Predigt, die Georgenkirche, Eisenach (30 September 2012)

1 Timotheusbrief 4:4-5

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet. (1 Timotheusbrief 4:4-5)

Es ist für mich ein echtes Privileg, hier in der Georgenkirche eine Predigt zu halten besonders weil gestern Liverpool 5-2 gegen Norwich gewonnen hat – also jetzt bin ich ziemlich entspannt.

Die Meissenkommission trifft sich einmal im Jahr entweder in Deutschland oder England. Bisher ist in England das Jahr 2012 ziemlich ausgelastet gewesen – die Olympischen Spielen, das Diamond Jubilee der Königin, und die Entdeckung, dass Paul MacCartney nicht mehr singen kann – und wir sind froh, diese Woche einige Tage hier in der ruhigen Stadt Eisenach zu verbringen.

Vor fünfzig Jahren an diesem Wochenende sangen die Beatles zum ersten Mal das Lied Love me do. Das hat überhaupt nichts mit dieser Predigt zu tun, aber ist eine interessante Tatsache!

Heute Morgen feiern wir den Erntedankgottesdienst sowie den Anfang der jährlichen Reihe ‘Eisenacher Predigten zur Lutherdekade’. Und das Thema dieses Jahres der Dekade heißt: Reformation und Musik. Ja, hier in der Georgenkirche, wo Johann Sebastian Bach einmal getauft wurde und Martin Luther predigte, habe ich die Gelegenheit, dieses Reformationsthema mit dem Erntedank in einer Predigt zusammenzubringen. Musik und Schöpfung, Musik und Nahrung, Musik und Reformation, Musik und die kirchliche Ökumene.

Ich hoffe, dass Sie gut geschlafen haben. Wir werden hier in der Kirche bis heute Abend bleiben…

Wo Menschen sind, gibt es immer Musik. Tatsächlich können wir der Musik nie entrinnen. Musik ist überall anwesend. Stille ist oft schwer zu finden. Einmal nahm ich in Istanbul als Vertreter des Erzbischofs von Canterbury an einer interreligiösen Konferenz teil. Die Konferenz fand in einem sehr angenehmen Hotel statt. Als ich zum ersten Mal ins Badezimmer hineintrat, fing die Musik an: Paul MacCartney ‘Yesterday’. Ich trat hinaus… und MacCartney hörte auf. Ich trat hinein… und MacCartney fing wieder an. Es war für mich eine frustrierende Erfahrung. Wie sage ich, was ich fühlte? Ich will nicht im Badezimmer mit  einem Beatle sein…

Von der Musik kann man eigentlich nicht entrinnen.

Eine kurze Geschichte. Vor zwanzig Jahren erklärte der amerikanische Pastor Jim Wallis in einem Buch, wie er regelmäßig mit seinen Gemeindemitgliedern im polizeilichen Gefängnis in Washington DC festgehalten wurde. Immer wieder, als sie gegen die Folgen der politischen Entscheidungen aus dem Weißen Haus demonstrierten, wurden sie festgenommen. Und als sie da in den unterirdischen Zellen warteten, sangen sie christliche Lieder laut und klar. Einmal, nach einiger Zeit des guten Verhaltens, ist ein Polizist zu Jim Wallis gekommen und er sagte: ‘Wann kommt ihr wieder ins Gefängnis? Ohne das Singen ist es so langweilig.’ Und Jim antwortete: man kann nicht verhindern, dass Christen immer singen – auch wenn (oder vielleicht besonders weil) es ihnen nicht gut geht.

Mit dieser Geschichte schlage ich nicht vor, dass wir Christen immer wieder verhaftet werden sollten, nur um die Polizei zu unterhalten. Das ist nicht unsere Pflicht. Aber ich möchte eigentlich bemerken, dass die Freude tiefer geht als unsere Umstände. Diese Geschichte zeigt auch, dass die Kirche – die christliche Gemeinde – nicht aufhalten kann, zu singen. Wo immer wir sind – unter welchen Umständen wir uns auch befinden – haben wir ein Lied zu singen, und dieses Lied wird irgendwie und unvermeidlich zum Ausdruck kommen.

Ein Freund von mir, William Shakespeare, schrieb in seinem kleinen Stück Twelfth Night: “Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spiel weiter…” Der junge William wusste, dass die Musik unsere Herzen aufmachen – dass Liebe und Musik sich nicht trennen lassen. Deshalb sollte es uns nicht überraschen, dass der Gott, der uns liebt, und zu dessen Abbild wir geschaffen sind, so viel Musik von uns erwartet. Auch die Polizei muss unsere Lieder hören – Lieder, die unsere Erfahrung von Gnade und Hoffnung, Liebe und Verlust, Sehnsucht und Schmerz zum Ausdruck bringen.

Auch Jesus selbst kannte ein Gesangbuch.

Das Gesangbuch, das Jesus verwendete, hieß die Psalmen – eine Sammlung der Lieder und Gedichten, die die Breite der menschlichen Erfahrungen und Gefühlen zum Ausdruck bringt. Sie bieten uns ein Vokabular, mit dem wir uns an Gott wenden können. Wenn wir wirklich wahrnehmen, dass die Psalmen diesen Zweck haben, wird es einfacher zu verstehen, warum die Juden es so leicht finden, Gott mit Ehrlichkeit entgegenzutreten. Sie verstehen die Psalmen. Sie streiten mit Gott; sie jammern und klagen; sie beschimpfen ihn und stellen ihm schwere Fragen; sie loben und preisen ihn. In den Worten der Psalmen finden wir das ganze Leben – und Gott versteht, wie und wo wir sind; er ist groß genug, um mit unseren realen Emotionen umzugehen.

Nach der anglikanischen Tradition lesen wir täglich und regelmäßig durch die Psalmen, vom Anfang bis zum Ende. Morgens und abends sollten wir diese Lieder laut lesen. Aber in manchen Gemeinden stirbt diese Tradition aus. Und das ist eine Schande. Wir verwenden nicht nur die Psalmen, die unseren jetzigen Erfahrungen entsprechen, sondern wir werden so vertraut mit den Psalmen, dass sie uns ein Vokabular geben, wenn unsere eigenen Worte versagen. Auf diese Weise können wir sagen: wir lesen die Psalmen nicht – im Gegenteil, sie lesen uns.

Und es gibt weitere Probleme mit dem Lesen der Psalmen. In einem anglikanischen Gottesdienst werden zwei oder drei Ausschnitten der Bibel gelesen. Gerade zum Schluss des Lesens erklärt der Vorleser:  ‘This is the Word of the Lord’, (‚dies ist das Wort des Herrn‘) und die Gemeinde antwortet mit Vertrauen und Überzeugung: ‘Thanks be to God’ (‚Gott sei Dank‘). Als Beispiel davon lesen wir Psalm 137:

An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hingen wir an die Weiden, die daselbst sind. Denn dort hießen uns singen, die uns gefangen hielten, und in unserm Heulen fröhlich sein: “Singet uns ein Lied von Zion!” Wie sollten wir des HERRN Lied singen in fremden Landen? HERR, gedenke der Kinder Edom den Tag Jerusalems, die da sagten: “Rein ab, rein ab bis auf ihren Boden!” Du verstörte Tochter Babel, wohl dem, der dir vergilt, wie du uns getan hast! Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und zerschmettert sie an dem Stein!

DAS WORT DES HERRN! (sagt der Vorleser)

GOTT SEI DANK! (sagt die Gemeinde)

Meiner Meinung nach wären wir ehrlicher, wenn wir antworten würden: ‚WAS?! BIST DU VERRÜCKT?! DAS IST GRAUSAM!‘ Verstehen Sie, was ich meine? Wir müssen uns dem Text durch bestimmte Fragen annähern, damit wir mit den Heiligen Schriften kämpfen und Gott Ernst nehmen. Aus diesem Falle müssen wir lernen, dass Gott will, dass wir ehrlich mit ihm sprechen sollten und nicht nur ‚Hallelujah‘ singen.

Wir Menschen müssen singen; wir können nichts anderes. Wir sind dazu gezwungen. Es gibt ein Lied in unseren Herzen – ein Lied, das gesungen werden muss… das zum Ausdruck kommen muss. Manchmal in England klingen die Christen wie ‘ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle’. Meiner Meinung nach sollten wir wie eine ehrliche, echte, zuversichtliche und freudevolle Gemeinde von Menschen klingen, die wissen, dass auch das Grab unseren Gott nicht unterdrücken kann. Wir haben ein Lied des Lebens, der Auferstehung, des Vertrauens, der Hoffnung und der Perspektive.

Ein Beispiel. Von 1992 bis 2000 war ich Pfarrer in einem kleinen Dorf in der Mitte von England – Leicestershire. Die Fundamente des Kirchengebäudes sind angelsächsisch und es gab neben der Kirche ein Kreuz, welches 1200 Jahre alt ist. Innerhalb des Kirchengebäudes steht ein Taufbecken, das normannisch ist – das heißt, tausend Jahre alt. Jeden Sonntag tranken wir aus einem Kelch, der aus der Zeit der ersten Königin Elisabeth stammt – das heißt 500 Jahre alt. Und in der Nähe der Nordtür stand an der Wand eine Tafel, auf der die Namen der Pfarrer von Rothley seit dem Jahre (ungefähr) 1060 geschrieben waren.

Und wir sind immer noch da. Durch Kriege und Plagen, Reformation und Invasionen (mehrmals durch die Deutschen), wir sind da. Wir beten und singen und klagen und jammern und feiern und weinen und so weiter. Familien sind durch Tod und Ehetrennung, Geburt und Arbeit, aufgebaut und zerstört – aber die Christliche Gemeinde betet noch und versucht immer in die Welt durch die Augen Gottes hinauszuschauen. Die Welt ändert sich ständig, aber das Lied der Gnade und der Hoffnung kann nicht gestillt werden.

Wir müssen singen. Wir können nichts anders. Die einzige Frage heißt: welche Lieder wir singen. Und wenn die Welt unsere Musik hört, was für eine Melodie hört sie? Eine Melodie der Unordnung oder der Gleichgültigkeit… oder der Gnade, der Hoffnung und der Versöhnung?

Hier stehe ich auf dem Kanzel einer Kirche, wo Familie Bach ihre göttliche Musik spielte. Hier stand einmal Martín Luther, der so viele Lieder komponierte, so dass die Menschen nicht nur einen Wortschatz für die Anbetung hatten, aber auch den christlichen Glauben lernen konnten. In England hatten wir in dem achtzehnten Jahrhundert zwei Brüder, die von dem Luther gelernt hatten. John und Charles Wesley wussten, dass wir normale Menschen besser Glauben lernen, wenn die Ideen in einer guten oder schönen Melodie gesetzt sind. (Natürlich stimmt es auch, dass wenn wir schlechte Theologie singen, dann werden wir schlechte Theologie glauben!

Und was sagt der Paulus dazu?

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Paulus glaubt, dass Christen durch andere Linsen hinausschauen sollten. Zu seiner Zeit glaubte man, dass die Welt irgendwie gefährlich oder schmutzig war – dass Christen versuchen mussten, sich rein und sauber zu behalten. Paulus sah – nach dem Beispiel von Jesus – dass die Christen die Welt kontaminieren sollten… mit Gnade, Freizügigkeit, Liebe und Gerechtigkeit. Deswegen haben die religiösen Hauptmänner Jesus gekreuzigt, weil er mit den ‘falschen’ Menschen zu tun hatte, und die Grenzen zwischen Schmutz und Reinheit übertritt. Christen, entdeckte Paulus, sind frei, die Welt zu genießen, und die Welt mit einem neuen Lied zu feiern. Sein Lied hat drei Versen:

Erstens, alles, was Gott geschaffen hat, ist gut. Wenn wir erkennen, dass alles von Gott gegeben ist, und zu Gott gehört, dann werden wir unsere Furcht vor der unbekannten Welt verlieren. Die ganze Schöpfung gehört Gott und seine Fingerabdrücke sind überall zu bemerken.

Zweitens, wenn wir annehmen, dass alles von Gott herkommt, und dass alles, was wir haben, nur ein unverdientes Geschenk sei, dann wird unsere Antwort – unsere Erwiderung – nur von Dankbarkeit und Danksagung klingen. Denn die Dankbarkeit übernimmt keinen Anspruch oder Nachfrage, sondern sie reagiert mit Demut und Freude, weil – wie der König David einmal sagte – “Dein, HERR, ist die Majestät und Gewalt, Herrlichkeit, Sieg und Hoheit. Denn alles, was im Himmel und auf Erden ist, das ist dein.”

Drittens, eine solche Reaktion befähigt uns, durch eine andere Linse hinauszuschauen – eine Linse, die durch Gebet und Bibellesung langsam umgeformt wird. Wir fangen an, durch Gottes Augen hinaus und die Welt zu sehen, wie Gott sie sieht. Oder, anders ausgedrückt, im Gebet hören wir auf, zu sprechen, und wir lernen, für das schwache Echo von Gottes Melodie zu hören, als er die wunderbare Schöpfung ins Leben ruft.

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Und hier können wir unsere Themen zusammenbringen. Die Welt, die Gott geschafft hat, ist gut. Wenn Gott die Welt liebt, dann sollten wir seine Schöpfung auch lieben und feiern. Die Welt ist ein Geschenk, die von Menschen hoch geschätzt werden sollte. Wenn wir vergessen, dass die Welt Gott gehört, dann werden wir die Welt als unser Spielzeug behandeln. Die Welt gehört uns nicht; wir sind verantwortungsvolle Verwalter der Schöpfung. Wir singen ein Lied der blinden Zerstörungswut, und vergessen sehr schnell die Melodie einer Schöpfung, die mit der Dankbarkeit in Harmonie sein muss.

Und Erntedankfest? Welche Lieder sollten wir singen heute? Lieder von Reue und Leid – über unsere Verschwendung und Aufwendigkeit? Oder von Dankbarkeit zum Schöpfer um seine extravagante Großzügigkeit? Oder von Anbetung am Gott, der uns das Leben schenkt und der uns über den Tod  hinaus liebt? Oder Lieder von spirituellen Selbstgefälligkeit, die sich von der Ethik der Gerechtigkeit trennen. Lieder, die uns an unsere Geschichte erinnern und unsere Vorstellungskraft verfolgen und sie nicht vermeiden lassen? Oder Anbetungslieder, die nichts mit Gerechtigkeit oder Verlangen zu tun haben?

Die Geschichte des Volkes Gottes im Alten Testament zeigt uns, dass wir alles verlieren, wenn wir vergessen, dass wir auch einmal Sklaven waren. Siehe zum Beispiel Deuteronomy 26:1-11:

“Wenn du in das Land kommst, das dir der HERR, dein Gott, zum Erbe geben wird, und es einnimmst und darin wohnst, so sollst du nehmen die Erstlinge aller Feldfrüchte, die du von deinem Lande einbringst, das der HERR, dein Gott, dir gibt, und sollst sie in einen Korb legen und hingehen an die Stätte, die der HERR, dein Gott, erwählen wird, dass sein Name daselbst wohne, und sollst zu dem Priester kommen, der zu der Zeit sein wird, und zu ihm sagen: Ich bekenne heute dem HERRN, deinem Gott, dass ich gekommen bin in das Land, das der HERR, wie er unsern Vätern geschworen hat, uns geben wollte. Und der Priester soll den Korb aus deiner Hand nehmen und ihn vor dem Altar des HERRN, deines Gottes, niedersetzen. Dann sollst du anheben und sagen vor dem HERRN, deinem Gott: Mein Vater war ein Aramäer, dem Umkommen nahe, und zog hinab nach Ägypten und war dort ein Fremdling mit wenig Leuten und wurde dort ein großes, starkes und zahlreiches Volk. Aber die Ägypter behandelten uns schlecht und bedrückten uns und legten uns einen harten Dienst auf. Da schrien wir zu dem HERRN, dem Gott unserer Väter. Und der HERR erhörte unser Schreien und sah unser Elend, unsere Angst und Not und führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm und mit großem Schrecken, durch Zeichen und Wunder, und brachte uns an diese Stätte und gab uns dies Land, darin Milch und Honig fließt. Nun bringe ich die Erstlinge der Früchte des Landes, das du, HERR, mir gegeben hast. Und du sollst sie niederlegen vor dem HERRN, deinem Gott, und anbeten vor dem HERRN, deinem Gott, und sollst fröhlich sein über alles Gut, das der HERR, dein Gott, dir und deinem Hause gegeben hat, du und der Levit und der Fremdling, der bei dir lebt.”

Kurz gesagt, wir dürfen nicht den Schöpfer loben und preisen und gleichzeitig arrogant seine Schöpfung ausnutzen. Höre die Stimme von Amos:

“Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.”

Präses Nikolaus Schneider hat im Heft ‘Reformation und Musik’ folgendes geschrieben: “Musik war der Herzschlag der Reformation”. Musik bleibt der Herzschlag der ganzen Kirche. Und mein Lieblingslied zu diesem Erntedankfestgottesdienst ist auch ein Gebet, das ich von dem Kanadier Bruce Cockburn gelernt habe (und ich habe ein Kapitel in meinem Buch ‘In höchsten Tönen’ über dieses Lied geschrieben): Der Herr der Sternenfelder:

Lord of the Starfields, Ancient of days,

Universe maker, here’s a song in your praise.

Wings of the storm cloud, Beginning and end

You make my heart leap Like a banner in the wind

O love that fires the sun Keep me burning.

O Liebe, die du die Sonne entzündet, lass auch mich Feuer und Flamme sein.

Lord of the starfields, Sower of life,

Heaven and earth are Full of your light

Voice of the nova, Smile of the dew,

All of our yearning Only comes home to you

O love that fires the sun keep me burning.

Members of the Meissen Commission worked hard on educational and musical matters all this morning before going up to the Wartburg this afternoon. This is the castle where Martin Luther spent many months being protected after his excommunication by the Pope. Not only did we do the tour, but we also joined in worship in the Kapelle and heard a superb sermon – pointed, brave, sharp, engaging – by the pastor, Martina Berlich. (I hope to get a text and will say more about one particular story, if I get it.)

You can't help but be impressed by the courage of Martin Luther, even if you don't agree with his theology or way of expressing it. To stand out and risk everything is not something we all do every day. Over dinner we were talking about how the churches in this part of Germany handled the Nazizeit…

When I got back after the visit to the Wartburg, with Telemann's cantata and Luther's courage playing around my mind, I discovered a load of emails and tweets about a story I knew nothing about – my 'enthusiastic support' for the churchads.net Christmas advert campaign.

For the record, I don't like it. And I said that when asked about the original concept. But, what I like isn't the point. The advert is aimed at getting people to notice it and talk about it. It is aimed not at those already in the club, but those outside. If it upsets Christians, we have to ask if this is, in fact, what the Jesus of the Gospels did, too. It was the religious people who nailed Jesus because they thought he was 'tacky' and 'blasphemous'. Christians get upset regularly by anything that pushes the implications of God truly becoming human – and, therefore, doing human things.

As I said in my quote, this advert will upset some people. So what? Everyone gets upset by something, and upsetting the Daily Mail is not exactly hard. I couldn't see the Daily Mail in Jerusalem of the first century defending the Jesus of the Gospels. This is just posturing.

I feel a bit cut off from the discussion because here in Germany there are more important things to think about than an ad campaign upsetting people. Also, I just heard on Twitter that Malcolm Wicks MP (Croydon North) has died: a great man, a great MP, great company, and a great servant of his constituency. Very sad and I wish I had known he was so ill.

Just to conclude with some Lutheran perspective: I picked up the following Martin Luther quotes on cards at the Wartburg:

Das ist der Teufel in uns, dass niemand genug hat! (The devil in us is that no one ever has enough!)

Für die Toten Wein, Wasser für die Lebenden – das ist eine Vorschrift für Fische. (Wine for the dead, water for the living – that is a recipe for fish.)

And perhaps the briefest and best wisdom at times of pressure:

Lang ist nicht ewig. (Long time is not eternity.)

Predigt in der Berliner Dom (26 September 2009)

Johannesevangelium 11

Jesus rief mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!

In den letzten zwei Wochen habe ich in zwei verschiedenen Welten gelebt. Die erste Welt war Rom. Ich verbrachte vier Tage bei einer Kommunikationskonferenz im Vatikan und besuchte den Petersdom. Als wir vor dem Dom standen, sagte ein katholischer Freund von mir: ,Das ist der Grund für die Reformation.‘ Und die Zweite Welt?

In den letzten Tagen war ich als Gast der EKD bei der Zukunftswerkstatt in Kassel. Die Konferenz heisst Kirche im Aufbruch und vertritt die neueste Phase des Reformprozesses der deutschen evangelischen Kirche. Es scheint mir, dass die Evangelische Kirche die Herausforderung ernst nimmt, sich zu reformieren – umzugestalten – auf dem Wege zum Lutherjahr 2017. (Im Jahre 2017 werden wir den fünfhundertsten Jahrestag des Reformationsanfangs in Wittenberg feiern.) Deswegen ist es für mich eine grosse Ehre, am letzten Tag dieser Reformationskonferenz in Berlin dabei zu sein, während solche gelehrten Fachleute die sogenannten Sister Reformations in Deutschland und England betrachten und diskutieren.

Und es ist mir ein grosses Privileg, hier als anglikanischer Bischof und englischer Co-Vorsitzender der Meissen Kommission die Predigt zu halten. Die Meissen Kommission, die in der letzten Woche in England tagte, versucht die zwei Kirchen immer näher zueinander zu bringen. Und meiner Meinung nach ist diese Arbeit wichtig nicht nur für die Kirchen, sondern auch für unsere Gesellschaften in Europa.

Es tut mir wirklich leid, dass ich für die gesamte Konferenz hier in Berlin nicht dabei sein konnte. Ich bin kein Experte in Sachen Reformationsgeschichte und hätte gerne die Vorträge während der Konferenz gehört. Aber trotzdem gehören Kassel und Berlin zusammen in dem Sinn, dass sie von einer einzigen Idee verbunden sind: nämlich, dass die Kirche immer wieder reformiert werden muss – semper reformanda.

In jeder Generation müssen sich Christen einige schwierigen Fragen stellen: was ist die Kirche eigentlich und für wen existiert die Kirche? Die Welt ändert sich ständig und so muss sich die Kirche umgestalten, um die Kirche Jesu Christi für diese Generation und für diese Welt zu bleiben und zu werden. Warum ist dies so? Weil die Kirche nur existiert, um der Welt zu dienen. Die Kirche existiert nicht im Interesse der Kirche selbst, sondern im Interesse der Welt, die von Gott geschaffen, geliebt und erlöst wird.

Die Reformation des sechzehnten Jahrhunderts und der Reformprozess der EKD sind sich darin einig, dass die Kirche sich reformieren muss, um ihre Aufgabe in jeder Generation treu und ehrlich zu erfüllen.

Aber was haben diese Reformationsgedanken mit unserem Predigttext zu tun? Das ist eine gute Frage und ich werde jetzt versuchen, eine gute Antwort dazu zu geben. Allermindestens können wir sagen, dass die Auferweckung des Lazarus uns in diesen Tagen der Herausforderung und des Reformationsbedürfnisses etwas wichtiges zu sagen hat.

Das elfte Kapitel des Johannesevangeliums steht an einem Wendepunkt in der Geschichte Jesu. Und dieses Kapitel hat nicht primär mit Lazarus zu tun, sondern mit Jesus und seiner Identität. Hier lernen wir etwas von Jesus und wie seine Anwesenheit in den dunklen Stunden und Räumen unserer Welt eine lebendige Änderung hervorbringen kann – also, die Dunkelheit erhellen. Oder, besser gesagt, er ändert uns innerhalb unserer Situation. Um Kapitel elf zu verstehen, müssen wir mit Kapitel eins anfangen.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht begriffen.

Dann lesen wir folgendes: ‘das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit‘. Nun sollten wir innehalten und uns fragen: Was hast du gesehen, Johannes? Wie sah eigentlich diese Herrlichkeit aus? Und der Rest des Evangeliums illustriert was ‚wir sahen‘ und wie diese Herrlichkeit aussah … in dem Leben, in den Worten und in den Taten des Jesus von Nazareth.

Im Markusevangelium sehen wir eine ähnliche Einleitung – die ebenfalls nach einer Frage verlangt:

Nachdem aber Johannes überantwortet war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium vom Reich Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllet, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!

Die Frage ist: wie würde es aussehen, wenn die Menschen wirklich Busse tun würden (das heisst, die Art wie sie die Welt und Gott betrachten) und wirklich glauben, dass Gott in Jesus gegenwärtig ist – auch wenn die Römer im Land bleiben und das Leben hart bleibt? Denn bisher konnten sie die Gegenwart Gottes nur dann wahrnehmen, wenn die Römer das Land verlassen würden und das Land ihnen wieder gehören würde.

Also handelt diese Geschichte von Lazarus nicht von Lazarus, sondern handelt sie von Jesus, der das Bild Gottes ist und das Wort das Fleisch wurde. Seine Gegenwart und seine Worte transformieren diesen Ort des Todes in einen verwirrenden Ort der Auferstehung und des neuen Lebens. Aber diese bemerkenswerte Ereignis sagt uns drei Dinge über den Dienst Jesu und die Berufung der Kirche.

Bevor wir auf sie eingehen, sollten wir die Logik wahrnehmen, die beide – Johannes und Markus – in ihrem Evangelium voraussetzen. Lassen Sie es mich so sagen: Die Frage, die wir an die Bibel heranfragen ist: Wie sieht Gott aus? Und die Antwort ist: Gott sieht aus wie Jesus! Also, wie sieht Jesus aus? Und die Antwort ist: lest die Evangelien und schaut uns (die Kirche) an. Die Tatsache ist, die Kirche sollte so aussehen, wie der Jesus über den wir in den Evangelien lesen. Daher sollten Menschen, die die Kirche hören, sehen oder berühren, etwas von dem Jesus hören, sehen oder berühren, von dem wir in den Evangelien lesen. Und wenn die Kirche nicht aussieht, nicht klingt und sich nicht anfühlt wie der Jesus von dem wir in den Evangelien lesen, dann haben wir unseren Weg verloren – und wir sind unecht … wir leben eine Lüge.

Also, wenden wir uns nun den drei Dingen über Jesus und seinen Dienst zu, und fragen wir, was sie der Kirche heute zu sagen haben.

Erstens, Jesus ist aufmerksam gegenüber der Trauer der Welt. Er muss sich entscheiden, er verzögert seine Reise nach Bethanien, um seinen kranken Freund zu besuchen. Als er dort ankommt, ist sein Freund bereits tot.  Eine der Schwestern, Martha, rennt ihm auf der Strasse entgegen und klagt ihn an, dass er hat Lazarus sterben lassen. Und Jesus führt eine theologische Diskussion mit ihr über die Auferstehung.

Maria jedoch bleibt zu Hause. Sie trauert auf eine anderer Weise. Und als Jesus zu ihr kommt, hält sie die gleiche Anklage: HERR, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben! Aber Jesus diskutiert mit Maria keine Theologie, sondern geht mit ihr zu dem Grab und weint.

Die Berufung einer Kirche, die aussieht wie Jesus, ist es, mitten in die Trauer und Verwirrung der Menschen hineinzugehen – dort, wo der Tod real ist und der Verlust wirklich schmerzhaft. Wir müssen eine Kirche sein, die beides kann: zu wissen, wie man Theologie treibt und ohne Worte zu weinen – und die weiss, welches von beidem wann angemessen ist.

Dies gibt auch jedem von uns eine Verantwortung. Wenn sich Jesus Einzelnen in je einmaliger und angemessener Weise nähert, dann auch ruft er die Einzelnen damit und erwartet eine Antwort. Und dieses ist sicher eine der Wiederentdeckungen der Reformation Luthers. Also, lassen Sie mich eine kurze Geschichte erzählen, um dieses zu verdeutlichen.

Mike Yaconelli war ein amerikanischer Pastor und Jugendarbeiter. Er starb vor einigen Jahren bei einem Autounfall. Yaconelli hatte immer die Empfindung, dass er ein hoffnungsloser Christ und ein miserabler Pastor wäre. Bevor er starb (offensichtlich…) schrieb er ein Buch, in dem er erklärte, warum alle anderen Pastoren, die er traf, so perfekt erschienen: Sie kannten ihre Theologie und ihre Kinder waren wohl erzogene kleine Christen. Im Vergleich dazu empfand sich Yaconelli als Fehlschlag. In diesem Buch – es heißt Messy Spirituality – erzählt er, dass er einen Traum hatte, der immer wiederkehrte.

In diesem Traum sitzt er auf dem Boden in einem großen Raum mit vielen anderen Menschen. Sie reden miteinander, als plötzlich Jesus herein kommt. Er redet einen Moment mit ihnen und blickt dann Yaconelli direkt in die Augen. „Komm, folge mir nach!“, sagt Jesus. Und Yaconelli, mit Stolz gefüllter Brust, dass Jesus ihn berufen hat, steht auf, bereit, Jesus überall hin zu folgen. Dann dreht sich Jesus um und sagt: „Oh, entschuldige, ich meinte den da hinter dir.“ Jesus macht so etwas nicht. Wir sind alle berufen. Und wenn wir kritisch gegenüber „der Kirche“ sind, müssen wir uns vor Augen führen, dass wir uns selbst gegenüber kritisch sind. „Ich“ bin „die Kirche“ und muss meine Verantwortung übernehmen, „Jesus zu sein“, dort, wo ich stehe. Luther verstand diesen Punkt sehr gut.

Zweitens, Jesus erkennt die Macht von Tod und Trauer, aber er erlaubt dem Tod nicht, das letzte Wort zu haben. Wir leben in einer Welt – und Jesus lebte auch in einer harten Welt – in der viele glauben, Macht und Gewalt und Tod und Zerstörung hätten das letzte Wort. Dies ist eine Welt, in der ein Mensch, der an einem Kreuz hängt, besiegt, schwach und machtlos scheint. Aber Gott wird der Gewalt der Welt nicht erlauben, das letzte Wort zu haben. Das Wort, das Fleisch wurde, hat das letzte Wort. Und dieses Wort lautet: „Auferstehung“.

Also, die Berufung der Kirche muss es sein, dieses Herz des Schmerzes der Welt zu betreten, aber um die Verheißung neuen Lebens zu bringen. In der Tat ist dies die Tradition der Propheten in der ganzen Bibel. Sie sind die Menschen, die sich eine neue Welt vorstellen, die die Lieder der Heimat lebendig halten, wenn das Volk im Exil gefangen ist – ein Exil, das ihren Glauben zum Gespött zu machen scheint. Sie sind die Menschen, die durch Gottes Augen sehen und die sehen, was Walter Brueggemann nannte „Neuwerden nach Verlust“.

In der Tat ist die Kirche aufgerufen, das Urteil der Welt abzulehnen und den bloßen Augenschein zurückzuweisen und einer Gesellschaft, die sich daran gewöhnt hat, nur Traurigkeit zu hören, Lieder der Hoffnung zu singen.

Drittens ist es nicht die Theologie, die den Unterschied macht; es ist die Gegenwart und das Handeln und die Worte Jesu, die neues Leben bringen. Es ist einfach zu denken, dass wir nur unsere religiösen Formulierungen richtig wählen müssten, damit Gott handeln würde und alles in Ordnung kommen würde. Wir mögen unsere religiösen Gewohnheiten und wir mögen es zu versuchen, Gott nur in bestimmten Wegen handeln zu lassen. Aber die Kirche muss wahrnehmen, dass die Kirche von Jesus selbst inspiriert und bewohnt sein muss, wenn die Kirche Trägerin von Veränderung und von Leben und von Hoffnung in einer dunklen Welt sein will.

Ich habe nun häufig von „der Kirche“ gesprochen. Ich meine nicht einfach die Church of England oder einfach die Evangelische Kirche in Deutschland. Oder eine vage Idee von „Kirche im Allgemeinen“. Wenn ich von „der Kirche“ spreche, meine ich uns alle gemeinsam. Das Europa, in dem wir heute leben, zeigt uns viele Herausforderungen und Möglichkeiten, Leben in eine anspruchsvolle Kultur zu bringen. Aber keine Kirche kann dies alleine. Wir brauchen einander und wir sind unvollständig ohne einander. Keine Kirche kann ihre Berufung erfüllen ohne das Vorbild und die Zusammenarbeit mit den anderen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland und die Church of England sind dem gemeinsamen Auftrag verpflichtet, Licht in die Dunkelheit des Europas zu tragen, in dem wir leben. Wir haben unsere Schwächen und Unvollkommenheiten, aber wir arbeiten dennoch daran weiter. Und wenn wir irgendetwas aus dem Ruhm und aus dem Horror der Reformationen des 16. Jahrhunderts lernen können, ist es vielleicht einfach, dass wir bei aller Leidenschaft und Treue zu Gottes Berufung die Demut brauchen, zu wissen, dass nur die Gegenwart Jesu selbst die Kirche aussehen lassen kann wie Jesus.

Diesen Monat erinnern wir nicht nur den Reformationen in Europa, sondern auch den siebzigsten Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs. Vor 70 Jahren hätten wir nicht als Freunde hier zusammen sitzen können. Es ist bemerkenswert dass, nach den Katastrophen des Krieges waren die Kirchen fähig, Träger von Versöhnung, Vergebung und Hoffnung zu werden. Sie haben sich der Tatsache des Versagens gestellt und wurden dadurch fähig, Fürsprecher von Licht und Hoffnung für eine neue Zukunft jenseits der Zerstörung zu werden.

Vielleicht ist dies die gemeinsame Aufgabe von Christen aus England und Deutschland: Die Bibel ernst zu nehmen und zu lernen den Mut zu haben, am Ort des Todes zu stehen und zu schreien: Lazarus, komm heraus!