Here is the basic text of my final address to the Kirchehochzwei conference in Hannover which finished this afternoon. Nothing new or earth-shattering, but the joke worked…

Kirche hoch zwei, Hannover, 16 Februar 2013

Wir haben zwei oder drei Tage miteinander erlebt, vieles gehört und gesehen, und jetzt kommen wir zum Schluss. Wir haben darüber nachgedacht, was es eigentlich bedeutet, Kirche zu sein und Kirche zu tun. Vielleicht sind wir ermutigt; vielleicht sind wir enttäuscht. Und ich? Ich bin ermutigt und enttäuscht: ermutigt, weil es so viele guten neuen und alten Initiativen in den deutschen Kirchen gibt; enttäuscht, weil Liverpool am Donnerstag 2-0 gegen Zenit St Petersburg verloren hat. Gibt es wirklich ein Gott?

Also, lass mich dieses Sendungswort mit einer kurzen Geschichte anfangen.

Drei Männer wanderten in den Bergen. Sie kämpften sich ihren Weg durch die Bäume und versuchten, ihre Hütte vor dem Einbruch der Nacht zu erreichen. Plötzlich stießen sie auf einen reißenden Fluss. Das Wasser lief den Berg hinunter und die Männer hatten keine Ahnung, wie sie den Fluß überqueren sollten. Aber es gab keine Alternative – sie mussten unbedingt diesen Fluss überqueren, aber sie wussten nicht wie.

Der erste Mann betete: „Gott, gib mir bitte die Kraft, um diesen Fluss zu überqueren.“ Pouff! Plötzlich wurden seine Arme größer; seine Brust erweiterte sich und seine Beine wurden stärker. Dann warf er sich in den Fluss hinein und schwamm auf das gegenüberliegende Ufer. Er brauchte zwei Stunden. Ein paar Mal ist er untergegangen und wäre fast ertrunken. Aber, endlich, ist es ihm gelungen, das Ufer zu erreichen, und er schleppte sich total erschöpft an Land.

Der zweite Mann beobachtete den ersten Mann und er betete: „Gott, gib mir bitte die Kraft und die Mittel, um diesen Fluss zu überqueren.“ Pouff! Plötzlich wurden seine Arme größer; seine Brust erweiterte sich und seine Beine wurden stärker; und ein Kanu tauchte vor ihm auf. Er paddelte eine lange Stunde durch das Wasser und schließlich, total erschöpft und nachdem er zweimal gekentert war, schleppte er sich aus dem Wasser und auf das gegenüberliegende Ufer.

Der dritte Mann hatte die zwei Freunde beobachtet und er betete: „Gott, gib mir bitte die Kraft, die Mittel… und die Intelligenz, um diesen Fluss zu überqueren.“ Pouff! Plötzlich verwandelte ihn Gott in eine Frau! Er schaute in seine Handtasche, holte eine Karte heraus, ging hundert Meter das Ufer entlang, und überquerte die Brücke.

Heutzutage müssen wir neue Sicht- und Denkweisen im Blick auf die Kirche suchen, damit wir nicht die Realitäten, die Gelegenheiten und die Herausforderungen verpassen, vor denen wir stehen. Wie die Chinesen sagen: “Wir leben in einer interessanten Zeit.”

Aber die Herausforderungen und Gelegenheiten, vor denen wir als Kirche stehen, sind nicht neu. Vom Anfang an hat die Kirche lernen müssen, wie man Kirche kreativ schafft. Vom Anfang an hatten die Nachfolger Jesu die Verantwortung auf sich nehmen müssen, der Kirche Form zu geben und immer wieder frische Ausdrucksformen zu entwickeln. Diese Situation, in der wir heute sitzen, ist nicht neu. Und, wenn wir das Kirchenschiff durch die Stürmen steuern wollen, dann müssen wir bereit sein, die Fahrt zu genießen.

Gestern sagte Thomas Söding in einem Werkstatt: “Mithin ist es ein Privileg, mit im Boot zu sein, aber keine Garantie vor Stürmen und Schiffbruch, Angst und Schrecken.” Und die Wahrheit? In diesem Schiff sind wir miteinander zusammengebunden, ob wir einander mögen oder nicht. Und, während wir versuchen einander besser zu lieben, schläft Jesus seelenruhig unten im Boot. Seid ermutigt!

Wenn wir richtig und ernsthaft andere Christen lieben wollen, dann müssen wir auch die Kirche echt und ehrlich lieben – auch wenn uns eine solche Liebe wirklich Weh tut.

Von 1992 bis 2000 war ich Pastor in einem kleinen Dorf in der Mitte von England – Leicestershire. Die Fundamente des Kirchengebäudes sind angelsächsisch und es gibt neben der Kirche ein Kreuz, welches 1200 Jahre alt ist. Innerhalb des Kirchengebäudes steht ein Taufbecken, das normannisch ist – das heißt, tausend Jahre alt. Jeden Sonntag tranken wir aus einem Kelch, der aus der Zeit der ersten Königin Elisabeth stammt – das heißt 500 Jahre alt. Und in der Nähe der Nordtür stand an der Wand eine Tafel, auf der die Namen der Pfarrer von Rothley seit dem Jahre (ungefähr) 1060 geschrieben waren. Und das heißt 'Perspektiv'!

Wir sind immer noch da. Durch Kriege und Plagen, Reformation und Invasionen (mehrmals durch die Franzosen, die Dänen und die Deutschen!), wir sind da. Wir beten und singen und klagen und jammern und feiern und weinen und lachen und so weiter. Familien sind durch Tod und. Ehetrennung, Geburt und Arbeit, aufgebaut und zerstört – aber die christliche Gemeinde betet noch und versucht immer in die Welt durch die Augen Gottes hinauszuschauen.Die Welt ändert sich ständig, aber das Lied der Gnade und der Hoffnung kann nicht gestillt werden. Ich liebe auch die unfrische Kirche.

Aber die Welt hat sich geändert. Und meiner Meinung nach, wie ich schon an dieser Konferenz gesagt habe, ist es sinnlos und eine verpasste Chance, nur darüber zu klagen. Wenn die Kirche ihren Auftrag erfüllen will, muss sie die Sprachen der heutigen Welt erstens verstehen und zweitens sprechen können. Wir müssen uns daran erinnern, dass die biblische Geschichte uns zeigt, dass Gott sein Volk dazu beruft, sein Leib in der konkreten Welt von heute zu sein, und so zu leben, dass die Menschen, die mit der christlichen Gemeinde in Kontakt kommen, etwas von dem Christus erfahren, von dem wir in den Evangelien lesen.

Ich bin überzeugt, dass es Aufgabe der Kirche ist, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen herausfinden können, dass Gott sie schon gefunden hat – auf Englisch klingt das: 'to create the space in which people can find that they have already been found by God'. Dazu müssen wir dort anfangen, wo die Menschen sind – und wir müssen eine Sprache sprechen, die die Menschen tatsächlich verstehen. Wir Christen müssen lernen, klar, einfach und mit Vorstellungskraft zu sprechen – Bilder mit Worten zu malen, damit Menschen neugierig auf Gott und die Welt werden. Und meines Erachtens ist das eine spannende Aufgabe, die wir genießen sollten.

Die Kirche steht vor einer großen Herausforderung: Wie können wir im alltäglichen Leben einer Kirchengemeinde den Raum schaffen, wo Menschen zu Christus kommen, als Christen wachsen, und als verantwortungsvolle Christen in und durch die Gemeinde leben können? Wenn so viele Menschen überhaupt keine Ahnung mehr vom christlichen Glauben haben,wie fangen wir eigentlich an, sie zu erreichen? Und welche Formen von Kirche oder Gottesdienst können wir schaffen, um solche Menschen in den Raum einzubringen, wo sie Gott und seine Kinder besser kennen lernen werden? Es ist von der Bibel klar, dass wir dort anfangen müssen, wo die Menschen sind – und nicht wo wir denken, dass sie sein sollten.

Es interessiert mich sehr, dass Jesus seine Freunde nicht in der Kirche zum ersten Mal traf, sondern dort, wo sie arbeiteten: auf dem Strand. Und gleich am Anfang des Evangeliums lädt sie Jesus ein, mit ihm spazieren zu gehen. Er sagte ihnen nicht, wo sie hingingen. Er sagte ihnen nicht, wer sonst mitkommen würde. Aber er machte klar, dass jeder Nachfolger etwas hinter sich verlassen müsste, um mit ihm zu gehen und gemeinsam etwas Neues zu entdecken.

Das heißt, die Nachfolger Jesu müssen immer neugierig sein und eine große und kreative Vorstellungskraft entwickeln.

Und so, gleich am Ende des Matthäusevangeliums sehen wir klar, dass sich die ersten Freunde von Jesus vor einer großen Herausforderung standen: nicht auf dem Berg zu bleiben, wo Jesus einmal war, sondern wieder den Berg hinunterzugehen, um durch eine veränderte Welt zu wandeln und auf sich eine neue Verantwortung aufzunehmen: zu entscheiden, was es bedeutet, als Leib Christi in der heutigen Welt zu leben.

Das heißt, die Kirche soll nichts anderes tun, als weiterhin der Leib Christi zu sein und das Evangelium weiterzusagen und damit zu erfüllen, was Jesus in Markus 1:14-15 schon getan hat, nämlich: die Menschen einzuladen, Gott zu sehen und Gott anders zu sehen – und sie dann eine Gemeinschaft von Menschen vorzustellen, die bereits gewagt haben, dies von sich aus zu tun, und die nun verpflichtet sind, es anderen zu ermöglichen, zu sehen, wie Gott ist und an wessen Seite man ihn finden kann. Anders gesagt: die Aufgabe der christlichen Kirche ist es, eine Gemeinschaft zu sein, in der sich die kreative Barmherzigkeit und Gnade, die versöhnende und heilende Liebe Gottes finden lässt. Und das sollten die Leute durch die Kirche erleben.

Ja, es gibt immer Beispiele von Christen, die in einer Weise reden und handeln, die Jesus' Prioritäten, wie wir sie in den Evangelien finden, nicht widerspiegelt. Man muss nicht allzu fest an der Oberfläche kratzen, um Unbeständigkeiten, Widersprüche, Schwächen und Fehler bei Christen wie mir oder in unseren Kirchen zu finden. Doch das sollte nicht überraschen. Schließlich erhebt die Kirche nicht den Anspruch, der Standort absolut beständigen Verhaltens und vollkommener Verwaltung der 'Wahrheit' zu sein. Auch wir sind nur Menschen, immer noch am Lernen, unser Verständnis ist immer noch unvollständig, und wir schaffen es immer noch, es tausend Mal im jeden Tag falsch zu machen. Aber die 'Linse' unserer Wahrnehmung wird immer noch neu geformt, und unsere Reise mit Jesus und seinen Freunden geht weiter.

Eines der bemerkenswerten Dinge an den Evangelien ist die Art, wie sie Jesus' Jünger beschreiben. Es waren ganz gewöhnliche Leute. Während sie mit Jesus reisten, stellten sie fest, dass sie anfingen, einen Blick auf Gottes Gegenwart unter ihnen zu erhaschen, wie Jesus es angedeutet hatte. Die Veränderung der theologischen Weltanschauung war radikal und brauchte Zeit. Doch Jesus verachtete seine Freunde nie wegen ihrer beschränkten Wahrnehmung, ihrer moralischen Verfehlungen oder ihres aufgeblähten Selbstverständnisses.

Stattdessen gab er ihnen den Raum und die Zeit, zu schauen und zu beobachten und zu sehen und zu berühren und zu denken und ihre Dummheiten auszusprechen – alles, ohne aus der Gruppe ausgestoßen zu werden. Ihre internen Streitigkeiten und Machtkämpfe wurden zwar angesprochen, wenn sie entbrannten, doch Jesus schien es nicht eilig zu haben, sofort Vollkommenheit von ihnen zu verlangen.

Also hier werden wir das Leben der Kirche finden – hier in alten oder frischen Ausdrücken von Kirche, wo es Menschen gibt, die zuerst Jünger von Jesus sind; Menschen, die sich bewusst von Jesus haben rufen lassen; Menschen, die am Auftrag der Kirche in der Welt beteiligt sind; Menschen, die bewusst den Leib Jesu Christi wachsen lassen und dazu beitragen, die Kirche aufzubauen, die Gaben der Christen zu identifizieren und zu entwickeln, und neue Christen zur Neugeburt zu bringen.

Ich möchte mit einer kurzen Geschichte zum Schluss kommen, um dich zu ermutigen.

Mike Yaconelli war Jugendarbeiter in Amerika bis zu seinem frühen Tod bei einem Autounfall vor einigen Jahren. Er hat ein Buch mit dem Titel Messy Spirituality veröffentlicht – auf Deutsch heißt es: Gott liebt Chaoten. Yaconelli war auch Pastor einer freien Baptistengemeinde und hatte immer Angst davor, dass er nicht gut genug sei, Pastor zu sein. In seinem Buch beschreibt er, wie jeder andere Pastor ein gutes, ordentliches und theologisch konsequentes Leben führt. Im Vergleich mit den anderen war Mike Yaconelli eine Katastrophe. Einmal hat er gesagt: “Ich bin Pastor einer wachsender Kirche – aber sie wächst immer kleiner.”

In diesem Buch erzählt Yaconelli einen Traum, den er nachts immer wieder hatte. In diesem Traum sitzt er in einem Zimmer mit vielen anderen Menschen. Plötzlich kommt Jesus herein. Jesus spricht eine Zeit lang mit ihnen, dann steht er auf, dreht sich um, deutet mit dem Finger auf ihn und sagt laut und klar – mit den Augen auf ihn gerichtet: “Komm, folge mir nach!” Yaconelli kann es kaum Glauben: Jesus hat ihn auserwählt. Er steht auf, bereit, Jesus überall hin in der Welt zu folgen. Dann dreht sich Jesus um und sagt: “Err… nein… es tut mir leid… ich meinte den Kerl hinter dir.”

Jesus macht das nie!

Wir sind dazu berufen, immer auf den wandelnden Gott zu vertrauen, mit Jesus zu gehen, nie zu fürchten, immer neugierig zu sein, und Kirche zu formen. Seid mutig!

Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Und Jesus blieb stehen und sprach: Ruft ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!

 

Konferenz: Möglichkeiten der mittleren Leitungsebene, Berlin, 17 Februar 2011

Führung, Management und Inspiration

Es fängt mit Kenny Dalglish – King Kenny – an. Anfang dieses Jahres war der FC Liverpool in einer furchtbaren Lage: nur vier Punkte trennten ihn von einem Abstiegsplatz der englischen Fußball Premier League.

Ich komme ursprünglich aus Liverpool; mein älterer Sohn, seine Frau und mein Enkel wohnen in Liverpool; meine Eltern haben nie woanders als in Liverpool gelebt; mein Bruder wohnt in Anfield, ganz in der Nähe vom Fußballstadion. Liverpool ist meine Heimat. Mein Blut hat die Vereinsfarbe des FC Liverpool. Die Beatles spielen jeden Tag in meinem Kopf. Ich heiße Nick und ich bin ein Liverholiker.

Zwischen 1962 und 2005 war der FC Liverpool sehr erfolgreich. Dann, im Sommer letzten Jahres verließ der Trainer Rafa Benitez den Club. Die vergangene Saison beendeten sie auf dem siebten Platz. Und das geht eigentlich nicht! Auf den Spanier Benitez folgte ein Engländer als Trainer – Roy Hodgson. Hodgson hatte in den vergangenen drei Jahren mit dem FC Fulham einen gewissen Erfolg erzielt. Er war darin erfolgreich, das Beste aus einigen mittelmäßigen Spielern heraus zu holen.

Sechs Monate war er Trainer des FC Liverpool,  und die Fans wurden immer deprimierter. Wir waren nicht daran gewöhnt, so deprimiert zu sein: Fast jede Woche hat Liverpool verloren. Bisher gute Fußballspieler spielten wie Anfänger. Und das Schlimmste? Die Fans von Manchester United lachten über uns. Und das geht gar nicht!

Dann kam der Heiland. Kenny Dalglish war einer der größten Fussballspieler Großbritanniens in den letzten vierzig Jahren. Er spielte beim FC Liverpool und wurde schließlich einer der erfolgreichsten Trainer des Clubs. Aber nach der Katastrophe von Hillsborough (95 Fans sind während eines Pokalspiels ums Leben gekommen) ist er 1991 zurückgetreten. In den folgenden zwanzig Jahren wollte er zurück nach Liverpool kommen, aber er ist nie gebeten worden, seinen Job als Trainer fortzusetzen.

Aber seit zwei Monaten ist Kenny Dalglish wieder der Trainer des FC Liverpool. Und jetzt – endlich – spielen unsere Fußballspieler wieder mit Stolz, mit Energie, und mit Spass.

Warum? Was ist der Unterschied zwischen Roy Hodgson und King Kenny? Sie haben dieselben Spieler. Aber etwas hat sich verändert. Die einfachste Antwort lautet: Die Mannschaft hat ihr Selbstvertrauen – ihre Zuversicht – wiederentdeckt.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Sie sind alle in der mittleren Leitungsebene der Kirche beschäftigt, das heißt, Sie haben als Pröpste oder Superintendenten Verantwortung für eine Reihe von Gemeinden oder ganze Kirchenkreise. Und Sie werden das sicherlich auch kennen: Manche Gemeinden pulsieren vor Leben, während andere eher vor sich hin dümpeln. Woran liegt das?

Meiner Meinung nach hat die Erfahrung des FC Liverpool in den letzten zwei Jahren etwas mit dem  Unterschied zwischen Führung und Management zu tun. Management bedeutet, dass wir die Ressourcen verwalten, die uns zur Verfügung gestellt worden sind. Führung ist aber ein anderes Phänomen. Management hat mit Verwaltung zu tun; Führung aber hat mit Inspiration zu tun. Und das bringt uns zur Arbeit der Kirche und zum Pfarrdienst.

Ich bin Bischof in der Kirche von England. Momentan bin ich der Bischof von Croydon in Süd-London (der Diözese von Southwark); bald aber werde ich Bischof von Bradford in Nordengland. Vorher (von 1991 bis 2003) war ich Pfarrer, gleichzeitig Area Dean in Leicestershire und dann Archdeacon of Lambeth in der Diözese von Southwark – verschiedene Ämter in der mittleren Leitungsebene einer Diözese.

Der Area Dean ist einem deutschen Superintendenten oder Propst vergleichbar: Er ist ein Pfarrer, der für eine Gruppe von Pfarrern und Gemeinden verantwortlich ist. Er ist Vorsitzender der Deanery Synode und er bringt – normalerweise monatlich – die Geistlichen in seinem Dekanat (Deanery) zusammen. Es gibt Area Deans, die nur das notwendige Minimum unternehmen, um die Gemeinden in einer gemeinsamen Mission zusammenzuhalten. Es kann auch geschehen, dass Area Deans beklagen, dass sie keine Autorität haben – oder dass die Arbeit nicht sehr interessant ist. Sie beklagen, dass die Synodenmitglieder nicht immer die lebhaftesten Menschen sind. Es gibt Area Deans, die nicht unbedingt hochmotiviert sind, trotz der Tatsache, dass sie vom Bischof bevollmächtigt werden, kreativ zu sein.

Der Archdeacon arbeitet mit dem Bischof zusammen. Er ist dafür verantwortlich, die Gemeinden über Finanzfragen, Dienstrecht, Kirchengebäude und andere sehr interessante Sachen zu beraten. Es gibt Archdeacons, die nicht sehr kreativ sind – die sich nur dafür interessieren, dass alles in Ordnung bleibt und alles leise und gelassen läuft.

Diese Beispiele machen deutlich, dass es möglich ist, nur Manager zu sein und das Leben der Kirche zu verwalten. Diese Arbeit ist wichtig, aber es genügt nicht.

Ich war Area Dean und Archdeacon. Ich bin Area Bischof in Croydon. Ich werde Diözesan-Bischof in Bradford sein! Dass heisst, ich kenne die verschiedenen Ebenen des Kirchendienstes und der Kirchenführung aus eigener Erfahrung. Und ich bin immer unzufrieden, wenn ich höre, dass es auf der mittleren Leitungsebene keine kreativen Gestaltungsmöglichkeiten gibt. Es kommt darauf an, wie man die Möglichkeiten sieht, versteht, gestaltet und ausbeutet. Dass heißt: Es hängt davon ab, wer der Leiter/Leader ist, was für eine Persönlichkeit er oder sie hat, und wie er/sie die Möglichkeiten entgegenkommt. Persönlichkeiten kann man schwerlich verändern, aber wir können über die Rahmenbedingungen nachdenken: Wie können wir Situationen schaffen, in denen Herausforderungen spannend und lust-voll erscheinen? Und wie können wir vermeiden, dass wir uns verausgaben, ohne dass sich etwas Wesentliches ändert?

Aber es gibt auch gute Beispiele. Als ich Archdeacon von Lambeth war, wurde mir klar, dass es zwei Wege gibt, seine Arbeit zu tun und die Gemeinden und Pfarrer zu unterstützen. Der eine Weg besteht darin, in jeder Situation zu fragen: „Was erlauben mir die Vorschriften und Regeln in diesem Fall?“ Der andere Weg besteht darin zu fragen: „Was will ich hier erreichen, zu welchem Ziel will ich kommen und wie kann ich die Vorschriften und Regeln so nutzen, dass ich dieses Ziel erreiche?“ Gute Leiterschaft beinhaltet die Konzentration auf das Ziel und fragt, wie man es am besten erreichen kann; schlechte Leiterschaft sieht nur die Grenzen und Beschränkungen. Gute Leiterschaft ist spannender – und macht mehr Spaß.

Es ist gut möglich, dass wir denken, wir führen, wenn wir in Wirklichkeit nur verwalten – und keine Risiken eingehen. Es ist immer einfacher, nichts aufzurühren und nichts zu verändern – irgendwie alles bequem oder ‚bekannt‘ zu erhalten; aber, wenn wir eine Vision haben, wie etwas anders gestaltet werden könnte, dann müssen wir bereit sein, Risiken einzugehen und zu wagen, dass alles kaputt geht. Management (von Menschen, Finanzen und Dingen) ist wichtig; aber inspirierte Führung verlangt mehr als Verwaltung.

Ich möchte im Folgenden darüber nachdenken, wie man auf der mittleren Ebene der Kirche besser führen kann. Wie können wir so führen, dass die Menschen inspiriert werden, dass sie eine Vision erkennen und bereit sind, dafür etwas zu opfern? Und wie können die Leiter selbst so motiviert werden, dass sie sich erfüllt und nicht überfordert fühlen? Wie können wir das Selbst- und Gottvertrauen gewinnen, dass wir brauchen, um unsere Gemeinde so zu ermutigen, dass wir gemeinsam aufbrechen – an einen Ort, wo sich die Welt ausserhalb der Kirche für die Botschaft und das Leben der Kirche neu interessiert?

Und warum stelle ich jetzt diese Fragen? Aus zwei Gründen: Erstens, weil manche ‚Oberkirchenräte‘ (in der mittleren Leitungsebene) in der Kirche von England frustriert sind – von sich selbst, weil sie sich nicht dazu fähig fühlen, den Dienst anders zu tun –ihr Rollenbild scheint ihnen tragisch eingeschränkt; und zweitens, weil die Erfahrung des FC Liverpool in meinem Kopf herumgeistert und meiner Meinung nach genau den Unterschied zwischen Management und Führung illustriert.

Roy Hodgson ist ein guter Mensch und ein guter Fußballtrainer – aber es scheint, dass er seine Spieler nicht so inspirieren konnte, auch nur 50% ihrer Leistung zu erbringen… sie hatten ihr Selbstvertrauen verloren, weil sie nicht verstanden, wie sie miteinander spielen sollten. Aber King Kenny hat dieselben Spieler so inspiriert, dass sie jetzt mit Stolz, Selbstvertrauen und Spass spielen. Wir – die Fans – lächeln schon wieder… die Spieler auch. Ohne Inspiration wird man niemanden erfolgreich führen können – auf welcher Ebene einer Institution oder Gemeinschaft auch immer. Und Inspiration kommt nicht durch das Erlernen einer Technik; sie kommt von einer Person, die selbst inspiriert ist und die selbst inspiriert.

Vor drei Jahren bin ich zu einer ‚Future Leadership‘ Konferenz in Lambeth Palace eingeladen worden. Während des Abendessens hatte der Erzbischof von Canterbury Gelegenheit, etwas von seinem Verständnis des Begriffs ‚leadership‘ zu erklären. Typisch Rowan Williams: Er sagte, ‚Ich möchte erklären, um was es bei ‚leadership‘ nicht geht. Erstens, ‚leadership‘ geht nicht um größere Lautstärke (amplification); das heißt, laut und klar nur das auszusprechen, was bestimmte Menschen hören wollen! Zweitens, bei ‚leadership‘ geht es nicht um Macht/Kontrolle/Herrschaft (control); das heißt, es geht nicht darum, jemanden zu zwingen, mit mir zu gehen. Drittens, bei ‚leadership‘ geht nicht um Heldentum (heroism); das heißt, es geht nicht um eine Fantasie oder Drama. Er führte das noch weiter aus und sagte, ‚‘leadership involves working out who answers which questions‘.

Meiner Meinung nach kann man etwas Positiveres zu diesem Begriff der Leadership/Leiterschaft sagen! Ich versuche jetzt nur kurz, drei Beobachtungen zusammenzufassen, die sich auf Englisch mit drei Worten angeben lassen, die auch mit demselben Buchstaben ‚C‘ anfangen: clarity, confidence and communication – Klarheit, Vertrauen und Kommunikation.

Inspirierende Führung fängt immer mit Klarheit an: denjenigen, die geführt werden, sowie denjenigen, die führen, müssen sich über folgendes klar sein:

  • die Aufgabe: Was machen wir und warum? Wohin gehen wir?
  • der Kontext: Wo, wann und von wem wird diese Aufgabe in Angriff genommen?
  • die bestimmten und unterschiedlichen Rollen der Teilnehmer: die Fähigkeiten, Kompetenzen und Autoritäten.
  • das Ziel der Aufgabe.

Und solche Klarheit verlangt Leiter, die klar erklären und artikulieren können, was sind die Visionen, die Aufgabe, und die Strategie. Die Vision heisst: Wohin gehen wir? Die Strategie heisst: Wie kommen wir dahin? Vision und Strategie sind beide erforderlich auf jeder Leitungsebene der Kirche, wo effektives Management und Leitung verlangt werden.

Inspirierende Führung verlangt Vertrauen. Die Nachfolger werden folgen, wenn sie auf den Leiter vertrauen. Und solches Vertrauen verlangt mehr als Wissen oder auch Zustimmung – es verlangt eine Inspiration, die tief in die Seele geht und die Phantasie reizt.

Aber Inspiration genügt nicht. Hervorragende und klare Kommunikation sind erforderlich. Wir müssen fähig sein, zuzuhören, furchtlos nachzudenken, und mutig zu führen. Es gibt in der Kirche zu viele Christen, die Angst vor dem Scheitern oder der Veränderung haben.

Im Matthäusevangelium 25:14-30 lesen wir etwas wirklich Wichtiges über die Erwartung Jesu an seine Nachfolger:

Es wird dann so sein wie bei dem Mann, der ins Ausland reisen wollte. Er rief alle seine Verwalter zusammen und beauftragte sie, während seiner Abwesenheit mit seinem Vermögen zu arbeiten. Dem einen gab er fünf Zentner Silberstücke, einem anderen zwei und dem dritten einen Zentner, jedem nach seinen Fähigkeiten. Danach reiste er ab.

Der Mann mit den fünf Zentnern Silberstücke war so erfolgreich bei seinen Geschäften, dass er die Summe verdoppeln konnte. Auch der die zwei Zentner bekommen hatte, verdiente zwei hinzu. Der dritte aber vergrub sein Geld an einem sicheren Ort.

Nach langer Zeit kehrte der Herr von seiner Reise zurück und forderte seine Verwalter auf, mit ihm abzurechnen.

Der Mann, der fünf Zentner Silbergeld erhalten hatte, brachte zehn Zentner. Er sagte: ›Herr, fünf Zentner hast du mir gegeben. Hier, ich habe fünf dazuverdient.‹ Da lobte ihn sein Herr: ›Du warst tüchtig und zuverlässig. In kleinen Dingen bist du treu gewesen, darum werde ich dir größere Aufgaben anvertrauen. Ich lade dich zu meinem Fest ein!‹

Danach kam der Mann mit den zwei Zentnern. Er berichtete: ›Herr, auch ich habe den Betrag verdoppeln können.‹ Da lobte ihn der Herr: ›Du warst tüchtig und zuverlässig. In kleinen Dingen bist du treu gewesen, darum werde ich dir größere Aufgaben anvertrauen. Ich lade dich zu meinem Fest ein!‹

Schließlich kam der mit dem einen Zentner Silberstücke und erklärte: ›Ich kenne dich als strengen Herrn und dachte: Du erntest, was andere gesät haben; du nimmst dir, was ich verdient habe. Aus Angst habe ich das Geld sicher aufbewahrt. Hier hast du es wieder zurück!‹ Zornig antwortete ihm darauf sein Herr: ›Auf dich ist kein Verlass, und faul bist du auch noch! Wenn du schon der Meinung bist, dass ich ernte, was andere gesät haben, und mir nehme, was du verdient hast, hättest du zumindest mein Vermögen bei einer Bank anlegen können! Dort hätte es wenigstens Zinsen gebracht! Nehmt ihm das Geld weg, und gebt es dem, der die fünf Zentner hatte!

Denn wer viel hat, der bekommt noch mehr dazu, ja, er wird mehr als genug haben! Wer aber nichts hat, dem wird selbst noch das Wenige, das er hat, genommen. Und jetzt werft diesen Nichtsnutz hinaus in die Finsternis, wo es nur Weinen und ohnmächtiges Jammern gibt!‹«

Warum soll dieser Mann als ein ‚Nichtsnutz‘ bezeichnet werden? Er hat nichts verloren. Seinen Zentner hat er gut und schön bewahrt. Aber Jesus interessiert sich nicht dafür, dass wir die Kirche bewahren – oder dass wir den Verlust so fürchten, dass wir nur die Arbeit (oder die Ressourcen) der Kirche auf jeder Ebene verwalten. Wir müssen den Mut finden, alles zu riskieren. Und wenn wir so leben und führen und managen, dann sollten wir auch die ganze Erfahrung genießen. Die ersten zwei Männer hätten alles verlieren können – aber ihre Belohnung war ganz einfach… eine Einladung zu einem Fest!

Ein Fest wie ein Fußballspiel in Anfield mit dem FC Liverpool und King Kenny.

Vortrag, Osnabrück, 22 Januar 2011

Alpha ist nur der erste Buchstabe

Die Bedeutung von Glaubenskursen für eine Kirche in der pluralistischen Gesellschaft

Ich freue mich sehr, wieder einmal hier in Deutschland zu sein. Ich bin der anglikanische Co-Vorsitzende der Meissen-Kommission, deren Auftrag es ist, die Beziehungen zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Kirche von England weiter zu entwickeln. Und ich freue mich über jede Gelegenheit, nach Deutschland zu kommen und von der Erfahrung der Kirche in Deutschland zu lernen.

Heute wird das Handbuch der EKD zur Kampagne ‚Kurse zum Glauben‘ präsentiert, das dann an alle Pastoren und Pastorinnen sowie Diakone und Diakoninnen der Landeskirche versandt wird. Warum? Kirchen zeigen sich als Experten im Geschäft der Produktion von immer neuen Kursen, Initiativen und Kampagnen. Manchmal scheint es, dass viele Gemeinden durch solche Initiativen einfach ermüdet sind. Sie beten jeden Tag, dass die Bischöfe und das Kirchenamt keine weiteren guten Ideen haben werden.

Aber heute gilt das nicht. Kurse zum Glauben sind nicht nur eine gute Idee – Kurse zum Glauben sind überhaupt notwendig in einer Gesellschaft, wo manche Leute nicht mehr wissen, warum sie das glauben, was sie glauben (das heißt, von Gott, der Bedeutung des Lebens, der Moral, usw.). Es ist einfach wunderbar, dass die EKD diese Situation ernst genommen hat, und jetzt diese Ressourcen den Kirchen und Gemeinden zur Verfügung stellt. Kurse zum Glauben bietet jeder Gemeinde neue Gelegenheiten, gemeinsam – sowohl mit Christen als auch mit Noch-nicht-Christen – die zentralen Inhalte des christlichen Glaubens neu oder zum ersten Mal zu durchdenken, zu hinterfragen und gemeinsam auf einen christlichen Lebensweg zu gehen. In einer pluralistischen Gesellschaft – im Kontext eines selbstbewussten Islams und eines aggressiven Säkularismus – ist es  ausgesprochen wichtig, ja: unerlässlich, dass wir verstehen, warum wir mit einer christlichen Perspektive, sozusagen durch eine christliche „Linse“ auf die Welt schauen und warum wir versuchen, als Christen miteinander zu leben.

Diese Zeit ist für mich und meine Frau nicht so einfach. Croydon – mit einer Bevölkerung von ungefähr 350,000 Menschen – liegt in Süd-London; das heißt, in einer komplexen Umgebung in einem sich schnell verändernden Land. Aber Mitte April werde ich meinen Dienst in Croydon aufgeben um nach Bradford – ganz im Norden – umzuziehen, wo ich ab Ende Mai Bischof von Bradford sein werde. Und wir werden genau das verlassen müssen, was uns bequem ist und uns vielleicht auch bequem macht: das heißt, alles, was uns über die Jahre bekannt und vertraut geworden ist. Wir werden ein neues Leben in einem fremden Ort anfangen müssen.

Mein erster Auftrag in Bradford ist, die Geschichten, die Kulturen und die Ausdrucksweisen der vielen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in der Multikulti-Stadt Bradford und den Dörfern zwischen den Dales und dem Lake District zu lernen. Ich bin dort ein Newcomer, ich kann nicht, wie wir in England sagen: „share their memory“, also die Erinnerung dieser Menschen und Gemeinschaften teilen, aber ich kann ihre Geschichten lernen. Ich muss verstehen, was diese unterschiedlichen Gesellschaften und Menschen motiviert, welche Sprachen sie verstehen – um herauszufinden, welche Sprachen ich sprechen muss, wenn ich gehört werden will. Ich muss lernen, wie sie in Yorkshire leben, was sie geformt hat und was sie zum Lachen und Weinen bringt.

Was ich damit sagen will: Bradford ist nicht Süd-London. Die Menschen sind anders und das Leben im Norden ist nicht wie das Leben in London. Die Menschen benehmen sich anders. Trotz der Tatsache, dass ich vor dreißig Jahren an der Universität in Bradford studierte, kenne ich die Stadt nicht mehr. Inzwischen ist so viel verändert, und es ist zwingend erforderlich, dass ich jetzt alle Vorurteile und Erwartungen fallen lassen, die zu einer anderen Zeit gehören. Jetzt werde ich das Leben der Stadt und der Diözese neu kennenlernen. Diese Erfahrung wird wahrscheinlich anspruchsvoll, anstrengend und auch vielleicht verwirrend. – und erfüllend!

Nun werden Sie sich fragen, was mein Umzug nach Bradford mit den Glaubenskursen in Deutschland zu tun hat. Ich glaube, die Umstellung auf eine neue, fremde Umgebung, das Kennenlernen und sich Anpassen an das, was einem in einer neuen Umgebung begegnet, beschreibt in gewissem Maße die heutige Welt und die Herausforderungen an die Kirche zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Die Welt meiner Kindheit ist nicht die Welt der Kindheit meiner Kinder oder meines Enkels. (Er heißt Ben, ist fast sechs Monate alt, wohnt in Liverpool und wird bald mit einem Liverpooler Akzent seine ersten Worten aussprechen – hoffentlich werden diese ersten Worten lauten: ‚You’ll Never Walk Alone‘…)

Vor zwei Wochen tagte die Theologische Konferenz der Meissen Kommission in Salisbury. Wir haben uns mit Ekklesiologie, also mit der Lehre und dem Verständnis der Kirche beschäftigt. Und wir haben erkannt, dass die Situation der Kirchen in England und Deutschland in vielem sehr ähnlich ist. Die Kirchen stehen in beiden Ländern vor bestimmten Herausforderungen, zum Beispiel:

  • Rückläufige      Zahlen von Gottesdienstbesuchern
  • Plausibilitätsverlust      von Kirche als Institution
  • Entchristlichung      der Gesellschaft
  • Individualisierung      des Glaubens.

Es scheint mir, dass die Kirche oft langsam ist, die reale Wirklichkeit anzuerkennen. Die Welt geht weiter und verändert sich, aber die Kirche bleibt fest… und hofft. Wir wollen die Handlungsweisen der Vergangenheit bewahren, weil wir sie anerkennen und uns mit ihnen bequem eingerichtet haben. Wir zögern, das zu verlieren, was für uns ‚normal‘ geworden ist.

Ich bin überzeugt: Wir müssen neue Sicht- und Denkweisen im Blick auf die Kirche und für den Blick der Kirche auf die Welt suchen, damit wir nicht die Realitäten, die Gelegenheiten und die Herausforderungen verpassen, vor denen wir stehen.

In den letzten dreißig Jahren haben wir in England einige Modelle des Erwachsenenkatechumenats entwickeln müssen. Warum ‚müssen‘? Ganz einfach: Weil England in dieser Zeit ziemlich säkularisiert worden ist und die Kirche nicht mehr annehmen kann, dass die Engländer auch nur die blasseste Ahnung haben, was das Christentum eigentlich ist. Manche Beobachter der englischen Gesellschaft haben den Eindruck, dass England heute ein postchristliches Land ist. Ich möchte illustrieren, was ich damit meine. Eine Geschichte von vorletzter Woche.

Im Jahre 2011 feiern wir 400 Jahre King James Bibel. Im Jahre 1611 hat der schottische König James eine neue Übersetzung der Bibel in Auftrag gegeben und diese Übersetzung hat die ganze englische Sprache, unsere Literatur, Kunst und Musik tief geprägt. Und vorletzte Woche bin ich eingeladen worden, an einer speziellen Radiosendung der BBC teilzunehmen. Diese Sendung war hochinteressant: Der Bischof von London hat etwas Intelligentes gesagt; berühmte Schauspieler, Schriftsteller, Dichter, Historiker und auch Politiker haben viel Interessantes beigetragen. Alle haben weise und vernünftig über die King James Bibel gesprochen… und dann kam der Bischof von Croydon. Ich sprach darüber, wie die Sprache der Bibel moderne Musiker wie Bob Dylan, Pete Seeger, Leonard Cohen, Bob Marley, Bono (von U2) und Boney M (!) beeinflusst hat. Diese Musiker kennen die Bibel. Die Bibel lebt in ihrem Unterbewusstsein.

Aber das finden wir in der heutigen Generation nicht mehr. Als Bono ein junger Mann in Irland war, konnte jeder Prediger in jeder Kirche davon ausgehen, dass alle Zuhörer und Gemeindemitglieder die Geschichten der Bibel kannten. Ein Verweis auf – zum Beispiel – den barmherzigen Samariter oder Moses und den brennenden Dornbusch wurde von allen verstanden… ohne Weiteres. Aber heute nicht mehr. Heute wagt man nicht, auf eine biblische Geschichte zu verweisen, ohne die Geschichte selbst zu erzählen. Vor dreißig Jahren konnten wir davon ausgehen, dass die Geschichten bekannt waren; heute muss man davon ausgehen, dass niemand die Geschichten der Bibel kennt. Ja, das ist furchtbar; aber das ist die Realität. Und die Kirche ist dazu berufen, in der wirklichen Welt zu leben – nicht in einer Welt der Vergangenheit.

Vor dreißig Jahren verstanden die ‚normalen‘ Engländer auch, was ‚Christ‘ bedeutet. Heute nicht mehr. Neuere Forschungen in England haben gezeigt, dass die neue Generation (die so genannte ‚Generation Y‘) nicht so feindlich gegenüber der Religion oder dem Christentum ist, wie die Generation X. Warum nicht? Weil die Generation Y nicht genug darüber weiß, um dem Christentum gegenüber feindlich oder auch nur kritisch eingestellt zu sein. In England spricht man vom ‚religiösen Analphabetismus‘ (religious illiteracy) in den Medien, unter den Schul- und Universitätslehrern, bei Politikern und säkularen Beobachtern. Und dieser Analphabetismus ist zu oft mit einem überraschenden Selbstvertrauen verbunden.

Aber wir müssen auch anerkennen, dass England nicht nur vor der Herausforderung der Säkularisierung oder Religionsvergessenheit steht, sondern auch vor einem vielfältigen religiösen und kulturellen Pluralismus. Vor einigen Wochen habe ich eine Grundschule in Croydon besucht. Unter 320 Kindern werden 46 Muttersprachen gesprochen. Innerhalb der inneren Ringstraße in Bradford gibt es heute nur eine einzige christliche Kirche: die anglikanische Kathedrale. Moscheen gibt es viele. Deswegen können wir sagen, dass der interreligiöse Dialog und die interreligiöse Zusammenarbeit von hoher Bedeutung sind.

Also, die Welt hat sich verändert. Und meiner Meinung nach ist es sinnlos und eine verpasste Chance, nur darüber zu klagen. Wenn die Kirche ihren Auftrag erfüllen will, muss sie die Sprache der heutigen Welt erstens verstehen und zweitens sprechen können. Wir müssen uns daran erinnern, dass die biblische Geschichte uns zeigt, dass Gott sein Volk dazu beruft, sein Leib in der konkreten Welt  zu sein, und so zu leben, dass die Menschen, die mit der christlichen Gemeinde in Kontakt kommen, etwas von dem Christus erfahren, von dem wir in den Evangelien lesen.

Ich bin überzeugt, dass es Aufgabe der Kirche ist einen Raum zu schaffen, in dem Menschen herausfinden können, dass Gott sie schon gefunden hat – auf Englisch klingt das besser: ‘creating the space in which people can find that they have been found by God’ (in whatever circumstances of life). Dazu müssen wir dort anfangen, wo die Menschen sind – und wir müssen eine Sprache sprechen, die die Menschen tatsächlich verstehen. Christen müssen lernen, klar, einfach und mit Vorstellungskraft zu sprechen – Bilder mit Worten zu malen, damit Menschen neugierig auf Gott und die Welt werden. Und, meiner Meinung nach, ist das eine spannende Aufgabe.

Die Kirche steht vor einer großen Herausforderung: Wie können wir im alltäglichen Leben einer Kirchengemeinde den Raum schaffen, wo Menschen zu Christus kommen, als Christen wachsen, und als verantwortungsvolle Christen in und durch die Gemeinde leben können? Wenn so viele Menschen keine Ahnung mehr vom christlichen Glauben haben, wie fangen wir eigentlich an, sie zu erreichen?

In England haben wir gelernt, dass verschiedene Gemeinden unterschiedliche Hilfsmaterialien brauchen. Deshalb haben wir verschiedene Kurse zum Glauben geschrieben und entwickelt. Nicht jeder ‚Erwachsenenkatechismus‘ ist für alle Kontexte geeignet: wir sagen auf Englisch, ‚one size fits all doesn’t work‘. Wir brauchen eine Vielfalt von Methoden und Ansätzen, die für bestimmte Menschen in bestimmten Kontexten von Familien-, Berufs- und Erziehungsherkunft geeignet sind.

Nach unserer Erfahrung in England in den letzten zwanzig Jahren haben wir gelernt, dass es einige wichtige Grundsätze für effektive Erwachsenenkatechismen gibt:

  • Wir müssen Gelegenheiten bieten, wo Menschen den christlichen Glauben ohne Verlegenheit untersuchen und auch kritisch befragen dürfen
  • Wir dürfen nicht vorschnell darüber urteilen, was die Menschen glauben, verstehen oder wissen
  • Wir müssen kleine Gruppen ermöglichen, wo die Menschen sich wohlfühlen – wo sie sich frei fühlen, offen zu sprechen, Dialog zu treiben und ehrliche Fragen zu stellen
  • Wir müssen dort anfangen, wo die Menschen sind – und nicht wo wir denken, dass sie sein sollten
  • Wir müssen Menschen wie Erwachsene behandeln…
  • Menschen entspannen, wenn es Essen und Trinken gibt
  • Erwachsenenkatechumenat läuft langsam. Die meisten Menschen brauchen eine lange Zeit, um zum Glauben zu kommen oder im Glauben zu wachsen

Ich möchte dies anhand einer persönlichen Erfahrung illustrieren. Von Mai 1992 bis April 2000 war ich Pfarrer in Rothley. Die Kirche existiert dort seit 860 nach Christus. Mein Auftrag war es, die Menschen zu erreichen, die nicht in die Kirche kamen. Ganz am Anfang meiner Zeit als Pfarrer habe ich eine Entscheidung getroffen, die die Wahrnehmung der Kirche ziemlich veränderte….

In diesem Dorf (mit ungefähr 6000 Einwohnern) gibt es fünf Pubs. Wunderbar! Was für eine schwere Belastung war meine Arbeit! Jedes Lokal hat seinen eigenen Charakter und seine ganz eigene, um nicht zu sagen: eigenartige Klientel. An einem Montag ging ich in das ‚old village‘ Pub – the Old Crown -, wo zwei Männer Billard spielten. Sonst niemand. Ganz leer. Ich sprach mit dem Wirt und fragte ihn: ‚ Es ist fast leer heute Abend. Ist es immer so?‘ ‚Es ist Montag,‘ sagte der irritierte Mann. ‚Ist es immer so am Montag?‘ fragte ich. Der Wirt schaute mir in die Augen und sagte: ‚Es ist Montag. Das heißt nach dem Wochenende!‘ Ich dachte einen Moment nach und fragte ihn: ‚Darf ich den Pub am Montag in drei Wochen haben – und ich verspreche, dass viele Menschen kommen werden?‘ ‚Du möchtest das private Zimmer hinter der Bar haben, oder?‘ ‚Nein,‘ sagte ich, ‚ich will den ganzen Pub haben.‘ Endlich stimmte er zu.

Zu dieser Zeit hatte ich nur eine Computergraphik: eine Bierpumpe. Halleluja! Ich machte einige Plakate und verteilten sie überall im Dorf: ‚Pump the Vicar in the Old Crown‘ (den Pfarrer in der Alten Krone anzapfen) – ‚pump‘ auf Englisch kann auch bedeuten: ‚jemandem viele Fragen stellen‘. Also: ‚Pump the Vicar in the Old Crown – um 20 Uhr, Montag den blah blah blah… Keine Tabus!’

An diesem Montag kamen fast 70 Menschen. Auch ein paar Journalisten sind gekommen, weil sie sich dafür interessierten. Um 20 Uhr stand ich auf (mit meinem Pint) und sprach nur fünf Minuten lang von Jesus. Ich sagte, dass es sich wirklich lohnt, als Erwachsener einen zweiten Blick auf Gott und Jesus Christus zu werfen. Ich sprach nur kurz, aber provozierend. Danach fingen wir an zu diskutieren. Was meinen Sie, um wie viel Uhr bin ich wohl nach Hause gekommen? Gegen 1 Uhr am Morgen. Danach haben wir regelmäßig ‚Pump the Vicar‘ organisiert.

Nachher sind einige Männer aus dem Dorf und der Kirche zu mir gekommen und sie fragten, ob wir eine Gruppe speziell für Männer schaffen könnten – im Pub. Diese Gruppe heißt ‚Men Behaving Acceptably‘ (Männer die sich akzeptabel verhalten) – damals gab es eine populäre Fernsehsendung ‚Men Behaving Badly‘… ‚Men Behaving Acceptably‘ wurde als ‚MBA Gruppe‘ bekannt! Die Frauen hatten den Eindruck, dass diese Gruppe eine Geschäftsstudiengruppe war…

Ungefähr 120 Männer gehörten dieser Gruppe an – durchschnittlich kamen ungefähr 60 am ersten Montag jedes Monats. Aus dieser Gruppe entstanden Kurse zum Glauben… im Pub. Jeder Kurs dauerte nur sechs Wochen unter dem Titel: ‚Open to Question‘. Aus diesen Gruppen entstanden ‚Christian Basics‘ Kurse und – später – Kurse über Apologetik. Das heißt, dass wir dort anfingen, wo diese Männer wirklich waren – mit ihren Fragen und Vorurteilen und Missverständnissen. Dann gingen wir weiter und erklärten (immer in einem Kontext des Dialogs), was Christen glauben und warum… und wie Christen miteinander und in der Welt leben sollen und können. Viele Menschen (nicht nur Männer) sind zum Glauben, zur Taufe und zur Konfirmation gekommen. Es war keine Überraschung, dass die Kirchengemeinde wuchs und andere Menschen in den Gottesdienst kamen, um herauszufinden, was in dieser Kirche los war. In diesen Gruppen haben wir viel geredet… und viel gelacht. Und ziemlich viel getrunken.

Die Hauptsache ist, dass wir dort anfangen, wo die Menschen wirklich sind. Der Alpha-Kurs ist gut bekannt. Der Emmaus-Kurs ist komplizierter. Sie sind auf verschiedene Menschen ausgerichtet. Und sie sind nicht in Konkurrenz zu einander. Sie bieten alternative Ansätze. Und in England gibt es viele solcher Kurse.

Ich möchte mit einem kleinen Blick in die Bibel schließen. In den Evangelien scheint es so: Statt einen Vortrag oder eine Erklärung abzugeben, stellt Jesus oft eine einfache Frage: „Was willst du, dass ich für dich tun soll? (zu dem blinden Bettler Bartimäus im Markusevangelium Kapitel 10). Oder im Lukasevangelium Kapitel 24, wo zwei Jünger nach Emmaus gehen und „sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen… Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs?“ Jesus geht mit ihnen. Er lässt sie ihre Geschichte auf ihre Weise erzählen. Erst dann, wenn sie zum Ende gekommen sind, stellt er ihnen die Frage: ‚Darf ich jetzt diese Geschichte anders erzählen?‘

Jesus beginnt dort , wo wir sind. Er weiß, dass wir die Verantwortung für unsere Begegnung mit Jesus übernehmen müssen – dass wir unsere eigenen Entscheidungen im Blick auf die Forderungen Jesu treffen müssen. Jesus hat niemals jemanden dazu verführt, blinder Nachfolger zu werden.

Kurse zum Glauben helfen uns, als Christen zu wachsen und erwachsen zu werden – aber sie zwingen uns zugleich, neue Wege zu finden, um ehemalige Christen oder Agnostiker vertrauensvoll wieder zum Gespräch über Gott und die Bedeutung des Lebens zu bringen.

Aber immer mit Essen und Trinken.