auffassung in Frage zu stellen.

Erstens begann ich langsam zu begreifen, dass dieses Bild irgendwie falsch war – die Jünger waren normale Menschen genau so wie du und ich. Jesus begegnete ihnen, wo sie waren (normalerweise am Arbeitsplatz am Rande der See) und forderte sie auf, mit ihm zu gehen … ohne ihnen zu sagen, wohin sie gingen oder wer die anderen Mitreisenden sein würden. Dann verbrachteten sie zwei bis drei Jahren mit ihm und wurden durch die Erfahrung verändert. Aber auch nach der Auferstehung und Himmelfahrt von Jesus – auch nach Pfingsten selbst – stellen wir fest, dass diese Helden des Glaubens immer noch schwach, inkonsequent und theologisch irregeleitet waren. Petrus bleibt Petrus, Jakobus bleibt Jakobus, Paulus bleibt Paulus. Das ist ja sehr ermutigend. Es gibt ein Lied auf Englisch, wo es heißt: „Take my talents, take my skills, take what’s yet to be; Let my life be yours, and yet, let it still be me.“ Auf Deutsch: „Nimm meine Talente, nimm meine Fähigkeiten, nimm, was noch sein wird. Lass mein Leben deins sein, und doch, lass es weiter mich sein.“ Das war bestimmt die Erfahrung der ersten Jünger.

Zweitens, vor einigen Jahren schrieb ich ein Buch über das Markusevangelium (es heißt Marking Time) und dabei habe ich mich nach vielen Jahren der Vertrautheit mit dem Text neu und ganz frisch damit beschäftigt. Ich war sofort von einem Detail im ersten Kapitel überrascht. Warum hatte ich diese Tatsache nie vorher bemerkt? Jesus lädt die zwei Brüder – Jakobus und Johannes – ein, mit ihm zu gehen. „Er sah Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, wie sie im Boot die Netze flickten. Und alsbald rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus im Boot mit den Tagelöhnern und folgten ihm nach.“

Aber nach den kulturellen Gewohnheiten und Regeln dieser Gesellschaft war es unmöglich, dass diese zwei Brüder einfach ihren Vater verlassen konnten, ohne dass der Vater seine Erlaubnis gegeben hatte. Und wie würde Zebedäus seinen Fischereibetrieb weiterleiten, wenn diese zwei Männer nicht mehr für ihn arbeiteten? Wahrscheinlich musste Zebedäus andere Tagelöhner beschäftigen – und bestimmt dafür bezahlen. Mit anderen Worten können wir sagen, dass Zebedäus die alltäglichen Geschäfte des normalen Lebens weiterführte, damit die zwei Donnersöhne die Heldenjünger – die Glaubensstars – von Jesus werden durften.

Es scheint mir klar, dass die meisten gewöhnlichen Christen mehr wie Zebedäus als wie Jakobus und Johannes sind. Das heißt, Zebedäus bietet uns ein besseres Vorbild der Jüngerschaft als seine Söhne, Jakobus und Johannes. Die meisten von uns können nicht einfach unser bisheriges Leben hinter uns lassen und einfach auf eine dreijährige Nachfolgereise gehen. Deshalb ist Zebedäus mein Glaubensheld! Und in England gibt es viele Christen wie Zebedäus,  die regelmäßig einen finanziellen Beitrag für die Kirche leisten und damit mir ermöglichen, als Bischof zu arbeiten und meine Berufung von Gott und der Kirche zu erfüllen. Die Jüngerschaft dieser normalen Christen – dieser Zebedäus – sollte in höchstem Maße anerkannt und geachtet werden.

Trotzdem aber können wir auch etwas über die ‚unnormalen‘, die außergewöhnlichen Jünger sagen und von ihnen lernen.

Eines der bemerkenswerten Dinge an den Evangelien ist die Art, wie sie Jesus’ Jünger beschreiben. Es waren ganz gewöhnliche Leute. Während sie mit Jesus reisten, stellten sie fest, dass sie anfingen, einen Blick auf Gottes Gegenwart unter ihnen zu erhaschen, wie Jesus es angedeutet hatte. Die Veränderung der theologischen Weltanschauung war radikal und brauchte Zeit. Doch Jesus verachtete seine Freunde nie wegen ihrer beschränkten Wahrnehmung, ihrer moralischen Verfehlungen oder ihres aufgeblähten Selbstverständnisses.

Stattdessen gab er ihnen den Raum und die Zeit, zu schauen und zu beobachten und zu sehen und zu berühren und zu denken und ihre Dummheiten auszusprechen – alles, ohne aus der Gruppe ausgestoßen zu werden. Ihre internen Streitigkeiten und Machtkämpfe wurden zwar angesprochen, wenn sie entbrannten, doch Jesus schien es nicht eilig zu haben, sofort Vollkommenheit von ihnen zu verlangen.

Die Kirche muß wenigstens eine Gemeinde – auch ein Ort – werden, an dem Menschen feststellen, dass sie der Verurteilung durch die Welt ‚da draußen‘ entrinnen können, die so unerbittlich ist und Spaß daran hat, Menschen in ihrem früheren Ruf gefangen zu halten. Kirche muss ein Ort sein, an dem sie neu anfangen können. Dies ist eine Gemeinschaft der Barmherzigkeit und Großzügigkeit, in der Konformität keine Bedingung für Zugehörigkeit ist, und in der nicht schon vor Beginn der ‚Reise‘ Vollkommenheit verlangt wird. In diesem Sinne geht es bei der christlichen Jüngerschaft darum, Jesus zu begegnen, Jesus nachzuahmen, Vergebung und Verzeihung zu lernen und danach die Unvollkommenheiten unserer Mitjünger zu tolerieren, während wir gemeinsam versuchen, das Gesicht und die Berührung und die Stimme des Jesus, von dem wir in den Evangelien gelesen haben, zu spiegeln.

Vor zwanzig Jahren hielt ich einige Vorträge in Österreich bei einer Kirchenkonferenz in Bad Goisern. Der erste Vortrag war einfach furchtbar – auch damals konnte ich nur schlecht Deutsch reden. Es wurde mir schnell klar, dass die Zuhörer nicht alles verstanden hatten und dass sie schnell gelangweilt waren. Vor dem zweiten Vortrag – über die Kirche als Leib Christi – bat ich um ein großes Blatt Papier und dazu einige farbige Stifte.

Ich bin kein Picasso, kein Monet. Einmal, als unsere Kinder noch jung und wir in Urlaub waren, habe ich versucht, einen Apfel zu zeichnen. Meine Frau hat mich später gefragt, warum ich eine Banane gezeichnet hatte. Also, die Konferenzteilnehmer in Österreich sollten mir helfen, einen Körper zu entwerfen. ‚Kopf‘ hat jemand gesagt – und ich malte einen Kreis auf das Papier. ‚Ohren‘ hat eine Frau vorgeschlagen, und ich zeichnete noch zwei Kreise an den Kopf. Und so weiter: ‚Augen‘, ‚Mund‘, ‚Zunge‘, ‚Nieren‘, ‚Ellenbogen‘, ‚Knie‘, ‚Herz‘, ‚Leber‘… Dann fanden die drei Ärzte, die dabei waren, Spaß an der Sache. ‚Gallenblase‘… ‚Hirnanhangdrüse‘… Schrecklich. Ich bin auch kein Arzt. Nach einer halben Stunde hatten wir es geschafft, ein sehr komisches, seltsam geformtes Bild zu zeichnen – ein Mensch wie Picasso ihn sich vorstellen würde, vielleicht!

Dann fragte ich: Wie funktioniert jeder Körperteil? Zum Beispiel, die Augen schauen hinaus, aber sie weinen auch; die Ohren hören, aber sie sammeln auch Ohrenschmalz; die Knie beugen sich, aber sie absorbieren auch Stöße und verteidigen den Körper dadurch. Und so weiter.

Dann habe ich gefragt: Was soll diese Zeichnung über die Natur der Kirche sagen? Paulus sagt, wir sind der Leib Christi in der Welt; so sollten wir uns wie ein Leib benehmen. Nach diesem Gedanken folgt die Frage, wer in der Kirche ist die Stimme, die Ohren, das Herz, die Augen, die Knie – oder das harte Stück Haut an der Unterseite des Fußes, das nicht attraktiv ist, aber das wichtig für die Stabilität und das Gehen des Körpers ist? Welche Rolle spielt jedes Mitglied der christlichen Gemeinde?

Wir können einige Gedanken über die Kirche zusammenfassen:

  1. Jeder Christ und jede Christin hat einen bestimmten Platz und spielt eine bestimmte Rolle im Leben der Kirche, die dazu berufen ist, der Welt vor Ort im Namen Jesu Christi zu dienen. Diese Rolle geht über die regelmäßigen wöchentlichen Gottesdienste hinaus. Innerhalb der anbetenden Gemeinde wird es sicher Menschen geben, deren Gabe es ist, als Ohren oder Augen oder Hände oder Füße der Gemeinde zu dienen.

Innerhalb der Gemeinde wird es Menschen geben, deren Gabe es ist, die Augen der Kirche zu sein – sie schauen sich um und nehmen wahr, was anderen Menschen fehlt, sie entdecken die Neuankömmlinge, sehen, wo Hindernisse des Glaubens stecken und so weiter. Es wird solche geben, deren Gabe es ist, die Ohren der Kirche zu sein – sie hören durch die Ohren derjenigen, die nicht zur Kirche gehören und erfahren, wie die Kirche für Außenstehende klingt; sie hören auf die täglichen Erfahrungen der Menschen, die sich freuen und jauchzen oder auch leiden… und verstehen die Gegebenheiten des wirklichen Lebens. Es wird solche geben, die die Hände der Kirche sind – sie berühren die, die Heilung brauchen, halten die, die fallen, streicheln die, die Liebe brauchen, fordern die heraus, die Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit lieben.

  1. Ehrenamt in der Kirche ist nicht einfach ein freiwilliger Dienst wie in jeder anderen Institution auch. Das gesunde Wachstum und die starke Entwicklung des Leibes Christi – der Kirche – verlangen die Gaben und Talente der Christen, die nicht nur von dem Wunsch nach Instandhaltung einer Institution, sondern von der Liebe und Gnade Gottes durch Jesus Christus getrieben werden. Ehrenamtliche sind zuerst Jünger.
  2. Die Kirche wird nie eine völlig bequeme Gemeinde sein. Warum? Weil sie aus unvollkommenen Menschen wie du und ich besteht. Wir haben unterschiedliche      Persönlichkeiten, Gaben, Wunden, Prioritäten. Aber wir müssen lernen, dass – wie Paulus schreibt – wir einen anderen nicht nur deswegen kritisieren dürfen, weil er eine Nase und nicht ein Auge oder der Nabel ist. Es ist wichtig zu bemerken, dass Jesus Petrus oder Jakobus bei der Wahl der ersten Jünger kein Widerspruchsrecht gab. Jesus ruft, wir folgen nach … miteinander zusammen. Tatsächlich könnten wir sagen, dass ein authentisches christliches Zeugnis nicht darin besteht, dass Christen immer einer Meinung sind, sondern dass sie trotz der Unterschiede mit Jesus und seinen Jüngern auf die Reise gehen.

Die Kirche von England hat gar keine Wahl: Sie muss das sehr ernst nehmen. Ich habe vorhin etwas zu unserer Situation gesagt. Und ich sage es noch einmal: Jüngerschaft ist teuer – häufig ist sie ein kostspieliges Opfer. Und Menschen sind nicht bereit, ihre Zeit, ihr Geld oder sich selbst für eine Sache zu opfern, der sie nur mit halbem Herzen angehören.

Hier werden wir das Leben der Kirche finden – hier, wo es Menschen gibt, die zuerst Jünger von Jesus sind; Menschen, die sich bewußt von Jesus haben rufen lassen; Menschen, die am Auftrag der Kirche in der Welt beteiligt sind; Menschen, die bewußt den Leib Jesu Christi wachsen lassen und dazu beitragen, die Kirche aufzubauen, die Gaben der Christen zu identifizieren und zu entwickeln, und neue Christen zur Neugeburt zu bringen.

Am Donnerstag bin ich von London nach Hannover gekommen. Nach dem Einchecken im Hotel habe ich mit einer Freundin die Expowalkirche besucht. Das, was wir dort gehört und gesehen haben, war hochinteressant und sehr ermutigend. Hier ist eine Gemeinde mit einem besonderen Auftrag und einer klaren Vision. Sie wird von ehrenamtlichen Mitarbeitern geführt und der Leiter des Projektes hat uns erklärt, warum jeder Mitarbeiter davon überzeugt sein muss, dieser Vision (und nicht einer anderen) zu folgen und diesen Auftrag zu erfüllen. Die ist ganz bewusst nicht eine Gemeinde wie andere Gemeinden, sondern eine bestimmte Art von Gemeinde, die sich zu einem bestimmten Auftrag berufen fühlt. Aber andere Gemeinden können von diesem Beispiel lernen, weil – so scheint mir – die Menschen im Expowal wirklich gelernt haben, was ehrenamtliche Christen motiviert.

Im Mai dieses Jahres war ich beim Ökumenischen Kirchentag in München. Ich war bei einer Veranstaltung dabei, wo zwei ältere Herren miteinander über die Kirche sprachen. Hans Küng und Jürgen Moltmann waren diese Herren. Sie waren typisch Deutsch: sie sprachen ehrlich, klar und genau und drückten sich mit furchtloser Verständlichkeit vor dreitausend Zuhörern aus. Sie beschäftigten sich mit fünf Fragen:

  1. Wer sind die Laien?
  2. Wer sind die Priester und Pfarrer?
  3. Wer ist die Kirche?
  4. Was ist Ökumene und wo steht sie heute?
  5. Was bedeutet es, Gemeinschaft im Namen Jesus Christi zu sein?

Das Gespräch war faszinierend und wunderbar. Die beiden Theologen wünschten sich, dass die Kirche sich mit den wirklichen Herausforderungen der heutigen Welt auseinandersetzen würde. Professor Küng forderte eine neue Reformation in der römisch-katholischen Kirche – eine Reformation, die die Kirchen einigen, und nicht weiter spalten würde. Professor Moltmann machte klar, dass der Kirchentag eine Laienkonferenz sei, wo die Bischöfe der Stimme der Laien anhören sollten. Das habe ich klar gehört!

Moltmann, der zu einem kleinen von Laien geführten Hauskreis in seiner Kirche in Tübingen gehört, glaubt, dass die Zukunft der Kirchen dort liegt, wo Christen die Verantwortung für ihren eigenen Glauben und ihre Glaubensentwicklung übernehmen, und sich die Kirchenmitglieder in kleineren Hausgruppen organisieren. Er sagte: ‚Christen sind nicht Kunden – hier, um die Kirche zu besuchen – sondern Mitglieder, die Verantwortung für das Leben der Kirche auf sich nehmen. Küng sagte, dass ‚eine Kirche für das Volk zu einer Kirche von dem Volk werden muss‘. Und danach sagte Moltmann, dass das Kennzeichen einer echten Kirche – egal wer oder wie der Pfarrer ist – ‚großzügige Gastfreundschaft‘ sei.

Es gibt eine Gemeinde in meiner Diözese, die vor fünf Jahren kurz vor der Schließung stand. Nur höchstens fünfzehn Menschen kamen zum Gottesdienst und die Aussicht war fast hoffnungslos. Das Gebäude war fast kaputt und sah wie geschlossen aus. Die einfachste Lösung wäre es gewesen, die Gemeinde aufzugeben. Ich lud eine junge Pfarrerin ein, dort zu arbeiten und ich sagte ihr, wenn sie nach sechs Monaten zu mir sagen würde, ‚Das geht einfach nicht – ich kann es nicht ertragen,‘ würde ich für sie eine gute Stelle finden – sie war mutig und visionär. Ich versprach ihr, dass ich sie völlig unterstützen würde. Nach zwei Jahren gingen ungefähr 70 Menschen in den Gottesdienst. Das letzte Mal, als ich da war (vor neun Monaten – ich habe 102 Gemeinden…), waren 150 Menschen aller Altersgruppen, aller Farben und Rassen, dabei. Jetzt sagt die Pfarrerin, die Gemeinde ist zu groß, weil die Menschen so komplizierte Leben in diesem Teil Süd-Londons führen. Aber die Kirche funktioniert nur deswegen, weil jeder Mensch, der zur Gemeinde gehört, auch eine Rolle im Gemeindeleben spielt. Und die Pfarrerin weiß genau, dass es überhaupt keine Kirche mehr geben würde, wenn zwei bestimmten Laien nicht den Mut gehabt hätten, für viele Jahre hartnäckig an dieser Gemeinde weiterzuarbeiten. Sie blieben und gemeinsam haben sie eine neue Gemeinde aufgebaut – aus einer hoffnungslosen Aussicht ist neues Leben entstanden. Zweimal Zebedäus in South Norwood.

Ich möchte mit einer kurzen Geschichte zum Schluss kommen, um dich zu ermutigen.

Mike Yaconelli war Jugendarbeiter in Amerika bis zu seinem frühen Tod bei einem Autounfall vor fünf Jahren. Er hat ein Buch mit dem Titel Messy Spirituality veröffentlicht – auf Deutsch heißt es: Gott liebt Chaoten. Yaconelli war auch Pfarrer einer freien Baptistengemeinde und hatte immer Angst davor, dass er nicht gut genug sei, Pfarrer zu sein. In seinem Buch beschreibt er, wie jeder andere Pastor ein gutes, ordentliches und theologisch konsequentes Leben führt. Im Vergleich mit den anderen war Mike Yaconelli eine Katastrophe. Einmal hat er gesagt: ‚Ich bin Pastor einer wachsenden Kirche – aber sie wächst immer kleiner.‘

Yaconelli erzählt einen Traum, den er nachts immer wieder hatte. In diesem Traum sitzt er in einem Zimmer mit vielen anderen Menschen. Plötzlich kommt Jesus herein. Jesus spricht eine Zeit lang mit ihnen, dann steht er auf, dreht sich um, deutet mit dem Finger auf ihn und sagt laut und klar – mit den Augen auf ihn gerichtet: ‚Komm, folge mir nach!‘ Yaconelli kann es kaum glauben: Jesus hat ihn auserwählt. Er steht auf, bereit, Jesus überall hin in der Welt zu folgen. Dann dreht sich Jesus um und sagt: ‚Er… nein… es tut mir leid… ich meinte den Kerl hinter dir.‘

Jesus macht das nie. Seid mutig – er ruft auch dich. Vielleicht bist du ein Petrus oder ein Jakobus oder ein Johannes oder ein Paulus. Vielleicht bist du ein Zebedäus. Seid mutig.

Martin Luther probably wasn’t the funniest man to be around and he is not the sort of ex-monk you’d think of as a dancer. But, maybe we have got our impressions wrong.

I was waiting for a friend by the Marktkirche, bang in the centre of Hannover, when I had a good look at the statue of Luther outside the church. From the front he looks like he is preaching. From either side he looks like he is doing Scottish country dancing. Look at the photos below:

See what I mean? Now, this got me to wondering what preaching and dancing have in common. I didn’t get very far. But I did begin to think that preaching is a waste of time if no communication is actually happening. And if communication is happening, then there is a dance of ideas, of emotion, of thinking and reflection going on – not just a statement of (what the preacher thinks are) ‘truths’.

Good preaching ought to be engaging and dialectic – just like a dance where either (a) the dancers are dependent on and relate to each other, or (b) the dancer engages the audience in a movement of ideas, emotion or thought.

After staring for a while at Luther’s statue I went with friends to the Lange Nacht der Kirchen (the Long Night of the Churches). Every church in Hannover was open – many until the early hours – and they put on a programme of amazingly lively and creative events.

We began in the Marktkirche with an amazing organ recital, a brief lecture about the 15th century reredos (the thing behind the altar) and then a dance. I dreaded this – thinking it might be a liturgical embarrassment. It turned out to be a professional male dancer who did stuff suspended from two white sheets which were themselves suspended from the high ceiling of the church. It was beautiful, arresting, moving and dead scary: I was terrified he would fall and the long night of the churches would become the long drop of the dancer.

We went from there to another church where there was a mix of hip-hop and some Japanese-influenced dancing (don’t ask – I didn’t really understand it). Then to another church where the local Bundesliga football team (Hannover 69) were involved in interviews interspersed with excellent classical guitar. Ouside there was beer and sausages. Then the evening continued with a superb band (with a great trumpeter).

This was the church opening itself to joyful and celebrating culture, being unembarrassed about the place of religion in popular culture, running a menu of creative events that were simply a gift of the churches to allcomers.

I’m a terrible dancer. But even I wanted to dance. It began with Luther by the Marktkirche and I won’t be able to see him or read him again without thinking of him in a kilt.

I was struck bythe great Sir Terry Pratchett‘s comment in today’s Guardian when speaking of the impact of Alzheimer’s on his sense of self:

I think I’m open to moments of joy… But then I think it’s also made me more… cynical.

The debilitation of such a creative and generous person as Pratchett is a tragedy equalled only by the dignity and eloquence with which he is handling it. He wouldn’t thank me for it, but I thank God for him and his huge creative output – even though I disagree with his views on assisted suicide.

However, I did also think that most of us combine joy with cynicism in one way or another. That’s how most of us experience life: bursts of joy at moments of light and the disbelieving protection against disappointment that cynicism – born of experience – shadows over us. It reminds me of Bret Easton-Ellis’s sad observation quoted in Guardian G2 on 26 July 2010:

Pain’s interesting. Depravity’s interesting. All of my books come from pain. What’s ever been interesting about joy?

Well, actually, most people would settle for joy – however uninteresting for Bret Easton-Ellis – over misery. Terry Eagleton recently mocked ‘exciting’ perceptions of evil, claiming that evil is usually banal, boring and lifeless. Joy is what fires the imagination, engenders hope and shines new light on what had previously looked ordinary.

Here in Hannover I was wondering what this might look like in a community rather than as an individual experience or an abstract concept. Unexpectedly, I caught a glimpse of an answer in a very unusual church.

My friend Silke collected me from the airport and drove me to my hotel. She then took me to visit a church on the site of the Expo 2000 on the outskirts of Hannover. This church was built to last the year of Expo and is shaped like a whale. It is known as the Expowal. Run by the Landesverein für Innere Mission, it is an exploratory community of Christians who want to offer a new way for people to encounter God. Silke and I were given a history and explanation of the ethos and vision of the church before having a look round the building itself.

Two things struck me (apart from the infectious curiosity of the guy who administers the place and engages with the businesses that rent the building when it is not being used as a church):

  1. Rather than point the congregation towards a wall in order to minimise distraction, here they look past the pastor and can see through the windows to the outside world. There are no walls, just windows. The congregation cannot hide within the safe confines of their secure ecclesiastical space because they are visible from the outside. Conversely, outsiders can look in and be curious about what is going on and why.
  2. The leaders are very focused on whom they are there for. If ‘insiders’ don’t like the music or how things are done, then that’s tough. It isn’t for them. Everything is designed to be accessible for and encouraging to those who are outside ‘normal’ church or who feel alienated by their experience of church elsewhere. Church is the means to a greater end: people encountering God in a community context.

The church’s strapline is: “Eine unglaubliche Kirche” (“An unbelievable church”). Given that 5-600 people drive out there each Sunday (two services) or on a Wednesday evening, it seems to be scratching where these people are itching. They simply want to enable people to find, in a  community with others, that God can be encountered and life enjoyed. The realities of life are faced and people of all sorts welcomed. And nothing happens without food, drink and hospitality.

I haven’t the time to translate all their stuff on the website, but it is simple, clear… and joyful. “Auftauchen ins Leben” (“Emerge into life”) is their invitation and it is not a bland religious or merely ‘spiritual’ sentiment; rather, it is a welcome into a community that faces real life – with all its joy and cynicism – and starts where people are.

This church is run by one employee and dozens of committed volunteers. Their vision (from which they do not wish to be deflected) is simply:

We strive to be a New Testament-style community filled with the love of God and serving one another with joy; a community that expects everything from God and infects people who are distant from God with this hope.

Refreshing, encouraging and interesting – and surprising to find behind Ikea on the site of a trade fair miles from the town centre.

Robert EnkeOne of the saddest stories of last week was the suicide of the Hannover and Germany goalkeeper, Robert Enke. It appears that after months of depression he threw himself under a train and put an end to his pain. The death of his two year old daughter three years ago caused him and his wife enormous grief, but people thought he had ‘got over it’. It appears that he was now afraid that his foster daughter would be taken away from him if his depression became public.

The German media reaction to Enke’s suicide has been very interesting, respectful and mature. Enke’s remarkable widow spoke about her loss and her husband’s fear of his depression becoming publicly known. His doctor, referring to the suicide note left behind, observed that Enke had resolved to end his life and had to keep his intention secret if he was to actually do the deed. Representatives of the German football association spoke about the problem of admitting ‘weakness’ in a sports world in which success and winning are everything. Oliver Bierhoff, the German national team manager, wept.

Depression is one thing; fear of talking about it is another. The depressed person has enough to cope with; it is the rest of us who create the conditions under which confession of ‘weakness’ is seen as impossible. OK, this might be particularly acute in a sports context, but anyone who has had any experience of depression or pastoral care of people suffering from depression (or their families) will know that depression is widely seen as a form of failure or weakness – especially in a society that worships strength, power, success, beauty and glamour.

Ballack at Enke serviceEnke suffered in public silence. Wealth, fame, popularity and success were not enough to still the raging storms of his depression. His death is a tragedy at many levels, but it has rightly exposed an issue that demands attention – and not just in Germany.

Tomorrow there will be a huge memorial service in the Hannover Arena to celebrate Enke’s life and mourn his death. It will be a collective outpouring of grief, but it will also enable people to reflect on the nature of depression and the public perception of it. One German friend of mine (who works in media) commented yesterday that “there was nothing like it before in Germany”. It is a bit like the German ‘Diana moment’ – when the veneer of social ‘normality’ is stripped off and the raw humanity that we all hide so well gets brutally exposed.

No doubt the veneer will get coated back on as the days go by. But some vulnerabilities will have been exposed by Enke’s death, his widow’s grief and his national team manager’s tears.

Kassmann at Enke serviceDr Margot Käßmann, the recently-elected leader of the Evangelische Kirche in Deutschland (who is also the Bishop of Hannover), spoke at a service the day after Enke’s death. She quoted the Liverpool anthem You’ll never walk alone and then tackled the questions raised head on. But she began her address by quoting from Enke’s widow:

Wir haben gedacht, wir schaffen alles, und mit Liebe geht das. Aber man schafft es doch nicht immer. (We always thought we could manage, that love would get us through. But it doesn’t always work out.)

This is the reality. And it will hit hard those who live in fantasy land – who think that if you just get the ‘formula’ right, everything will work out OK. If we are to live in the real world, then we must listen to the grief as well as the joy, the tears as well as the laughter, the failures as well as the successes. And we must, perhaps, be more rigorous about what we consider to be ‘success’ or ‘failure’ in the first place.

This death will be of ‘interest’ in the UK, but only insofar as a foreign footballer has died young. Grief is always relative. But those of us who deal with depressed people or who love Germany will pause for longer and pray for those whose lives have been so deranged by this particular death.

Robert Enke RIP.

Margot KaessmannIt is hard to describe an arena filled with around 10,000 people listening to a Bible study. I thought there would be no problem getting in to hear Margot Kaessmann, Bishop of Hannover, taking us through the Good Samaritan. My money is on her to get elected as Chair of the Council of the EKD in the autumn in succession to the excellent Wolfgang Huber.

kaessmannMargot Kaessmann (MK) is one of the best communicators in the German Church today. She is brilliant with the media and she has the rare gift of being as good in print as she is with the spoken word. It is not surprising that her preaching attracts huge crowds and that she is immensely popular. She is unafraid to tackle tough subjects, but does so with a directness and generosity that is very attractive. And, in case you think I am being an uncritical fan, I need to confess that she wrote the foreword to the German edition of my book Finding Faith (launched this month).

She recognised at the outset that some biblical texts become over-familiar with repetition and that it can become hard to get behind them in a fresh way. But, she said, the context in which the texts are being read does keep changing – and this presents the challenge of how to read and expound the text at different times and in different places. She then took the parable in three stages and drew from it implications for the church in the world, called to prove its love for God by ‘love of neighbour’.

Without going through her address systematically, I’ll just note several points:

Kristallnacht_19381. She told the story of how on Kristallnacht a synagogue (in Hannover or Hamburg – I didn’t catch that bit) burned down. The fire brigade stood back and let it burn. The synagogue was located next door to the Church Office (the equivalent of our diocesan offices). As it wasn’t a church that was burning, the business of the Church Office just continued the next day without interruption. Quoting some scary anti-semitic propaganda from the NPD (neo-Nazis), she asked if we are a church that loves our neighbour and reaches the wider world, or one that is preoccupied with internal churchy reform at the expense of the world.

2. Challenging the cynical appeal of former free-market capitalists for social protection (when the markets let them down and their own lives were affected), she questioned whether love of neighbour allows us to continue to assume that ‘cheap is good’. She raised the interesting question of who decides when someone becomes ‘handicapped’? Is there a scale according to which when some reaches a particular point they qualify as ‘handicapped’ or ‘disabled’? Who decides which criteria apply?

3. She identified generosity as characteristic of Christian love. She concluded (among other things) that the church will only be renewed by looking outwards and being less concerned with its own internal business.

What is notable (but impossible to convey) is the massive affection and respect in which bishops like MK are held here. There is a deep humanity about MK which comes over: a woman small in stature and tall in theological and spiritual integrity. It was a privilege to be there, even though I have heard her severla times before today.

I went from there to be interviewed by the EKD Media on what they call ‘the Red Sofa’. The interview revolved around my two books in German and the place of contemporary music in the church’s engagement with culture. It was a stimulating conversation with a good audience and good interviewer – even though my German let me down a couple of times in the half-hour we were talking.

The evening took us to the other side of Bremen for a Meissen Service at which I was preaching in English. The church was packed, the music was great and the host pastor wonderful. We worshipped together and then experienced the generous hospitality that we had been told earlier is characteristic of genuine Christian love: food and beer. It made the miserable weather seem brighter and warmer for a while.

So, no great revelations. Just the sort of day the Kirchentag allows: variety, stimulation, fun and serious conversation with friends and strangers.