Addresses in German


This is the basic text of my sermon in the Frauenkirche, Dresden, on Sunday 6 May 2018, based on Colossians 4:2-6:

Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, auf dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir vom Geheimnis Christi reden können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, auf dass ich es so offenbar mache, wie ich es soll. Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus. Eure Rede sei allezeit wohlklingend und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt. (Kolosserbrief 4:2-6)

Herzliche Grüße aus England und aus meiner Diözese in Leeds. Ich habe 656 Gemeinden und die schönste Landschaft in England.

Danke für die Einladung, noch einmal hier in dieser wunderschönen Kirche in Dresden eine Predigt zu halten. Ich war am Kirchentag in 2011 zum ersten Mal hier, und habe damals in der Frauenkirche eine Bibelarbeit gemacht. Ich erinnere mich klar an das Gefühl, das ich an einem Ort hatte, den die Briten erst vor einer Generation zerstört hatten. Seitdem hat sich die Welt verändert. Deutschland hat sich verändert. Und Großbritannien hat sich auch verändert.

Zuerst möchte ich etwas wichtiges erklären: Brexit – es tut mir wirklich leid. In Großbritannien herrscht momentan ein sehr unangenehmes Klima. Wir verlassen die EU – das ist klar. Ich habe am Montag letzter Woche im House of Lords in einer guten Debatte über den Austritt aus der EU gesprochen – dann am Dienstag sind mehrere Redner auf den Titelseiten einer Zeitung erschienen, die als Verräter und Feinde des Volkes gebrandmarkt wurden. Das ist furchtbar.

Natürlich darf Frieden niemals als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Gesellschaften können sich sehr schnell in etwas schreckliches verwandeln, in dem die Sprache über andere Menschen korrumpiert wird. Es ist immer gefährlich, wenn man andere Menschen als Kategorien (und nicht mehr als Menschen) bezeichnet. Und das Gespräch über Brexit in Großbritannien ist tatsächlich schlecht.

Natürlich ist das nicht neu. Als Jesus seinen Freunden das beibrachte, was wir das Vaterunser nennen, ging er durch eine bedrohte Gesellschaft und durch ein gefährliches Land. Die Römer besetzten das Land und erniedrigten das Volk. Die Juden sehnten sich nach und beteten für ihre Befreiung von dieser Unterdrückung durch das mächtige militärische heidnische Reich. Aber diese schwierige Situation dauerte schon seit einigen Jahrhunderten. Wann würde Gott ihre Gebete erhören? Warum war Gott, angesichts dieser Grausamkeit und Ungerechtigkeit, so still und schweigend?

Der Apostel Paulus lebte auch in einer Welt des Konflikts – immer noch vom römischen Reich dominiert. Als er seine Briefe schrieb – diejenigen, die wir im Neuen Testament haben – schrieb er bewusst an Menschen (Christen), die jeden Tag entdeckten, dass das alltägliche Leben oft durch Leiden, Unterdrückung und Angst geprägt ist … aber auch, dass Christen auch hier im Herz dieser komplizierten und oft schwierigen Welt die Gegenwart Gottes spüren dürfen. Auch hier in der Tiefe der realen Welt lernen wir zu beten. Das heißt, wir beten in der wirklichen Welt; wir beten nicht primär dafür, dass wir von dieser Welt befreit werden müssen.

Als die Freunde Jesu ihre eigenen Schriften lasen, entdeckten sie ein Vokabular der Hoffnung im Mund gewöhnlicher Menschen, die in der realen Welt darum kämpften, Gottes Ruf treu zu bleiben. Wie der Psalmist vor dreitausend Jahren sagte: “Wie können wir das Lied des Herrn in einem fremden Land singen?” Mit anderen Worten, wie können wir Lieder über Gott, den Schöpfer, Liebhaber und Erhalter aller Welt singen, wenn alles was wir sehen – alle Beweise unserer Augen – uns sagen, dass dieser Gott uns unserem Schicksal überlassen hat?

Diese Frage, durchzieht die ganze biblische Erzählung – die ganze biblische Geschichte. Genau diese Frage wird ständig aus dem Herzen der Christen und anderer gerissen, die sich nach Erlösung sehnen, nach Frieden schreien und um Heilung und Rettung beten. “Wie lange, o Herr, wie lange?”

Und hier kommen wir zum Kern dessen, worum es im Gebet geht. Es geht nicht darum, dass wir Gott um Dinge bitten, die all unsere Probleme im Hier und Jetzt lösen. Es geht auch nicht darum, Gott zu bitten, uns aus dem weltlichem Leben herauszuheben. Ja, wie die Psalmisten und Jesus selbst, sollten wir immer ehrlich mit Gott sein, und ihm sagen, was wir wirklich denken und wünschen. Es geht nicht darum, dass wir aus der Welt in ein beschütztes und reines Heiligtum flüchten möchten, in dem wir sicher und unbeschmutzt leben können. Das Vertrauen in diesen Gott bedeutet, dass wir dem Jesus nachfolgen, den wir in den Evangelien sehen. Inkarnation heißt: bewusst in die Welt einzutauchen, wie sie ist, und uns nicht davon zu befreien. Denkt an Weihnachten? Und an Ostern? Und an all das, was dazwischen weiterging?

Also, was ist Gebet für dich? Wie betest du? Was betest du? Und was erwartest du vom Gebet?

Lasst mich Ihnen eine kurze Geschichte erzählen.

Drei Männer wanderten in den Bergen. Sie kämpften sich ihren Weg durch die Bäume und versuchten, ihre Hütte vor dem Einbruch der Nacht zu erreichen. Plötzlich stießen sie auf einen reißenden Fluss. Das Wasser lief den Berg hinunter und die Männer hatten keine Ahnung, wie sie den Fluß überqueren sollten. Aber es gab keine Alternative – sie mussten unbedingt diesen Fluss überqueren, aber sie wussten nicht wie.

Der erste Mann betete: „Gott, gib mir bitte die Kraft, um diesen Fluss zu überqueren.“ Pouff! Plötzlich wurden seine Arme größer; seine Brust erweiterte sich und seine Beine wurden stärker. Dann warf er sich in den Fluss hinein und schwamm auf das gegenüberliegende Ufer. Er brauchte zwei Stunden. Ein paar Mal ist er untergegangen und wäre fast ertrunken. Aber, endlich, ist es ihm gelungen, das Ufer zu erreichen, und er schleppte sich total erschöpft an Land.

Der zweite Mann beobachtete den ersten Mann und er betete: „Gott, gib mir bitte die Kraft und die Mittel, um diesen Fluss zu überqueren.“ Pouff! Plötzlich wurden seine Arme größer; seine Brust erweiterte sich und seine Beine wurden stärker; und ein Kanu tauchte vor ihm auf. Er paddelte eine lange Stunde durch das Wasser und schließlich, total erschöpft und nachdem er zweimal gekentert war, schleppte er sich aus dem Wasser und auf das gegenüberliegende Ufer.

Der dritte Mann hatte die zwei Freunde beobachtet und er betete: „Gott, gib mir bitte die Kraft, die Mittel… und die Intelligenz, um diesen Fluss zu überqueren.“ Pouff! Plötzlich verwandelte ihn Gott in eine Frau! Er schaute in seine Handtasche, holte eine Karte heraus, ging hundert Meter das Ufer entlang, und überquerte die Brücke.

Sind wir bereit im Gebet von Gott überrascht zu werden? Neue Einsichten zu spüren? Im Gebet geht es grundlegend darum, dass wir uns selbst öffnen – Körper, Geist und Seele – zu dem Gott, der uns schafft, uns liebt, uns erlöst und uns gestaltet. Zu dem Gott, der uns nicht von allem befreit, was die Welt auf uns werfen kann. Aber zu dem Gott, der uns immer noch ruft, unser Leben für seine Welt und sein Volk niederzulegen. Im Gebet bringen wir uns und unsere Welt – zu dieser besonderen Zeit und an diesem besonderen Ort – zu Gott und finden uns verändert, wenn wir beginnen, durch seine Augen auf das zu schauen, was wir sehen und was wir erfahren.

In seinem Brief an Timotheus lesen wir, wie Paulus den jungen Gemeindevorsteher Timotheus anweist, ständig für die Mächtigen zu beten. Mit anderen Worten, nimm nicht nur an deinem eigenen kleinen Leben teil, sondern richte deine Augen auf die weitere Welt, die eigene Gesellschaft und andere Gesellschaften und diejenigen, die sie formen und führen. Du wirst irgendwo hineinpassen; aber widerstehe diesen kleinen heutigen Göttern des Narzissmus, der Selbstverwirklichung und der Selbstzufriedenheit.

In unserem heutigen Evangelium (Joh 16, 23ff) hörten wir die Worte von Jesus – gerade bevor er zu seinem eigenen frühen und ungerechten Tod ging. Er versprach seinen Freunden, dass ihre Gebeten in seinem Namen erhört werden. Aber was bedeutet es, in seinem Namen zu beten? Nun, sein Name ist sein Charakter – wer er ist und wie er ist. Also, in seinem Namen zu beten heißt, auf eine Weise zu beten, die dem Charakter von Jesus selbst entspricht. Und er betete, dass er sich dem Willen Gottes anpassen könnte, selbst wenn das bedeutet, dass er den Weg an das Kreuz gehen muss und nicht dem Schmerz entgehen kann, den das Leben ihm auferlegt. Es bedeutet, wenn wir in seinem Namen beten, fangen wir an, so verwandelt zu werden, dass wir wie er aussehen und wie er klingen.

Dieses Thema ist ein konsequentes Thema in der Bibel. Die Menschen Israels wurden gewarnt, niemals Gott für selbstverständlich zu halten, sondern allmählich zu lernen, was es bedeutet, ihre Lebensweise, ihre theologische Weltanschauung und ihre Lebensgewohnheiten der Natur, den Prioritäten und dem Ruf Gottes näher anzupassen. Falls sie versagen, falls sie ihre grundsätzliche Berufung vergessen, werden sie dann alles verlieren, was zu ihnen von ihrer Identität spricht. Sie werden die Warnungen und die Ermahnungen der Propheten nicht mehr hören können oder wollen. Diese Menschen werden glauben, dass die Welt ihnen gehört, und werden dann ihre Fähigkeit verlieren, durch Gottes Augen hinaus zu schauen und sich um die Armen, Ausgegrenzten und Schwachen zu kümmern. Erinnern Sie sich an 5. Mose 26? Lassen Sie zehn Prozent Ihrer Ernten am Rand Ihrer Felder liegen, damit Reisende, Migranten und Enteignete etwas zu essen finden können. Bringen Sie die ersten zehn Prozent der Ernte zum Priester, und denken Sie daran, als du vor ihm ein Glaubensbekenntnis rezitierst und wieder erlebst, dass du auch einst ein Sklave warst, dass du einmal überhaupt nichts hattest, dass du einmal gerettet werden musste – dass du ein neues Leben haben musstest, aber das nicht aus eigener Macht gewinnen konntest.

Die Geschichte ist in der ganzen Bibel konsistent.

Paulus schreibt in seinem Brief an die Kirche in Rom so: “Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.”

Wir sehen also, dass das Gebet zuerst dazu dient, uns zu verändern, nicht primär unsere Umstände zu ändern und unsere Wünsche zu erfüllen. Aus diesem Grund werden Christen nicht von Angst getrieben, sondern von Hoffnung angezogen – gezogen von dem Gott, der Christus von den Toten auferweckt und einer verwirrten Welt zugesagt hat, dass Tod, Gewalt und Zerstörung tatsächlich nicht das letzte Wort in dieser Welt haben.

Und das bringt uns zu dem Gebet, das Jesus uns gelehrt hat – das Gebet, das wir jeden Tag beten, und das Gebet, mit dem wir so vertraut sind, dass wir seinen radikalen Kern so schnell übersehen.

Vor Ostern habe ich an meinen Pfarrern – 700 von ihnen – einen Brief geschrieben und sie aufgefordert, ihre Gemeinden zu lehren, dieses Gebet anders zu beten. Ich höre oft, wie die Gemeinden dieses Gebet aussprechen, als würden die Worte bedeutungslos sein. Ich höre zum Beispiel: “Dein Reich komme, dein Wille geschehe …” statt: “DEIN Reich komme, DEIN Wille geschehe, auf Erden, wie im Himmel”. Mit diesen Worten bestätigen wir, das Caesar (der Kaiser) nicht der Herr der Welt ist. Wenn wir beten, dann passen wir unsere Gedanken, unsere Weltanschauungen, unsere Motivationen näher an Gottes Willen an. Das heißt Bekehrung, Konversion, Verwandlung. Es ist ein Prozess, kein Ereignis – deshalb müssen wir dieses Gebet jeden Tag beten. Wir müssen es beten, damit es am Ende anfängt, uns zu beten.

Eine Einladung zum Beten – sei es von Moses, dem Psalmisten, Jesaja, Jesus oder Paulus – bietet immer eine Chance an, überrascht und verändert zu werden – durch die Augen Jesu hinauszuschauen, mit seinen Ohren zu hören, und mit seinen Händen zu berühren. Der Vaterunser ist ein Aufruf zur radikalen Jüngerschaft. Es ist ein Ruf zu einem neuen Leben. Es ist eine Ermutigung, sich auf ein Abenteuer einzulassen. Und es ist eine Herausforderung, “durch die Erneuerung unseres Geistes transformiert zu werden”.

Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns…

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This is the text of this morning’s Bible Study in Jena as contribution to Kirchentag auf dem Weg. (I don’t have time to translate it, but will try to do a summary later.)

Kirchentag auf dem Weg, Jena, 27 Mai 2017
Bibelarbeit

Esau versöhnt sich mit Jakob: Genesis 33:1-17

Gleich am Anfang dieser Bibelarbeit möchte ich drei Fragen stellen. Oberflächlich scheinen diese Fragen ziemlich einfach zu verstehen, aber, wie wir langsam entdecken werden, sind sie in der Realität irgendwie komplizierter.

Die erste Frage heißt: wie wichtig sind Gesichter?

Die zweite Frage heißt: wann sollten wir mit Gott und mit uns selbst kämpfen?

Und die dritte Frage heißt: wie kann ich entdecken, was für einen Segen Gott mir geben will?

In einigen Minuten kommen wir zu diesen Fragen zurück. Aber zuerst müssen wir über Familienverhältnisse, Geschwister und Schmerz nachdenken.

Ich habe zwei Brüder und zwei Schwestern: Ich trage die Narben des Familienlebens. Ich bin in Liverpool aufgewachsen; zumindest war der Fußball gut.

Als ich ein Kind war, spielten wir ein Kartenspiel namens Happy Families. Bei diesem Spiel kämpften wir regelmäßig miteinander. Meine Familie war trotzdem glücklich. Aber als ich älter wurde, begann ich zu erkennen, dass nicht alle Familien glücklich sind. Wie wir auf Englisch sagen: “Du kannst deine Freunde wählen, aber deine Familie nicht.“

Wenn wir über Familienspannungen oder -probleme sprechen, denken wir zum Beispiel an Ödipus und seine Mutter – oder an Romulus und Remus. Dostojewski beschreibt in seiner Darstellung der Brüder Karamasow die Herausforderungen des brüderlichen Konflikts. Aber es war Sigmund Freud, der anfing, darüber nachzudenken, was er “Geschwister-Rivalität” nannte und damit viele psychologische, verhaltens- und soziale Probleme im Boden der wettbewerbsfähigen Brüder und Schwestern verwurzelte. Es ist in diesem Zusammenhang, dass wir normalerweise über die Spannung und Rivalität zwischen Jakob und Esau nachdenken.

Geschwister-Rivalität ist immer unangenehm. Zu oft – und besonders in der Kirche – nehmen wir Bilder des Familienlebens an, die harmonisch, liebevoll und großzügig sind; dennoch ist für viele Menschen die Familie eine Quelle von Spannung, Enttäuschung und Angst – sogar von Gewalt. Im Vereinigten Königreich müssen zu dieser Zeit fast 60,000 Kinder vor Missbrauch geschützt werden.

Aber in unserer Bibellesung treffen wir Jakob und Esau. Zwei Brüder, die einander so sehr „lieben“, dass ihre Namen häufig mit Betrug, gebrochenen Beziehungen, Groll und der Menge der Behaarung verbunden sind. Von den gleichen Eltern abstammend, ist diese Familie so dysfunktional, dass sie nach Bevorzugung, versteckten Angeboten und Lügen riecht. Nach Jahrzehnten der Auseinandersetzung suchen die beiden Brüder schließlich Versöhnung, aber dies mit unterschiedlichen Annahmen darüber, wie der andere antworten wird.

Und bevor wir weiter gehen, möchte ich noch eine weitere einfache Frage stellen, auf die ich die Antwort nicht kenne. Der Titel dieser Bibelarbeit ist “Esau versöhnt sich mit Jakob”; warum nicht: “Jakob versöhnt sich mit Esau”?

Der ehemalige Oberrabbiner Lord Jonathan Sacks glaubt, dass die Geschwister-Rivalität uns die passende – die richtige – Linse liefert, durch die wir nicht nur die Welt betrachten und verstehen können, in der wir derzeit leben – denke an den sogenannten „Islamischen Staat“, Israel-Palästina und so weiter -, sondern auch einige der biblischen Texte, die für unser Verständnis der Bibel und die Grundaussagen unseres Glaubens am wichtigsten sind. Nicht in erster Linie die Beziehung zwischen Eltern und Kind, sondern zwischen Bruder und Bruder, Schwester und Schwester, Schwester und Bruder.

In seinem wichtigen Buch Nicht in Gottes Namen überprüft Jonathan Sacks die Geschichten von Genesis, und zieht einige sehr interessante Schlussfolgerungen daraus. Dann wendet er diese Schlussfolgerungen auf einige der dringlichsten Rivalitäten der Welt an: Israeliten und Palästinenser, Muslime und Juden, und so weiter. Was wirklich liegt im Kern solcher gewalttätigen und konkurrenzhaften Beziehungen? Woher kommt der Hass? Welche sind die Erzählungen – oft bloß angenommen, anstatt artikuliert -, die das Selbstverständnis der Menschen gestalten, die ihren Nachbarn töten würden, um Recht zu behalten oder ihre Rechte zu behaupten? Warum werden eine gemeinsame Menschlichkeit und eine respektvolle menschliche Gegenseitigkeit so leicht durch einen Überlegenheitsdrang vertrieben?

Wir werden zu diesen Fragen gleich zurückkommen, aber zuerst müssen wir die Geschichte überdenken, in der sich unser Text – die Versöhnung von Jakob und Esau – befindet. Und wenn wir diese Grundgeschichten unseres Glaubens wieder betrachten, können wir vielleicht die Worte des irischen Dramatikers George Bernard Shaw bedenken, der sagte: “Wenn Sie das Familienskelett nicht loswerden können, dann können Sie es auch tanzen lassen.”

Nun, bevor wir das tun, lasst mich eine Randbemerkung machen. Ich habe vor einigen Jahren bemerkt, dass Prediger zu oft Predigten über isolierte Passagen halten, ohne diese Passage in ihren größeren Kontext zu setzen – das ist ein bisschen wie ein Fragment eines Gemäldes anzuschauen, ohne das ganze Bild zu zeigen, in das es passt und was ihm Sinn gibt. Also habe ich angefangen, die Geschichte der ganzen Bibel in einer Minute zu erzählen (wobei ich natürlich ein paar Details weglassen muss). Wenn ich in England in der Gemeinde sage, dass ich das jetzt tun werde, sehen sie mich mit herausfordernden Augen an. Als ich das zum ersten Mal in deutscher Sprache im Berliner Dom sagte, schauten hunderte Deutsche ihre Armbanduhr an. Am Ende des Gottesdienstes schüttelte ich die Hände von Hunderten von Leuten, die mir fröhlich mitteilten, dass meine Erzählung eine Minute vier Sekunden gedauert hatte. Ich fragte mich, wie lautet die deutsche Übersetzung vom englischen ‘get a life’?

Die traditionelle Geschichte von Jakob und Esau geht so:

Isaak, der Vater ist alt und blind. Seine Frau hat einen Lieblingssohn, Jakob, aber er ist der zweite Sohn und hat daher keinen Anspruch auf das Erbe, wenn Isaak stirbt. So überzeugt sie Jakob, seinen Vater zu täuschen und den Segen zu beanspruchen, der seinem älteren Bruder Esau übertragen werden sollte. Vater Isaak wird getäuscht, Jakob bekommt den Segen, Esau geht leer aus, da ist eine riesige Menge an Elend und Wut, und die Familie ist zerrissen. Jahrzehntelang sehen sich die Brüder nicht. Sie heiraten, haben ihre Familien, machen ihr Geschäft und halten sich auseinander. Dann, eines Tages, versuchen sie, alles aufzuholen. Sie versöhnen sich miteinander.

Aber, ich stelle die Frage: geht die Geschichte wirklich so?

Wir sind mit einer bestimmten Erzählung des Segens vertraut – eine Erzählung, die man auf Englisch nennt: Either-Or (Entweder-Oder). Wenn Abel gesegnet ist, dann kann Kain nicht gesegnet sein. Wenn Isaak gesegnet ist, dann muss Ismael verflucht sein. Wenn Jakob den Segen stiehlt, dann ist Esau dessen beraubt worden. Es kann nur einen Gewinner geben – was wir in englischer Sprache “a Zero-sum game” (ein “Nullsummenspiel”) nennen, in dem, wie Abba es so merkwürdig ansah, “der Sieger alles nimmt” (“The winner takes it all”).

Aber ich möchte heute Morgen vorschlagen, dass dies ein Missverständnis des Textes darstellt.

Also jetzt müssen wir zum Anfang zurück gehen, und den Kontext beschreiben, in den die Versöhnung von Jakob und Esau passt. Das dauert länger als eine Minute. Und die Geschichte geht so:

Gott schafft alles, was ist, und denkt, es ist wunderbar. Die Welt wird geschaffen, um fruchtbar zu sein – eine Welt, die sich schafft – und Gott segnet zuerst die Lebewesen der Luft und des Wassers (1:22, der fünfte Tag), dann als nächstes Tiere und Menschen (1: 24-31, der sechste Tag).

Wie ihr wisst, gibt es zwei Schöpfungserzählungen in der Genesis, und sie erzählen die gleiche Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln. Hier lesen wir Poesie und Metapher, die sich mit der ewigen Frage beschäftigt, die das menschliche Bewusstsein verfolgt: warum bin ich – warum sind wir – eigentlich hier, und was ist der Sinn der menschlichen Existenz? Der Punkt ist, dass Gott seine Schöpfung liebt und sie segnet. Aber die Freiheit bringt immer ein Risiko mit sich. Die Freiheit der Erde, fruchtbar zu sein, bedeutet auch, dass Zellen mutieren. Die Freiheit des Menschen, Gott, die Welt und andere Menschen zu lieben, bedeutet auch, dass sie den Hass wählen dürfen. Das Ergebnis ist die Möglichkeit, die die Bibel “Sünde” nennt.

Dann, in Genesis Kapitel 4, begegnen wir der ersten Familienbeziehung, und es ist kein Modell von Harmonie, Freude, Liebe und Frieden. Unsere erste Familienerfahrung ist ängstlich: Rivalität, Konkurrenz, Eifersucht, Reibung, Wut, Gewalt.

Nun, wenn ich gebeten werde, ein “biblisches Modell der Familie” zu wahren, muss ich fragen, ob dies eingeschlossen ist.

Kain und Abel, die zwei Söhne von Adam und Eva. Kain ermordet seinen Bruder Abel. Als nächstes vertreibt Gott Kain aus dem Land und die Menschen werden ruhelos wandern – immer unterwegs, und verfolgt von der Vergangenheit. Und doch … und doch … Gott schützt den Sünder: “Der Herr legte ein Zeichen auf Kain, damit niemand, der auf ihn kam, ihn töten würde.” (4:15) (Leider haben wir jetzt keine Zeit, um zu erforschen, was der französische Jurist und Theologe Jacques Ellul in seinem wunderbaren Buch von 1962 “Die Bedeutung der Stadt” nannte – was es bedeutet, “eine Stadt zu bauen”, die in einer ansonsten konturlosen Wüste der menschlichen Existenz ein Gefühl von Zugehörigkeit und Bedeutung gibt.) Aber, wie die Geschichte entfaltet, sind wir mit einem total unsentimentalen Bild vom Menschen konfrontiert, das sich weigert, von der zerstörerischen Kraft des Neides, der Rivalität, der Freiheit und der Sünde wegzuschauen.

Ihr kennt schon die Geschichte von Noah und der großen Flut. Zum Schluss segnet Gott noch einmal, und macht einen Bund mit den Menschen und der Erde. Aus der Zerstörung kommt Erlösung und Hoffnung. Aber es verlangt von den Menschen auch, dass sie der ursprünglichen menschlichen Verpflichtung treu bleiben, “fruchtbar zu sein und sich zu vermehren”. Zu diesem sogenannten “kulturellen Mandat” gehört auch eine relationale Verpflichtung – eine Forderung nach Treue und Kreativität für das Gemeinwohl der Welt.

Und jetzt nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung. Kapitel 12 beginnt mit der Erzählung, die sich noch einmal auf ein einziges Paar konzentriert. Zuerst waren es Adam und Eva, jetzt sind es Abram und Sarai. Gott macht ihnen ein scheinbar lächerliches Versprechen (12: 2-3) und segnet sie. Kein Wunder, dass, wie die Geschichte fortschreitet, sowohl Abram als auch Sarai mehrmals über Gott lachen.

Und hier wird die Vorstellung des Landbesitzes wichtig. Adam wurde der Garten gegeben, Kain wurde in die Wüste verbannt, alles Land wurde unter Noah sauber gewaschen. Aber als die Geschichte wieder neu beginnt, geht es schon wieder um Gott und die Menschen, die in einem Bund zwischen Gott, den Menschen und der Erde gesegnet werden. Den Menschen wird von Gott geboten, das Land unter Gott zu kultivieren, immer um des Gemeinwohls willen. Wenn es Hungersnot in meinem Land gibt, kann ich in ein anderes Land ziehen und dort Segen und Sicherheit suchen. Das Land gehört immer Gott.

Aber alles geht schief. Es gibt schlechte Menschen in der Welt. Und Abram wird durch das lachhafte Versprechen verfolgt: Gottes Welt wird durch ihn gesegnet. Segen und Fruchtbarkeit, aber keine Kinder und keine Zukunft.

Wer annimmt, dass die Bibel religiöse Phantasie repräsentiert, um die Menschen über die Realität einer harten Welt hinweg zu trösten, hat klar den Text niemals gelesen.

Und dann kommt die Überraschung: Gottes Segen hängt davon ab, dass Sarai Kinder hat – aber sie ist unfruchtbar. Sarai will nicht noch länger warten, und gibt Abram ihr ägyptisches Sklavenmädchen Hagar, und Hagar ist fruchtbar. Das Verhältnis der Macht zwischen Sarai und Hagar ist gebrochen und Hagar wird in die Wüste vertrieben, wo sie zugibt, dass sie davonläuft und nicht dahinläuft. Aber der Engel des Herrn sagt, sie solle zurückkehren und sich wieder Sarai unterwerfen.

Allerdings liegt der Schlüssel in dem folgenden Vers (16:10): “Der Engel des Herrn sprach zu ihr: “Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können.” Ismael, ihr Sohn, wird eine besondere Berufung in der Welt haben. Nicht die gleiche Berufung wie sein noch unbekannter Halbbruder Isaak, sondern eine von Gott gegebene Berufung.

Nach einer ganzen Reihe von Kapiteln über diese Eltern geht eines Tages Sarai zum Sozialdienstbüro, um ihre Rente abzuholen, aber kommt mit ihrem Mutterschaftsgeld zurück: Ihr Junge ist endlich geboren. Und nach 21:9 hat sich der Teenager Ismael mit dem kleinen Halbbruder Isaac gut verstanden – und anstatt dies zu feiern, wird Sarai eifersüchtig.

Die Worte von Sarah müssen beachtet werden: “Der Sohn dieser Sklavenfrau soll nicht erben mit meinem Sohn Isaak (21:10).” Das ist es: Wettbewerbsfähigkeit; Nachteil gegen den anderen; Entweder-oder; Der Gewinner nimmt alles.

Aber Gott sagt Abraham: “Nach Isaak soll dein Geschlecht genannt werden. Aber auch den Sohn der Magd will ich zu einem Volk machen, weil er dein Sohn ist. “(21:13) Und Gott spricht zur verstörten und verbannten Hagar: ” Gott hat die Stimme des Knaben dort gehört, wo er liegt… Ich will ihn zum großen Volk machen.” (21: 17-18)

Versteht ihr? Beide werden gesegnet. Der Schriftsteller von Genesis erzählt uns etwas Subtiles – etwas, das die normalen menschlichen Annahmen über Segen und Fluch überschreitet.

Wir haben nicht genug Zeit, die Episode anzupacken, als Abraham seine Bereitschaft zeigt, seinen Sohn, Isaak, zu opfern. Aber noch einmal hören wir Gottes Versprechen an Abraham über Isaak: “Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, will ich dich segnen und deine Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; und durch deine Nachkommen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast. “(22: 16-18) Die Nachkommen von Isaak werden ein Segen für die Welt sein. Gott verspricht nicht Reichtum und Wohlstand, sondern dass dieses Volk eine Quelle sein wird – ein Transportmittel – zum Segen für andere.

Also geht die Geschichte weiter. Sarah stirbt, Isaak geht auf die Jagd nach einer Frau, alles klappt, und Rebekka bekommt einen Mann, der sie liebt (24:67) – das war gut, weil er seine Mutter vermisst hatte. Der alte Mann Abraham heiratet wieder, dann stirbt er.
Nun endlich kommen wir zu der Geschichte von Esau und Jakob. Aber nachdem wir die Geschichte auf diese Weise untersucht haben, können wir jetzt den Rahmen sehen, in den die Geschichte der beiden Brüder passen wird: Beide können gesegnet werden, aber sie werden nicht denselben Segen bekommen.

Seid ihr noch da?

Die Geschichte von Esau und Jakob ist eine Geschichte von Betrug, Verrat und dem falschen Anspruch auf das, wozu Jakob nicht berechtigt ist – weil er den Segen eines anderen haben will, und nicht den Segen, der ihm gehört: Verkaufe mir dein Geburtsrecht für eine Schüssel Suppe. Der blinde Vater Isaak segnet den falschen Sohn.

“Siehe, der Geruch meines Sohnes ist wie der Geruch des Feldes, das der Herr gesegnet hat. Gott gebe dir vom Tau des Himmels und vom Fett der Erde und Korn und Wein die Fülle. Völker sollen dir dienen, und Stämme sollen dir zu Füßen fallen. Sei ein Herr über deine Brüder, und deiner Mutter Söhne sollen dir zu Füßen fallen. Verflucht sei, wer dir flucht; gesegnet sei, wer dich segnet! “(27: 27-29)

So hat Jakob den Segen erhalten, der für seinen Bruder bestimmt war.

Dann kommt Esau herein, entdeckt den Betrug und ist verstört. “Vater: Segne mich auch, mein Vater!”, ruft er (27:34). “Hast du mir denn keinen Segen vorbehalten?” (27:36) “Hast du denn nur einen Segen, mein Vater? Segne mich auch, mein Vater! “(27:38) Und Esau weinte. Und warum eigentlich nicht. Seine Welt ist zu Ende. Sogar seine Identität wird jetzt in Frage gestellt.

Aber bemerkt ihr das, was in 27:39-40 folgt, wie sein Vater auf die Klage des beraubten Sohnes antwortet: “Siehe, du wirst wohnen fern vom Fett der Erde und fern vom Tau, der vom Himmel kommt. Von deinem Schwerte wirst du dich nähren, und deinem Bruder sollst du dienen. Aber es wird geschehen, dass du einmal sein Joch von deinem Halse reißen wirst.” Diese Ungerechtigkeit, ohne Flucht vor ihren Implikationen und Konsequenzen, ist nicht das Ende der Geschichte, Esau. Segen gibt es noch.

Die Brüder gehen ihre verschiedenen Wege. In ihren Ehen klingt etwas wider von Isaak und Ismael (28:1-9).

Aber das ist die Geschichte von dem, was passiert, wenn jemand seinen eigenen Segen – seine eigene Berufung – nicht akzeptieren will, und sich nach dem Segen eines anderen sehnt – in der Regel eines anderen, der eng mit ihm verwandt ist. Der Fokus liegt auf Jakob, nicht auf dem verletzten Esau. Nach einigen Jahrzehnten nach der Trennung hat Jakob einen Traum, in dem wir die Begriffe von Gottes Segen beachten sollten:

“Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.” (28:13-15)

Und Jakob wusste, dass dieser Segen nicht der war, den er von Esau gestohlen hatte. Esau sollte Reichtum haben und das Land besitzen; Jakob sollte die Quelle des Segens aller Völker werden. Das heißt zwei verschiedene Segen.

Jakob heiratet dann zwei Schwestern unter merkwürdigen Umständen, und noch einmal gibt es Geschwister-Rivalität über Fruchtbarkeit. Schon wieder.

Während der Jahre mit seinem Schwiegervater Laban und seinen Frauen bekommt er viele Kinder und viel Reichtum. Er täuscht auch seinen Schwiegervater (30: 37-43). Jakob kann man nicht vertrauen. Er würde nicht für das Ordinationstraining in der Kirche von England ausgewählt werden. Aber hier ist der Punkt, dass der gestohlene Segen erfüllt ist, obwohl er gestohlen wurde. Gott ist seinen Versprechen in einer kompromittierten Welt treu, die von kompromittierten Menschen bewohnt wird.

Jakob flieht mit diesen Frauen und Kindern – und mit den Sachen, die Rachel von ihrem Vater Laban gestohlen hat. Es folgen weitere Täuschungen. Laban findet die Familie, fordert Jakob über die Diebstähle heraus, und Jakob antwortet mit einem Haufen von selbstmitleidigen, selbsterklärenden emotionalen Erpressungen. Jakob und Laban trennen sich.

Nun kommen wir zu unserer Geschichte und fast zu dem Text vor uns. Jakob schickt seine Boten, um Esau zu finden und um ein Treffen zwischen den beiden längst entfremdeten Brüdern vorzubereiten. Jakob kann der Last seiner Täuschung nicht mehr ausweichen. Die Boten kehren zurück und sagen ihm, dass Esau kommt, um Jakob zu treffen, und er bringt vierhundert Männer mit ihm. Natürlich geht Jakob davon aus, dass sie Gewalt im Sinn haben. So antwortet er taktisch, um die Zerstörung zu minimieren – er teilt seine Familien und Waren in zwei Gruppen auf, so dass, wenn eine Gruppe vernichtet wird, die andere eine Chance hat zu überleben und sein Geschlecht fortzusetzen.

Und hier, in 32: 9-12, kämpft er mit dem theologischen Problem, wie Gottes Verheißung erfüllt werden kann, wenn er und seine Familie ausgelöscht werden sollten. Aber wir bemerken, dass der Segen, den er zitiert, derjenige ist, der ihm im Traum zukam, und nicht der, den er von Esau gestohlen hat. Dieser Segen geht darum, dass er die Welt segnen wird … und nicht selbst reich und mächtig werden sollte. Die Geschichte bekommt jetzt einen Sinn. Und Jakob, der immer noch davon ausgeht, dass andere Leute – insbesondere Esau – genauso verrückt sind wie er selbst, versucht, Esau zu beschwichtigen, indem er ihm Geschenke von seinem Reichtum gibt.

Und dann, nachdem er sein Volk vor sich her geschickt hatte, (vielleicht wollte er ein bisschen Zeit ohne Familie?) hat er eine zweite seltsame Begegnung. Der Traum war bedeutsam, aber hier kämpft er mit einem Unbekannten, der ihn verwundet, aber schließlich gesegnet zurück lässt. Jakob sagt ihm: “Ich will dich nicht gehen lassen, wenn du mich nicht segnest.” (32:26) Dann sagt der anonyme Kämpfer: “Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel, denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft, und hast gewonnen. “(32:28)

“Gewonnen”? Aber wie? Was bedeutet das? Und warum durfte Jakob dann den Fluss überqueren, um seinen Bruder zu treffen? Vielleicht deswegen, weil Jakob, der seit so vielen Jahrzehnten mit Gott und sich selbst kämpfte, weil er den Segen von seinem Bruder gestohlen hat, nun bereit ist, den Segen und die Berufung zu übernehmen, die für immer für ihn bestimmt war. Er hat eine Lüge gelebt – ein zweitbestes Leben gelebt, als er versuchte, der Mensch zu sein, der er gar nicht sein sollte. Nicht nur hat er seinem Bruder dessen Berufung beraubt, sondern er hat sich auch selbst verleugnet. Und an dem Punkt, an dem er das realisiert und sich damit auseinandersetzt, weiß er (in den Worten von 32:30), dass er das Gesicht Gottes gesehen hat, und hat trotzdem überlebt.

Also, nach all dieser Zeit kommen wir schließlich zu unserem Stückchen der Geschichte – eine Geschichte, die keinen Sinn machen würde ohne das Detail und die Erzählung, die ich gerade skizziert habe.

33: 1-3: Jakob verbeugt sich siebenmal auf den Boden vor Esau – ein Akt der Unterwerfung vor der Macht des anderen. Mit anderen Worten, Jakob gibt Esau den Segen, der immer Esau gehörte: Er verbeugt sich und erkennt in Esau die Person, deren Segen es war, Reichtum zu haben und Macht auszuüben. Jakobs Segen und Berufung war anders und wurde nun schließlich von ihm angenommen. Und es ist Esau, der vor Freude und Verwirrung überrascht ist. Anders als der ältere Bruder des verlorenen Sohnes, freut er sich, dass die Entfremdung vorbei ist, dass der Bruder zurückgekehrt ist. Esau lehnt die Geschenke ab, aber für Jakob ist es wichtig, sie ihm zu geben … und Esau akzeptiert schließlich. Herden bedeuten Reichtum. Dann trennen sie sich wieder.

Und die Geschichte geht weiter.

Nun, was sollen wir daraus machen? Und warum habe ich euch gesagt, was ihr für euch selbst lesen könntet?

In dem ausgezeichneten Buch, auf das ich am Anfang verwiesen habe, betrachtet Jonathan Sacks diese Texte im Zusammenhang mit dem Versuch, besser zu verstehen, wie wir das Problem der religiösen Gewalt in der heutigen Welt ansprechen könnten. Simplistische Annahmen, dass Israel-Palästina und Judentum-Islam die Grundlage ihrer Feindschaft in ihren heiligen Texten finden, müssen durch eine bessere Lesung dieser Texte herausgefordert werden. Er lädt uns ein, sie durch eine andere Linse zu lesen. Und diese Linse hat mit der Bedeutung des Wortes ‘Segen’ zu tun. Mit Bezug auf die Geschwister-Rivalität, wie sie von Freud und Girard (“mimetisches Verlangen”) verstanden wird, sieht er eine zentrale Rolle im menschlichen Konflikt als “der Wunsch, das zu haben, was dein Bruder hat oder gar, was dein Bruder ist”. (S. 90)

Und, so schlägt er eine Lesart vor, nach der der Islam, das Christentum und das Judentum lange in einer gewalttätigen, manchmal tödlichen Umarmung eingeschlossen waren. “Ihre Beziehung ist Geschwister-Rivalität, voller mimetischer Wünsche (laut Girard): das Verlangen nach dem gleichen [Segen], Abrahams Versprechen”. (S.98)

Ismael wird von Gott gesegnet werden (15: 5, 16: 9-10, 21: 12-13, 21: 17-20). Israel ist ursprünglich für ein bestimmtes Schicksal bestimmt, aber “Gott hat gehört” Ismaels Stimme. (Wir merken, dass beide Söhne an Abrahams Grab stehen -in 25: 8-9.)

Die Geschichte von Jakob und Esau unterstreicht unser Verständnis von Gott und den Schriften. “Sobald wir das Geheimnis Jakobs dekodiert haben, wird unser Verständnis von Bund und Identität für immer verändert werden.” (S.125)

Jakob musste selbst den Segen empfangen, den Gott für ihn bestimmt hatte. “Er musste er selbst sein, kein Mensch der Natur, sondern einer, dessen Ohren auf eine Stimme jenseits der Natur abgestimmt waren, der Ruf Gottes, für etwas anderes als Reichtum oder Macht zu leben, nämlich für den menschlichen Geist als den Atem Gottes, und die Menschenwürde als das Bild Gottes”. (S.137)

Das heißt: Jakob erkennt, dass der Segen, den er von Esau genommen hat, tatsächlich nie für ihn bestimmt war, und er gibt ihn zurück. In der Vergangenheit wollte Jakob Esau sein. In der Zukunft wird er nicht darum kämpfen, Esau zu sein, sondern er selbst. In der Vergangenheit hielt er Esaus Ferse. In der Zukunft wird er sich an Gott festhalten. Er wird ihn nicht loslassen; und Gott wird Jakob nicht loslassen. “Lass Esau los, damit du frei sein kannst, Gott zu halten.” Jonathan Sacks schreibt: “Frieden kommt, wenn wir unsere Reflexion im Angesicht Gottes sehen, und den Wunsch, jemand anderes zu sein, loslassen.” (S.139)

Also müssen wir nicht vortäuschen, jemand anders zu sein, um den Segen Gottes zu bekommen. Wir werden von Gott geliebt für das, was wir sind, nicht für das, was jemand anderes ist. Wir haben alle unseren eigenen Segen.

Am Anfang dieser Bibelarbeit stellte ich drei Fragen. Jetzt kehren wir zu diesen Fragen zurück.

Erstens, wie wichtig sind Gesichter?

Gesichter sind sehr wichtig. Bei Peniel (32: 22-32) behauptet Jakob, Gott von “Angesicht zu Angesicht” gesehen zu haben. Als er später seinen Bruder trifft, sagt er: “Ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht, und du hast mich freundlich angesehen ” (33,10). Der deutsche Theologe Gerd Theissen bemerkt, dass dreimal in dieser Geschichte das Zeichen der Versöhnung ist, die Freiheit, “von Angesicht zu Angesicht” zu sehen. Und bevor Jakob seinen entfremdeten Bruder wieder trifft, sagt er (nach dem hebräischen): “Vielleicht kann ich sein Gesicht mit dem Geschenk abdecken, das vor meinem Gesicht geht; Und danach werde ich sein Gesicht sehen; Vielleicht wird er mein Gesicht aufheben.” In dem Gesicht seines Bruders sieht er das Gesicht von Gott – ein Gesicht, das er schon vorher in einem Traum und am Ufer des Jabbok gesehen hatte. In dieser Versöhnung findet Jakob den Frieden, weil er nun – schließlich – erkannte, dass Gott ihn kennt und liebt und segnet … als Jakob und nicht als Esau.

Die zweite Frage: wann sollten wir mit Gott und mit selbst kämpfen?

Wir sind in unseren Entfremdungen dazu berufen, mit Gott zu kämpfen – wie auch die Psalmisten immer die Wahrheit aussprachen, und nie versuchten, die Wahrheit vor Gott zu verbergen. Gleichgültigkeit ist die größte Sünde. Kämpfen heißt, Gott und sich selbst ernst zu nehmen. Diese Erfahrung – der Kampf mit Gott und mit mir – ist nie leicht, und ich werde immer irgendwie verwundet werden. Aber dort liegt auch der Segen.

Wir werden immer unruhig sein in einem Haus, das nicht unser ist, wenn wir die Berufung nicht akzeptieren können, die Gott für uns beabsichtigt hat. Wenn wir nach dem streben, was anderen gehört, ist es, als ob wir uns und unsere Kinder zu Feindschaften und Konflikten und Eifersucht verurteilen, aus denen wir und sie zu oft nicht entkommen können.

Und die dritte Frage: wie kann ich entdecken, was für einen Segen Gott mir geben will?

Ich kann damit anfangen, anzuerkennen, dass Gott mich liebt, und dass Gott auch meinen Bruder liebt. Wir beide können gesegnet werden. Es soll keinen Kampf geben.

Aber diese Geschichte von Jakob und Esau ist kein romantischer Hollywood-Film. Die Brüder trennen sich noch einmal. Die Versöhnung war kräftig, aber sie ist nie vollständig. Das Leben geht immer weiter.

This is the text of last night’s sermon from the stage on the Marktplatz in Halle, Germany, in the Ascension Day ecumenical service to kick off Kirchentag auf dem Weg. 

Kirchentag auf dem Weg, Halle, 25 Mai 2017

Predigt

„Du siehst mich.“ (1 Mose 16:13)

Sind diese drei Worte eine Drohung oder ein Versprechen? Als Adam und Eva merkten im Garten, dass sie nackt waren, hatten sie sofort Angst. Gott kann alles sehen. Wir sind transparent.

Vielleicht gibt es eine andere Frage: Gott sieht mich, aber wie siehe ich Gott? Heute feiern wir auch Christi Himmelfahrt, und ich möchte jetzt versuchen, diese Frage mit Bezug auf dieses seltsame Ereignis zu beantworten.

Als meine Kinder noch klein waren, fuhren wir aus dem Norden Englands nach Traun bei Linz in Österreich, um dort mit Freunden zwei Wochen Urlaub zu machen. Einige Dinge haben diesen Urlaub unvergesslich werden lassen – nicht zuletzt der vierzigste Geburtstag meiner Frau im Mauthausener Konzentrationslager … was beweist, was für ein toller Romantiker ich bin. Aber zwei andere Erinnerungen zeichnen sich aus: erstens, mein jüngster Sohn, der ungefähr zehn Jahre alt war und gar kein Wort Deutsch kannte, war erstaunt, wie riesig groß die Stadt ‘Ausfahrt’ war, wie jedes Verkehrsschild auf der Autobahn darauf hinwies; die zweite war seine inzwischen in unserer Familie legendäre Frage: “Dad, warum sagen sie auf Star Trek immer wieder, ‘Beat me up, Scottie’?”

Ich weiß, dass das schon vor langer Zeit war, aber ich erinnere mich auch daran, dass alle drei Kinder immer wieder fragten – wie eine Schallplatte mit einem Sprung: “Sind wir bald da?” Es ist ein echtes Wunder, dass sie alle die Reise überhaupt überlebt haben. 1200 Kilometer. Ich freue mich sehr darüber, dass zwei von ihnen nun ihre eigenen Kinder haben und gleichermaßen von ihnen geplagt werden. Das heißt Gerechtigkeit … Rückzahlung.

Ich erzähle diese Geschichte nicht, um zu zeigen, dass die Briten den Begriff ‘Schadenfreude’ verstehen, auch wenn wir kein Wort dafür haben. Ich erzähle sie, weil sie illustriert, was wirklich im Hintergrund der Ereignisse vor sich geht, die wir den Himmelfahrt Jesu nennen. Die Freunde Jesu haben eine schwierige Reise erlebt – eine Reise voller Drehungen und Wendungen und unerwarteten Ereignissen; und nun wollen sie einfach wissen, ob sich die Reise dem Ende nähert – dass sie schon fast da sind. Sie wundern sich nicht über Star Trek, aber sie sind immer noch darüber verwirrt, was ihre Erfahrung mit Jesus tatsächlich bedeutet, und wohin die Reise weiter geht.

Die Freunde Jesu haben erlebt, wie ihr gewöhnliches Leben durch das seltsame und beunruhigende Verhalten und die Aussagen des Zimmermanns aus Galiläa total gestört worden ist. Vorher war das Leben klar und ihre Erwartungen waren ziemlich einfach: Sie lebten unter dem Druck der römischen militärischen Besatzungskräfte; sie sehnten sich nach und beteten für den Tag, an dem sie wieder frei werden; sie sahen sich als Gottes Volk, und sie warteten auf die Rechtfertigung Gottes, auf die Wiederherstellung der wahren Ordnung der Welt, auf die Erneuerung des jüdischen Volkes. Aber, trotz aller Hoffnungen und der Versprechungen von vielen Messias, dass sie schon fast da seien, ging das Elend weiter. Ihre Welt war von politischen Intrigen, religiöser Korruption und gesellschaftlichem Unbehagen geprägt. Mit den Worten des Psalmisten beteten sie ernsthaft: “Wie lange, O Herr, wie lange…?” Wie lange müssen wir noch warten, bis Du dich als der Herr im Himmel wie auf Erden zeigst?

Dann steht Jesus auf einem Berg – genauso wie Mose einmal auf dem Berg stand und die Zehn Gebote direkt von Gott erhielt (und froh war, dass es nur zehn und nicht zwanzig Gebote waren) – und Jesus fängt an, ein neues Licht des Verständnisses auf Moses zu werfen. Wie die Israeliten, die mit Mose nach dem Exodus vierzig Jahre durch die Wüste zogen, verbringt Jesus nach seiner Taufe vierzig Tage und Nächte in der Wüste, um dort ohne Ablenkung seine Prioritäten aussortieren zu können, und um seine Ernsthaftigkeit über die ihm bevorstehende Aufgabe zu prüfen . Gleich danach wählt er seine Freunde aus, und lädt sie ein, mit ihm den Strand entlang zu laufen und ein neues Leben voll von neuen Erfahrungen und neuen Gefahren zu beginnen. Aber es scheint, dass diese Reise mit Jesus auf einem anderen Berg – das heißt Golgotha – zum bitteren und tief enttäuschenden Ende gekommen ist … aber dann noch eine andere unerwartete Wendung nimmt, als der vermeintlich tote Jesus immer wieder seine Freunde trifft. Schließlich nimmt er sie auf einen weiteren Berg mit, wo er sie beauftragt und sich dann von ihnen verabschiedet.

Während dieser drei kurzen Jahre ist das Leben dieser gewöhnlichen Männer und Frauen aus dem Bergland von Galiläa auf den Kopf gestellt worden. Sie haben – in den Worten von Markus gleich am Anfang seines Evangeliums – sich der Herausforderung der Umkehr (der Buße – metanoia) gestellt: das heißt, die Art und Weise, wie sie Gott, die Welt und sich selbst betrachten, zu ändern, … um zu verändern, wie sie über Gott, die Welt und sich selbst nachdenken, … um zu verändern, wie sie in der Welt mit Gott und einander zusammenleben.

Metanoia: eine radikale Veränderung nicht nur von, sondern auch zu einer neuen Art zu Sehen, Denken und Leben. Wir wissen, dass Gott uns sieht; aber wie sehen wir Gott?

Nun ist das ja keine einfache Sache. Zum Beispiel, wenn jemand versucht, mich zu überreden, meine Liebe für den FC Liverpool aufzugeben, um ein Fan von Manchester United oder Chelsea zu werden, könnte ich das nie tun. Nie. Es ist total unvorstellbar- unmöglich. Aber diese Männer und Frauen sind gebeten worden, die Art und Weise, wie sie über Gott denken und ihr Leben in Gottes Welt verstehen, radikal zu verändern. Wenn diese kurze Erzählung wie ein dramatisches Schauspiel ist, dann werden sie aufgefordert, in ihrer Rolle aktiv zu werden, und nicht nur darauf zu warten, bis die anderen die Verantwortung übernehmen. Sie müssen auch ihren Platz einnehmen und in dem sich entfaltenden Drama Gottes mit seinem Volk eine echte Rolle spielen.

Die klarste Beschreibung davon befindet sich im Lukasevangelium Kapitel 24. Zwei Freunde von Jesu sind auf dem Rückweg von Jerusalem; ihre Gedanken sind in Aufruhr. Sie versuchen, alles zu verstehen, was in den letzten Tagen passiert ist – aber wahrscheinlich auch was in den letzten drei Jahren mit ihnen passiert ist. Es klappt einfach nicht. Der Messias soll nicht sterben. Also war Jesus von Nazareth nur noch der neueste enttäuschende Möchte-gern-Messias, der die Hoffnungen des Volkes weckte … und dann diese Hoffnungen verriet? Diese Menschen, die Freunde von Jesu, haben gerade beobachtet, wie ihre Hoffnungen im Schmutz und Staub des Bodens von Golgotha bluteten. Sind sie wirklich verraten worden? Betrogen? Aber, wenn ja, wie sollten sie dann all die Wunder, die geheilten Menschen, die verärgerten religiösen Führer, die seltsamen umgedrehten Lehren (und so weiter) verstehen?

Der auferstandene Jesus kommt zu ihnen auf die Straße, und läuft neben ihnen her. Er geht nicht vor ihnen her; er geht auch nicht hinter ihnen her. Er geht neben ihnen her, und läuft in ihrem Tempo – in den Worten des asiatischen Theologen Kosuke Koyama, ein Gott, der drei Meilen pro Stunde geht (three mile an hour God). Dann stellt ihnen Jesus eine Frage: “Wovon redet Ihr?” Sie antworten ihm: “Über alles, was in den letzten Tagen in der Stadt passiert ist.” Jesus fragt: “Was denn?” Also fangen sie an, ihm zu erzählen, was passiert ist. Sie schütten ihre Verwirrung aus, und erzählen eine Geschichte, die keinen Sinn macht – eine Geschichte, die an der falschen Stelle endet, so als wäre, zum Beispiel, Rotkäppchen am Schluss von ihrer Oma gefressen worden.

24:19-24

Nun, wenn ich Jesus gewesen wäre, hätte ich mich nicht mit den Fragen aufgehalten, auf die ich schon die Antworten wusste. Aber Jesus fängt an, dort wo sie wirklich sind; er geht in ihrem Tempo; er lässt sie ihre verworrene Geschichte artikulieren, bevor er anfängt, die Geschichte anders zu erzählen. Er bietet ihnen eine alternative Erzählung erst dann, als diese Freunde bereit sind, sie zu hören. Später, als sie in ihrem Haus in Emmaus das Brot brechen, werden ihre Augen geöffnet: “Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?” (Lukas 24:32)

Aber jetzt versuchen die Freunde, alles zu verstehen. Was bedeutet diese Geschichte für das Judentum? Und für die Welt? Oder für Jesus selbst? Und für sie und ihre Zukunft? Was war das alles? Ich denke, diese Geschichte erzählt uns etwas Wichtiges über Jesus, etwas über die Welt, und etwas über die Kirche.

Diese normalen Menschen haben mit Jesus von Nazareth gelebt, und sie haben beobachtet, wie er stirbt. Sie haben gewagt zu glauben, dass er der wahre Messias sein könnte. Aber jetzt fühlen sie sich nicht mehr so sicher. Jesus verlässt sie – und dabei zeigt er ganz klar und deutlich, dass Himmel und Erde nicht zwei verschiedene Orte sind, sondern zwei Dimensionen derselben Realität. Die Wolke – die in der Bibel immer mit der Gegenwart Gottes verbunden ist – verbirgt Jesus; aber die Wolke bringt ihn nicht zu einem Ort, der außerhalb der Welt – oder von der Welt entfernt – ist. Ja, er befindet sich jetzt beim Vater, aber der Vater ist nicht weit von der Welt entfernt. Wie in der Offenbarung Kapitel 21 kommt der Himmel auf die Erde, so ist Gott in Jesus zu uns gekommen, und so wird Jesus eines Tages den Himmel und die Erde wieder zusammenbringen.

Bei der Himmelfahrt geht es nicht um den Abschied oder die Abwesenheit Jesu, sondern vielmehr geht es um die Anwesenheit von Jesus dort, wo wir sind, und nicht nur dort, wo sich sein Körper befindet. Bei der Himmelfahrt Jesu kommen Himmel und Erde auf eine neue Art und Weise zusammen – mehr verkörpert, nicht weniger.

Die Himmelfahrt sagt, wer Jesus ist. Er ist der Herr des Himmels und der Erde, identifiziert und unmittelbar verbunden mit Gott, dem Schöpfer, dem Liebhaber, dem Erlöser, dem Vergeber, dem Retter der Welt. Und die Welt steht nun vor einer Herausforderung. Während die Seelen der römischen Kaiser sichtbar in den Himmel aufstiegen (damit sie nach ihrem Tod als Götter betrachtet werden konnten), steigt jetzt Jesus mit Körper, Geist und Seele auf – diese drei identifizierbar und klar in einer Einheit miteinander verbunden.

Dieses Ereignis bietet uns eine neue Art, die Welt und die Menschlichkeit zu begreifen. Jesus ist in der Welt, aber er steht auch vor der Welt; hier spricht er immer noch in die Widersprüche und Verwirrungen der Welt, und bietet den Menschen einen neuen Weg, Gott, die Welt und andere Menschen zu sehen, und in der Welt zu leben. Viel mehr könnte hier gesagt werden, aber es genügt an dieser Stelle, dass die Mächte der Welt – und Annahmen über die Macht – grundsätzlich von dem auferstandenen Christus herausgefordert werden – von dem Christus, der über den Tod in ein neues Leben hinausgeht, um die Welt zu einer neuen Hoffnung und die Kirche zu einem neuen Glauben aufzufordern.

Und wie sollte die Kirche die Himmelfahrt verstehen? Und wir? Schauen wir uns die Geschichte noch einmal an.

Als sie sich auf dem Berg versammeln, hören die Freunde Jesu, dass sie nicht mehr Beobachter sind, sondern Akteure, die an der verwandelnden und anspruchsvollen Arbeit Gottes in der Welt teilnehmen. Jesus hat gelebt, ist gestorben, ist auferstanden und hält nun den Himmel und die Erde zusammen. Es ist jetzt die Verantwortung, die Pflicht und die Freude seiner Freunde, auf die Bühne zu kommen. Vorher waren sie ein bisschen wie das Publikum im Theater; jetzt aber sollen sie die Akteure auf der Bühne werden, die die Geschichte erzählen, die das Drama kreativ leben, die die richtige Sprache und den Blickwinkel finden, mit denen man diesem Publikum – diesen Zuschauern – die Möglichkeit anbieten kann, selbst in das Drama hineingeholt zu werden und selbst Akteure zu werden.

Natürlich können wir nicht einfach neue Charaktere erschaffen, oder die Geschichte mit einem bequemeren Ende erzählen. Wie alle guten Künstler müssen wir uns Zeit nehmen, um die Geschichte zu erlernen, ihre Linie und ihre erzählerischen Lücken zu erforschen, die Sprache auszuprobieren und die richtigen Worte und Sprachbilder zu betonen. Aber wir müssen auch mit den Charakteren und der Erzählung übereinstimmen, die wir geerbt haben. Wir müssen im Bild bleiben – “im Charakter” sein.

Das ist dann die Berufung der Kirche: Zeugen zu sein unserer Begegnung mit dem auferstandenen Jesus, der die Art und Weise verändert hat, wie wir die Welt betrachten, wie wir die Welt sehen, wie wir über die Welt denken und wie wir in der Welt leben. Wie die römischen Herolde, die die Nachricht vom Beitritt eines neuen Kaisers in die Weiten des Reiches getragen haben, ist die Aufgabe der Kirche, der Welt zu sagen, dass Cäsar nicht Herr des Himmels und der Erde ist, sondern dass Jesus Christus der Herr ist. Nicht der IWF, die EU, die Brexiteers oder Donald Trump. Jesus ist Herr, und soll angebetet, geliebt, nachgefolgt und gehorcht werden. Wir sind die Menschen, deren Verstand verwandelt, deren Herz befeuert, deren Wollen gestärkt worden ist und deren Fantasie eine Farbexplosion erlebt hat. Wir sind die Jesus-geformten Menschen, die nicht mehr von Angst getrieben, sondern von der Hoffnung gezogen werden. Wir können nicht umhin, der Welt zu sagen, was wir in Jesus gesehen und erlebt haben – in dem Jesus, der lebte, der gestorben ist, der auferstanden und aufgefahren ist, und der mit dem Vater und in der Kraft des Heiligen Geistes herrscht.

Als meine Diözese vor drei Jahren neu gegründet wurde, musste ich eine Vision artikulieren. Ich formulierte eine einfache Aussage, die erklärt, was immer die Berufung der Kirche war: Wir wollen eine Kirche werden, die zuversichtliche Pfarrer ausrüstet, deren Auftrag es ist, zuversichtliche Christen wachsen zu lassen, deren Auftrag es ist, die gute Nachricht von Jesus Christus in unserem Teil des Nordens von England zu erzählen und auszuleben. Wir haben dann diese Aussage auf drei Begriffe konzentriert: Überzeugte Christen, wachsende Kirchen, verwandelnde Gemeinschaften. Später haben wir unsere Werte als: Loving, Living, Learning artikuliert. Wir lieben Gott, die Welt und unsere Nachbarn wie uns selbst; wir leben in der realen Welt und sind der heutigen Welt verpflichtet, Körper, Geist und Seele – eine Inkarnationskirche. Manchmal richten wir ein Durcheinander ein mit unserer Berufung, also müssen wir Demut und die Freiheit haben, zu lernen.

Das ist nur eine Möglichkeit, zu tun, was die Himmelfahrt uns bietet.

„Du siehst mich.“ Und jetzt siehe ich, dass Gott mich liebt.

In den Worten von Paulus im Römerbrief Kapitel 12: “Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf das ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.”

Amen

This is the text of a sermon for Advent Sunday 2016 which also concluded a Bachwoche at the St Johanniskirche in the German city of Würzburg. The service, with orchestra, choir and soloists, was a Kantatengottesdienst, and the reading was from Matthew 3.

Danke sehr für die Einladung, heute die Predigt zu halten. Ganz am Anfang muss ich etwas klar machen: Ich spreche ab und zu deutsch, aber ich habe immer Probleme mit der, die und das. Total verständlich, aber es tut mir wirklich leid. Und wenn mein deutsch so schlimm ist, dann können Sie eine Stunde schlafen.

Heute feiern wir nicht nur Johann Sebastian Bach und, in diesem Reformationsjahr Martin Luther; heute fängt auch das neue Kirchenjahr an: Advent. Wir freuen uns auf das Kommen des Gottessohnes in die Welt. Aber, wenn wir diese Adventszeit am besten benutzen werden, müssen wir uns einige schwere Fragen stellen.

In Matthäus Kapitel 3 kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste von Judäa und sprach: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Trotz seiner Erklärung wurde wahrscheinlich diese Einladung des Täufers als Blödsinn gehört, weil es keine Beweise gab, dass dies einfach möglich war. Wie kann Gott da sein, wenn wir immer noch unter dem Druck des römischen Militärs leben?

Und die schwere Fragen, die wir uns stellen sollten? Was erwarten wir vom Herbeikommen des Himmelreichs? Sind wir bereit, unsere Erwartungen von Gott herausfordern zu lassen? Bald kommen wir zu dieser Frage zurück, aber darauf müssen wir ein Bisschen warten…

Maria, die Mutter von Jesus, wartete neun Monate, bis das Baby geboren wurde. Neun Monate. Oft frage ich mich, was sie in diesen Monaten tat. Woran dachte sie in der Nacht, als das wachsende Baby in ihr bewegte? Hatte sie ständig Angst vor der Zukunft in einer unsicheren und instabilen Welt? Hatte sie Angst davor, dass das Baby schließlich nicht geboren würde? Woran dachte sie jeden Tag? Und worauf wartete sie?

Ich habe drei Kinder. Sie sind erwachsen und zwei von ihnen sind verheiratet. Der ältere Sohn und seine Frau wohnen in meiner Heimatstadt Liverpool und sie haben zwei Kinder, Ben und Anna. Ben ist sechs Jahre alt, Anna ist drei (und denkt, dass sie Rapunzel ist). Meine Tochter und sein Mann wohnen in Nottingham und sie haben einen kleinen Junge, der siebzehn Monate alt ist, und er heißt Joe. (Der jüngere Sohn hat keine Kinder … hoffentlich.) Wenn ich die lieben Enkel anschaue, kann ich nicht anders tun, als mich zu fragen, was sie aus ihren Leben machen werden. Was wird ihnen in den kommenden Jahren passieren? Welchen Charakter werden sie entwickeln? Wie werden sie mit Misserfolg als auch Erfolg fertig werden?

Die sind dieselben Fragen, die ich mir stellten, als meine eigenen Kinder klein waren. Wir wissen, dass wir sie nicht beschützen oder kontrollieren können, wie sie zum Erwachsenenalter aufwachsen. Also, meine Frau und ich warten, um zu sehen, was aus unseren Enkeln wird. Wir warten. Immer warten.

Wir Menschen warten nicht gern. Das Warten gefällt uns nicht. Heutzutage haben wir uns daran gewöhnt, alles jetzt zu haben, was wir wollen. Wir nennen das die 'sofortige Befriedigung' (instant gratification). Wir wollen haben, was wir haben wollen, sobald wir es haben wollen. Einmal vor einigen Jahren ist eine Kreditkarte in England mit dem folgendem Werbespruch beworben: “Take the waiting out of wanting.” (Nehmen Sie das Warten vom Wollen.) Wenn ich etwas nicht leisten kann, kann ich Kredit bekommen, und es jetzt – sofort – haben. Ich muß nicht warten. So ist das Leben heute.

Deshalb kommt Weihnachten jedes Jahr früher – wenigstens in England. Die Adventszeit wird vergessen. Wir haben vergessen, wie man warten sollte.

Denn die Wartezeit ist nicht eine leere Zeit. Sie ist keine Zeit der Inaktivität. Sie ist keine Zeitverschwendung. Aber, wenn wir irgendetwas aus der Bibel lernen sollten, dann ist es sicher, dass wir lernen müssen, zu warten.

Israel wartete 430 Jahre, bis das Volk von der ägyptischen Unterdrückung befreit wurde. Danach musste das Volk noch vierzig Jahre in der Wüste verbringen, als eine Generation von Romantikern, Beschwerdeführern und anderen Menschen ausstarben, die von Nostalgie getrieben wurden. Und, trotz allen Warnungen, wollte das Volk einen sofortigen Erfolg haben, in dem Land, das ihnen nur einigen Monaten vorher eben nicht gehörte. Sie vergaßen ihre eigene Geschichte – dass sie einmal Sklaven waren – und bald fangen sie an, andere Menschen als ihre Sklaven zu behandeln. Einige Jahrzehnten nachher ist das Volk zweimal ins Exil geschickt worden- im achten und im sechsten Jahrhundert vor Christus. Vierhundert Jahre lang danach war Gott offensichtlich stumm. Die Macht des römischen Reichs verspottete Gott und die Verheißungen, die er seinem Volk gemacht hatte. Aber dann kam der fremde Mann namens Johannes der Täufer, der Massen zum Fluss zog, um ihnen dort zur Buße zu rufen. Johannes öffnete die Augen des Volkes, damit sie Jesus von Nazareth anschauen durften.

Das Warten dauerte sehr lang.

Dann wartete Jesus bis er dreißig Jahre alt war, bevor er seine öffentliche Dienst anfing. Drei Jahre später war er tot.

Heute werden wir eine Gelegenheit geschenkt, aufzuhören, langsamer zu gehen, und auf Gott zu warten. Advent. Wir warten auf das Kommen des Königs Jesus … wie der deutsche Theologe Wolfhart Pannenberg es einmal ausdrückte, “auf die Invasion der Zukunft in die Gegenwart”. Heute fangen wir an, zu warten … und die Zeit zu nehmen, die Geschichte Gottes mit seinem Volk neu zu erzählen, damit wir in vier Wochen bereit sind, das Christkind willkommen zu heißen. Tatsächlich haben wir eine Gelegenheit, uns noch einmal die Frage zu stellen: Worauf warten wir eigentlich? Was erwarte ich vom Christus? Was für einen Christus erwarte ich? Was für einen Heiland? Was für einen König? Und bin ich bereit, meine Erwartungen herausfordern zu lassen?

Das Volk Israels wartete Jahrhunderte lang auf die Rückkehr Gottes unter ihnen. Aber es gab ein grundsätzliches Problem: der heilige Gott darf/kann nicht durch Kontakt mit den unheiligen Heiden verunreinigt werden. Die Heiligkeit Gottes ist Hauptsache. Und die Frage schreit in ihren Herzen: Wie kann Gott unter uns sein, wenn die Römer immer noch da sind? Während die Römer hier bleiben, wie können wir erwarten, daß Gott uns liebt oder daß wir nicht mehr in Exil leben? Während die Römer hier bleiben, muss Gott notwendigerweise fehlen. Also, wie sollten wir in diesem fremden Land die Heimatsprache lebendig halten, oder die sogenannte Heimatslieder singen, wenn unsere Augen bestätigen, dass Gott nicht da ist? Wann werden die Römer endlich aus dem Land ausscheiden?

Die Antwort zu diesen schweren Fragen finden wir im Markusevangelium Kapitel eins. Hier lesen wir zwei Versen (14-15), die das klar machen, worauf das Volk wartete, als Jesus in Nazareth aufwuchs.

Nachdem aber Johannes gefangen gesetzt war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!

Die Leute suchen nach die Hinweise, dass die Römer bald weggehen. Dann werden sie sicher wissen, dass das Land ihnen wieder gehört, dass Gott schon wieder unter ihnen kommen darf. Dann werden sie wissen, dass sie eine Zukunft haben als Gottes Volk. Also sagt Markus:

“Jesus kam nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes.” Das Evangelium? Die gute Nachricht? Die Römer gehen.

Dann fasst Markus die Botschaft Jesu in vier kurzen Sätzen zusammen: “Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße. Glaubt an das Evangelium.”

Die Zeit ist erfüllt. Jetzt. Heute. Nicht Morgen, aber jetzt. Das Volk wartete Jahre lang – zu lang – aber jetzt ist die Zeit gekommen. Aber die Menschen schauen um sich her und fragen: wie kann das wirklich so sein, denn die Römer sind immer noch hier? Etwas stimmt nicht.

“Das Reich Gottes ist herbeigekommen.” Gott der Herr ist hier, gerade wo in unserer Erfahrung herrschen die Verwirrung, das Leiden, die Entfremdung, die Ängste und die Wut. Aber wie kann das so sein? Die Römer bleiben und es gibt kein Zeichen, dass sie bereit sind, das Land zu verlassen. Wie kann der heilige Gott hier sein, wenn die unheiligen Heiden das Land mit ihren falschen Göttern und ihrer militärischen Macht herrschen?

Tut Buße! Das heißt, metanoiein: verändere dein Denken. Schau durch eine neue Linse hinaus. Möglicherweise wirst du auch jetzt die Anwesenheit Gottes anders anschauen können, um über Gottes Aktivität in der Welt anders nachzudenken. Dann wirst du im Lichte dieser metanoia anders in der Welt leben. Mit anderen Worten: traust du dich – wagst du es zu glauben, dass Gott hier sein könnte, auch wenn die Römer im Land noch bleiben? Wagst du es zu glauben, dass Gott hier bei dir sei, auch wenn dein Leben ständig hart ist, und du dich nie frei fühlst? Wagst du es zu glauben, dass Gott da sei, auch wenn deine Augen eine andere Geschichte erzählen? Wagst du es, Gott, die Welt und dich selbst anders anzusehen und deine Umständen anders zu verstehen?

Eine kleine Geschichte dazu:

Ein Engländer, ein Ire und ein Schotte sind von einem riesengroßen Riese gefangen worden. Der enorme Riese sagte dem Engländer: “Sag mir eine Sache, die ich machen soll. Wenn ich es schaffe, dann fresse ich dich; wenn nicht, lasse ich dich frei.” Der Engländer überlegte einen Moment, dann antwortete er mit dem leisen britischen Humor: “Werft einen Stein auf den Mond, und, wenn der Stein zurückkommt, musst du ihn fangen.” Der Riese lachte (ho ho ho), warf einen Stein auf den Mond, und fing ihn, als er zurückkam. Er fraß den (ziemlich überraschten) Engländer. Der Ire sah das und überlegte weiter. “Lauf um die Welt zehn Mal in zehn Minuten herum”, sagte er mit dem Selbstvertrauen der Kelten. Der Riese lachte (ho ho ho), und spazierte in neun Minuten zehn Mal um die Welt herum … und fraß den verwirrten Iren. Dann kam der Schotte dran. Er lachte, kratzte seinen Kilt (Schottenrock), spuckte auf den Boden und sagte: “Schwimm darin!”

(Normalerweise kommt in solchen Witzen der Ire als dritter. Aber diesmal feiern wir gemeinsam die Entscheidung bei der Volksabstimmung der Schotten, britisch zu bleiben! Wenigstens bis Brexit…)

Diese Geschichte illustriert metanoia! Eine neue Art, Gott, die Welt und dich selbst zu sehen und zu verstehen.

OWolf Biermann hat seiner neuen Autobiographie den Titel gegeben: 'Warte nicht auf bessre Zeiten!' Das Evangelium bestätigt, dass Gott schon hier ist, wo das Leben schwer und kompliziert ist, und wo unsere Probleme ungelöst bleiben, wo das menschliche Leiden oft unerträglich ist, und wo es oft scheint, dass Gott einfach nicht da ist.Also, “Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße. Glaubt an das Evangelium.” Das heißt nicht: Gib deine intellektuelle Zustimmung zu einer Reihe von Sätzen über Gott!, sondern: Widme dich Gott und dieser neuen Perspektive – mit Körper, Verstand und Geist. Und jetzt darfst du entsprechend in der komplizierten Welt leben. (Auch in der Welt von Donald Trump, Vladimir Putin und den Brexit-Briten.)

Das Volk wartete. Und Gott kam. Aber Gott kam nicht, wie sie erwarteten. Gott überraschte sie mit der Art seiner Anwesenheit. Er wartet nicht, bis alles klappt. Er wartet nicht, bis wir völlig konsequent leben. Er wartet nicht, bis die Welt und die Kirche so rein werden, dass er es garantieren könnte, ohne Verunreinigung unter uns zu kommen. Martin Luther hat das als 'sola gratia' verstanden.

Johann Sebastian Bach verstand nicht nur die Musik. Er verstand die Adventszeit – das Warten und das Erwarten. Er wusste, dass 'jetzt' ist nicht das Ende der Geschichte. Er wusste – wie eine englische Theologin (Paula Gooder) es ausdrückte: the meaning is in the waiting (die Bedeutung liegt im Warten).

In der heutigen Kantate schreibt Bach: “Es galt ein neues Leben”, und damit stellt er uns eine Frage: wie mag dieses neue Leben eigentlich aussehen? Leben wir als Christen, die in dieser Welt nicht von Angst getrieben werden, sondern die durch Hoffnung in Gottes Zukunft gezogen werden? Sehen wir aus, wie den Jesus, auf den wir gewartet haben, und den wir in den Evangelien sehen? Sehen wir aus, wie den Jesus, dessen auferstandenen Körper immer noch die Wunden seiner Kreuzigung darstellen? Wir haben schon früher miteinander gesungen: “Er ist geruht, ein Helfer wert, / Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, / Sein Königskron’ ist Heligkeit, / Sein Zepter ist Barmherzigkeit.” Ein König, der sich unköniglich benimmt.

In Advent warten wir auf einen Gott, der schon auf uns wartet.

Gott überrasche und segne uns mit seiner Anwesenheit, mit seinem Lächeln, und mit seinem Ruf zum metanoia, damit wir am Weinachten bereit sein werden, die Gabe seiner Liebe und Barmherzigkeit mit ganzem Herzen und mit klarer Sicht genau hier inmitten der wirklichen Welt zu feiern.

 

This is the text of my sermon from this morning's celebration of Reformation Day in Erfurt, Germany. The service, which included a wonderful Bach cantata with orchestra and choir, took place in the Augustinerkirche which is where Martin Luther became and served as a monk. Today kicks off the Reformation Year – 500 years since Martin Luther allegedly nailed his 95 Theses to the door of the Schloßkirche in Wittenberg and set off events in Europe that have deeply shaped it ever since.

Ich rede von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. (Römerbrief 3:21ff)

The Cranach Altar in Weimar

Vor kurzem ging ich in eine Buchhandlung hinein. Ich wollte eine neue Biografie von Martin Luther kaufen. Ich fand den Verkäufer und sagte: “Wo finde ich die neue Biographie von Martin Luther von Professorin Lyndall Roper?” Er sagte mir: “OK… Martin Luther King…” “Nein,” sagte ich, “Martin Luther”. “Oh?” sagte der Verkäufer, “wer ist er? Nie habe ich von ihm gehört.” Ich war ein Bisschen überrascht und erklärte langsam: “Martin Luther war vor fünfhundert Jahren ein Mönch in Deutschland. Er machte die protestantische Reformation in Europa auf, und er änderte die Welt für immer.” “Oh?” sagte der junge Mann. “Wie interessant! Wahrscheinlich finden Sie das Buch unter dem Titel 'Religion'.” Endlich habe ich das Buch am zweiten Stock unter dem Titel 'Deutsche Geschichte' gefunden.

Wie ist es möglich, dass heute ein gut ausgebildete Hochschulabsolvent keine Ahnung hat, wer Martin Luther war? Aber dort liegt die große Herausforderung. In England interessiert man nicht sehr für die Reformation vor fünfhundert Jahren in Wittenberg. (Vielleicht erklärt diese kurze Geschichte, warum so viele Briten aus der Europäischen Gemeinschaft hinaustreten wollten – sie haben keine Ahnung, wovon sie kommen oder woher sie stammen.)

Das ist eine ernste Angelegenheit – eine wichtige Herausforderung. Wenn wir unsere eigene Geschichte vergessen, dann verlieren wir unsere Identität. Wenn wir vergessen, woher wir gekommen sind, dann können wir nicht wissen, wer wir sind. Und wir können nicht unsere gemeinsame Zukunft formen, wenn wir unsere gemeinsame Vergangenheit nicht anerkennen.

Martin Luther hat die gleiche Bibel gelesen, die wir lesen heute. Als er die Alte Testament studierte, sicherlich muss er die Warnungen notiert haben, die den Israeliten gegeben wurden, bevor sie ins versprochene Land zum ersten Mal betraten. Die Geschichte geht so. Die Israeliten waren über vierhundert Jahre als Sklaven in Ägypten, und ihr Leben wurde ein unerträgliches Leiden. Sie konnten sich nicht aus eigener Hand befreien. Mit Hilfe von Moses, Fröschen und Plagen wurden sie endlich von Gott befreit. Aber sie tauschten nicht sofort die Unterdrückung für die Freiheit, sondern mussten vierzig Jahre in der Wüste verbringen, so dass eine ganze Generation von Beschwerdeführer, Romantiker und anderen Menschen aussterben würde, die von Nostalgie getrieben werden. Während dieser harten Jahre mussten die Israeliten versuchen, eine wichtige Wahrheit zu lernen, und zwar: ihr seid von der Unterdrückung befreit worden – das ist klar; aber wofür seid ihr befreit worden? Menschen vergessen sehr schnell.

Deshalb ist das Volk von Moses angeleitet worden, einen jährlichen Ritualkalendar zu errichten. Regelmäßig durch das Jahr mussten die Israeliten Rituale durchführen, die praktisch zur Erinnerung die Geschichte des Volkes brachten. Sie mussten nicht nur spirituell darüber nachdenken, sondern mit Körper und Stimme diese Geschichte feiern und erzählen.

Zum Beispiel in Deuteronomium 26:

Wenn du in das Land kommst, das dir der HERR, dein Gott, zum Erbe geben wird, und es einnimmst und darin wohnst, so sollst du nehmen die Erstlinge aller Feldfrüchte, die du von deinem Lande einbringst, das der HERR, dein Gott, dir gibt, und sollst sie in einen Korb legen und hingehen an die Stätte, die der HERR, dein Gott, erwählen wird, dass sein Name daselbst wohne, und sollst zu dem Priester kommen, der zu der Zeit sein wird, und zu ihm sagen: Ich bekenne heute dem HERRN, deinem Gott, dass ich gekommen bin in das Land, das der HERR, wie er unsern Vätern geschworen hat, uns geben wollte. Und der Priester soll den Korb aus deiner Hand nehmen und ihn vor dem Altar des HERRN, deines Gottes, niedersetzen. Dann sollst du anheben und sagen vor dem HERRN, deinem Gott: Mein Vater war ein Aramäer, dem Umkommen nahe, und zog hinab nach Ägypten und war dort ein Fremdling mit wenig Leuten und wurde dort ein großes, starkes und zahlreiches Volk.” Usw.

Mit anderen Worten: “Vergiss nicht, das du einmal Sklaven warst – dass du nichts hattest, und dich selbst nicht von den Ägypten befreien konntest. Denn, wenn du deine eigene Geschichte vergisst, wirst du schnell andere Menschen als deine Sklaven behandeln. Um diese Entwicklung zu vermeiden, musst du einige Rituale etablieren, die das Volk daran erinnern werden, woher sie kommen. Diese regelmäßige Erzählungen der Volksgeschichte wird dazu helfen, dass die Perspektive richtig gehalten wird und ihre Prioritäten hinterfragt werden.”

Aber was hat diese Geschichte der alttestamentarischen Ritualen mit der lutherischen Reformation zu tun? Oder mit der einen Welt, die das Jahresthema der EKD im Jahre 2016 heißt? Manche von uns werden das für offensichtlich halten: das heißt, die Kirche von heute muss von ihrer Geschichte lernen – nicht nur um ehrlich von den schlechten Erinnerungen zu lernen, sondern auch um auf den guten aufzubauen. Zum Beispiel, wir wissen, dass Martin Luther von der Gnade Gottes überrascht war; dass er vom Angst befreit wurde; dass er die Liebe Gottes erfuhr. Aber er war in seinem Verhalten mit anderen Menschen nicht immer gnädig.

Aber er veränderte die Welt. Er öffnete die Bibel für künftige Generationen von Menschen, die auch die Geschichte von Gott und Menschen immer neu lernen möchten. Er war kein plastischer Heiliger, sondern ein echter Mensch wie du und ich.

Wir wissen ja, dass die heutige Welt nicht die Welt von Martin Luther ist. Aber trotz den dramatischen Unterschieden zwischen 1517 und 2016 bleibt die Berufung – das heißt, die Mission – der Kirche einfach und klar: sie ist dazu berufen, der Welt zu zeigen, wer Gott ist und wie Gott sich behandelt. Gott befreit den Menschen von der Sklaverei – deshalb müssen die Befreiten auch anderen von ihren Sklavereien befreien. Wenn wir die Liebe Gottes genießen, dann müssen wir auch unsere Nachbarn lieben. Das ist die klare und einfache Logik des Evangeliums. Die Kirche von Jesu Christi sollte so aussehen, als den Jesus, den wir in den Evangelien sehen. Die Kirche sollte die gute Nachricht der Gnade Gottes mit der Stimme von Jesus selbst aussprechen. Und das ist die einzige Prüfung unserer Treue als Kirche. Wir sind immer noch dazu berufen, der Welt zu zeigen, wie es aussieht, als Individuen und Gemeinden von der Gnade Gottes befreit zu werden – frei zu dienen, frei zu lieben, frei zu vergeben, frei wie der Prophet Micah, der schrieb: “Recht tun, Liebe (besser Barmherzigkeit) üben und demütig wandeln mit deinem Gott.” Das beschreibt die prophetische Rolle der Kirche Jesu Christi.

Nun, ich weiß, dass die Erfahrung der Kirche von England sich von der Erfahrung der Kirchen in Deutschland unterscheidet.

Die Kirche von England ist eine sonderbare Kirche: eine reformierte katholische Kirche – wahrscheinlich die einzige solche Kirche in der Welt. Das englische Christentum war weniger von der lutherischen Reformation geprägt als von Jean Calvin und einem König, der sich in zu viele Frauen verliebte. Ehrlich muss ich sagen, das Heinrich die Reformation meistens als hilfreich in seinen Streiten mit dem Papst betrachtete. Es ging um die Macht, die königliche und politische Unabhängigkeit. Es ging nicht primär um die Religion, um theologische Fragen oder um die Gnade Gottes. Und nach dem Tod von Heinrich ging die größte Herausforderung um die Einheit von England als Nation, als Land. In einer getrennten oder geteilten Welt, wie können die Menschen – das heißt, die Katholiken und Protestanten – in einer Kirche zusammengehalten werden? Die Antwort war: common prayer (gemeinsames Gebet) und Gesetze, die eine einzelne Kirche für England schufen. Aber heute weißt auch der Papst nicht genau, ob die Kirche von England katholisch oder protestantisch ist: sie ist beide. Also, alles klar!

Die Kirche von England ist territorial organisiert. Das heißt, ein Gemeindepfarrer ist nicht nur der Kapitän seines Kirchenschiffs, sondern auch der Pfarrer aller Menschen, die in seiner Gemeinde wohnen oder arbeiten. Das bringt nicht nur gesetzliche Verantwortung und eine generelle Verfügbarkeit für alle, die dort leben, mit sich, sondern auch eine unvermeidliche Verpflichtung für das Wohlbefinden der ganzen Gemeinde, und verleiht darüber hinaus dem gesamten geistlichen Amt eine missionarische Perspektive – was bedeutet, auf diejenigen in der Gemeinde zuzugehen, die Gottes ‚frohe Botschaft‘ bislang weder gehört noch erfahren haben.

Das heißt, dass die Kirche sich zu jeder Zeit erinnern muss, warum die Kirche da ist und wozu die Kirche eigentlich existiert. Die Kirche von England ist eine Kirche für England.

Aber wie erfüllen wir die Aufgabe, die gute Nachricht von Gottes Gnade unserer Generation zu bringen?

Heutzutage müssen wir einfallsreich, selbstbewusst und fantasievoll sein, wenn wir den Ort und die Bedeutung des christlichen Glaubens für das persönliche und das öffentliche Leben beschreiben und dafür streiten wollen. Wir müssen Wege finden, das Evangelium von Jesus Christus so zu beschreiben – und als Zeugen dieses Evangeliums zu leben – die Menschen zum Glauben und zur Kirche ziehen.

In meiner Diözese haben wir drei Stichworte identifiziert, die uns eine Linse bieten, durch die wir unsere Aufgabe verstehen können: LOVING. LIVING. LEARNING. Lieben. Leben. Lernen. Vorher hatten wir: CONFIDENT CHRISTIANS. GROWING CHURCHES. TRANSFORMING COMMUNITIES. Zuversichtliche Christen. Wachsende Kirchen. Verwandelnden Gemeinden. Diese waren Stichworte für diejenige, die schon Kirchenmitglieder sind. Lieben, Leben, Lernen spricht zu denjenigen, die außerhalb der Kirche stehen. Wir lieben Gott und unsere Nachbarn und die Welt, die Gott liebt. Wir lieben das Leben und streben nach der Wohlergehen der ganzen Gesellschaft. Wir wollen, dass jeder Mensch aufblüht (oder gedeiht). Aber wir müssen uns immer demütig verhalten und aus unseren Fehlern lernen.

Die Kirche von England lernt, den Menschen dort zu begegnen, wo sie tatsächlich sind (und nicht, wo wir wünschten, dass sie sein sollten) und sie lernt in Sprachen zu sprechen, die gehört und verstanden werden können. In den letzten fünfzehn Jahren haben wir tausende Projekte entwickelt, die wir „fresh expressions of church“ nennen: neue, frische Gesichter oder Ausdrucksweisen der Kirche. Dazu zählen innovative Gemeindeformen in Clubs, Kneipen, in Privathäusern oder sogar in Firmen. Nach und nach ermutigt das die Anglikaner, immer neu darüber nachzudenken, wie man Menschen in ihren jeweiligen Lebenszusammenhängen erreichen kann.

Diese veränderte Welt hat der Kirche von England aufgezwungen, sich umzugestalten – und diese Herausforderung ist von vielen Pfarrern und Laien nicht leicht angenommen worden. Sich zu ändern ist nie einfach.

Aber, die Welt hat sich verändert. Und meiner Meinung nach ist es sinnlos und eine verpasste Chance, nur darüber zu klagen. Wenn die Kirche ihren Auftrag erfüllen will, muss sie die Sprache der heutigen Welt erstens verstehen und zweitens sprechen können. Wir müssen uns daran erinnern, dass die biblische Geschichte uns zeigt, dass Gott sein Volk dazu beruft, so zu leben, dass die Menschen, die mit der christlichen Gemeinde in Kontakt kommen, etwas von dem Christus erfahren, von dem wir in den Evangelien lesen.

Ich möchte dies anhand einer persönlichen Erfahrung illustrieren. Von Mai 1992 bis April 2000 war ich Pfarrer in Rothley. Die Kirche existiert dort seit 860 nach Christus. Mein Auftrag war es, die Menschen zu erreichen, die nicht in die Kirche kamen. Ganz am Anfang meiner Zeit als Pfarrer habe ich eine Entscheidung getroffen, die die Wahrnehmung der Kirche ziemlich veränderte….

In diesem Dorf (mit ungefähr 6000 Einwohnern) gibt es fünf Pubs. Wunderbar! Was für eine schwere Belastung war meine Arbeit! Jedes Lokal hat seinen eigenen Charakter und seine ganz eigene, um nicht zu sagen: eigenartige Klientel. An einem Montag ging ich in das ‚old village‘ Pub – the Old Crown -, wo zwei Männer Billard spielten. Sonst niemand. Ganz leer. Ich sprach mit dem Wirt und fragte ihn: ‚ Es ist fast leer heute Abend. Ist es immer so?‘ ‚Es ist Montag,‘ sagte der irritierte Mann. ‚Ist es immer so am Montag?‘ fragte ich. Der Wirt schaute mir in die Augen und sagte: ‚Es ist Montag. Das heißt nach dem Wochenende!‘ Ich dachte einen Moment nach und fragte ihn: ‚Darf ich den Pub am Montag in drei Wochen haben – und ich verspreche, dass viele Menschen kommen werden?‘ ‚Du möchtest das private Zimmer hinter der Bar haben, oder?‘ ‚Nein,‘ sagte ich, ‚ich will den ganzen Pub haben.‘ Endlich stimmte er zu.

Zu dieser Zeit hatte ich nur eine Computergraphik: eine Bierpumpe. Ich machte einige Plakate und verteilten sie überall im Dorf: ‚Pump the Vicar in the Old Crown‘ (den Pfarrer in der Alten Krone anzapfen) – ‚pump‘ auf Englisch kann auch bedeuten: ‚jemandem viele Fragen stellen‘. Also: ‚Pump the Vicar in the Old Crown – um 20 Uhr, Montag den blah blah blah… Keine Tabus!’

An diesem Montag kamen fast 70 Menschen. Um 20 Uhr stand ich auf (mit meinem Pint) und sprach nur fünf Minuten lang von Jesus. Ich sagte, dass es sich wirklich lohnt, als Erwachsener einen zweiten Blick auf Gott und Jesus Christus zu werfen. Ich sprach nur kurz, aber provozierend. Danach fingen wir an zu diskutieren. Was meinen Sie, um wie viel Uhr bin ich wohl nach Hause gekommen? Gegen 1 Uhr am Morgen. Danach haben wir regelmäßig ‚Pump the Vicar‘ organisiert.

Einmal war ich in einem BBC Studio in London und die Radiomoderatorin stellte mir plötzlich eine Frage: Wofür ist die Kirche eigentlich? Was ist der Sinn der Kirche? In solchen Umständen hat man keine Zeit, um eine gute Predigt aus der Tasche herauszuziehen. Ich sagte: “Die Aufgabe der Kirche ist es, den Raum zu schaffen, in dem die Menschen finden können, dass sie schon von Gott gefunden worden sind.”

Ich denke, dass auch der Mönch von Erfurt, Martin Luther, diesen Begriff entdeckte, als er begann, die Gnade Gottes zu erleben und verstehen. Der gnädige Gott lässt sich nicht gekauft oder manipuliert werden. Alles ist Gnade. Und wenn wir denken, dass wir ihn gefunden haben, finden wir, dass er schon auf uns gewartet hat – wie bei dem sogenannten verlorenen Sohn, der entdeckte, dass Gottes Barmherzigkeit größer ist als menschliches Versagen. “Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.” (Römerbrief 5:8) Das ist Gnade.

In dieser angstvoller Welt können wir – wie auch Martin Luther zu seiner Zeit – zuversichtlich und hoffnungsvoll auf Gott vertrauen. Wir werden an unsere Geschichte erinnern und davon lernen. Semper reformanda. Die Gnade Gottes bleibt bestehen.

“Sie werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.”

Im Namen des Vaters, des Sohnes, und des heiligen Geistes. Amen.

 

Predigt, Berliner Dom, den 28en September 2014

Liebe Gemeinde,

Wir sind am Donnerstagmorgen in Berlin angekommen und wir fahren heute Nachmittag nach England zurück. Die Meißen Kommission, deren Co-Vorsitzender ich bin, hat sich in den letzten vier Tagen mit dem Thema „Kirche und Politik” beschäftigt. Wir fingen mit einem Treffen im Deutschen Bundestag an, und nahmen an einer Diskussion über die Ethik des militärischen Einsatzes von Drohnen teil. Und Dr. Margot Käßmann hat uns über die Pläne und Vorbereitungen des Reformationsjubiläums 2017 informiert.

Wie immer war die deutsche Gastfreundlichkeit großzügig und wunderbar. Und niemand hat über Schottland gelacht.

Im dem Jahr, wo wir uns an das Zusammenbrechen der Welt vor hundert Jahren in einem katastrophalen Weltkrieg erinnern, sollten wir es nicht gering schätzen, dass wir uns jetzt hier in Frieden als Freunde – als christliche Brüder und Schwestern treffen.

Wenn wir als Briten an solchen Diskussionen über Vorbereitungen des Reformationsjubiläums 2017 oder an einer Debatte über militärische Themen teilnehmen, müssen wir versuchen, die britischen Brillen vor unseren Augen wegzunehmen (das heißt, die Linsen, durch welche wir hinausschauen, um die Welt zu beobachten), und die Welt durch deutsche Augen zu sehen. Die deutsche Geschichte und kulturellen Entwicklungen sind anders als die englischen, und bestimmte Weltereignisse sehen durch deutsche Augen anders aus. Zum Beispiel: die Immigration und die Erfahrung mit Islam sind in Großbritannien mit dem Kolonialismus verbunden, aber in Deutschland mit wirtschaftlichen Entwicklungen. Dieser Unterschied ist wichtig, und formt die Sprache der Debatten. Wir müssen die Dinge durch eine andere Brille betrachten.

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt beobachtet in seinem Buch „Außer Dienst”, dass niemand sich als Kandidat für die Wahl zum Bundestag vorstellen sollte, wenn er nicht mindestens zwei Fremdsprachen spricht. Warum? Weil wir unsere eigene Kultur nur verstehen können, wenn wir durch die Augen einer anderen Kultur darauf schauen – und das können wir nur machen, wenn wir die Sprachen verstehen. Helmut Schmidt glaubt, dass wir bereit sein müssen, uns selbst in der politischen oder kulturellen Welt anzuschauen und unsere Sichtweisen, unsere Werte und Prioritäten und Voraussetzungen von außen prüfen zu lassen. Das heißt Perspektive und Wechsel der Perspektive – und es ist weder natürlich noch einfach zu tun.

Also lassen Sie mich eine kurze Geschichte erzählen, die illustriert, wie wir das machen könnten.

Ein Engländer, ein Ire und ein Schotte sind von einem riesengroßen Riese gefangen worden. Der enorme Riese sagte dem Engländer: “Sag mir eine Sache, die ich machen soll. Wenn ich es schaffe, dann fresse ich dich; wenn nicht, lasse ich dich frei.” Der Engländer überlegte einen Moment, dann antwortete er mit dem leisen britischen Humor: “Werft einen Stein auf den Mond, und, wenn der Stein zurückkommt, musst du ihn fangen.” Der Riese lachte (ho ho ho), warf einen Stein auf den Mond, und fing ihn, als er zurückkam. Er fraß den (ziemlich überraschten) Engländer. Der Ire sah das und überlegte weiter. “Lauf um die Welt zehn Mal in zehn Minuten herum”, sagte er mit dem Selbstvertrauen der Kelten. Der Riese lachte (ho ho ho), und spazierte in neun Minuten zehn Mal um die Welt herum … und fraß den verwirrten Iren. Dann kam der Schotte dran. Er lachte, kratzte seinen Kilt (Schottenrock), spuckte auf den Boden und sagte: “Schwimm darin!”

(Normalerweise kommt in solchen Witzen der Ire als dritter. Aber diesmal feiern wir gemeinsam die Entscheidung bei der Volksabstimmung der Schotten, britisch zu bleiben! Wenigstens bis zum nächsten Mal…)

Diese Herausforderung – alles anders und neu sehen zu lernen – gehört zum Wesen der Sache, was es bedeutet, Christ zu sein. Es ist so wichtig und so offensichtlich, dass wir dies oft vergessen. Jesus lädt seine Freunde und Gegner ein, eine neue Sicht auf Gott, auf die Welt, und sogar auf sich selbst zu nehmen … wie durch veränderten Augen hinauszuschauen. In meinem kleinen Buch Am Rande bemerkt fasste ich diese Idee so:

“Alle Menschen hätten eine Linse hinter den Augen … die nur selten oder gar nie herausgenommen und der kritischen Analyse ausgesetzt wird. Das ist die Linse, durch die ich Gott, die Welt und mich selbst sehe. Ich hinterfrage das, was ich sehe, nur selten, und gehe meistens davon aus, dass es so ist, wie ich es sehe. … Doch diese Linse ist für die Sichtweise, wie ich das Leben und den Tod und das Glück und den Schmerz betrachte, so wichtig, dass ich sie nicht unerforscht und unberührt ignorieren kann. … Anders ausgedrückt: Alle Menschen sollten von Zeit zu Zeit die Linse hinter ihren Augen herausnehmen, sie sorgfältig untersuchen und schärfen lassen, um sich selbst, die Welt um sie herum und den Gott, der sie umsorgt, klarer zu sehen. Ein anderer Blickwinkel könnte unser Leben verändern, unsere Sicht verändern und unsere Vorurteile hinterfragen.”

Also, gemäß der Tradition der alttestamentlichen Propheten vor ihm, stellt Jesus die Frage, ob wir die Realität sehen, oder ob es möglich ist, dass es eine andere Realität gibt, die man nur dann spüren kann, wenn man durch die Augen Jesu sieht. Zum Beispiel:

  • Wir sind alle von Mode besessen, nicht wahr? Wir kaufen ständig und immer ein, weil wir glauben, dass mehr Dinge und immer mehr Stoff uns glücklicher und unser Leben besser machen werden. Aber Jesus sagt: “Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.”
  • Die Blumen zeigen ihre Herrlichkeit nur kurz, aber sie kümmern sich nicht um die Zeit danach. Und das bedeutet nicht, dass wir Menschen nur für heute die Erde ausbeuten sollten, sondern, dass wir die Erde respektieren müssen und von der natürlichen Welt lernen sollten. Deshalb hilft uns Jesus: es ist weder notwendig noch unvermeidlich, dass wir uns ständig von den Werbetreibenden und Marketing-Experten verführen lassen müssen, um mit ihren Lügen einverstanden zu sein, dass mehr Stoff und Textilien uns glücklicher macht.
  • Erinnern Sie sich an die Schlange im Garten? “Hat Gott wirklich gesagt, dass du nicht die Früchte dieses Baumes essen darfst? Wirklich? Bist du ganz sicher?” Wir Menschen fangen sehr früh an, Lügen zu glauben. Hier nehmen wir an, dass nicht Gott allein die Fantasie anregt, sondern auch der Satan, der auch eine andere Sichtweise anbietet.
  • Die Propheten beobachteten in ihren Gesellschaften eine echte religiöse Erweckung – eine Erneuerung der Anbetung und des Engagements. Aber sie sahen tiefer in die Dinge hinein, und ließen sich nicht von dem äußeren Schein verführen. Sie sprachen die Wahrheit aus, die manche anderen nicht anerkennen wollten: wenn Sie im Gottesdienst Lieder über die Gerechtigkeit und Gnade Gottes singen, aber Ungerechtigkeit und Korruption in Ihrer Gesellschaft institutionalisieren, lacht Gott nicht. Die Lieder sind bedeutungslos und unverschämt. Die Propheten sahen über die unmittelbare Realität hinaus, und versuchten durch Poesie und anregende Sprechweise, die blinden Menschen zu fördern, die Realität hinter dieser Realität zu sehen. Sie verwendeten reiche Sprüche und Sprechweisen, die wie ein Ohrwurm im Bewusstsein und der Fantasie der Zuhörer herumkratzen würden, bis ihre Sicherheiten und verführende Phantasmen in Frage gestellt wurden.
  • Und der Prediger von Nazareth geht mit dieser Tradition weiter. In einer Welt, die von dem brutalen herrschenden römischen Reich dominiert wurde, stellte Jesus in Frage, ob Gewalt wirklich die einzige Widerstandsmethode sei. Wirklich?
  • Was würde geschehen, wenn du deinen Feind lieben würdest – statt ihn umzubringen? Vielleicht wird so eine Liebe nicht immer möglich sein; aber, denkt daran! Muss das Leben sein, wie es ist oder ist eine andere Realität möglich? Können wir uns vorstellen, wie so eine Welt aussehen könnte?
  • Oder: Wenn du alles verlierst, alles was dir gehört, wie viel bist du wert? Wenn alles von dir weggenommen wird, wer bist du danach?
  • Die Welt liebt die Macht und hat Angst vor Gewalt. Es gibt heute diejenigen, die davon überzeugt sind, dass wenn man den Kopf von den Schultern eines Menschen abhackt, die Stimme dieses Menschen für immer verstummt. Aber, lassen wir uns vorstellen, dass diese grausame Tat in Wirklichkeit die Stimme des Toten verstärkt? Die grausame Tat wird ihrer scheinbaren Macht beraubt. Deswegen kann Paulus in seinem Brief an die leidenden Christen in Rom behaupten: “Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.”
  • Was passiert, wenn man einen schwachen Mann auf ein Kreuz nagelt, und glaubt dabei, dass die Welt jetzt von einem gefährlichen Narren frei sei – aber nachher herausfindet, dass dieser Mann seine Armen einer Welt öffnet, und nicht heimzahlt, was diese Welt ihm antut? In seinem Tod ist er mächtiger als die politischen und militärischen Mächte, die glaubten, dass sie ihn überleben würden.

“Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes,” schreibt Paulus an die Christen in Rom. Metanoia – repentance – Sinneswandel. Am Anfang seines öffentlichen Auftrags sagt Jesus: Tut Buße! Das heißt: Schau anders, benutze eine andere Brille, um anders zu sehen, um anders zu denken, um anders zu leben.

Das müssen wir verstehen, wenn wir die Lesungen heute verstehen wollen. “Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.” (1Petrus 5,7) In Europa klingt das schön und bequem. Aber in Mosul oder Aleppo? Im Nordirak oder in Syrien?

Und hier liegt die Herausforderung: können wir uns eine andere Welt eigentlich vorstellen? Es kann gefährlich sein. In einem Interview in Dem Spiegel hat Dr. Margot Käßmann gesagt: “Ich fände es gut, wenn die Bundesrepublik auf eine Armee verzichten könnte wie etwa Costa Rica. Natürlich weiß ich, dass das eine Utopie ist, allein wegen der Einbindung Deutschlands in die Nato.” Diese Aussage ist falsch wiedergegeben worden. Darf man nicht träumen – oder sich eine andere Welt vorstellen?

Wenn wir zurück in das Alte Testament gucken, sehen wir wichtige Geschichten und Warnungen. Zum Beispiel in Deuteronomium 26, wo die Israeliten nach vierhundert Jahren der Unterdrückung und vierzig Jahren der Wanderung in der Wüste gerade am Rande (an der Schwelle) des versprochenen Landes stehen. “Vergiss nicht, das du einmal Sklaven waren – dass du nichts hattest, und dich selbst nicht von den Ägypten befreien konntest. Denn, wenn du deine eigene Geschichte vergisst, wirst du schnell andere Menschen als deine Sklaven behandeln. Um diese Entwicklung zu vermeiden, musst du einige Rituale etablieren, die das Volk daran erinnern werden, woher sie kommen. Diese regelmäßige Erzählungen der Volksgeschichte wird dazu helfen, dass die Perspektive richtig gehalten wird und ihre Prioritäten hinterfragt werden.

Und die Israeliten sind nicht die einzigen Menschen, die unter Amnesie leiden. Auch wir vergessen, wer wir sind und woher wir stammen:

  • Wenn wir denken, dass die Erde uns gehört und für unseren exklusiven Gebrauch und unsere Ausbeutung existiert – ohne Gedanken für zukünftige Generationen… ohne Rücksicht auf die Folgen, wenn die Erde ausgenutzt wird…
  • Wenn wir andere Menschen als Rohstoffe ansehen, die für unsere Unterhaltung oder unseren Konsumverbrauch zur Verfügung stehen…
  • Wenn wir die Religion als Währung für den Kauf von politischer Macht nutzen, während wir gleichzeitig die Menschlichkeit zu Staub reduzieren…
  • Wenn wir Bedürfnisse mit Wünschen verwechseln (wie die Beatles sagen wollten: “All you love is need”, alles was du liebst, sind Wünsche…)…
  • Wenn wir glauben, dass die Macht darin liegt, Menschen zu verunglimpfen statt sie zu befreien…
  • Wenn wir vergessen, dass das „Überleben des Stärkeren” nur eine Beschreibung von Natur ist, und nicht eine Grundlegung von menschlichen ethischen Idealen sein darf…
  • Wenn wir den Anbau der Erde mit der Herrschaft über die Erde verwechseln (siehe Erstes Buch Mose, Kapitel 2).

Und wenn Jesus seine Zuhörer – einschließlich seiner Freunde – dazu einlädt, die Welt anders anzusehen, dann meint er das nicht romantisch. Jesus weiß, dass die Welt kompliziert ist – dass seine Freunde täglich mit Kompromissen und Angst unter den Besatzungsmächten leben – dass Menschen gekreuzigt werden, wenn sie es wagen, den Kaiser nicht als die höchste Autorität anzuerkennen. Jesus hat keine Illusionen über Macht und Leiden; er wandert nicht um die Hügel von Galiläa, bekleidet in einem weißen Nachthemd, mit einer Gitarre, und singt nicht ‘Kumbaya’ – er träumt nicht von Flower-Power. Er weiß genau, dass seine Freunde in der realen Welt leben müssen, aber er lädt sie dazu ein, zu einer anderen Melodie zu tanzen. Das heißt nicht Wirklichkeitsflucht, sondern eine alternative Lebensart.

In seinem ersten Brief an eine Gemeinde von leidenden Christen schreibt Petrus: “Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit!” Wenn Gott Christus wirklich von dem Tode erweckt hat, dann können wir glauben, dass trotz unserer Angst Gott das letzte Wort hat – und nicht der Tod oder die Gewalt oder die Zerstörung.

Im Römerbrief, Kapitel 8 schreibt Paulus: “Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.”

Die Mächtigen und die Gewalt können uns und keinen Menschen trennen von der Liebe Gottes. Keine Gewalt vermag es die wahre Realität zu verbergen.

Wir stellen uns die wichtigste Frage des Lebens: welche Vision treibt unseren Wille und formt unseren Lebensstil?

Einmal rollte Michelangelo einen riesigen Felsbrocken einen Abhang hinunter und wandte seine ganze Kraft an, um den Stein zu manövrieren. Irgendjemand blieb stehen und fragte ihn, was er da tun würde, schließlich sei es doch bloß ein riesiger Stein. Michelangelo erwiderte, dass er es eilig hätte, denn in dem Stein würde sich ein Engel befinden, der darauf wartete, sich zu zeigen. Michelangelo konnte die verborgene wahre Realität des Engels hinter der Realität des Steines erkennen.

Ich komme mit einer Frage zum Schluss. Haben wir gemeinsam die Vorstellungskraft – vielleicht die Neugier – durch die Augen Gottes hinauszuschauen, um danach zu leben? Haben wir den Mut, in dieser Welt nach den Regeln einer anderen Welt zu leben? Sind wir bereit, zu riskieren, die Komplexität in der Hand der Einfachheit zu halten? Wollen wir mit Jesus und seinen Freunden auf einem unsicherem Weg gehen, um auf der Reise zu entdecken, dass wir einfach nicht dazu verurteilt sind, nach der Pfeife von Macht und Gewalt zu tanzen? Können wir inmitten der konkurrierenden Geräusche der ängstlichen Welt die leise und schwache Melodie des Himmels erkennen?

Na gut. Das waren fünf Fragen. Und für heute sind sie genug.

Es ist wie in der Geschichte von der Auferweckung des Lazarus. Jesus geht in die Dunkelheit des Grabes des Lazarus. Jesus schenkt ihm neues Leben!

Wo wagt die Kirche es, an dunkle Orte zu gehen und den Menschen neue Hoffnung zu geben?

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen

This is the basic text of a sermon preached on Sunday evening 6 April 2014 in the Berliner Dom – one of a series for Lent under the general theme of 'Reformation and Politics'. I was given the theme last December, but only got the biblical text last week. So, having tried to revise it a bit, it ended up a bit of a mess. And there are no jokes…

Wem gehört die Stadt?

Weh denen, die ein Haus an das andere ziehen und einen Acker zum andern bringen, bis daß kein Raum mehr da sei, daß sie allein das Land besitzen! Es ist in meinen Ohren das Wort des HERRN Zebaoth: Was gilt's, wo nicht die vielen Häuser sollen wüst werden und die großen und feinen öde stehen? Denn zehn Acker Weinberg soll nur einen Eimer geben und ein Malter Samen soll nur einen Scheffel geben. (Jesaja 5.8-10)

Als ich die Predigt im Schlussgottesdienst am Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg hielt, stellte ich eine Frage: Wie viel ist “genug”?

Propheten wie Jesaja und Micha dachten über diese Dinge nach. Jesajas Gesellschaft rang mit den schwierigen Fragen, wie man leben und lieben sollte mit Menschen, die einfach nicht so waren, wie man sie gern hätte. Jesaja schrieb im Kontext einer wirtschaftlichen Revolution. Religion wurde als ein Mittel angesehen, die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen zu erfüllen – was man heute auch Selbstverwirklichung nennen könnte. Das wiederum hatte zu einer Krise der ethischen und sozialen Werte geführt, wobei, wie in solchen Fällen üblich, die Ärmsten am meisten leiden mussten. Die Religion war gezähmt, sie hatte ihre Schärfe verloren – die Schärfe, die daraus resultiert, dass man eine andere Welt für möglich hält.

Was Jesaja zu sagen hat, war also nicht nur für Israel von Bedeutung, sondern es spricht heute zu uns. Denn was er anspricht, sind nicht nur ganz spezielle soziale oder wirtschaftliche Verhältnisse, sondern das Herz und der Verstand des Menschen – und beides scheint sich, ungeachtet all unseres technologischen Fortschrittes, nicht so besonders zu verändern von einer Generation zur nächsten. Es sieht so aus, als wollten wir heute immer noch glücklich und erfüllt und zufrieden sein. Allerdings erkennen wir dabei (immer noch) nicht, dass es solches Glück, solche Erfüllung und Zufriedenheit nicht für Einzelne – oder einzelne Gemeinschaften – geben kann, ohne Rücksicht auf das Glück, die Erfüllung und Zufriedenheit dessen, den die Bibel meinen „Nächsten“ nennt.

Aber Jesaja geht es weniger um die Errichtung eines politischen Programmes als vielmehr um eine Vision. Die Menschen seiner Zeit hatten ihren Weg verlassen, sie hatten sich verlaufen und ihre Geschichte vergessen – ihre Geschichte als Kinder Gottes, der das Universum geschaffen hat und alles, was darin ist, einschließlich der Armen, der Ausländer und derjenigen, die „anders“ sind. Jesaja rief sie auf, nicht nur eine Vision „da draußen“ zu ergreifen, sondern sich ergreifen zu lassen von einer Vision, die sie verändert und die Weise, wie sie Gott, die Welt und sich selbst sehen. Und dieser Vision nach muss man immer nur mit 'genug' zufrieden sein. Der Prophet Micha hat es so ausgedruckt: “Alle Menschen aus Israel und den Völkern werden unter ihrem eigenen Weinstock und unter ihrem Feigenbaum sitzen – niemand wird mehr Terror verbreiten. Denn das Wort ADONAJS, mächtig über Himmelsheere, wirkt. Es wird keinen Terror und keine Angst geben, weil ihr mit eurem eigenen Baum zufrieden sein werdet und den Baum deines Nächsten nicht erobern müsst, weil ihr ihn nicht braucht. Schließlich kann man immer nur unter einem Baum gleichzeitig sitzen, oder?

Aber mein Thema heißt: Wem gehört die Stadt? Und dieses Thema habe ich ziemlich liberal interpretiert.

In Januar dieses Jahres bin ich eingeladen worden, ein Wochende bei Königin Elisabeth in Sandringham zu verbringen. Es stimmt aber nicht, dass ich diese Einladung erhielt, weil ich Fan von Liverpool FC bin. Ihre Majestät wußte natürlich diese wichtige Tatsache, aber das war nicht der Grund dafür, dass ich eingeladen war. Ich war deswegen eingeladen, weil sie im Januar jedes Jahres drei oder vier Houseparties in Sandringham veranstaltet, und ein Bischof (ohne seine Frau, weil es 'Arbeit' heißt) verbringt das Wochenende mit ihnen und hält am Sonntag morgen die Predigt in der Kirche. Ich war bloß an der Reihe.

Der Predigttext an diesem Sonntagmorgen war Jesaja Kapitel 42. Ich sprach von der Erfahrung der Israeliten, als sie sich im Exil fragten, wo Gott ist – wenn er überhaupt tatsächlich da ist. Diese Erfahrung von Entfremdung stammt daher, dass sie unter Zwang von ihrer Heimat weggenommen wurden und jetzt im Exil leben. Sie fragen sich jeden Tag was sie in der Zukunft machen sollen – besonders wenn sie eines Tages wieder nach Hause ziehen dürfen. Aber jeden Tag fühlen sie sich, als ob sie in einem fremden Land leben, wo die Sprache fremd ist, und in dem alles, was sie um sich sehen, laut und klar sagt: du gehörst hier nicht hin, dein Gott hat dich verlassen oder gar vergessen. Und diese Israeliten fühlen sich nicht zu Hause – sie sind entfremdet.

Diese Erfahrung der Entfremdung bleibt nicht nur in der biblischen Geschichte und nicht nur als marxistisches Schlagwort. In den letzten drei Jahren wohnte ich und meine Frau in Bradford, im Norden von England. In Mai oder Juni werden wir noch einmal umziehen, wenn ich zum Bischof von Leeds geweiht werde. Wo wir jetzt wohnen – in den Vororten von Bradford – ist die große Mehrheit der Bevölkerung Muslimisch. Während meiner Predigt in Sandringham habe ich auf die Zahl der Muslime hingewiesen, und die Königin hat mir nachher gesagt, dass sie ganz schockiert war. 70% der Bevölkerung im Stadtteil Heaton sind Muslime aus Pakistan – es kommen noch einige Einwanderer aus Osteuropa dazu. In der Nachbargemeinde liegt die Zahl der Muslime bei 83% – das heißt, 21,000 Menschen.

In dieser Stadt fühlen sich viele alt–Bradfordians wie entfremdet, auch in ihrer eigenen Stadt, auch in ihrer Heimat. Die Welt hat sich stark geändert und manche wissen nicht mehr, wo die Heimat zu finden ist. Sie erleben eine gewisse Unsicherheit, weil sich alles so geändert hat, und sie wissen nicht mehr, wo sie jetzt gehören. Und ich muß klar sein: Die meisten von diesen Muslimen sind Briten. Britisch sein ist irgendwie kompliziert zu definieren.

Wem gehört die Stadt? Das ist die schwere Frage, die wir uns heute Abend stellen. Und wir meinen dabei nicht nur Bradford oder Berlin, sondern auch den sogenannten öffentlichen Raum in der westlichen Gesellschaft. Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts glaubten viele Soziologen und ideologisch getriebene Politiker und Akademiker, daß die Religion als Phänomen bald aussterben würde. Sie hatten den Eindruck, daß es für den religiösen Aberglauben nach dem Siegeszug des Rationalismus und des atheistischen Säkularismus keinen Platz mehr geben würde. Und dann kamen vier Flugzeuge aus dem blauen Himmel heraus, und stürzten in einige stolze Gebäuden in Amerika. Am elften September 2001 sahen wir klar, daß die Religion immer noch in der ganzen Welt von Bedeutung ist.

Um diese Frage – wem gehört die Stadt? – zu beantworten, möchte ich in vier biblische Texte hineinschauen.

Die erste Stadt finden wir ganz am Anfang des Alten Testaments in Genesis Kapitel 4. Kain hat seinen Bruder Abel umgebracht – er war nicht “seines Bruders Hüter” – und Gott hat ihn deswegen aus dem Garten von Eden hinausgeworfen. Er wanderte in der Wüste, bis er endlich eine Stadt baute. Er nannte diese Stadt Enoch, aber wir wissen nicht warum. Aber was bedeutet es, daß er eine Stadt baute? Der französische Jurist und Theologe Jacques Ellul stellte sich diese Frage in einem Buch, das im Jahre 1962 veröffentlicht wurde, mit dem Titel Die Bedeutung der Stadt. Er behauptet, dass die Stadt Enoch nicht wie Liverpool oder Bradford oder Berlin war, sondern eine kleine Siedlung innerhalb einer Mauer, die als Sicherheitsmaßnahme errichtet wurde. Wenn einer sich plötzlich in der Wüste vorfindet, dann weiß er nicht mehr wer er eigentlich ist, wozu er gehört, und was seinen Platz ist in dem großen Universum. So baut er eine Mauer um sich, und fängt dann an, die Siedlung innerhalb der Mauer zu errichten. In diesem kleineren Universum weiß er jetzt, wer er ist – im Vergleich mit anderen Menschen und Aktivitäten in dieser Gesellschaft. Er hat – so zu sagen – die Welt verkleinert, um herauszufinden, was sein Leben bedeutet.

Das heißt, dass die Stadt den heimatlosen und verlorenen Menschen einen Raum bietet, in dem sie eine gewisse Sicherheit und persönliche Bedeutung etablieren könnten. Aus dem Garten des Lebens, und heimatlos in der großen Welt des Unsinns, errichten wir eine Weltanschauung, die unser Leben sinnvoll macht. Das Problem liegt aber darin, dass die Mauer nie genug dick und stark ist, dass Tragödie und menschliche Zerbrechlichkeit nicht das neue Leben stören. Und was machen wir, wenn die Mauer zerbrochen wird – durch Krankheit, Versagen oder Tod eines geliebten Menschen – und wir sehen, dass es ausserhalb der Stadt eine große Welt gibt… dass unsere kleine, selbst-gemachte Welt wirklich beschränkt ist?

Die Stadt ist ein Ort der Illusion der Sicherheit.

Die zweite Stadt finden wir in Jeremias Kapitel 29. Die Israeliten leben im Exil in einem fremden Land. Wie sollten sie sich unter den Ungläubigen und den fremden Eroberern verhalten? Die Antwort auf diese Fragen ist überraschend und herausfordernd:

So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl. Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen!

Das heißt: wenn du jetzt hier in dieser Stadt wohnst, gehört diese Stadt dir. Und mit dieser Zugehörigkeit ist eine große Verantwortung verbunden: du bist für das Gute – nein, das Beste – der Stadt verantwortlich, und du musst das Beste suchen und dafür beten. Auf Englisch spricht man von “the Common Good”. Ja, wir haben unsere eigene Identität und gehören zu unserer besonderen Gemeinschaften in der Stadt. Ja, wir sprechen unsere Heimatssprache miteinander, aber wir dürfen nie sagen, “Wir gehören nur zu denen, die unsere Sprache sprechen und auf unsere Weise leben.”

Aber das Problem liegt darin, dass es in einer Stadt immer diejenigen gibt, die sich von dem Stadtsvolk trennen – die sich nicht zu Hause fühlen, die eine andere Sprache sprechen. Wie kommen wir mit dieser Situation zurecht?

Nun wird die Sache wirklich interessant. Vorher sprach ich von den Muslimen in Bradford und oft denkt man im englischen Kontext, wenn man von 'Außenseiter' spricht, dass wir auf die Muslime hinweisen. Aber das stimmt nicht notwendigerweise, und ich möchte kurz erklären warum nicht.

Als am Ende des Jahres 2012 der letzte Erzbischof von Canterbury Rowan Williams von seinem Amt zurück trat, veröffentlichte er ein Buch: Faith in the Public Square. Dieses Buch enthält 26 Vorträge, die er während seinem Amtszeit gehalten hatte. In den ersten zwei Teilen des Buchs konzentriert sich Dr Williams auf den Aufstieg des Säkularismus in einem britischen Kontext des zunehmenden religiösen Analphabetentums. Er stellt sich die Frage, ob der Säkularismus irrt. Hier geht es um –ehrlich gesagt, oft komplizierte – Gedanken über Säkularismus, Glaube und Freiheit; über Überzeugungen, Loyalitäten und den säkularen Staat; über Gesetz, Macht und Frieden. Kurz gesagt: die Säkularisten nehmen gedankenlos an, dass die Religion in eine Privatsphäre gehört; dass, der öffentliche Raum nur denjenigen gehört, die an den Mythos der Neutralität glauben. Eine solche Neutralität gibt es eigentlich nicht. Williams behauptet, dass der Säkularismus grundsätzlich eine Tendenz zu einer eindimensionalen Narrative hat, von der die religiöse Narrative natürlich ausgeschlossen ist.

“Der öffentliche Raum der zeitgenössischen Kultur ist in keiner sinnvollen Weise neutral oder frei: Die christliche Gemeinde muss erkennbar sein durch das Erzählen und Handeln einer Geschichte, die ganz anders ist,als die vom modernen Staat propagierte. Dies beinhaltet natürlich, die Tatsache öffentlich machen, dass der moderne Staat tatsächlich eine Geschichte erzählt; nämlich, dass er nicht einfach die Fleischwerdung einer zeitlosen Idee (Rationalität) ist.” (Williams 2012, p.43)

Vor einigen Wochen unterschrieben 27 anglikanische Bischöfe einen offenen Brief, in dem sie auf die Verbreitung der Foodbanks hinwiesen. Hier bringen Leute Essen, dass die Armen abholen können, weil die staatliche Sozialhilfe stark gekürzt wurde. Braucht es diese Foodbanks an immer mehr Orten im ganzen Land, damit Menschen überhaupt Essen erhalten. Dann veröffentlichte eine englische Zeitung einen Kommentar des Chefredakteurs. Darin sagte er, dass die Bischöfe sich aus der Politik heraushalten sollen. Es brauchte nicht lange, bis ich eine Antwort in meinem Blog darauf schrieb. Wer soll denn sonst noch alles ausgeschlossen werden, von politischen Diskurs? Die Politik hat mit der Polis, der Staat, zu tun – und dass heißt, mit Menschen und ihrem gemeinsamen Leben zu tun.

Der Punkt ist: Die moderne Stadt ist ein Ort, an dem Religion oft im besten Fall toleriert wird und im schlechtesten Fall vom öffentlichen Platz ausgeschlossen wird. Die Kirche muss sich ihren Platz in der Gesellschaft verdienen und sie muss im öffentlichen Raum selbstbewusst agieren; die Kirche kann nicht davon ausgehen, einfach einen Platz in der Nation oder eine Stimme im öffentlichen Raum zu besitzen. Die Stadt gehört jeder Person und jeder Gruppe oder Gemeinschaft, die in der Stadt lebt und von der Stadt einen Lebensraum bezieht und – unter anderen – die zukünftige Form der Stadt schafft.

Die dritte Stadt ist Jerusalem, als Jesus von Gethsemane auf die Stadt hinausschaut. Und er weint. Jesus hat keine Illusionen über die Realität des echten Lebens einer Stadt. Und diese Stadt – die Stadt von David – vertritt eine gescheiterte Vision des Willens Gottes für sein Volk und – gleichzeitig – die beschränkte Vorstellung der Stadt zu einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Kontext. Diese Stadt, diese Stadt des Segens, wird sich bald in eine Stadt des Folterns und der ignoranten Gewalt verwandeln. Und Jesus weint. Nur diejenigen, die die Stadt lieben – mit ihrer Kultur und Menschheit und Vielfältigkeit und Buntheit – können auch über die Realität der Stadt und ihre Menschen weinen.

Die vierte – und letzte – Stadt finden wir ganz am Ende des Neuen Testaments in der Offenbarung Kapitel 21. Und diese überrascht uns. Die neue Jerusalem, die himmlische Stadt, bleibt nicht im Himmel, sondern kommt zu uns. Das ist richtig: der Himmel kommt zur Erde herunter. Wir gehen nicht zum Himmel, sondern der Himmel kommt zu uns.

Das sollte aber eigentlich gar nicht eine Überraschung sein. Am Anfang der Bibel sehen wir, wie Gott nicht auf die Initiative Adams wartet – nach dem Essen der verbotenen Früchte im Garten – sondern selbst die Initiative übernimmt und die nackten – d.h. durchschaubaren – Menschen im Garten suchte. Gott gibt Kain ein Zeichen seines Schutzes – auch wenn Kain das nicht verdient noch darum gebeten hatte. Gott schickt die Propheten. In Jesus Christus kommt Gott zu uns – der ultimative Beweis einer Gnade, die total realistisch und illusionsfrei ist. Gott liebt die Menschen – auch die römische Besatzungstruppen, die jüdischen Behörden, die Armen, die Reichen, die Geschäftsleute und die arbeitslosen Bettler, die Steuereintreiber, die Kranken und die Kinder, die kein anderes Stadtmodell kennen.

Lasst uns nach dieser Geschichte und nach diesen Beispielen aus der Bibel anerkennen, dass die Stadt den Menschen gehört, die darin wohnen und arbeiten, spielen und lieben, gewinnen und verlieren; aber diese Zugehörigkeit beinhaltet eine große Verantwortung: dass alle Menschen sich für das Beste der ganzen Stadt hingeben, und nicht nur ihre eigenen einzelnen Interessen verteidigen. Sie müssen von einer Vision betrieben werden, die klar darüber ist, was 'genug' heißt. Die Geschichte der Bibel und die Erzählung des Evangeliums machen klar, dass Gott von uns ungebeten zu uns kommt. Er kommt, und wir müssen entscheiden, ob wir ihm folgen und aktiv werden, sein Königreich – seine Anwesenheit – in der Welt wahrzunehmnen und aufzubauen. Und das hat mit Land und Boden, Haus und Stoff, Recht und Unrecht zu tun.

Wem gehört die Stadt?

Jeremias 29: Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl.

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