This year’s Kirchentag ended yesterday as tens of thousands of people got fried under the sun at Martin Luther’s Wittenberg.

I am staying on for a further week in Berlin (with my wife and friends who live here). So, today we went to visit the house where the infamous Wannsee Conference was held on 20 January 1942 – the meeting of Nazi leaders where they formulated the ‘Final Solution to the Jewish Question’ (die Endlösung zur jüdischen Frage).

It is a beautiful and peaceful place. One of the Nazi leaders present went by the name of Dr Martin Luther. Irony was not something with which the Nazis were familiar or comfortable.

The theme of the Kirchentag was the words of the slave woman Hagar, mother of Ishmael, spoken in the desolation of the desert, having been banished by her husband’s wife: “You see me”.

The Wannsee Conference is what happens when people think they are not seen – that they are unaccountable and can get away with murder. Literally.

This is the text of this morning’s Bible Study in Jena as contribution to Kirchentag auf dem Weg. (I don’t have time to translate it, but will try to do a summary later.)

Kirchentag auf dem Weg, Jena, 27 Mai 2017
Bibelarbeit

Esau versöhnt sich mit Jakob: Genesis 33:1-17

Gleich am Anfang dieser Bibelarbeit möchte ich drei Fragen stellen. Oberflächlich scheinen diese Fragen ziemlich einfach zu verstehen, aber, wie wir langsam entdecken werden, sind sie in der Realität irgendwie komplizierter.

Die erste Frage heißt: wie wichtig sind Gesichter?

Die zweite Frage heißt: wann sollten wir mit Gott und mit uns selbst kämpfen?

Und die dritte Frage heißt: wie kann ich entdecken, was für einen Segen Gott mir geben will?

In einigen Minuten kommen wir zu diesen Fragen zurück. Aber zuerst müssen wir über Familienverhältnisse, Geschwister und Schmerz nachdenken.

Ich habe zwei Brüder und zwei Schwestern: Ich trage die Narben des Familienlebens. Ich bin in Liverpool aufgewachsen; zumindest war der Fußball gut.

Als ich ein Kind war, spielten wir ein Kartenspiel namens Happy Families. Bei diesem Spiel kämpften wir regelmäßig miteinander. Meine Familie war trotzdem glücklich. Aber als ich älter wurde, begann ich zu erkennen, dass nicht alle Familien glücklich sind. Wie wir auf Englisch sagen: “Du kannst deine Freunde wählen, aber deine Familie nicht.“

Wenn wir über Familienspannungen oder -probleme sprechen, denken wir zum Beispiel an Ödipus und seine Mutter – oder an Romulus und Remus. Dostojewski beschreibt in seiner Darstellung der Brüder Karamasow die Herausforderungen des brüderlichen Konflikts. Aber es war Sigmund Freud, der anfing, darüber nachzudenken, was er “Geschwister-Rivalität” nannte und damit viele psychologische, verhaltens- und soziale Probleme im Boden der wettbewerbsfähigen Brüder und Schwestern verwurzelte. Es ist in diesem Zusammenhang, dass wir normalerweise über die Spannung und Rivalität zwischen Jakob und Esau nachdenken.

Geschwister-Rivalität ist immer unangenehm. Zu oft – und besonders in der Kirche – nehmen wir Bilder des Familienlebens an, die harmonisch, liebevoll und großzügig sind; dennoch ist für viele Menschen die Familie eine Quelle von Spannung, Enttäuschung und Angst – sogar von Gewalt. Im Vereinigten Königreich müssen zu dieser Zeit fast 60,000 Kinder vor Missbrauch geschützt werden.

Aber in unserer Bibellesung treffen wir Jakob und Esau. Zwei Brüder, die einander so sehr „lieben“, dass ihre Namen häufig mit Betrug, gebrochenen Beziehungen, Groll und der Menge der Behaarung verbunden sind. Von den gleichen Eltern abstammend, ist diese Familie so dysfunktional, dass sie nach Bevorzugung, versteckten Angeboten und Lügen riecht. Nach Jahrzehnten der Auseinandersetzung suchen die beiden Brüder schließlich Versöhnung, aber dies mit unterschiedlichen Annahmen darüber, wie der andere antworten wird.

Und bevor wir weiter gehen, möchte ich noch eine weitere einfache Frage stellen, auf die ich die Antwort nicht kenne. Der Titel dieser Bibelarbeit ist “Esau versöhnt sich mit Jakob”; warum nicht: “Jakob versöhnt sich mit Esau”?

Der ehemalige Oberrabbiner Lord Jonathan Sacks glaubt, dass die Geschwister-Rivalität uns die passende – die richtige – Linse liefert, durch die wir nicht nur die Welt betrachten und verstehen können, in der wir derzeit leben – denke an den sogenannten „Islamischen Staat“, Israel-Palästina und so weiter -, sondern auch einige der biblischen Texte, die für unser Verständnis der Bibel und die Grundaussagen unseres Glaubens am wichtigsten sind. Nicht in erster Linie die Beziehung zwischen Eltern und Kind, sondern zwischen Bruder und Bruder, Schwester und Schwester, Schwester und Bruder.

In seinem wichtigen Buch Nicht in Gottes Namen überprüft Jonathan Sacks die Geschichten von Genesis, und zieht einige sehr interessante Schlussfolgerungen daraus. Dann wendet er diese Schlussfolgerungen auf einige der dringlichsten Rivalitäten der Welt an: Israeliten und Palästinenser, Muslime und Juden, und so weiter. Was wirklich liegt im Kern solcher gewalttätigen und konkurrenzhaften Beziehungen? Woher kommt der Hass? Welche sind die Erzählungen – oft bloß angenommen, anstatt artikuliert -, die das Selbstverständnis der Menschen gestalten, die ihren Nachbarn töten würden, um Recht zu behalten oder ihre Rechte zu behaupten? Warum werden eine gemeinsame Menschlichkeit und eine respektvolle menschliche Gegenseitigkeit so leicht durch einen Überlegenheitsdrang vertrieben?

Wir werden zu diesen Fragen gleich zurückkommen, aber zuerst müssen wir die Geschichte überdenken, in der sich unser Text – die Versöhnung von Jakob und Esau – befindet. Und wenn wir diese Grundgeschichten unseres Glaubens wieder betrachten, können wir vielleicht die Worte des irischen Dramatikers George Bernard Shaw bedenken, der sagte: “Wenn Sie das Familienskelett nicht loswerden können, dann können Sie es auch tanzen lassen.”

Nun, bevor wir das tun, lasst mich eine Randbemerkung machen. Ich habe vor einigen Jahren bemerkt, dass Prediger zu oft Predigten über isolierte Passagen halten, ohne diese Passage in ihren größeren Kontext zu setzen – das ist ein bisschen wie ein Fragment eines Gemäldes anzuschauen, ohne das ganze Bild zu zeigen, in das es passt und was ihm Sinn gibt. Also habe ich angefangen, die Geschichte der ganzen Bibel in einer Minute zu erzählen (wobei ich natürlich ein paar Details weglassen muss). Wenn ich in England in der Gemeinde sage, dass ich das jetzt tun werde, sehen sie mich mit herausfordernden Augen an. Als ich das zum ersten Mal in deutscher Sprache im Berliner Dom sagte, schauten hunderte Deutsche ihre Armbanduhr an. Am Ende des Gottesdienstes schüttelte ich die Hände von Hunderten von Leuten, die mir fröhlich mitteilten, dass meine Erzählung eine Minute vier Sekunden gedauert hatte. Ich fragte mich, wie lautet die deutsche Übersetzung vom englischen ‘get a life’?

Die traditionelle Geschichte von Jakob und Esau geht so:

Isaak, der Vater ist alt und blind. Seine Frau hat einen Lieblingssohn, Jakob, aber er ist der zweite Sohn und hat daher keinen Anspruch auf das Erbe, wenn Isaak stirbt. So überzeugt sie Jakob, seinen Vater zu täuschen und den Segen zu beanspruchen, der seinem älteren Bruder Esau übertragen werden sollte. Vater Isaak wird getäuscht, Jakob bekommt den Segen, Esau geht leer aus, da ist eine riesige Menge an Elend und Wut, und die Familie ist zerrissen. Jahrzehntelang sehen sich die Brüder nicht. Sie heiraten, haben ihre Familien, machen ihr Geschäft und halten sich auseinander. Dann, eines Tages, versuchen sie, alles aufzuholen. Sie versöhnen sich miteinander.

Aber, ich stelle die Frage: geht die Geschichte wirklich so?

Wir sind mit einer bestimmten Erzählung des Segens vertraut – eine Erzählung, die man auf Englisch nennt: Either-Or (Entweder-Oder). Wenn Abel gesegnet ist, dann kann Kain nicht gesegnet sein. Wenn Isaak gesegnet ist, dann muss Ismael verflucht sein. Wenn Jakob den Segen stiehlt, dann ist Esau dessen beraubt worden. Es kann nur einen Gewinner geben – was wir in englischer Sprache “a Zero-sum game” (ein “Nullsummenspiel”) nennen, in dem, wie Abba es so merkwürdig ansah, “der Sieger alles nimmt” (“The winner takes it all”).

Aber ich möchte heute Morgen vorschlagen, dass dies ein Missverständnis des Textes darstellt.

Also jetzt müssen wir zum Anfang zurück gehen, und den Kontext beschreiben, in den die Versöhnung von Jakob und Esau passt. Das dauert länger als eine Minute. Und die Geschichte geht so:

Gott schafft alles, was ist, und denkt, es ist wunderbar. Die Welt wird geschaffen, um fruchtbar zu sein – eine Welt, die sich schafft – und Gott segnet zuerst die Lebewesen der Luft und des Wassers (1:22, der fünfte Tag), dann als nächstes Tiere und Menschen (1: 24-31, der sechste Tag).

Wie ihr wisst, gibt es zwei Schöpfungserzählungen in der Genesis, und sie erzählen die gleiche Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln. Hier lesen wir Poesie und Metapher, die sich mit der ewigen Frage beschäftigt, die das menschliche Bewusstsein verfolgt: warum bin ich – warum sind wir – eigentlich hier, und was ist der Sinn der menschlichen Existenz? Der Punkt ist, dass Gott seine Schöpfung liebt und sie segnet. Aber die Freiheit bringt immer ein Risiko mit sich. Die Freiheit der Erde, fruchtbar zu sein, bedeutet auch, dass Zellen mutieren. Die Freiheit des Menschen, Gott, die Welt und andere Menschen zu lieben, bedeutet auch, dass sie den Hass wählen dürfen. Das Ergebnis ist die Möglichkeit, die die Bibel “Sünde” nennt.

Dann, in Genesis Kapitel 4, begegnen wir der ersten Familienbeziehung, und es ist kein Modell von Harmonie, Freude, Liebe und Frieden. Unsere erste Familienerfahrung ist ängstlich: Rivalität, Konkurrenz, Eifersucht, Reibung, Wut, Gewalt.

Nun, wenn ich gebeten werde, ein “biblisches Modell der Familie” zu wahren, muss ich fragen, ob dies eingeschlossen ist.

Kain und Abel, die zwei Söhne von Adam und Eva. Kain ermordet seinen Bruder Abel. Als nächstes vertreibt Gott Kain aus dem Land und die Menschen werden ruhelos wandern – immer unterwegs, und verfolgt von der Vergangenheit. Und doch … und doch … Gott schützt den Sünder: “Der Herr legte ein Zeichen auf Kain, damit niemand, der auf ihn kam, ihn töten würde.” (4:15) (Leider haben wir jetzt keine Zeit, um zu erforschen, was der französische Jurist und Theologe Jacques Ellul in seinem wunderbaren Buch von 1962 “Die Bedeutung der Stadt” nannte – was es bedeutet, “eine Stadt zu bauen”, die in einer ansonsten konturlosen Wüste der menschlichen Existenz ein Gefühl von Zugehörigkeit und Bedeutung gibt.) Aber, wie die Geschichte entfaltet, sind wir mit einem total unsentimentalen Bild vom Menschen konfrontiert, das sich weigert, von der zerstörerischen Kraft des Neides, der Rivalität, der Freiheit und der Sünde wegzuschauen.

Ihr kennt schon die Geschichte von Noah und der großen Flut. Zum Schluss segnet Gott noch einmal, und macht einen Bund mit den Menschen und der Erde. Aus der Zerstörung kommt Erlösung und Hoffnung. Aber es verlangt von den Menschen auch, dass sie der ursprünglichen menschlichen Verpflichtung treu bleiben, “fruchtbar zu sein und sich zu vermehren”. Zu diesem sogenannten “kulturellen Mandat” gehört auch eine relationale Verpflichtung – eine Forderung nach Treue und Kreativität für das Gemeinwohl der Welt.

Und jetzt nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung. Kapitel 12 beginnt mit der Erzählung, die sich noch einmal auf ein einziges Paar konzentriert. Zuerst waren es Adam und Eva, jetzt sind es Abram und Sarai. Gott macht ihnen ein scheinbar lächerliches Versprechen (12: 2-3) und segnet sie. Kein Wunder, dass, wie die Geschichte fortschreitet, sowohl Abram als auch Sarai mehrmals über Gott lachen.

Und hier wird die Vorstellung des Landbesitzes wichtig. Adam wurde der Garten gegeben, Kain wurde in die Wüste verbannt, alles Land wurde unter Noah sauber gewaschen. Aber als die Geschichte wieder neu beginnt, geht es schon wieder um Gott und die Menschen, die in einem Bund zwischen Gott, den Menschen und der Erde gesegnet werden. Den Menschen wird von Gott geboten, das Land unter Gott zu kultivieren, immer um des Gemeinwohls willen. Wenn es Hungersnot in meinem Land gibt, kann ich in ein anderes Land ziehen und dort Segen und Sicherheit suchen. Das Land gehört immer Gott.

Aber alles geht schief. Es gibt schlechte Menschen in der Welt. Und Abram wird durch das lachhafte Versprechen verfolgt: Gottes Welt wird durch ihn gesegnet. Segen und Fruchtbarkeit, aber keine Kinder und keine Zukunft.

Wer annimmt, dass die Bibel religiöse Phantasie repräsentiert, um die Menschen über die Realität einer harten Welt hinweg zu trösten, hat klar den Text niemals gelesen.

Und dann kommt die Überraschung: Gottes Segen hängt davon ab, dass Sarai Kinder hat – aber sie ist unfruchtbar. Sarai will nicht noch länger warten, und gibt Abram ihr ägyptisches Sklavenmädchen Hagar, und Hagar ist fruchtbar. Das Verhältnis der Macht zwischen Sarai und Hagar ist gebrochen und Hagar wird in die Wüste vertrieben, wo sie zugibt, dass sie davonläuft und nicht dahinläuft. Aber der Engel des Herrn sagt, sie solle zurückkehren und sich wieder Sarai unterwerfen.

Allerdings liegt der Schlüssel in dem folgenden Vers (16:10): “Der Engel des Herrn sprach zu ihr: “Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können.” Ismael, ihr Sohn, wird eine besondere Berufung in der Welt haben. Nicht die gleiche Berufung wie sein noch unbekannter Halbbruder Isaak, sondern eine von Gott gegebene Berufung.

Nach einer ganzen Reihe von Kapiteln über diese Eltern geht eines Tages Sarai zum Sozialdienstbüro, um ihre Rente abzuholen, aber kommt mit ihrem Mutterschaftsgeld zurück: Ihr Junge ist endlich geboren. Und nach 21:9 hat sich der Teenager Ismael mit dem kleinen Halbbruder Isaac gut verstanden – und anstatt dies zu feiern, wird Sarai eifersüchtig.

Die Worte von Sarah müssen beachtet werden: “Der Sohn dieser Sklavenfrau soll nicht erben mit meinem Sohn Isaak (21:10).” Das ist es: Wettbewerbsfähigkeit; Nachteil gegen den anderen; Entweder-oder; Der Gewinner nimmt alles.

Aber Gott sagt Abraham: “Nach Isaak soll dein Geschlecht genannt werden. Aber auch den Sohn der Magd will ich zu einem Volk machen, weil er dein Sohn ist. “(21:13) Und Gott spricht zur verstörten und verbannten Hagar: ” Gott hat die Stimme des Knaben dort gehört, wo er liegt… Ich will ihn zum großen Volk machen.” (21: 17-18)

Versteht ihr? Beide werden gesegnet. Der Schriftsteller von Genesis erzählt uns etwas Subtiles – etwas, das die normalen menschlichen Annahmen über Segen und Fluch überschreitet.

Wir haben nicht genug Zeit, die Episode anzupacken, als Abraham seine Bereitschaft zeigt, seinen Sohn, Isaak, zu opfern. Aber noch einmal hören wir Gottes Versprechen an Abraham über Isaak: “Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, will ich dich segnen und deine Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; und durch deine Nachkommen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast. “(22: 16-18) Die Nachkommen von Isaak werden ein Segen für die Welt sein. Gott verspricht nicht Reichtum und Wohlstand, sondern dass dieses Volk eine Quelle sein wird – ein Transportmittel – zum Segen für andere.

Also geht die Geschichte weiter. Sarah stirbt, Isaak geht auf die Jagd nach einer Frau, alles klappt, und Rebekka bekommt einen Mann, der sie liebt (24:67) – das war gut, weil er seine Mutter vermisst hatte. Der alte Mann Abraham heiratet wieder, dann stirbt er.
Nun endlich kommen wir zu der Geschichte von Esau und Jakob. Aber nachdem wir die Geschichte auf diese Weise untersucht haben, können wir jetzt den Rahmen sehen, in den die Geschichte der beiden Brüder passen wird: Beide können gesegnet werden, aber sie werden nicht denselben Segen bekommen.

Seid ihr noch da?

Die Geschichte von Esau und Jakob ist eine Geschichte von Betrug, Verrat und dem falschen Anspruch auf das, wozu Jakob nicht berechtigt ist – weil er den Segen eines anderen haben will, und nicht den Segen, der ihm gehört: Verkaufe mir dein Geburtsrecht für eine Schüssel Suppe. Der blinde Vater Isaak segnet den falschen Sohn.

“Siehe, der Geruch meines Sohnes ist wie der Geruch des Feldes, das der Herr gesegnet hat. Gott gebe dir vom Tau des Himmels und vom Fett der Erde und Korn und Wein die Fülle. Völker sollen dir dienen, und Stämme sollen dir zu Füßen fallen. Sei ein Herr über deine Brüder, und deiner Mutter Söhne sollen dir zu Füßen fallen. Verflucht sei, wer dir flucht; gesegnet sei, wer dich segnet! “(27: 27-29)

So hat Jakob den Segen erhalten, der für seinen Bruder bestimmt war.

Dann kommt Esau herein, entdeckt den Betrug und ist verstört. “Vater: Segne mich auch, mein Vater!”, ruft er (27:34). “Hast du mir denn keinen Segen vorbehalten?” (27:36) “Hast du denn nur einen Segen, mein Vater? Segne mich auch, mein Vater! “(27:38) Und Esau weinte. Und warum eigentlich nicht. Seine Welt ist zu Ende. Sogar seine Identität wird jetzt in Frage gestellt.

Aber bemerkt ihr das, was in 27:39-40 folgt, wie sein Vater auf die Klage des beraubten Sohnes antwortet: “Siehe, du wirst wohnen fern vom Fett der Erde und fern vom Tau, der vom Himmel kommt. Von deinem Schwerte wirst du dich nähren, und deinem Bruder sollst du dienen. Aber es wird geschehen, dass du einmal sein Joch von deinem Halse reißen wirst.” Diese Ungerechtigkeit, ohne Flucht vor ihren Implikationen und Konsequenzen, ist nicht das Ende der Geschichte, Esau. Segen gibt es noch.

Die Brüder gehen ihre verschiedenen Wege. In ihren Ehen klingt etwas wider von Isaak und Ismael (28:1-9).

Aber das ist die Geschichte von dem, was passiert, wenn jemand seinen eigenen Segen – seine eigene Berufung – nicht akzeptieren will, und sich nach dem Segen eines anderen sehnt – in der Regel eines anderen, der eng mit ihm verwandt ist. Der Fokus liegt auf Jakob, nicht auf dem verletzten Esau. Nach einigen Jahrzehnten nach der Trennung hat Jakob einen Traum, in dem wir die Begriffe von Gottes Segen beachten sollten:

“Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.” (28:13-15)

Und Jakob wusste, dass dieser Segen nicht der war, den er von Esau gestohlen hatte. Esau sollte Reichtum haben und das Land besitzen; Jakob sollte die Quelle des Segens aller Völker werden. Das heißt zwei verschiedene Segen.

Jakob heiratet dann zwei Schwestern unter merkwürdigen Umständen, und noch einmal gibt es Geschwister-Rivalität über Fruchtbarkeit. Schon wieder.

Während der Jahre mit seinem Schwiegervater Laban und seinen Frauen bekommt er viele Kinder und viel Reichtum. Er täuscht auch seinen Schwiegervater (30: 37-43). Jakob kann man nicht vertrauen. Er würde nicht für das Ordinationstraining in der Kirche von England ausgewählt werden. Aber hier ist der Punkt, dass der gestohlene Segen erfüllt ist, obwohl er gestohlen wurde. Gott ist seinen Versprechen in einer kompromittierten Welt treu, die von kompromittierten Menschen bewohnt wird.

Jakob flieht mit diesen Frauen und Kindern – und mit den Sachen, die Rachel von ihrem Vater Laban gestohlen hat. Es folgen weitere Täuschungen. Laban findet die Familie, fordert Jakob über die Diebstähle heraus, und Jakob antwortet mit einem Haufen von selbstmitleidigen, selbsterklärenden emotionalen Erpressungen. Jakob und Laban trennen sich.

Nun kommen wir zu unserer Geschichte und fast zu dem Text vor uns. Jakob schickt seine Boten, um Esau zu finden und um ein Treffen zwischen den beiden längst entfremdeten Brüdern vorzubereiten. Jakob kann der Last seiner Täuschung nicht mehr ausweichen. Die Boten kehren zurück und sagen ihm, dass Esau kommt, um Jakob zu treffen, und er bringt vierhundert Männer mit ihm. Natürlich geht Jakob davon aus, dass sie Gewalt im Sinn haben. So antwortet er taktisch, um die Zerstörung zu minimieren – er teilt seine Familien und Waren in zwei Gruppen auf, so dass, wenn eine Gruppe vernichtet wird, die andere eine Chance hat zu überleben und sein Geschlecht fortzusetzen.

Und hier, in 32: 9-12, kämpft er mit dem theologischen Problem, wie Gottes Verheißung erfüllt werden kann, wenn er und seine Familie ausgelöscht werden sollten. Aber wir bemerken, dass der Segen, den er zitiert, derjenige ist, der ihm im Traum zukam, und nicht der, den er von Esau gestohlen hat. Dieser Segen geht darum, dass er die Welt segnen wird … und nicht selbst reich und mächtig werden sollte. Die Geschichte bekommt jetzt einen Sinn. Und Jakob, der immer noch davon ausgeht, dass andere Leute – insbesondere Esau – genauso verrückt sind wie er selbst, versucht, Esau zu beschwichtigen, indem er ihm Geschenke von seinem Reichtum gibt.

Und dann, nachdem er sein Volk vor sich her geschickt hatte, (vielleicht wollte er ein bisschen Zeit ohne Familie?) hat er eine zweite seltsame Begegnung. Der Traum war bedeutsam, aber hier kämpft er mit einem Unbekannten, der ihn verwundet, aber schließlich gesegnet zurück lässt. Jakob sagt ihm: “Ich will dich nicht gehen lassen, wenn du mich nicht segnest.” (32:26) Dann sagt der anonyme Kämpfer: “Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel, denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft, und hast gewonnen. “(32:28)

“Gewonnen”? Aber wie? Was bedeutet das? Und warum durfte Jakob dann den Fluss überqueren, um seinen Bruder zu treffen? Vielleicht deswegen, weil Jakob, der seit so vielen Jahrzehnten mit Gott und sich selbst kämpfte, weil er den Segen von seinem Bruder gestohlen hat, nun bereit ist, den Segen und die Berufung zu übernehmen, die für immer für ihn bestimmt war. Er hat eine Lüge gelebt – ein zweitbestes Leben gelebt, als er versuchte, der Mensch zu sein, der er gar nicht sein sollte. Nicht nur hat er seinem Bruder dessen Berufung beraubt, sondern er hat sich auch selbst verleugnet. Und an dem Punkt, an dem er das realisiert und sich damit auseinandersetzt, weiß er (in den Worten von 32:30), dass er das Gesicht Gottes gesehen hat, und hat trotzdem überlebt.

Also, nach all dieser Zeit kommen wir schließlich zu unserem Stückchen der Geschichte – eine Geschichte, die keinen Sinn machen würde ohne das Detail und die Erzählung, die ich gerade skizziert habe.

33: 1-3: Jakob verbeugt sich siebenmal auf den Boden vor Esau – ein Akt der Unterwerfung vor der Macht des anderen. Mit anderen Worten, Jakob gibt Esau den Segen, der immer Esau gehörte: Er verbeugt sich und erkennt in Esau die Person, deren Segen es war, Reichtum zu haben und Macht auszuüben. Jakobs Segen und Berufung war anders und wurde nun schließlich von ihm angenommen. Und es ist Esau, der vor Freude und Verwirrung überrascht ist. Anders als der ältere Bruder des verlorenen Sohnes, freut er sich, dass die Entfremdung vorbei ist, dass der Bruder zurückgekehrt ist. Esau lehnt die Geschenke ab, aber für Jakob ist es wichtig, sie ihm zu geben … und Esau akzeptiert schließlich. Herden bedeuten Reichtum. Dann trennen sie sich wieder.

Und die Geschichte geht weiter.

Nun, was sollen wir daraus machen? Und warum habe ich euch gesagt, was ihr für euch selbst lesen könntet?

In dem ausgezeichneten Buch, auf das ich am Anfang verwiesen habe, betrachtet Jonathan Sacks diese Texte im Zusammenhang mit dem Versuch, besser zu verstehen, wie wir das Problem der religiösen Gewalt in der heutigen Welt ansprechen könnten. Simplistische Annahmen, dass Israel-Palästina und Judentum-Islam die Grundlage ihrer Feindschaft in ihren heiligen Texten finden, müssen durch eine bessere Lesung dieser Texte herausgefordert werden. Er lädt uns ein, sie durch eine andere Linse zu lesen. Und diese Linse hat mit der Bedeutung des Wortes ‘Segen’ zu tun. Mit Bezug auf die Geschwister-Rivalität, wie sie von Freud und Girard (“mimetisches Verlangen”) verstanden wird, sieht er eine zentrale Rolle im menschlichen Konflikt als “der Wunsch, das zu haben, was dein Bruder hat oder gar, was dein Bruder ist”. (S. 90)

Und, so schlägt er eine Lesart vor, nach der der Islam, das Christentum und das Judentum lange in einer gewalttätigen, manchmal tödlichen Umarmung eingeschlossen waren. “Ihre Beziehung ist Geschwister-Rivalität, voller mimetischer Wünsche (laut Girard): das Verlangen nach dem gleichen [Segen], Abrahams Versprechen”. (S.98)

Ismael wird von Gott gesegnet werden (15: 5, 16: 9-10, 21: 12-13, 21: 17-20). Israel ist ursprünglich für ein bestimmtes Schicksal bestimmt, aber “Gott hat gehört” Ismaels Stimme. (Wir merken, dass beide Söhne an Abrahams Grab stehen -in 25: 8-9.)

Die Geschichte von Jakob und Esau unterstreicht unser Verständnis von Gott und den Schriften. “Sobald wir das Geheimnis Jakobs dekodiert haben, wird unser Verständnis von Bund und Identität für immer verändert werden.” (S.125)

Jakob musste selbst den Segen empfangen, den Gott für ihn bestimmt hatte. “Er musste er selbst sein, kein Mensch der Natur, sondern einer, dessen Ohren auf eine Stimme jenseits der Natur abgestimmt waren, der Ruf Gottes, für etwas anderes als Reichtum oder Macht zu leben, nämlich für den menschlichen Geist als den Atem Gottes, und die Menschenwürde als das Bild Gottes”. (S.137)

Das heißt: Jakob erkennt, dass der Segen, den er von Esau genommen hat, tatsächlich nie für ihn bestimmt war, und er gibt ihn zurück. In der Vergangenheit wollte Jakob Esau sein. In der Zukunft wird er nicht darum kämpfen, Esau zu sein, sondern er selbst. In der Vergangenheit hielt er Esaus Ferse. In der Zukunft wird er sich an Gott festhalten. Er wird ihn nicht loslassen; und Gott wird Jakob nicht loslassen. “Lass Esau los, damit du frei sein kannst, Gott zu halten.” Jonathan Sacks schreibt: “Frieden kommt, wenn wir unsere Reflexion im Angesicht Gottes sehen, und den Wunsch, jemand anderes zu sein, loslassen.” (S.139)

Also müssen wir nicht vortäuschen, jemand anders zu sein, um den Segen Gottes zu bekommen. Wir werden von Gott geliebt für das, was wir sind, nicht für das, was jemand anderes ist. Wir haben alle unseren eigenen Segen.

Am Anfang dieser Bibelarbeit stellte ich drei Fragen. Jetzt kehren wir zu diesen Fragen zurück.

Erstens, wie wichtig sind Gesichter?

Gesichter sind sehr wichtig. Bei Peniel (32: 22-32) behauptet Jakob, Gott von “Angesicht zu Angesicht” gesehen zu haben. Als er später seinen Bruder trifft, sagt er: “Ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht, und du hast mich freundlich angesehen ” (33,10). Der deutsche Theologe Gerd Theissen bemerkt, dass dreimal in dieser Geschichte das Zeichen der Versöhnung ist, die Freiheit, “von Angesicht zu Angesicht” zu sehen. Und bevor Jakob seinen entfremdeten Bruder wieder trifft, sagt er (nach dem hebräischen): “Vielleicht kann ich sein Gesicht mit dem Geschenk abdecken, das vor meinem Gesicht geht; Und danach werde ich sein Gesicht sehen; Vielleicht wird er mein Gesicht aufheben.” In dem Gesicht seines Bruders sieht er das Gesicht von Gott – ein Gesicht, das er schon vorher in einem Traum und am Ufer des Jabbok gesehen hatte. In dieser Versöhnung findet Jakob den Frieden, weil er nun – schließlich – erkannte, dass Gott ihn kennt und liebt und segnet … als Jakob und nicht als Esau.

Die zweite Frage: wann sollten wir mit Gott und mit selbst kämpfen?

Wir sind in unseren Entfremdungen dazu berufen, mit Gott zu kämpfen – wie auch die Psalmisten immer die Wahrheit aussprachen, und nie versuchten, die Wahrheit vor Gott zu verbergen. Gleichgültigkeit ist die größte Sünde. Kämpfen heißt, Gott und sich selbst ernst zu nehmen. Diese Erfahrung – der Kampf mit Gott und mit mir – ist nie leicht, und ich werde immer irgendwie verwundet werden. Aber dort liegt auch der Segen.

Wir werden immer unruhig sein in einem Haus, das nicht unser ist, wenn wir die Berufung nicht akzeptieren können, die Gott für uns beabsichtigt hat. Wenn wir nach dem streben, was anderen gehört, ist es, als ob wir uns und unsere Kinder zu Feindschaften und Konflikten und Eifersucht verurteilen, aus denen wir und sie zu oft nicht entkommen können.

Und die dritte Frage: wie kann ich entdecken, was für einen Segen Gott mir geben will?

Ich kann damit anfangen, anzuerkennen, dass Gott mich liebt, und dass Gott auch meinen Bruder liebt. Wir beide können gesegnet werden. Es soll keinen Kampf geben.

Aber diese Geschichte von Jakob und Esau ist kein romantischer Hollywood-Film. Die Brüder trennen sich noch einmal. Die Versöhnung war kräftig, aber sie ist nie vollständig. Das Leben geht immer weiter.

This is the text of last night’s sermon from the stage on the Marktplatz in Halle, Germany, in the Ascension Day ecumenical service to kick off Kirchentag auf dem Weg. 

Kirchentag auf dem Weg, Halle, 25 Mai 2017

Predigt

„Du siehst mich.“ (1 Mose 16:13)

Sind diese drei Worte eine Drohung oder ein Versprechen? Als Adam und Eva merkten im Garten, dass sie nackt waren, hatten sie sofort Angst. Gott kann alles sehen. Wir sind transparent.

Vielleicht gibt es eine andere Frage: Gott sieht mich, aber wie siehe ich Gott? Heute feiern wir auch Christi Himmelfahrt, und ich möchte jetzt versuchen, diese Frage mit Bezug auf dieses seltsame Ereignis zu beantworten.

Als meine Kinder noch klein waren, fuhren wir aus dem Norden Englands nach Traun bei Linz in Österreich, um dort mit Freunden zwei Wochen Urlaub zu machen. Einige Dinge haben diesen Urlaub unvergesslich werden lassen – nicht zuletzt der vierzigste Geburtstag meiner Frau im Mauthausener Konzentrationslager … was beweist, was für ein toller Romantiker ich bin. Aber zwei andere Erinnerungen zeichnen sich aus: erstens, mein jüngster Sohn, der ungefähr zehn Jahre alt war und gar kein Wort Deutsch kannte, war erstaunt, wie riesig groß die Stadt ‘Ausfahrt’ war, wie jedes Verkehrsschild auf der Autobahn darauf hinwies; die zweite war seine inzwischen in unserer Familie legendäre Frage: “Dad, warum sagen sie auf Star Trek immer wieder, ‘Beat me up, Scottie’?”

Ich weiß, dass das schon vor langer Zeit war, aber ich erinnere mich auch daran, dass alle drei Kinder immer wieder fragten – wie eine Schallplatte mit einem Sprung: “Sind wir bald da?” Es ist ein echtes Wunder, dass sie alle die Reise überhaupt überlebt haben. 1200 Kilometer. Ich freue mich sehr darüber, dass zwei von ihnen nun ihre eigenen Kinder haben und gleichermaßen von ihnen geplagt werden. Das heißt Gerechtigkeit … Rückzahlung.

Ich erzähle diese Geschichte nicht, um zu zeigen, dass die Briten den Begriff ‘Schadenfreude’ verstehen, auch wenn wir kein Wort dafür haben. Ich erzähle sie, weil sie illustriert, was wirklich im Hintergrund der Ereignisse vor sich geht, die wir den Himmelfahrt Jesu nennen. Die Freunde Jesu haben eine schwierige Reise erlebt – eine Reise voller Drehungen und Wendungen und unerwarteten Ereignissen; und nun wollen sie einfach wissen, ob sich die Reise dem Ende nähert – dass sie schon fast da sind. Sie wundern sich nicht über Star Trek, aber sie sind immer noch darüber verwirrt, was ihre Erfahrung mit Jesus tatsächlich bedeutet, und wohin die Reise weiter geht.

Die Freunde Jesu haben erlebt, wie ihr gewöhnliches Leben durch das seltsame und beunruhigende Verhalten und die Aussagen des Zimmermanns aus Galiläa total gestört worden ist. Vorher war das Leben klar und ihre Erwartungen waren ziemlich einfach: Sie lebten unter dem Druck der römischen militärischen Besatzungskräfte; sie sehnten sich nach und beteten für den Tag, an dem sie wieder frei werden; sie sahen sich als Gottes Volk, und sie warteten auf die Rechtfertigung Gottes, auf die Wiederherstellung der wahren Ordnung der Welt, auf die Erneuerung des jüdischen Volkes. Aber, trotz aller Hoffnungen und der Versprechungen von vielen Messias, dass sie schon fast da seien, ging das Elend weiter. Ihre Welt war von politischen Intrigen, religiöser Korruption und gesellschaftlichem Unbehagen geprägt. Mit den Worten des Psalmisten beteten sie ernsthaft: “Wie lange, O Herr, wie lange…?” Wie lange müssen wir noch warten, bis Du dich als der Herr im Himmel wie auf Erden zeigst?

Dann steht Jesus auf einem Berg – genauso wie Mose einmal auf dem Berg stand und die Zehn Gebote direkt von Gott erhielt (und froh war, dass es nur zehn und nicht zwanzig Gebote waren) – und Jesus fängt an, ein neues Licht des Verständnisses auf Moses zu werfen. Wie die Israeliten, die mit Mose nach dem Exodus vierzig Jahre durch die Wüste zogen, verbringt Jesus nach seiner Taufe vierzig Tage und Nächte in der Wüste, um dort ohne Ablenkung seine Prioritäten aussortieren zu können, und um seine Ernsthaftigkeit über die ihm bevorstehende Aufgabe zu prüfen . Gleich danach wählt er seine Freunde aus, und lädt sie ein, mit ihm den Strand entlang zu laufen und ein neues Leben voll von neuen Erfahrungen und neuen Gefahren zu beginnen. Aber es scheint, dass diese Reise mit Jesus auf einem anderen Berg – das heißt Golgotha – zum bitteren und tief enttäuschenden Ende gekommen ist … aber dann noch eine andere unerwartete Wendung nimmt, als der vermeintlich tote Jesus immer wieder seine Freunde trifft. Schließlich nimmt er sie auf einen weiteren Berg mit, wo er sie beauftragt und sich dann von ihnen verabschiedet.

Während dieser drei kurzen Jahre ist das Leben dieser gewöhnlichen Männer und Frauen aus dem Bergland von Galiläa auf den Kopf gestellt worden. Sie haben – in den Worten von Markus gleich am Anfang seines Evangeliums – sich der Herausforderung der Umkehr (der Buße – metanoia) gestellt: das heißt, die Art und Weise, wie sie Gott, die Welt und sich selbst betrachten, zu ändern, … um zu verändern, wie sie über Gott, die Welt und sich selbst nachdenken, … um zu verändern, wie sie in der Welt mit Gott und einander zusammenleben.

Metanoia: eine radikale Veränderung nicht nur von, sondern auch zu einer neuen Art zu Sehen, Denken und Leben. Wir wissen, dass Gott uns sieht; aber wie sehen wir Gott?

Nun ist das ja keine einfache Sache. Zum Beispiel, wenn jemand versucht, mich zu überreden, meine Liebe für den FC Liverpool aufzugeben, um ein Fan von Manchester United oder Chelsea zu werden, könnte ich das nie tun. Nie. Es ist total unvorstellbar- unmöglich. Aber diese Männer und Frauen sind gebeten worden, die Art und Weise, wie sie über Gott denken und ihr Leben in Gottes Welt verstehen, radikal zu verändern. Wenn diese kurze Erzählung wie ein dramatisches Schauspiel ist, dann werden sie aufgefordert, in ihrer Rolle aktiv zu werden, und nicht nur darauf zu warten, bis die anderen die Verantwortung übernehmen. Sie müssen auch ihren Platz einnehmen und in dem sich entfaltenden Drama Gottes mit seinem Volk eine echte Rolle spielen.

Die klarste Beschreibung davon befindet sich im Lukasevangelium Kapitel 24. Zwei Freunde von Jesu sind auf dem Rückweg von Jerusalem; ihre Gedanken sind in Aufruhr. Sie versuchen, alles zu verstehen, was in den letzten Tagen passiert ist – aber wahrscheinlich auch was in den letzten drei Jahren mit ihnen passiert ist. Es klappt einfach nicht. Der Messias soll nicht sterben. Also war Jesus von Nazareth nur noch der neueste enttäuschende Möchte-gern-Messias, der die Hoffnungen des Volkes weckte … und dann diese Hoffnungen verriet? Diese Menschen, die Freunde von Jesu, haben gerade beobachtet, wie ihre Hoffnungen im Schmutz und Staub des Bodens von Golgotha bluteten. Sind sie wirklich verraten worden? Betrogen? Aber, wenn ja, wie sollten sie dann all die Wunder, die geheilten Menschen, die verärgerten religiösen Führer, die seltsamen umgedrehten Lehren (und so weiter) verstehen?

Der auferstandene Jesus kommt zu ihnen auf die Straße, und läuft neben ihnen her. Er geht nicht vor ihnen her; er geht auch nicht hinter ihnen her. Er geht neben ihnen her, und läuft in ihrem Tempo – in den Worten des asiatischen Theologen Kosuke Koyama, ein Gott, der drei Meilen pro Stunde geht (three mile an hour God). Dann stellt ihnen Jesus eine Frage: “Wovon redet Ihr?” Sie antworten ihm: “Über alles, was in den letzten Tagen in der Stadt passiert ist.” Jesus fragt: “Was denn?” Also fangen sie an, ihm zu erzählen, was passiert ist. Sie schütten ihre Verwirrung aus, und erzählen eine Geschichte, die keinen Sinn macht – eine Geschichte, die an der falschen Stelle endet, so als wäre, zum Beispiel, Rotkäppchen am Schluss von ihrer Oma gefressen worden.

24:19-24

Nun, wenn ich Jesus gewesen wäre, hätte ich mich nicht mit den Fragen aufgehalten, auf die ich schon die Antworten wusste. Aber Jesus fängt an, dort wo sie wirklich sind; er geht in ihrem Tempo; er lässt sie ihre verworrene Geschichte artikulieren, bevor er anfängt, die Geschichte anders zu erzählen. Er bietet ihnen eine alternative Erzählung erst dann, als diese Freunde bereit sind, sie zu hören. Später, als sie in ihrem Haus in Emmaus das Brot brechen, werden ihre Augen geöffnet: “Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?” (Lukas 24:32)

Aber jetzt versuchen die Freunde, alles zu verstehen. Was bedeutet diese Geschichte für das Judentum? Und für die Welt? Oder für Jesus selbst? Und für sie und ihre Zukunft? Was war das alles? Ich denke, diese Geschichte erzählt uns etwas Wichtiges über Jesus, etwas über die Welt, und etwas über die Kirche.

Diese normalen Menschen haben mit Jesus von Nazareth gelebt, und sie haben beobachtet, wie er stirbt. Sie haben gewagt zu glauben, dass er der wahre Messias sein könnte. Aber jetzt fühlen sie sich nicht mehr so sicher. Jesus verlässt sie – und dabei zeigt er ganz klar und deutlich, dass Himmel und Erde nicht zwei verschiedene Orte sind, sondern zwei Dimensionen derselben Realität. Die Wolke – die in der Bibel immer mit der Gegenwart Gottes verbunden ist – verbirgt Jesus; aber die Wolke bringt ihn nicht zu einem Ort, der außerhalb der Welt – oder von der Welt entfernt – ist. Ja, er befindet sich jetzt beim Vater, aber der Vater ist nicht weit von der Welt entfernt. Wie in der Offenbarung Kapitel 21 kommt der Himmel auf die Erde, so ist Gott in Jesus zu uns gekommen, und so wird Jesus eines Tages den Himmel und die Erde wieder zusammenbringen.

Bei der Himmelfahrt geht es nicht um den Abschied oder die Abwesenheit Jesu, sondern vielmehr geht es um die Anwesenheit von Jesus dort, wo wir sind, und nicht nur dort, wo sich sein Körper befindet. Bei der Himmelfahrt Jesu kommen Himmel und Erde auf eine neue Art und Weise zusammen – mehr verkörpert, nicht weniger.

Die Himmelfahrt sagt, wer Jesus ist. Er ist der Herr des Himmels und der Erde, identifiziert und unmittelbar verbunden mit Gott, dem Schöpfer, dem Liebhaber, dem Erlöser, dem Vergeber, dem Retter der Welt. Und die Welt steht nun vor einer Herausforderung. Während die Seelen der römischen Kaiser sichtbar in den Himmel aufstiegen (damit sie nach ihrem Tod als Götter betrachtet werden konnten), steigt jetzt Jesus mit Körper, Geist und Seele auf – diese drei identifizierbar und klar in einer Einheit miteinander verbunden.

Dieses Ereignis bietet uns eine neue Art, die Welt und die Menschlichkeit zu begreifen. Jesus ist in der Welt, aber er steht auch vor der Welt; hier spricht er immer noch in die Widersprüche und Verwirrungen der Welt, und bietet den Menschen einen neuen Weg, Gott, die Welt und andere Menschen zu sehen, und in der Welt zu leben. Viel mehr könnte hier gesagt werden, aber es genügt an dieser Stelle, dass die Mächte der Welt – und Annahmen über die Macht – grundsätzlich von dem auferstandenen Christus herausgefordert werden – von dem Christus, der über den Tod in ein neues Leben hinausgeht, um die Welt zu einer neuen Hoffnung und die Kirche zu einem neuen Glauben aufzufordern.

Und wie sollte die Kirche die Himmelfahrt verstehen? Und wir? Schauen wir uns die Geschichte noch einmal an.

Als sie sich auf dem Berg versammeln, hören die Freunde Jesu, dass sie nicht mehr Beobachter sind, sondern Akteure, die an der verwandelnden und anspruchsvollen Arbeit Gottes in der Welt teilnehmen. Jesus hat gelebt, ist gestorben, ist auferstanden und hält nun den Himmel und die Erde zusammen. Es ist jetzt die Verantwortung, die Pflicht und die Freude seiner Freunde, auf die Bühne zu kommen. Vorher waren sie ein bisschen wie das Publikum im Theater; jetzt aber sollen sie die Akteure auf der Bühne werden, die die Geschichte erzählen, die das Drama kreativ leben, die die richtige Sprache und den Blickwinkel finden, mit denen man diesem Publikum – diesen Zuschauern – die Möglichkeit anbieten kann, selbst in das Drama hineingeholt zu werden und selbst Akteure zu werden.

Natürlich können wir nicht einfach neue Charaktere erschaffen, oder die Geschichte mit einem bequemeren Ende erzählen. Wie alle guten Künstler müssen wir uns Zeit nehmen, um die Geschichte zu erlernen, ihre Linie und ihre erzählerischen Lücken zu erforschen, die Sprache auszuprobieren und die richtigen Worte und Sprachbilder zu betonen. Aber wir müssen auch mit den Charakteren und der Erzählung übereinstimmen, die wir geerbt haben. Wir müssen im Bild bleiben – “im Charakter” sein.

Das ist dann die Berufung der Kirche: Zeugen zu sein unserer Begegnung mit dem auferstandenen Jesus, der die Art und Weise verändert hat, wie wir die Welt betrachten, wie wir die Welt sehen, wie wir über die Welt denken und wie wir in der Welt leben. Wie die römischen Herolde, die die Nachricht vom Beitritt eines neuen Kaisers in die Weiten des Reiches getragen haben, ist die Aufgabe der Kirche, der Welt zu sagen, dass Cäsar nicht Herr des Himmels und der Erde ist, sondern dass Jesus Christus der Herr ist. Nicht der IWF, die EU, die Brexiteers oder Donald Trump. Jesus ist Herr, und soll angebetet, geliebt, nachgefolgt und gehorcht werden. Wir sind die Menschen, deren Verstand verwandelt, deren Herz befeuert, deren Wollen gestärkt worden ist und deren Fantasie eine Farbexplosion erlebt hat. Wir sind die Jesus-geformten Menschen, die nicht mehr von Angst getrieben, sondern von der Hoffnung gezogen werden. Wir können nicht umhin, der Welt zu sagen, was wir in Jesus gesehen und erlebt haben – in dem Jesus, der lebte, der gestorben ist, der auferstanden und aufgefahren ist, und der mit dem Vater und in der Kraft des Heiligen Geistes herrscht.

Als meine Diözese vor drei Jahren neu gegründet wurde, musste ich eine Vision artikulieren. Ich formulierte eine einfache Aussage, die erklärt, was immer die Berufung der Kirche war: Wir wollen eine Kirche werden, die zuversichtliche Pfarrer ausrüstet, deren Auftrag es ist, zuversichtliche Christen wachsen zu lassen, deren Auftrag es ist, die gute Nachricht von Jesus Christus in unserem Teil des Nordens von England zu erzählen und auszuleben. Wir haben dann diese Aussage auf drei Begriffe konzentriert: Überzeugte Christen, wachsende Kirchen, verwandelnde Gemeinschaften. Später haben wir unsere Werte als: Loving, Living, Learning artikuliert. Wir lieben Gott, die Welt und unsere Nachbarn wie uns selbst; wir leben in der realen Welt und sind der heutigen Welt verpflichtet, Körper, Geist und Seele – eine Inkarnationskirche. Manchmal richten wir ein Durcheinander ein mit unserer Berufung, also müssen wir Demut und die Freiheit haben, zu lernen.

Das ist nur eine Möglichkeit, zu tun, was die Himmelfahrt uns bietet.

„Du siehst mich.“ Und jetzt siehe ich, dass Gott mich liebt.

In den Worten von Paulus im Römerbrief Kapitel 12: “Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf das ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.”

Amen

My friend Judy Bailey has sent me the link to a song in which she brings together 21 artists from every continent. I serve with Judy at each Kirchentag in Germany – next time in Berlin next year.

Here’s the video:

How things have changed.
It is a week ago that I headed off to Stuttgart for the Kirchentag – the amazing conference put on across a German city every two years. I have been going for a while and it gets ever better. In 2013 in Hamburg I was invited to preach at the closing service: a congregation of 130,000 and televised nationally. This time I was asked (among other events) to take part in a conversation with Kofi Annan (former Secretary General of the United Nations) and the German Foreign Minister Frank-Walter Steinmeier. The theme of the two-hour discussion: ‘The world is spinning out of control’.

Actually, I was not really needed in this discussion. Like the audience of ten thousand in the huge arena, I really wanted to listen to the two stars discussing what is going on in the world – in the hope of learning something. I did learn, and they deserved the standing ovation at the end. (I was also uncomfortable, though, because I went straight off to hospital after the event to be told I had an “atypical pneumonia” (chest and throat infection) and had to stop. No wonder I wasn’t firing on all cylinders.)

Introduced by the excellent moderator, television journalist Arnd Henze, Steinmeier began with the sort of intelligent paper to be expected from a serious German politician. One of his basic points was that Germany’s behaviour in the twentieth century had caused the world to spin out of control and that Germany now had to take responsibility in the world – not standing back where there is need. He was realistic about the demands and expectations of solutions. Both principled and pragmatic, he passionately articulated the moral obligation to be engaged in the seemingly intractable conflicts and troubles of a changing world.

Having quoted the former Chancellor Willy Brandt, he asserted:

Heute, 32 Jahre nach Willy Brandts Rede ist diese Welt keineswegs friedlicher geworden. So lange ich denken kann, kann ich mich an keine Zeit erinnern, in der internationale Krisen in so großer Zahl an so vielen Orten gleichzeitig auf uns eingestürmt wären wie heute. (Today, 32 years after Willy Brandt’s speech, the world has not become at all more peaceful. As long as I can remember, I cannot think of any time when so many international crises in so many places have simultaneously piled in upon us.)

In his paper later, Kofi Annan wanted to put this into perspective, claiming that the world is a safer and better place today than it was in the past. Urging everybody – particularly the younger generations – to take their responsibility in leading peaceful change in the world (starting small and local), he demonstrated the patient pragmatism that made him able to lead the United Nations through previous crises. In the later discussion I tried to put this into perspective: only 75 years ago nearly 80 million people died in a global conflict – every generation faces its own crises and every generation fears it might be the last

Steinmeier, however, summed up the approach when he said:

Vieles hat sich verändert in diesen Jahren – die Aufgabe nicht. Die Aufgabe von Außenpolitik ist geblieben – wie Willy Brandt ohne jedes Pathos beschrieben hat, nämlich: dass illusionsfreie Bemühen, zur Lösung von Konflikten beizutragen. In einer streitbefangenen Welt voller Krisen und Konflikte, voller Missgunst und Hass, dem Frieden auf die Sprünge zu helfen. Und Frieden lässt sich nicht herbeiwünschen. Er entsteht nicht durch öffentliche Erklärungen; nicht einmal durch Resolutionen der UNO. Selbst die Frage, ob ich Recht habe ist unerheblich. Frieden will erarbeitet werden, meistens dann wenn das was man braucht zum Friedensschluss: Vertrauen, schon restlos ruiniert ist. Deshalb, wenn die Konfliktparteien nicht mehr zu einander kommen, dann kommt es auf Dritte an.

(Much has changed during these years – but the task has not. The task of foreign policy remains the same – as Willy Brandt described without any pathos: the illusion-free commitment to contribute to the resolution of conflicts; in a world of disputation, full of crises and conflicts, filled with resentment and hatred, to lend a hand to peace. And peace doesn’t just happen. It doesn’t come from public statements; not even from UN resolutions. Even the question whether I am right or not is irrelevant. Peace must be worked at, particularly when what is needed for a peaceful conclusion – trust – has already been totally destroyed. Therefore, when the conflicted parties cannot approach each other, that is the time when the Third Party comes onto the stage.)

My contribution was miniscule. But, despite the limitations of such a format, it was a privilege to be invited to take part in this discussion with people who are so deeply engaged in a world that I (and the churches) touch on mainly because of our deep international partnerships and links across the continents.

I began with a statement about how things have changed. This pertains mainly to the fact that I have blogged my way through previous Kirchentags – in order to give wider access to the riches experienced and heard there. These days there is little time for writing this blog – something I regret and hope one day to recover.

Here is the English translation of the sermon I preached yesterday at the Closing Service of the Kirchentag in the Stadtpark in Hamburg.

SERMON for Closing Service, DEKT 34, Hamburg, 5 May 2013

(Draft English translation)

I have two very young grandchildren. The elder is called Ben and he will soon be three years old. It is very funny listening to him learning to speak English. His language ability – shaped by living in Liverpool where the accent is … er … ‘unique’ – means that he learns phrases quickly, but doesn’t always use them correctly. So, I am looking forward to what he makes of the phrase: “Your eyes are bigger than your tummy.” Like many kids of his age, he can eat for England… and he sometimes takes more than he needs, more than he can possibly eat. As he grows up he will learn.

Or will he?

How much is ‘enough’? How much – and of what – do I need to be satisfied? And is ‘being satisfied’ the same as being ‘happy’?

The prophet Micah was thinking about this many centuries before iPhones, designer jackets and sports cars. Banking crises and currency challenges lay far in the future, and yet his own society was struggling with hard choices about how to live and how to love together with people who aren’t just like me. Micah’s world sounds familiar, doesn’t it? He wrote in a context of economic revolution. Material prosperity in his time led to an individualistic materialism and an approach to religion as a means to achieving or fulfilling man desire – what we might call ‘self-fulfilment’. And this, in turn, had led to a crisis in the area of personal and social values in which, as usual, the poorest people suffered the most. Injustice, greed and false idols of self-protection characterised society and shaped political and economic direction. Religion was tamed, having lost its challenging edge – a challenge based on a vision of a different world.

So, what Micah has to say was not relevant only to Israel many centuries ago, but speaks to us now. Because what he addresses is not particular social or economic arrangements, but the human heart and mind – which, for all our technological progress, does not seem to change very much at all from one generation to the next. It seems we still want to be happy and fulfilled and satisfied, but perhaps without recognising that such happiness, fulfilment and satisfaction cannot exist for any individual – or single community – without reference to the happiness, fulfilment and satisfaction of what the Bible calls my ‘neighbour’.

We might also remark that this applies to our political obsession with ‘security’. I cannot be secure, if my security simply negates the security of my neighbour. I cannot think about security in isolation from the needs of those who live alongside me. And it is this that places a question mark over the effectiveness of dividing walls, whether they be those dismantled in Berlin or those being constructed in the Land of the Holy One.

However, Micah is less concerned about establishing political programmes at this point than imagining a vision. He calls people who have lost their way and forgotten their story (as children of the God who created the cosmos and all that is in it – including the poor, the foreigners and those who are ‘different’) not to take hold of a vision ‘out there’, but to be grasped by a vision that transforms the way they see God, the world and themselves.

It is as if Micah says to his fearful people: “The old ways of seeing and being haven’t worked have they? Do you feel more secure now – happier in your skin? Or dare you see that your vision is tired and dull, that all you hoped and worked for now lies around you like the ruins of a once glorious city? Like Damascus or Baghdad or Aleppo?

A popular comedy series in NDR takes place in a bistro. In a famous line, the owner says, „That’s just how it is…“ – thus is the world. But the Bible subverts our understanding of reality and invites us – no, challenges us – to see God, the world and ourselves differently. The world does not have to be the way it is!

One day the famous Italian artist Michelangelo was seen rolling a huge stone down a hill. He had to use all his strength to manoeuvre the great rock in the right direction. Someone saw him and and asked what he was doing: after all, it is just a big rock. Michelangelo replied that he was in a hurry because there was an angel in the rock, waiting for the artist to reveal him.

Michelangelo could see what normal people couldn’t even imagine. And this short story illustrates the challenging vocation of people who want to look out through God’s eyes. Do we simply see what is before our eyes, or do we see the world around us differently?

Micah invites us to think differently, to see God and the world differently, and to be fired by a vision of a different world. A world in which we can be satisfied with ‘enough’ and in which our neighbours can be satisfied without us having to be afraid. The images he uses in 4:4-5 of his prophecy are deliberate: there will be no terror or fear because you will be satisfied with your own tree and not need to capture your neighbour’s tree when you don’t need it. After all, you can only sit under one tree at a time, can’t you?

This vision assumes that individuals and communities, fired by a different vision, will only take what they need and will deny themselves what they do not need. They will question economic models that worship at the altar of infinite economic growth – as if they are never any consequences of such growth. And they will never be content while the growth of their fig tree comes only at the expense of – or as a threat to – their neighbour’s fig tree.

Micah paints a picture of how and what the world might become – an image that goes beyond mere argument and worms ist way into our imagination as an image of hope and promise. It is as if he gently plays a melody that slowly develops into an ‚ear worm’ of hope and longing in the soul of a lost people.

This vision radiates peace; the song resonates with love and generosity that drive out fear. According to this vision everyone – regardless of which language they speak or which culture they espouse – can live with their neighbours in security and without fear. The God of Israel takes fear away and creates a new world full of new potential for human flourishing and the common good.

And this vision calls the people of God back to their original vocation: to live in the world in such a way that all people recognise in them the face of God.

Micah challenges us today to be inspired by a vision that fires our imagination, colours our memory and from which we cannot escape. Michelangelo saw the finished sculpture; he simply had to work at the stone until the angel concealed within it revealed itself. He saw deeper, he could recognise the potential, and so turned his energy and strength to creating the beauty that others could not yet conceive.

We are called to see as Michelangelo did – to recognise God’s face in the world and to reveal hope to the world. The Canadian musician Bruce Cockburn captures Micah’s call when he sings: „You gotta kick at the darkness till it bleeds daylight”.

As much as you need. Only as much as you need. Perhaps my grandson might learn after all that when he has what he needs, then he has enough.

Oh well, it’s done. I preached this morning to 130,000 people in the sunshine at the Stadtpark in Hamburg. The Closing Service is always impressive – 5,500 scouts, 4,000 in the brass band, bread and wine distributed in less than twenty minutes – but to be part of it was both a once-in-a-lifetime privilege and a complete eye-opener.

I had to edit out a third of the original text. I owe everything to excellent and kind German friends such as Silke & Christoph Römhild, Joachim Lenz and Corinna Dahlgrün, who make sure I don’t sound stupid – or, at least, if I do, it has nothing to do with the language.

Here is the text:

34. Deutscher Evangelischer Kirchentag Hamburg 2013 : Schlussgottesdienst

Soviel du brauchst (Micha 4.4-5)

Alle Menschen aus Israel und den Völkern werden unter ihrem eigenen Weinstock und unter ihrem Feigenbaum sitzen – niemand wird mehr Terror verbreiten. Denn das Wort ADONAJS, mächtig über Himmelsheere, wirkt. Ja, alle Völker handeln im Namen ihrer Gottheiten, wir handeln im Namen ADONAJS, unseres Gottes, jetzt schon – und in der Zukunft.

Ich habe zwei Enkelkinder, die noch ganz klein sind. Der ältere von ihnen heißt Ben, er wird bald drei Jahre alt. Er wächst in Liverpool auf, wo der Dialekt – ähm… einzigartig ist. Ben hat ein besonderes Sprachvermögen für Sprichwörter, er lernt sie schnell, aber er benutzt sie nicht immer richtig. Ich bin sehr gespannt, was er aus dem Sprichwort „Deine Augen sind größer als dein Magen“ machen wird. So wie viele Kinder seines Alters kann er essen wie ein Scheunendrescher – und manchmal nimmt er mehr als er braucht, mehr als er überhaupt essen kann, mehr als genug. Aber das wird er noch lernen, während er größer wird.

Das wird er doch, oder?

Wie viel ist “genug”? Wie viel – und wovon – brauche ich, um zufrieden zu sein? Und ist „zufrieden sein“ das gleiche wie „glücklich sein“?

Der Prophet Micha dachte über diese Dinge nach, lange bevor es iPhones, Designerjacken und Sportwagen gab. Banken- und Währungskrise lagen noch weit in der Zukunft und doch: Michas Gesellschaft rang mit den schwierigen Fragen, wie man leben und lieben sollte mit Menschen, die einfach nicht so waren, wie man sie gern hätte. Michas Welt und seine Fragen kommen uns bekannt vor, oder? Er schrieb im Kontext einer wirtschaftlichen Revolution. Materieller Wohlstand führte zu seiner Zeit zu einem individualistischen Materialismus. Religion wurde als ein Mittel angesehen, die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen zu erfüllen – was man auch Selbstverwirklichung nennen könnte. Das wiederum hatte zu einer Krise der ethischen und sozialen Werte geführt, wobei, wie in solchen Fällen üblich, die Ärmsten am meisten leiden mussten. Die Religion war gezähmt, sie hatte ihre Schärfe verloren – die Schärfe, die daraus resultiert, dass man eine andere Welt für möglich hält.

Was Micha zu sagen hat, war also nicht nur für Israel von Bedeutung, sondern es spricht heute zu uns. Denn was er anspricht, sind nicht nur ganz spezielle soziale oder wirtschaftliche Verhältnisse, sondern das Herz und der Verstand des Menschen – und beides scheint sich, ungeachtet all unseres technologischen Fortschrittes, nicht so besonders zu verändern von einer Generation zur nächsten. Es sieht so aus, als wollten wir heute immer noch glücklich und erfüllt und zufrieden sein. Allerdings erkennen wir dabei (immer noch) nicht, dass es solches Glück, solche Erfüllung und Zufriedenheit nicht für Einzelne – oder einzelne Gemeinschaften – geben kann, ohne Rücksicht auf das Glück, die Erfüllung und Zufriedenheit dessen, den die Bibel meinen „Nächsten“ nennt.

Man könnte hinzufügen, dass dies auch für unsere politische Besessenheit mit Sicherheitsfragen gilt. Ich werde niemals sicher sein, wenn meine Sicherheit die Sicherheit meines Nächsten verneint. Ich kann nicht über Sicherheit nachdenken, ohne die Bedürfnisse meiner Nachbarn in Betracht zu ziehen. Und deswegen steht ein großes Fragezeichen über den Sicherheitsanlagen und Mauern dieser Welt, sei es die niedergerissene Mauer in Berlin, seien es die, die im Heiligen Land errichtet werden.

Aber Micha geht es weniger um die Errichtung eines politischen Programmes als vielmehr um eine Vision. Die Menschen seiner Zeit hatten ihren Weg verlassen, sie hatten sich verlaufen und ihre Geschichte vergessen – ihre Geschichte als Kinder Gottes, der das Universum geschaffen hat und alles, was darin ist, einschließlich der Armen, der Ausländer und derjenigen, die „anders“ sind. Micha rief sie auf, nicht nur eine Vision „da draußen“ zu ergreifen, sondern sich ergreifen zu lassen von einer Vision, die sie verändert und die Weise, wie sie Gott, die Welt und sich selbst sehen.

Es ist, als ob Micha zu seinem ängstlichen Volk sagt: „Die alte Art und Weise zu sehen und zu sein hat nicht funktioniert, oder? Fühlt ihr euch jetzt sicherer – oder glücklicher? Wagt es doch euch einzugestehen, dass eure Sichtweise müde und matt ist, und dass alles worauf ihr gehofft und wofür ihr gearbeitet habt, um euch herum in Schutt und Asche liegt wie die Ruinen einer einstmals glorreichen Stadt. Wie Damaskus oder Bagdad oder Aleppo…“

Eine beliebte Comedy-Serie im Norddeutschen Rundfunk spielt in einem Schlemmerbistro. Ein geflügelter Satz von Bistrobesitzerin Stefanie lautet „Es is‘ ja wie es is‘….“ So ist die Welt eben. Aber die Bibel untergräbt unser Verständnis der Wirklichkeit. Sie fordert uns heraus, Gott, die Welt und uns anders anzusehen. Die Welt muss nicht so sein, wie sie jetzt ist!

Eines Tages rollte der berühmte Künstler Michelangelo einen riesigen Felsbrocken einen Abhang hinunter. Er musste seine ganze Kraft aufbieten, um den Stein in die richtige Richtung zu manövrieren. Jemand sah ihn dabei, blieb stehen und fragte, was er da tun würde, schließlich sei es doch bloß ein riesiger Stein. Michelangelo erwiderte, dass er es eilig hätte, denn in dem Stein würde sich ein Engel befinden, der nur darauf warte, dass Michelangelo ihn heraushole.

Michelangelo konnte sehen, was normale Menschen sich überhaupt nicht vorstellen konnten. Und diese kurze Geschichte illustriert die herausfordernde Berufung der Menschen, die durch Gottes Augen hinausschauen möchten. Sehen wir nur das, was uns vor Augen steht, oder schauen wir die Welt um uns herum anders an?

Micha lädt uns ein, anders zu denken, Gott und die Welt anders zu sehen und uns anfeuern zu lassen von einer Vision einer anderen Welt. Eine Welt, in der wir uns genügen lassen mit dem, was wir haben und in der unsere Nächsten zufrieden sein können, ohne dass wir Angst haben müssen. Die Bilder, die er in Kapitel 4, Verse 4 bis 5 entwirft, sind wohlüberlegt: Es wird keinen Terror und keine Angst geben, weil ihr mit eurem eigenen Baum zufrieden sein werdet und den Baum deines Nächsten nicht erobern müsst, weil ihr ihn nicht braucht. Schließlich kann man immer nur unter einem Baum gleichzeitig sitzen, oder?

Micha malt ein Bild davon, wie und was die Welt werden könnte – ein Bild, das weit über bloße Argumentation hinausgeht, und sich als ein Bild der Hoffnung und der Verheißung in der Phantasie einnistet. Es ist, als ob er leise eine Melodie spielt, die sich im Geist eines verlorenen Volkes langsam zu einem Ohrwurm der Hoffnung und Sehnsucht entwickelt.

Diese Vision strahlt Frieden aus; das Lied klingt nach einer Liebe und Freizügigkeit, die die Angst verdrängt oder ersetzt. Der Gott Israels nimmt die Angst und schafft eine neue Welt voller neuer Möglichkeiten für das Aufblühen und das Gemeinwohl aller Völker.

Und diese Vision ruft das Volk Gottes zu seiner ursprünglichen Berufung zurück: so in der Welt zu leben, dass alle Menschen in diesem Volk das Gesicht Gottes erkennen können.

Micha fordert uns auch heute heraus, durch eine Vision inspiriert zu werden, die unsere Phantasie anregt, unser Gedächtnis verfolgt, und aus der wir nicht entkommen können. Michelangelo hatte die fertige Skulptur vor Augen; er musste einfach den Stein behauen, bis der Engel sich zeigen würde, der darin steckte. Er sah tiefer, er konnte das Mögliche deutlich erkennen, und so wandte er seine ganze Kraft und Energie darauf, um eine Schönheit zu erschaffen, die anderen zu diesem Zeitpunkt noch verborgen war.

Wir sind dazu berufen, wie Michelangelo zu schauen, Gottes Gesicht in der Welt zu erkennen, und der Welt diese Hoffnung zu enthüllen. Der kanadische Musiker Bruce Cockburn fasst die Forderung Michas zusammen, wenn er singt: “Du musst die Dunkelheit treten, bis sie Tageslicht blutet” (“You gotta kick at the darkness till it bleeds daylight”).

Soviel du brauchst. Nur soviel du brauchst. Vielleicht lernt auch mein Enkel irgendwann: Wenn er hat, so viel er braucht, dann hat er genug.